Uni­ver­si­tät Bam­berg: „Kom­mu­na­le Exper­ti­se wird im Kri­sen­fall zu wenig berücksichtigt“

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Eine Stu­die der Uni­ver­si­tä­ten Bam­berg und Ústí nad Labem unter­sucht die Grenz­schlie­ßun­gen zwi­schen Bay­ern und Tsche­chi­en wäh­rend der Corona-Pandemie

„Impul­se für die baye­risch-tsche­chi­sche Freund­schaft in und nach der Pan­de­mie“: so lau­tet der Titel eines Antrags, der vor der Som­mer­pau­se in den Baye­ri­schen Land­tag ein­ge­bracht wur­de. Die Freund­schaft sei wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie näm­lich auf eine har­te Pro­be gestellt wor­den, heißt es im Antrag. Bereits zwei­mal wur­den die Gren­zen zwi­schen Deutsch­land und Tsche­chi­en seit März 2020 geschlos­sen. Doch wel­che Fol­gen hat das für die Grenzregion?

Patrick Reit­in­ger, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an der Pro­fes­sur für Histo­ri­sche Geo­gra­phie der Uni­ver­si­tät Bam­berg, und Pro­jekt­part­ner Dr. Lukáš Novot­ný, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät Ústí nad Labem in Tsche­chi­en, unter­su­chen die Aus­wir­kun­gen der Grenz­schlie­ßun­gen auf nord­baye­ri­scher und tsche­chi­scher Sei­te. Als Teil­stu­die führ­ten die Wis­sen­schaft­ler im März und April 2021 eine quan­ti­ta­ti­ve Online­be­fra­gung unter 179 Bür­ger­mei­ste­rin­nen und Bür­ger­mei­stern in der Regi­on durch. Die zen­tra­len Ergeb­nis­se der Kom­mu­nal­be­fra­gung lie­gen nun vor:

Die Bür­ger­mei­ste­rin­nen und Bür­ger­mei­ster auf bei­den Sei­ten stim­men der Grenz­schlie­ßung wei­test­ge­hend zu. Auf baye­ri­scher Sei­te ist die Zustim­mung etwas höher als in Tschechien.

83 der 179 befrag­ten Per­so­nen hat­ten vor der Coro­na-Pan­de­mie Koope­ra­tio­nen mit Kom­mu­nen im Nach­bar­land. Von ihnen sagen auf baye­ri­scher Sei­te über 80 Pro­zent, dass die Zusam­men­ar­beit seit der Pan­de­mie schwä­cher sei. Von den tsche­chi­schen Bür­ger­mei­ste­rin­nen und Bür­ger­mei­stern geben das sogar knapp 90 Pro­zent an.

Auf die Fra­ge, ob ihre Exper­ti­se als grenz­na­he Kom­mu­ne bei den poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen, die in Mün­chen, Prag oder Ber­lin getrof­fen wur­den, aus­rei­chend berück­sich­tigt wor­den sei, sind die Ant­wor­ten ernüch­ternd: Mehr als die Hälf­te der baye­ri­schen und tsche­chi­schen Bür­ger­mei­ste­rin­nen und Bür­ger­mei­ster geben an, dass ihre Per­spek­ti­ve bei den natio­na­len Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Pan­de­mie nur teil­wei­se oder gar nicht ange­mes­sen berück­sich­tigt wor­den sei.

„Man erkennt ein hoch­ent­wickel­tes Land an der Situa­ti­on in den länd­lich-peri­phe­ren Regionen.“

„Die eigent­li­che Exper­ti­se, die in den Kom­mu­nen der Grenz­re­gi­on da ist, weil hier bereits seit 30 Jah­ren auf einer loka­len Ebe­ne mit­ein­an­der koope­riert wird, wur­de im Kri­sen­fall nicht genutzt“, stellt Patrick Reit­in­ger fest. Die­se Erkennt­nis sei zunächst ein­mal nicht spek­ta­ku­lär. Das Phä­no­men tre­te im poli­ti­schen Meh­re­be­nen­sy­stem immer wie­der auf. „Das Über­ge­hen der loka­len Exper­ti­se in poli­tisch höhe­ren Ebe­nen wird aber in der Grenz­re­gi­on beson­ders bedeu­tend, weil wir hier den All­tag der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on sehen“, so Reit­in­ger. Offe­ne Gren­zen för­der­ten erwie­se­ner­ma­ßen grenz­über­schrei­ten­de Koope­ra­ti­on. „Wer­den Gren­zen neu errich­tet, so wird die­se Zusam­men­ar­beit auf die Pro­be gestellt.“ Sein Pro­jekt­part­ner Lukáš Novot­ný ergänzt: „Man erkennt ein hoch­ent­wickel­tes Land an der Situa­ti­on in den länd­lich-peri­phe­ren Regio­nen. Wenn Poli­tik effek­tiv han­delt, dann hat das einen Mehr­wert für die grenz­na­hen Räu­me. Und des­halb soll­ten wir uns auf bei­den Sei­ten viel mehr anstren­gen, damit sich eben die­se Gegen­den gut entwickeln.“

Neben der Situa­ti­on der Kom­mu­nal­po­li­ti­ke­rin­nen und ‑poli­ti­ker beleuch­ten die bei­den Wis­sen­schaft­ler wei­te­re Akteu­rin­nen und Akteu­re aus der Grenz­re­gi­on und nut­zen dabei unter­schied­li­che Metho­den. So wer­ten Patrick Reit­in­ger und Lukáš Novot­ný bei­spiels­wei­se nun in einem fina­len Schritt ihrer Unter­su­chung Daten zu den Pend­ler­be­we­gun­gen aus und füh­ren eine quan­ti­ta­ti­ve Unter­neh­mens­be­fra­gung durch.

Das For­schungs­pro­jekt „Manage­ment of Cross­bor­der Rura­li­ty | Bava­ria Bohe­mia 1990 2020“ wird mit rund 100.000 Euro von der Baye­risch-Tsche­chi­schen Hoch­schul­agen­tur aus Mit­teln des Baye­ri­schen Staats­mi­ni­ste­ri­ums der Finan­zen und für Hei­mat sowie des Mini­ste­ri­ums für Schul­we­sen, Jugend und Sport der Tsche­chi­schen Repu­blik geför­dert. Es ord­net die pan­de­mie­be­ding­ten Ent­wick­lun­gen in der Grenz­re­gi­on in einen grö­ße­ren histo­risch-geo­gra­phi­schen Zusam­men­hang ein.

Ein aus­führ­li­ches Inter­view mit Patrick Reit­in­ger und Lukáš Novot­ný fin­det sich unter: www​.uni​-bam​berg​.de/​n​e​w​s​/​a​r​t​i​k​e​l​/​c​o​v​i​d​1​9​-​b​a​y​e​r​n​-​t​s​c​h​e​c​h​ien

Eine Pres­se­mit­tei­lung vom 16. Febru­ar 2021 zu einer ande­ren Teil­stu­die ihres For­schungs­pro­jekts gibt es unter: www​.uni​-bam​berg​.de/​p​r​e​s​s​e​/​p​m​/​a​r​t​i​k​e​l​/​g​r​e​n​z​s​c​h​l​i​e​s​s​u​n​g​e​n​-​t​s​c​h​e​c​h​i​e​n​-​f​o​r​s​c​h​ung

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu dem gemein­sa­men baye­risch-tsche­chi­schen For­schungs­pro­jekt unter: www​.cross​bor​der​rura​li​ty​.eu

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