Bam­ber­ger GRÜ­NE: „Klär­schlamm in Deutsch­land – Ekla­tan­te Fehl­pla­nung auf Kosten des Klimas“

Die Kläranlage in Bamberg. Foto: Andreas Eichenseher
Die Kläranlage in Bamberg. Foto: Andreas Eichenseher

Grü­ne war­nen ange­sichts kli­ma­po­si­ti­ver Alter­na­ti­ven vor Pla­nun­gen von Ver­bren­nungs­an­la­gen für Klär­schlamm. Die Kom­mu­nal­po­li­ti­ker spre­chen von einem bun­des­wei­ten Kli­ma-Skan­dal bei der zukünf­ti­gen Klärschlammentsorgung.

Bei einer öffent­li­chen Ver­an­stal­tung mit fünf Expert:innen und zahl­rei­chen Gästen wur­de deut­lich, dass die aktu­el­len poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen fest­le­gen, dass in Zukunft jähr­lich mehr als eine Mil­li­on Ton­nen CO2 durch die Ver­bren­nung von Klär­schläm­men emit­tiert wer­den. Obwohl es funk­tio­nie­ren­de Ver­fah­ren wie bei­spiels­wei­se die Pyro­ly­se gäbe, wel­che sogar kli­ma­po­si­tiv wir­ken und teils deut­lich gün­sti­ger sind. „Wäh­rend wir an allen Ecken und Enden ver­su­chen müs­sen, weni­ger CO2 aus­zu­sto­ßen, blockier­te die alte Bun­des­re­gie­rung kli­ma­freund­li­che Klär­schlamm­ver­wer­tungs­maß­nah­men“, stel­len Tho­mas Ochs und Andre­as Eichen­se­her fest. Die bei­den Grü­nen-Poli­ti­ker befas­sen sich als Ver­bands­rä­te des Müll­heiz­kraft­werks Bam­berg mit der Klär­schlamm­ver­wer­tung und luden zur Dis­kus­si­ons­run­de am 16. Sep­tem­ber. Zwei Kern­for­de­run­gen wur­den an die­sem Abend im Dia­log mit den Betrei­bern von Pyro­ly­se-Anla­gen, einem Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Umwelt­schüt­zern ent­wickelt: „Es braucht mehr Zeit als aktu­ell vor­ge­ge­ben, und es braucht eine ehr­li­che Anpas­sung der Düngemittelverordnung.“

Dr. Stef­fen Hein­rich, Geschäfts­lei­ter des Zweck­ver­bands Frohn­bach im säch­si­schen Land­kreis Zwickau, zeig­te, wie es schon jetzt geht. In Eigen­re­gie ent­wickel­te er mit sei­nem Team eine Pyro­ly­se-Anla­ge, die nun seit fast zwei Jah­ren in Betrieb ist. Die Anla­ge kommt ohne Zufuhr von Pri­mär­ener­gie aus. Anstatt den Klär­schlamm aber kon­ven­tio­nell zu ver­bren­nen, wird der getrock­ne­te Schlamm kar­bo­ni­siert und dadurch zu „Biochar“, einem qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Dün­ge­mit­tel. „Der Groß­teil des im Klär­schlamm ent­hal­te­nen Koh­len­stoffs ent­flieht also nicht als CO2 in die Atmo­sphä­re, son­dern ver­bleibt für Jahr­hun­der­te in der Erde“, macht Dr. Hein­rich deut­lich. „Zudem wirkt die Pflan­zen­koh­le humus­bil­dend und beschleu­nigt bio­lo­gi­sche Pro­zes­se“, ergänzt er. „Zwar kön­nen wir durch den sehr hei­ßen und inten­si­ven Pyro­ly­se­pro­zess alle Kunst­stoff­par­ti­kel, syn­the­ti­schen Poly­me­re, Arz­nei­mit­tel­rück­stän­de und son­sti­ge gif­ti­gen orga­ni­sche Sub­stan­zen voll­stän­dig ent­fer­nen und den Schwer­me­tall­ge­halt auf ein äußerst nied­ri­ges und unge­fähr­li­ches Niveau brin­gen. Den­noch sieht die Dün­ge­mit­tel­ver­ord­nung eine Zulas­sung von umwelt­freund­li­chem „Biochar“ aus Pyro­ly­se­gra­nu­lat als Dün­ge­mit­tel nicht vor.“ Seit Jah­ren ver­sucht Dr. Hein­rich klar­zu­ma­chen, dass es kei­ne ver­nünf­ti­gen Grün­de gibt, die­ses Pro­dukt nicht zuzu­las­sen. Doch das Bun­des­mi­ni­ste­ri­um für Land­wirt­schaft und Ernäh­rung zeigt sich stur, erwirk­te sogar auf EU-Ebe­ne, dass es Pflan­zen­koh­le aus der Pyro­ly­se schwer hat.

Das Unter­neh­men Pyreg ver­sucht eben­falls sol­che Anla­gen zu ver­trei­ben, biss bei den deut­schen Behör­den aber bis­lang auf Gra­nit. Nun wur­de eine Anla­ge in Schwe­den in Betrieb genom­men. Wie sinn­voll die­se alter­na­ti­ven Ver­fah­ren aus Sicht des Kli­ma­schut­zes sind, ver­deut­licht Ver­triebs­lei­ter Mar­cel Rens­mann. „Mit unse­rer klei­nen Anla­ge kön­nen 1.500 Ton­nen getrock­ne­ter Klär­schlamm im Jahr ver­ar­bei­tet wer­den. Dabei wird so viel Koh­len­stoff lang­fri­stig gebun­den, wie durch 42 Hekt­ar Wald.“

„Tech­nisch wären also kli­ma­freund­li­che und wirt­schaft­li­che Ver­fah­ren vor­han­den“, stel­len Ochs und Eichen­se­her fest. „Doch die Gut­ach­ten, die Land auf und Land ab für Klär­an­la­gen­be­trei­ber und Kom­mu­nen erstellt wer­den, raten fast aus­nahms­los zur kon­ven­tio­nel­len, doch teu­re­ren Klär­schlamm­ver­bren­nung. Obwohl selbst bei der Ver­bren­nung noch nicht abschlie­ßend geklärt ist, wie der Phos­phor aus der Asche gewon­nen wer­den kann“, mah­nen die Kommunalpolitiker.

Wal­traud Galas­ke vom Bund Natur­schutz in Bay­ern stellt her­aus, dass vie­le zusätz­li­che neue Mono-Ver­bren­nungs­an­la­gen in Bay­ern geplant sind. „Ins­ge­samt sol­len dar­in ab spä­te­stens 2032 jähr­lich ca. 232.000 Ton­nen Klär­schlamm ver­brannt wer­den, mit ent­spre­chend hohen CO2- Emis­sio­nen. Auch im Koh­le­kraft­werk Zolling sind zusätz­li­che 30.000 Ton­nen Klär­schlamm­Mit­ver­bren­nung geplant, obwohl wir doch eigent­lich schon 2030 aus der Koh­le aus­stei­gen soll­ten!“, mahnt sie. „Beson­ders ekla­tant: die aktu­el­len Plä­ne der Staats­re­gie­rung wür­den, zusätz­lich zu den schon bestehen­den Anla­gen, eine enor­me Über­ka­pa­zi­tät an Ver­bren­nungs­mög­lich­kei­ten bedeu­ten.“ Ihr Kol­le­ge Peter Hir­mer schluss­fol­gert: „Wir brau­chen ein Mora­to­ri­um, was die künf­ti­ge Klär­schlamm­ver­bren­nung angeht. Erst muss über­re­gio­nal und objek­tiv ein ver­nünf­ti­ger und kli­ma­freund­li­cher Plan ste­hen, dann kann Druck auf die Klär­an­la­gen­be­trei­ber aus­ge­übt wer­den, die­sen zu erfül­len.“ Aktu­ell müs­sen Klär­an­la­gen schließ­lich bis spä­te­stens 2023 dar­le­gen, wie sie künf­tig mit Klär­schlamm umge­hen wollen.

Die Idee eines Mora­to­ri­ums unter­stützt auch Chri­sti­an Hiern­eis, Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter und umwelt­po­li­ti­scher Spre­cher der Grü­nen Frak­ti­on im Baye­ri­schen Land­tag. „Das The­ma Klär­schlamm­ver­wer­tung ist äußerst wich­tig, aber fin­det lei­der in der Öffent­lich­keit bis dato nicht statt. Daher gibt es auch im Land­tag kei­ne Exper­ti­se dazu, die Ver­bren­nungs­lob­by hat es da sehr ein­fach, ihre Wunsch­vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen“, erklärt er.

Mit einem Offe­nen Brand­brief wol­len Eichen­se­her und Ochs nun das The­ma in die Köp­fe von Poli­tik und Gesell­schaft brin­gen. Nicht nur in Bam­berg gibt es der­zeit akti­ve Bewe­gun­gen gegen Ver­bren­nungs­plä­ne. Auch aus bei­spiels­wei­se Würz­burg und Ingol­stadt nah­men Vertreter:innen an der Dis­kus­si­on teil. Der Offe­ne Brief kann ab Mit­te Okto­ber online unter­zeich­net werden.

Andre­as Eichen­se­her und Tho­mas Ochs

im Namen der Frak­tio­nen GRÜ­NES BAM­BERG und BÜND­NIS 90/DIE GRÜ­NEN Alter­na­ti­ve Liste Bamberg-Land.

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