Oster­pre­digt in der Bay­reu­ther Stadt­kir­che von Regio­nal­bi­schö­fin Dr. Greiner

r. Dorothea Greiner auf der Kanzel der Stadtkirche in Bayreuth. Foto: Heike Rost
r. Dorothea Greiner auf der Kanzel der Stadtkirche in Bayreuth. Foto: Heike Rost

(Rede­ma­nu­skript, es gilt das gespro­che­ne Wort)

Die Ret­tung am Schilfmeer!

War­um die­se Geschich­te am Oster­fest in allen luthe­ri­schen Kir­chen Deutsch­lands als Bibelwort?

Es ist die Ret­tungs­ge­schich­te schlecht­hin für die jüdi­schen Gemein­den – so wie die Auf­er­ste­hung Jesu die Ret­tungs­ge­schich­te schlecht­hin ist für die christ­li­chen Gemeinden.

Bei­de Geschich­ten sagen: Gott ret­tet aus dem Tod.

Bei­de Geschich­ten gehö­ren zum Kern­be­stand an Wun­dern, die unser Gott­ver­trau­en nähren.

So groß wie die unmit­tel­ba­re Todes­ge­fahr damals für das Volk Isra­el war, ist die Todes­ge­fahr durch die Pan­de­mie für uns defi­ni­tiv nicht. Trotz­dem sind da Parallelen.

Schau­en wir auf die Men­schen im Volk Isra­el in der dama­li­gen Situation:

Sie haben die Befrei­ung aus der Skla­ve­rei in Ägyp­ten hin­ter sich – auch ein gro­ßes Wun­der Got­tes – und sie haben die Ver­hei­ßung des gelob­ten Lan­des vor sich. Und doch haben sie größ­te Angst um ihr Leben. Und die­se Angst ist rea­li­stisch. Der Pha­rao mit sei­nen Streit­wa­gen ver­folgt sie und das Schilfmeer ver­sperrt ihnen den Weg. Sie sind in einer Falle.

Auch wir haben schon so viel Hil­fe Got­tes in unse­rem Leben erfah­ren und die mei­sten – auch ich – haben die Hoff­nung auf bal­di­ges Geimpf­twer­den vor uns. Trotz­dem haben wir Sor­ge um unser Leben und auch das unse­rer Lie­ben. Zumin­dest geste­he ich das ein. Über 75.000 Men­schen sind schon an der Pan­de­mie gestor­ben. Vie­le sind mit anhal­ten­den Schä­den erkrankt. Kei­ner unter uns will lei­den oder gar ster­ben an die­sem Virus oder an ande­ren Krank­hei­ten. Wir wol­len leben.

Was tut nun das Volk Isra­el? Es heißt: „Und sie fürch­te­ten sich sehr und schrien zum Herrn“. Das ist das erste, was sie tun – und das ist gut so. Denn Gott hört offen­sicht­lich. Nur, das wis­sen sie noch nicht.

Dar­um kla­gen sie Mose an: „War­um hast du uns das ange­tan, dass du uns aus Ägyp­ten geführt hast… Es wäre bes­ser für uns den Ägyp­tern zu die­nen, als in der Wüste zu ster­ben.“ So schnell geht es, dass das Volk die Lei­den der Skla­ve­rei ver­gisst. So schnell kippt die Stim­mung in Ankla­ge gegen­über der Füh­rungs­per­son, die bis­her gut gehol­fen hat.

Was tut Mose? Er ver­tei­digt sich nicht. Er hilft dem Volk auf Gott zu trau­en: „Fürch­tet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der Herr … an euch tun wird.“ „Der Herr wird für Euch strei­ten und ihr wer­det stil­le sein.“

Ob Sie sich eher in der Rol­le des Vol­kes als in der Rol­le des Mose sehen? Viel­leicht ste­hen wir auch mal da und mal dort. Manch­mal erfasst uns die Sor­ge und manch­mal haben wir Gott­ver­trau­en und es gelingt uns sogar, ande­ren Mut zu manchen.

Das Bibel­wort lässt uns hin­ter die Kulis­sen schau­en und Mose kommt uns dadurch näher. „Der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sage den Israe­li­ten, dass sie weiterziehen.“

Aha! Mose ist also gar nicht so ruhig und stark, wie er gegen­über dem Volk auf­tritt. Er ist selbst wie gelähmt und schreit voll Angst zu Gott.

Es ist auch mei­ne Lebens­er­fah­rung und viel­leicht auch Ihre: Es ist die­se Ver­bin­dung zu Gott, die in Druck­si­tua­tio­nen und Angst über Was­ser hält und sogar dann und wann trotz eige­ner Sor­ge, Kraft gibt ande­ren Mut zu machen.

Das war auch die Wei­se Jesu zu leben. Nur war sei­ne Bezie­hung zum himm­li­schen Vater unver­gleich­lich sta­bi­ler als unse­re. Er leb­te voll­kom­men in die­ser ver­trau­ens­vol­len inni­gen Ver­bin­dung zu ihm.

Doch selbst er spürt die Nähe Got­tes am Kreuz nicht mehr und ruft: „Mein Gott mein Gott, war­um hast Du mich verlassen.“

Wich­tig: Er redet mit Gott, obwohl er ihn nicht fühlt. Er bleibt mit Gott in Ver­bin­dung und kann so trotz sei­ner Todes­angst dem Ver­bre­cher, der neben ihm am Kreuz hängt, Mut machen: „Heu­te noch wirst Du mit mir im Para­dies sein.“

Einer­seits sind wir klü­ger; denn wir ken­nen den Aus­gang bei­der Geschich­ten. Wir wis­sen, dass Gott Wind auf­kom­men ließ, der das seich­te Meer für eine Zeit weg­drück­te. Wir wis­sen, dass Gott bei Jesus am Kreuz war, mit ihm litt, ihn nie ver­ließ und von den Toten auferweckte.

Ande­rer­seits sind wir doch nicht klü­ger. Wir haben – wie das Volk – Erfah­run­gen der Hil­fe Got­tes im Rücken und die Ver­hei­ßung des Him­mels vor uns. Und doch ver­lässt uns zwi­schen­durch der Mut und wir kön­nen nur noch zu Gott schreien.

Wir kön­nen auch nichts Bes­se­res tun als das. Das muss immer das erste sein.

Und das zwei­te kann der Blick auf die­se Geschich­ten der Bibel sein, beson­ders die­se bei­den – aber auch vie­le ande­re dar­um her­um, die eins ums ande­re Mal sagen:

Gera­de dann, wenn Du die Nähe des ret­ten­den Got­tes nicht fühlst, ist er doch da. Er wird Dich ret­ten. Er will, dass Du lebst. Er wird Dich durch das Meer, das vor Dir liegt füh­ren, sodass Du Lie­der der Ret­tung singst wie Miri­am. Miri­am nahm eine Pau­ke in die Hand, sang und vie­le stimm­ten ein: Lasst uns dem Herrn sin­gen, denn er ist hoch erha­ben. Ross und Rei­ter hat er ins Meer gestürzt.

Und manch­mal gibt es ja auch Geschich­ten in unse­rem eige­nen Leben, die machen uns still, weil wir erken­nen, dass Gott für uns gekämpft hat. Vor weni­gen Wochen wur­de eine christ­li­che Ira­ne­rin ver­haf­tet und zur Abschie­bung zum Flug­ha­fen trans­por­tiert. Ich war voll Angst um sie, habe alle Hebel, die ich kann­te in Bewe­gung gesetzt.

Ich habe zum Herrn geschrien, aber ehr­li­cher­wei­se ohne Hoff­nung. Zwei Stun­den vor Abflug wur­de die Abschie­bung gestoppt. Ich war beschämt, weil ich ohne Hoff­nung gebe­tet hat­te. Doch Gott hat trotz­dem geret­tet. Inzwi­schen darf sie arbei­ten und ver­dient ihren Lebens­un­ter­halt. Gott hilft zum Leben.

Trotz­dem gibt es genug Geschich­ten, die nicht gut aus­ge­hen. Dass Jesus so starb ist grau­en­voll. Wir leben in einer Welt, in der Krank­heit, Krieg, Unmensch­lich­keit, Hass und Feind­schaft und auch der Tod mäch­tig sind.

Aber unser Gott ist ein­deu­tig. Er will das Leben in Lie­be und sucht Men­schen, die ihm ver­trau­en und so Blick den öff­nen dafür, dass er da ist und so man­ches tut, wor­über wir uns wun­dern, freu­en und dank­bar sind. Die bibli­schen Geschich­ten hel­fen uns, dies zu sehen. Sie hel­fen auch mir Humor und Gelas­sen­heit behal­ten, wie sie sich zum Bei­spiel in fol­gen­der Sze­ne ausdrückt:

Snoo­py und sein Freund sit­zen neben­ein­an­der und schau­en in die Fer­ne. Man sieht nur bei­der Rücken. Der Freund sagt: „Eines Tages wer­den wir alle ster­ben, Snoo­py!“ Die Ant­wort: „Ja, aber an allen ande­ren Tagen nicht.“

Unser Bibel­wort heu­te ist eine Geschich­te, die hilft Abstand zu gewin­nen von über­mäch­ti­ger Angst. Angst ist da. Doch auch die Zusa­ge: Gott wird für Euch strei­ten und Ihr wer­det stil­le sein.

Es regt an Abstand zu neh­men, wenn Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten ange­gan­gen wer­den, die unser Volk durch die Kri­se ver­ant­wort­lich führen.

Es gibt den Impuls Abstand zu gewin­nen zu Bewe­gun­gen im Volk, die alte Fleisch­töp­fe glo­ri­fi­zie­ren: z.B. den Fleisch­topf: Deutsch­land für Deut­sche, so wie es frü­her mal war. Aber jetzt ist nicht mehr frü­her. Und unser Gott ist nicht ein Gott, der mit uns in die Ver­gan­gen­heit zurück­geht, son­dern in die Zukunft, mit­ten durchs Schilfmeer.

Vor allem lehrt unse­re Geschich­te in Ver­bin­dung mit Gott zu sein, zu beten, auf ihn zu schau­en und sogar ande­ren Mut zu machen.

Ein­mal wer­den wir alle ster­ben. Ja, aber an allen ande­ren Tagen nicht. Und wenn es dann soweit ist, auch dann wird Gott uns ret­ten, wie er den gestor­be­nen Jesus geret­tet hat. Wir wer­den leben.

Amen.