Bay­reu­ther Bota­ni­ker erfor­schen die ein­zig­ar­ti­ge Flo­ra Neukaledoniens

Marsdenia nigriflora Ascension (Meve)
Marsdenia nigriflora Ascension (Meve)

Sie­ben neue Arten der Hunds­gift­ge­wäch­se (Apo­cy­naceae) haben Forscher*innen der Uni­ver­si­tät Bay­reuth in Neu­ka­le­do­ni­en ent­deckt. Auf den Spu­ren des bri­ti­schen Ent­deckers James Cook unter­such­ten sie im Früh­jahr 2019 die Flo­ra auf der Insel­grup­pe im Süd­west­pa­zi­fik und publi­zier­ten jetzt die Ergeb­nis­se ihrer lang­jäh­ri­gen Stu­di­en im 27. Band der „Flo­re de la Nou­vel­le-Calé­do­nie“ des Pari­ser Musé­um Natio­nal d’Hi­stoire Naturelle. 

Auf über 200 Sei­ten fas­sen die Bay­reu­ther Erst­au­toren Prof. Dr. Sig­rid Lie­de-Schu­mann und PD Dr. Ulrich Meve ihre Stu­di­en an neu­ka­le­do­ni­schen Apo­cy­naceae (Hunds­gift­ge­wäch­se) zusam­men und prä­sen­tie­ren zwölf urwüch­si­ge Gat­tun­gen und 29 Arten mit umfang­rei­chen Beschrei­bun­gen und Bestim­mungs­schlüs­seln, Foto­ta­feln und Ver­brei­tungs­kar­ten sowie Ein­ord­nun­gen bezüg­lich Rote Listen-Kate­go­rien. Im Rah­men die­ser Arbei­ten haben sie sie­ben Arten als neu erkannt und erst­ma­lig beschrie­ben. Zwei wei­te­re Arten sind ver­mut­lich aus­ge­stor­ben und drei wei­te­re stark bedroht. Vor allem der inten­si­ve Nickel-Berg­bau, aber auch die unkon­trol­lier­te Ver­meh­rung ein­ge­führ­ter Mäh­nen­hir­sche und Wild­schwei­ne bedro­hen die ein­zig­ar­ti­ge Vege­ta­ti­on. Beglei­ten­de mole­ku­lar­bio­lo­gi­sche Stu­di­en haben gezeigt, dass die mei­sten urwüch­si­gen Gat­tun­gen ledig­lich mit einer Art von Austra­li­en oder den umge­ben­den Inseln ein­ge­wan­dert sind. Die arten­reich­ste Gat­tung Leich­hard­tia (19 Arten) hat Neu­ka­le­do­ni­en jedoch unab­hän­gig von­ein­an­der zwei­mal von Austra­li­en aus besiedelt.

Im wort­wört­li­chen Sin­ne auf den Spu­ren Cooks und der bei­den deut­schen Bio­lo­gen an Bord der „Reso­lu­ti­on“, Georg For­ster und seinVa­ter Johann Rein­hold For­ster, wan­del­ten Lie­de-Schu­mann und Meve im April 2019, also 245 Jah­re nach den berühm­ten Ent­deckern. Zusam­men mit dem fran­zö­sisch-neu­ka­le­do­ni­schen Koope­ra­ti­ons­part­ner und Erst­au­tor die­ser Stu­die, Dr. Gildas Gate­b­lé (IRD, Nou­méa), sowie mit Unter­stüt­zung durch die neu­ka­le­do­ni­schen Natur­schutz­be­hör­den wur­de es mög­lich, einen der dama­li­gen „Ori­gi­nal­schau­plät­ze“ zu betre­ten und flo­ri­stisch zu ana­ly­sie­ren. Der Wie­der­be­such einer klei­nen Koral­len­in­sel vor der Süd­spit­ze der Haupt­in­sel, die auf­grund ihres Pflan­zen­reich­tums von Cook spon­tan „Bota­ny Isle“ genannt wur­de, war eine viel­leicht ein­ma­li­ge Gele­gen­heit, eine exak­te Flä­che auf ihre flo­ri­sti­schen Ver­än­de­run­gen über die­ses fast Vier­tel­jahr­tau­send hin­weg zu betrach­ten – mög­lich gewor­den dank viel­fäl­ti­ger Auf­samm­lun­gen und Auf­zeich­nun­gen von Georg For­ster, der noch vor Alex­an­der von Hum­boldt ent­spre­chen­de Stan­dards ein­führ­te. Die Bay­reu­ther Forscher*innen ver­gli­chen Her­bar­be­le­ge und Text- und Bild­quel­len. Die neu­ka­le­do­nisch-baye­ri­sche For­scher­grup­pe konn­te dabei vie­le flo­ri­sti­sche (und fau­ni­sti­sche) Über­ein­stim­mun­gen mit den 1774 doku­men­tier­ten Anga­ben fest­stel­len, aber natür­lich auch Ver­än­de­run­gen. Mit der offen­sicht­li­chen Bestands­ab­nah­me der ende­mi­schen Arau­ca­ria colum­na­ris-Bäu­me fan­den neue Arten Lebens­raum – über­wie­gend aber Arten der Regi­on und nur weni­ge Neo­phyten (ein­ge­schlepp­te, ursprüng­lich nicht ein­hei­mi­sche Pflanzen).

Außer­dem konn­te die Fra­ge abschlie­ßend geklärt wer­den, um wel­che der in der Umge­bung des Anker­plat­zes von Cap­tain Cook gele­ge­nen drei Inseln es sich tat­säch­lich gehan­delt hat. Die Re-Ana­ly­se bis­lang miss­in­ter­pre­tier­ter nau­ti­scher Infor­ma­tio­nen in sei­nem Log­buch ergab, dass die heu­ti­ge Ile Amé­ré unzwei­fel­haft Cooks „Bota­ny Isle“ ist, also die Insel, die damals betre­ten wurde.

Hin­ter­grund:

Neu­ka­le­do­ni­en, eine zu Frank­reich gehö­ren­de Insel­grup­pe im süd­west­li­chen Pazi­fik, wur­de erst 1774 von Cap­tain James Cook auf sei­ner zwei­ten Rei­se ent­deckt und benannt. Auf den oft schwer­me­tall­hal­ti­gen Böden ent­wickel­te sich eine ein­zig­ar­ti­ge und extrem arten­rei­che Flo­ra mit ca. 3500 ein­hei­mi­schen Arten, von denen 80% nur dort vor­kom­men (Ende­mi­ten). Ins­be­son­de­re als Hei­mat des ein­zi­gen bekann­ten para­si­ti­schen Nadel­baums Para­si­ta­xus usta und der ursprüng­lich­sten heu­te noch leben­de Blü­ten­pflan­ze Ambo­rel­la tri­cho­po­da hat die Insel­grup­pe Berühmt­heit erlangt.

Ver­öf­fent­li­chun­gen:

GÂTE­B­LÉ, G., LAN­NU­ZEL, G., LIE­DE-SCHU­MANN, S. & U. MEVE (2020). The flo­ra of James Cook’s ‘Bota­ny Isle’ (Îlot Amé­ré) and the neigh­bou­ring islets of Kié and Noua­ré (New Cale­do­nia): revi­si­ted and re-eva­lua­ted after near­ly 250 years. Muel­le­ria 39: 39–57.

https://www.rbg.vic.gov.au/documents/Muelleria-vol-39-_Gateble-et-al-39–57.pdf