Natio­na­les Bil­dungs­pa­nel in Bam­berg unter­sucht “Kin­der­be­treu­ung in Coro­na-Zei­ten”

Symbolbild Bildung

Auch bei glei­cher beruf­li­cher Bela­stung betreu­en Müt­ter häu­fi­ger allein als Väter

Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, Außenansicht Wilhelmsplatz. Foto: Jürgen Schabel/Universität Bamberg

Leib­niz-Insti­tut für Bil­dungs­ver­läu­fe, Außen­an­sicht Wil­helms­platz. Foto: Jür­gen Schabel/​Universität Bam­berg

Durch die tem­po­rä­ren Schlie­ßun­gen von Schu­len und Kin­der­ta­ges­stät­ten im Zuge der Coro­na-Pan­de­mie im Früh­jahr die­ses Jah­res stan­den vie­le berufs­tä­ti­ge Eltern plötz­lich vor der Her­aus­for­de­rung, gleich­zei­tig ihre Kin­der zu betreu­en und ihrer Erwerbs­tä­tig­keit nach­zu­ge­hen. Die drit­te Aus­wer­tung der Coro­na-Zusatz­be­fra­gung im Rah­men des Natio­na­len Bil­dungs­pa­nels (NEPS – Natio­nal Edu­ca­tio­nal Panel Stu­dy), der größ­ten Lang­zeit-Bil­dungs­stu­die in Deutsch­land, zeigt nun, wie berufs­tä­ti­ge Eltern in den ersten Mona­ten der Pan­de­mie die Betreu­ung ihrer Schul- und Kita­kin­der orga­ni­siert haben. Die Daten wei­sen dabei auf eine zen­tra­le Rol­le der Müt­ter hin, zei­gen jedoch auch, dass ein Drit­tel der älte­ren Schul­kin­der in die­ser Zeit ohne Beauf­sich­ti­gung war.

Anfang Sep­tem­ber lob­te der aktu­el­le Bil­dungs­be­richt der OECD die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für die Erfol­ge beim Aus­bau der Kin­der­be­treu­ung, die für die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf zen­tral ist. Doch das Zusam­men­spiel von Kin­der­be­treu­ung und Beruf funk­tio­nier­te ab Mit­te März für mehr als vier Mil­lio­nen berufs­tä­ti­ge Eltern auf­grund von pan­de­mie­be­ding­ten Schul- und Kita­schlie­ßun­gen schlag­ar­tig nicht mehr.

Eine neue Aus­wer­tung der Coro­na-Zusatz­be­fra­gung unter NEPS-Teil­neh­men­den unter­sucht, wie Fami­li­en die Kin­der­be­treu­ung in der Coro­na-Kri­se bewerk­stel­ligt haben und wie der beruf­li­che All­tag der Eltern das Betreu­ungs­ar­ran­ge­ment beein­flusst hat. Dabei nimmt der Bericht ver­schie­de­ne Grup­pen von Fami­li­en mit Kin­dern unter­schied­lich­ster Alters­grup­pen in den Blick, die vor der Coro­na-Kri­se eine Kin­der­ta­ges­ein­rich­tung oder Schu­le besucht haben.

Müt­ter betreu­ten häu­fig allei­ne

Die Daten zei­gen, dass auch in der Kri­se vor allem Müt­tern die zen­tra­le Rol­le bei der Betreu­ung zukam. Bei allen unter­such­ten Fami­li­en betreu­ten Müt­ter ihre Kita- oder Schul­kin­der wäh­rend der Pan­de­mie häu­fi­ger allei­ne als Väter. Zwar betei­lig­ten sich Väter auch an der Kin­der­be­treu­ung – häu­fig aber nur gemein­sam mit der Mut­ter oder unter­stützt von Drit­ten. Fast jedes drit­te Schul­kind um die 14 Jah­re pass­te außer­dem wäh­rend der Schul­schlie­ßung über­wie­gend auf sich selbst auf. Was dies vor dem Hin­ter­grund der Her­aus­for­de­run­gen des Home­schoo­lings, bei denen eini­ge Eltern ihre Kin­der nur unzu­rei­chend oder gar nicht unter­stüt­zen konn­ten (Bericht 1), für Aus­wir­kun­gen hat, gilt es in wei­te­ren Unter­su­chun­gen näher zu ana­ly­sie­ren.

Beruf­li­che Bedin­gun­gen unter­stüt­zen Väter und Müt­ter unter­schied­lich bei der Kin­der­be­treu­ung

Wel­che Betreu­ungs­ar­ran­ge­ments Fami­li­en im Pan­de­mie­all­tag umge­setzt haben, war auch durch die beruf­li­chen Bedin­gun­gen der Eltern beein­flusst. Gera­de die Mög­lich­keit von zuhau­se zu arbei­ten, nimmt dabei eine wich­ti­ge Rol­le ein. So brach­ten sich Eltern, die im Home­of­fice tätig waren, stär­ker in die Betreu­ung ihrer Kin­der ein. Auch Arbeits­zeit­ver­än­de­run­gen und die Tätig­keit in einem system­re­le­van­ten Beruf beein­fluss­ten das gewähl­te Betreu­ungs­ar­ran­ge­ment. Dabei fällt auf: Der Ein­fluss der beruf­li­chen Bedin­gun­gen unter­schei­det sich für Män­ner und Frau­en. Auch bei ähn­li­chen beruf­li­chen Bela­stun­gen bei­der Eltern, wie einem system­re­le­van­tem Job oder der Mög­lich­keit von zuhau­se zu arbei­ten, haben Müt­ter die Kin­der­be­treu­ung häu­fi­ger allein über­nom­men.

Wie die Arbeits­platz­si­tua­ti­on der Eltern die Betreu­ungs­ar­ran­ge­ments beein­fluss­te und wei­te­re Ergeb­nis­se der Aus­wer­tung fin­den sich im voll­stän­di­gen Bericht „Kin­der­be­treu­ung in der Coro­na-Kri­se – Wer betreut, wenn Schu­len und Kitas schlie­ßen?“, der auf www​.lif​bi​.de/​C​o​r​ona mit wei­te­ren Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zum Down­load bereit steht.

Durch die Zusatz­be­fra­gung im Rah­men des Natio­na­len Bil­dungs­pa­nels im Mai und Juni wur­den die aktu­el­len Erleb­nis­se und Ein­drücke der NEPS-Teil­neh­men­den in der Zeit zwi­schen dem Beginn der Beschrän­kun­gen und den ersten Locke­run­gen wäh­rend der Coro­na-Kri­se ermit­telt und so für die Bil­dungs­for­schung nutz­bar gemacht. Die Daten wur­den gewich­tet und post­stra­ti­fi­ziert, um Ver­zer­run­gen in der Stich­pro­be aus­zu­glei­chen.

In den Zusat­zerhe­bun­gen wur­den vier gro­ße The­men­be­rei­che des Lebens­all­tags abge­fragt: aktu­el­le Erwerbs­si­tua­ti­on, All­tag und Ler­nen, Ver­trau­en in Poli­tik und Gesell­schaft sowie Gesund­heit und Wohl­be­fin­den. Die so erho­be­nen Daten las­sen sich her­an­zie­hen, um ein dif­fe­ren­zier­tes Bild der Coro­na-Aus­wir­kun­gen auf die Bil­dungs­bio­gra­fien der Befrag­ten zu erhal­ten.

Über das NEPS

Das Natio­na­le Bil­dungs­pa­nel (NEPS), das am Leib­niz-Insti­tut für Bil­dungs­ver­läu­fe (LIf­Bi) in Bam­berg behei­ma­tet ist, besteht aus sechs gro­ßen Teil­stu­di­en, den soge­nann­ten Start­ko­hor­ten. Die­se umfas­sen ins­ge­samt mehr als 60.000 gete­ste­te und befrag­te Per­so­nen von der Geburt über Aus­bil­dungs- und Erwerbs­pha­se bis hin­ein in die Nach­er­werbs­pha­se sowie 40.000 zusätz­lich befrag­te Per­so­nen aus deren Umfeld, etwa Eltern und päd­ago­gi­sches Fach­per­so­nal. Die Stich­pro­ben der Start­ko­hor­ten wur­den reprä­sen­ta­tiv für ganz Deutsch­land gezo­gen. Die so erho­be­nen Daten wer­den anony­mi­siert und Bil­dungs­for­schen­den welt­weit zugäng­lich gemacht.

Das NEPS wird getra­gen von einem inter­dis­zi­pli­när zusam­men­ge­setz­ten, deutsch­land­wei­ten Exzel­lenz­netz­werk, in dem zwölf renom­mier­te For­schungs­in­sti­tu­te zusam­men­ar­bei­ten. Gelei­tet wird das NEPS von Prof. Dr. Cor­du­la Artelt vom Leib­niz-Insti­tut für Bil­dungs­ver­läu­fe in Bam­berg.

Über das Leib­niz-Insti­tut für Bil­dungs­ver­läu­fe (LIf­Bi)

Das Leib­niz-Insti­tut für Bil­dungs­ver­läu­fe (LIf­Bi) an der Otto-Fried­rich-Uni­ver­si­tät Bam­berg unter­sucht Bil­dungs­pro­zes­se von der Geburt bis ins hohe Erwach­se­nen­al­ter. Um die bil­dungs­wis­sen­schaft­li­che Längs­schnitt­for­schung in Deutsch­land zu för­dern, stellt das LIf­Bi grund­le­gen­de, über­re­gio­nal und inter­na­tio­nal bedeut­sa­me, for­schungs­ba­sier­te Infra­struk­tu­ren für die empi­ri­sche Bil­dungs­for­schung zur Ver­fü­gung.

Kern des Insti­tuts ist das Natio­na­le Bil­dungs­pa­nel (NEPS), das am LIf­Bi behei­ma­tet ist und die Exper­ti­se eines deutsch­land­wei­ten, inter­dis­zi­pli­nä­ren Exzel­lenz­netz­werks ver­eint. Wei­te­re Groß­pro­jek­te, an denen das LIf­Bi betei­ligt oder füh­rend ist, sind die Geflüch­te­ten­stu­die ReGES, das schul­be­zo­ge­ne Inklu­si­ons­pro­jekt INSI­DE, die För­der­stu­die für benach­tei­lig­te Kin­der und Fami­li­en BRI­SE oder die regio­na­le Stu­die zu Bil­dung in Ober­fran­ken BiLO.

Grund­la­ge dafür sind die eige­nen For­schungs- und Ent­wick­lungs­ar­bei­ten, ins­be­son­de­re die fun­dier­te Instru­men­ten- und Metho­den­ent­wick­lung für längs­schnitt­li­che Bil­dungs­stu­di­en, von der auch ande­re Infra­struk­tur­ein­rich­tun­gen und ‑pro­jek­te pro­fi­tie­ren.