WEI­SSER RING Forch­heim: “Das Schwei­gen bre­chen”

WEI­SSER RING macht „Sexua­li­sier­te Gewalt“ zum The­ma des Tags der Kri­mi­na­li­täts­op­fer – 22. März 2020

Alle acht Minu­ten wird ein Mensch in Deutsch­land Opfer von sexua­li­sier­ter Gewalt. Das geht aus der Kri­mi­na­li­täts­sta­ti­stik der Poli­zei her­vor, die allein für das Jahr 2018 knapp 64.000 Straf­ta­ten gegen die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung fest­hält.

Aber das sind nur die Fäl­le, die von der Poli­zei erfasst wur­den – die Dun­kel­zif­fer liegt sehr viel höher. Nicht ein­mal jede 15. Tat wird bei der Poli­zei ange­zeigt, das bele­gen kri­mi­no­lo­gi­sche Stu­di­en. Der WEI­SSE RING, Deutsch­lands größ­te Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für Opfer von Kri­mi­na­li­tät, geht des­halb von bis zu einer Mil­li­on Taten pro Jahr aus. Nicht alle acht Minu­ten, son­dern ver­mut­lich in jeder ein­zel­nen Minu­te des Tages wird dem­nach ein Mensch Opfer von sexua­li­sier­ter Gewalt. Doch viel zu oft schwei­gen die Betrof­fe­nen über das Erleb­te: aus Angst, aus Unwis­sen­heit, aus Scham, aus falsch ver­stan­de­ner Loya­li­tät, weil die mei­sten Taten in den pri­va­ten vier Wän­den gesche­hen.

Mit dem 29. „Tag der Kri­mi­na­li­täts­op­fer“ am 22. März will der WEI­SSE RING das Schwei­gen bre­chen: Aktio­nen in ganz Deutsch­land sol­len die Öffent­lich­keit für das The­ma Sexua­li­sier­te Gewalt sen­si­bi­li­sie­ren und Betrof­fe­nen Mut machen, sich Hil­fe zu holen.

„Sexua­li­sier­te Gewalt ist extrem scham­be­haf­tet und wird noch immer gesell­schaft­lich tabui­siert“, sagt Moni­ka Vieth, Lei­te­rin der Außen­stel­le Forch­heim des WEI­SSEN RINGS. „Vie­le Betrof­fe­ne brin­gen nicht die Kraft auf, den sexu­el­len Über­griff zu the­ma­ti­sie­ren, vor allem, wenn er in den eige­nen vier Wän­den geschieht. Opfer soll­ten sich jedoch nie selbst die Schuld für das Ver­hal­ten des Täters geben.“

Sexua­li­sier­te Gewalt: Das sind alle For­men von sexu­el­len Hand­lun­gen, die einer Per­son auf­ge­drängt oder auf­ge­zwun­gen wer­den. Dazu gehö­ren sexu­el­le Nöti­gung, sexu­el­le Belä­sti­gung, Ver­ge­wal­ti­gung oder sexu­el­ler Miss­brauch. Sexua­li­sier­te Gewalt ist häu­fig Aus­druck eines emo­tio­na­len und wirt­schaft­li­chen Macht- und Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­ses zwi­schen Täter und Opfer.

Vor allem Frau­en sind sol­cher Gewalt aus­ge­setzt, in der Öffent­lich­keit, im Beruf, zu Hau­se. Part­ner­schafts­ge­walt und häus­li­che Gewalt kann sich bis zum Mord und Tot­schlag stei­gern: 123 Frau­en wur­den laut der Kri­mi­nal­sta­ti­stik 2018 von ihren Part­nern umge­bracht – mehr als jedes drit­te Tötungs­op­fer. Die Opfer kom­men aus allen Bil­dungs- und Ein­kom­mens­schich­ten, aus allen Alters­grup­pen, Natio­na­li­tä­ten, Reli­gio­nen und Kul­tu­ren.

Sexua­li­sier­te Gewalt an Mäd­chen und Jun­gen fin­det täg­lich und über­all, häu­fig auch inner­halb der eige­nen Fami­lie, statt. Schät­zun­gen zufol­ge erfährt jedes fünf­te Mäd­chen und jeder neun­te Jun­ge vor dem 18. Geburts­tag (min­de­stens) ein­mal sexu­el­le Gewalt, die der Gesetz­ge­ber als Straf­tat ein­stuft – also Nöti­gung, Miss­brauch, Exhi­bi­tio­nis­mus oder Ver­ge­wal­ti­gung. Nicht sel­ten beein­flusst das Erlei­den sexua­li­sier­ter Gewalt den gesam­ten wei­te­ren Lebens­ver­lauf.

Sexu­el­le Hand­lun­gen an oder mit Kin­dern sind grund­sätz­lich straf­bar. Auf­grund sei­ner emo­tio­na­len und intel­lek­tu­el­len Ent­wick­lung kann ein Kind einer sexu­el­len Hand­lung nicht wis­sent­lich zustim­men – und somit nie­mals dafür ver­ant­wort­lich sein, wenn es Opfer eines sexu­el­len Miss­brauchs wird. Begün­stigt wird der Miss­brauch durch das Macht- oder Wis­sens­ge­fäl­le zwi­schen dem Täter und sei­nem kind­li­chen Opfer.

Alle Opfer von sexua­li­sier­ter Gewalt lei­den unter psy­chi­schen Fol­gen wie Angst, Ver­ein­sa­mung, Depres­sio­nen oder chro­ni­schen Gesund­heits­pro­ble­men. Die Bela­stung quält die Betrof­fe­nen oft vie­le Jah­re, manch­mal das gan­ze Leben lang. „Betrof­fe­ne Frau­en und Män­ner befin­den sich in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on, die sie als bedroh­lich und demü­ti­gend emp­fin­den“, sagt Vieth. Der WEI­SSE RING rät Betrof­fe­nen, unbe­dingt mit Per­so­nen ihres Ver­trau­ens über das trau­ma­ti­sche Gewalt­er­eig­nis zu spre­chen, ärzt­li­che Unter­stüt­zung in Anspruch zu neh­men oder sich Hil­fe zu suchen, zum Bei­spiel beim WEI­SSEN RING.

Die 2900 pro­fes­sio­nell aus­ge­bil­de­ten Opfer­hel­fe­rin­nen und Opfer­hel­fer in den 400 Außen­stel­len des WEI­SSEN RINGS ste­hen allen Betrof­fe­nen in der Not­la­ge per­sön­lich zur Sei­te. Zum „Tag der Kri­mi­na­li­täts­op­fer 2020“ hat der WEI­SSE RING auch eine neue Bro­schü­re mit dem Titel „Inti­me Ver­bre­chen: Hil­fe bei sexua­li­sier­ter Gewalt“ her­aus­ge­ge­ben. Infor­ma­tio­nen bie­ten zudem zwei neue Infor­ma­ti­ons-Vide­os, die auf der Home­page des WEI­SSEN RINGS abruf­bar sind.

Hier fin­den Opfer Hil­fe und Unter­stüt­zung

  • Die Hot­line des WEI­SSEN RINGS ist an sie­ben Tagen in der Woche jeweils von 7 bis 22 Uhr besetzt: 116 006
  • Die Bera­tungs­stel­le des WEI­SSEN Rings ist in Forch­heim unter: 09545 – 509099 (AB) oder per e- mail: mkavieth@t‑online.de zu errei­chen
  • Not­ruf bei sexua­li­sier­ter Gewalt: 0951 – 98687–30
    Erreich­bar: Diens­tag 9 – 11 Uhr und Don­ners­tag 9–11 + 16–18,
    e‑mail: notruf@​skf-​bamberg.​de
  • Poli­zei­in­spek­tio­nen:
    • Forch­heim: 09191 – 7090 – 0
    • Eber­mann­stadt: 09194 – 7388 – 0

Hin­ter­grund-Info zum Tag der Kri­mi­na­li­täts­op­fer

Seit 1991 macht der WEI­SSE RING mit dem Tag der Kri­mi­na­li­täts­op­fer all­jähr­lich am 22. März auf Men­schen auf­merk­sam, die durch Kri­mi­na­li­tät und Gewalt geschä­digt wur­den. Er soll das Bewusst­sein für Opfer­be­lan­ge in Deutsch­land stär­ken und Infor­ma­tio­nen zu Prä­ven­ti­on, Schutz und prak­ti­schen Hil­fen geben. Inzwi­schen ist der Akti­ons­tag fester Bestand­teil im Kalen­der von Insti­tu­tio­nen aus den Berei­chen Poli­tik, Justiz und Ver­wal­tung aber auch Ver­ei­nen und Schu­len gewor­den.

Der WEI­SSE RING wur­de 1976 in Mainz gegrün­det als „Gemein­nüt­zi­ger Ver­ein zur Unter­stüt­zung von Kri­mi­na­li­täts­op­fern und zur Ver­hü­tung von Straf­ta­ten e. V.“. Er ist Deutsch­lands größ­te Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für Opfer von Kri­mi­na­li­tät. Der Ver­ein unter­hält ein Netz von rund 2.900 ehren­amt­li­chen, pro­fes­sio­nell aus­ge­bil­de­ten Opfer­hel­fe­rin­nen und ‑hel­fern in bun­des­weit 400 Außen­stel­len, beim Opfer-Tele­fon und in der Online­be­ra­tung. Der WEI­SSE RING hat mehr als 100.000 För­de­rer und ist in 18 Lan­des­ver­bän­de geglie­dert. Er ist ein sach­kun­di­ger und aner­kann­ter Ansprech­part­ner für Poli­tik, Justiz, Ver­wal­tung, Wis­sen­schaft und Medi­en in allen Fra­gen der Opfer­hil­fe. Der Ver­ein finan­ziert sei­ne Tätig­keit aus­schließ­lich aus Mit­glieds­bei­trä­gen, Spen­den und testa­men­ta­ri­schen Zuwen­dun­gen sowie von Gerich­ten und Staats­an­walt­schaf­ten ver­häng­ten Geld­bu­ßen. Der WEI­SSE RING erhält kei­ne staat­li­chen Mit­tel.