Stu­die der Uni­ver­si­tät Bam­berg: Maß­nah­men gegen mas­sen­haf­te Rück­sen­dun­gen im Online­han­del

Bam­ber­ger Öko­no­men schla­gen unter ande­rem eine inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit einer gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Rück­sen­de­ge­bühr vor

Ein Klei­dungs­stück passt nicht, das Weih­nachts­ge­schenk hat dem Beschenk­ten nicht gefal­len: Es gibt vie­le Grün­de, war­um online bestell­te Arti­kel an Händ­ler zurück­ge­schickt wer­den. Dass die Deut­schen im Jahr 2018 schät­zungs­wei­se 490 Mil­lio­nen Arti­kel im Online­han­del retour­nier­ten, leg­te die For­schungs­grup­pe Retou­ren­ma­nage­ment der Uni­ver­si­tät Bam­berg schon im Früh­jahr 2019 offen. Wegen des gro­ßen öffent­li­chen Inter­es­ses haben die Wis­sen­schaft­ler unter Lei­tung von Dr. Björn Asdecker, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Lehr­stuhl für Betriebs­wirt­schafts­leh­re, ins­be­son­de­re Pro­duk­ti­on und Logi­stik, eine Fol­ge­stu­die durch­ge­führt. Die Ergeb­nis­se wei­sen dar­auf hin, dass man die hohe Anzahl an Rück­sen­dun­gen durch neue Maß­nah­men ver­rin­gern könn­te: „Ein gro­ßes Poten­zi­al sehen die befrag­ten Teil­neh­mer künf­tig in einer funk­tio­nie­ren­den Online-Grö­ßen­be­ra­tung und ein­heit­li­che­ren Grö­ßen­an­ga­ben der Her­stel­ler“, sagt Asdecker. „Dar­über hin­aus legen die Stu­di­en­ergeb­nis­se nahe, dass auch eine nied­ri­ge gesetz­lich ver­an­ker­te Rück­sen­de­ge­bühr ein Instru­ment sein könn­te, um die Rück­sen­dun­gen und deren Nega­tiv­wir­kun­gen in den Griff zu bekom­men. Für eine ganz­heit­li­che Beur­tei­lung einer sol­chen Maß­nah­me ist es noch zu früh, aber aus unse­rer Sicht lohnt es sich, dar­über nach­zu­den­ken.“

Im August und Sep­tem­ber 2019 hat die For­schungs­grup­pe 139 deut­sche Händ­ler befragt, die ihre Pro­duk­te über das Inter­net ver­kau­fen. „Die Ergeb­nis­se zei­gen, dass vie­le Ver­sand­händ­ler gro­ße Anstren­gun­gen unter­neh­men, um die arti­kel­be­zo­ge­nen Retou­ren­quo­ten abzu­sen­ken“, erklärt Asdecker. Trotz­dem habe sich das Kun­den­ver­hal­ten nicht merk­lich ver­än­dert. Wei­test­ge­hend aus­ge­schöpft sei das Poten­zi­al der klas­si­schen vor­beu­gen­den Maß­nah­men, zum Bei­spiel bes­se­re Arti­kel­be­schrei­bun­gen, Abbil­dun­gen und Rezen­sio­nen. Jetzt sei­en neue Maß­nah­men nötig.

Online-Grö­ßen­be­ra­tung und ver­bind­li­che Grö­ßen­an­ga­ben für Klei­dung

Spe­zi­ell die befrag­ten Fashion-Händ­ler ver­spre­chen sich viel von einer funk­tio­nie­ren­den Online-Grö­ßen­be­ra­tung. Die­se Ein­schät­zung teilt Asdecker: „Daten­ana­ly­se, Künst­li­che Intel­li­genz und bereits vor­han­de­ne All­tags­tech­no­lo­gien wie Han­dy­ka­me­ras zur Kör­per­ver­mes­sung ermög­li­chen künf­tig signi­fi­kan­te Ein­spar­po­ten­zia­le – sofern die Händ­ler und Kun­den die Tech­no­lo­gien auch ein­set­zen.“ Außer­dem sei die Anga­be der Klei­der­grö­ße momen­tan wenig aus­sa­ge­kräf­tig, was zu erhöh­ten Retou­ren füh­re. „Her­stel­ler soll­ten ver­bind­li­che, genorm­te Grö­ßen­an­ga­ben ver­wen­den“, so Asdecker. „Das erfor­dert eine über­ge­ord­ne­te, gege­be­nen­falls poli­tisch geführ­te Koor­di­na­ti­ons­an­stren­gung, bei­spiels­wei­se im Rah­men eines Sie­gels wie dem ‚grü­nen Knopf‘.“ Bei­de Maß­nah­men wür­den die Rück­sen­dun­gen von Klei­dung deut­lich redu­zie­ren: Die For­schungs­grup­pe schätzt, dass auf die­se Wei­se bis zu 25 Pro­zent der Retou­ren am Gesamt­markt ein­ge­spart wer­den könn­ten, etwa 120 Mil­lio­nen Arti­kel.

Gesetz­lich ver­an­ker­te Rück­sen­de­ge­bühr

Als wei­te­re Maß­nah­me könn­te eine gesetz­lich ver­an­ker­te Rück­sen­de­ge­bühr die­nen. Die Befrag­ten schät­zen, dass durch eine Gebühr in Höhe von 2,95 pro Sen­dung etwa 16 Pro­zent aller Retou­ren ver­mie­den wer­den könn­ten, das betrifft rund 80 Mil­lio­nen Arti­kel. „Die Mehr­heit der klei­nen und mit­tel­gro­ßen Händ­ler wür­de ger­ne eine Rück­sen­de­ge­bühr erhe­ben. Das lässt aller­dings der star­ke Wett­be­werb nicht zu“, sagt Asdecker. „Gro­ße Händ­ler ver­zich­ten aus stra­te­gi­schen Grün­den bewusst auf eine Gebühr, um Wett­be­werbs­vor­tei­le auf­zu­bau­en. Für die­se Unter­neh­men lohnt sich die kosten­lo­se Rück­sen­dung.“ Durch eine gesetz­li­che Ver­pflich­tung wür­den die glei­chen Spiel­re­geln für alle gel­ten. Die erwar­te­ten Umsatz­rück­gän­ge der Händ­ler fal­len in einem sol­chen Sze­na­rio deut­lich gerin­ger und damit ver­träg­li­cher aus.

„Die Daten die­ser Unter­su­chung lie­fern star­ke Hin­wei­se, dass bereits gerin­ge Rück­sen­de­ge­büh­ren dazu bei­tra­gen kön­nen, die Anzahl der Retou­ren merk­lich zu redu­zie­ren“, fasst Asdecker zusam­men. Gebüh­ren für Rück­sen­dun­gen wür­den außer­dem nied­ri­ge­re Pro­dukt­prei­se ermög­li­chen, denn momen­tan sei­en die Kosten der Retou­ren im Preis ein­kal­ku­liert. Laut Asdecker finan­zie­ren im Modell der „kosten­lo­sen Retou­re“ Wenig-Retour­nie­rer das Ver­hal­ten von Viel-Retour­nie­rern über höhe­re Prei­se mit: „Eine Rück­sen­de­ge­bühr eta­bliert dem­ge­gen­über das Ver­ur­sa­cher­prin­zip, was grund­sätz­lich gerech­ter ist.“ Basie­rend auf die­sen Erkennt­nis­sen möch­te die For­schungs­grup­pe Retou­ren­ma­nage­ment als näch­stes unter­su­chen, wie Rück­sen­de­ge­büh­ren gestal­tet sein könn­ten, damit Ver­brau­cher sie akzep­tie­ren.

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