Wie hoch ist die Ter­ror­ge­fahr wirk­lich? Bay­reu­ther Stu­die plä­diert für Pro-Kopf-Ver­glei­che

Wie stark sind die Men­schen in ver­schie­de­nen Län­dern der Erde durch Ter­ror­an­schlä­ge gefähr­det? Bis­her war es bei Län­der­ver­glei­chen üblich, die Höhe des Risi­kos an der Gesamt­zahl der Ter­ror­an­schlä­ge oder der Anschlags­op­fer abzu­le­sen. Die­ses Ver­fah­ren ver­lei­tet jedoch zu Fehl­ein­schät­zun­gen, wie der Bay­reu­ther Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. David Sta­del­mann in einer kürz­lich im Sou­thern Eco­no­mic Jour­nal ver­öf­fent­lich­ten Stu­die zeigt. Will man die Ter­ror­ge­fahr rea­li­stisch ein­schät­zen, ist die Anzahl der Ter­ror­an­schlä­ge pro Ein­woh­ner erheb­lich aus­sa­ge­kräf­ti­ger.

Prof. Dr. David Sta­del­mann, Inha­ber des Lehr­stuhls für Ent­wick­lungs­öko­no­mik an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth, hat die Stu­die zusam­men mit sei­nem austra­li­schen Kol­le­gen Dr. Micha­el Jet­ter von der Uni­ver­si­ty of Western Austra­lia ver­fasst. 162 Län­der der Erde wur­den dar­in ein­be­zo­gen. Die Autoren ver­wei­sen dabei auf die in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten eta­blier­ten Ver­fah­ren, mit denen Län­der­ver­glei­che in Bezug auf Lebens­stan­dard, Ein­kom­men, Gesund­heit oder Arbeits­lo­sig­keit begrün­det wer­den. In allen die­sen Fäl­len wer­den all­ge­mei­ne Kenn­zah­len im Regel­fall auf die Zahl der Ein­woh­ner, also pro Kopf (per capi­ta), umge­rech­net. Den­noch ori­en­tiert man sich bei der Ein­schät­zung von Ter­ror­ge­fah­ren bis heu­te an der Gesamt­zahl von Anschlä­gen oder Anschlags­op­fern.

Dar­aus resul­tiert bei­spiels­wei­se die ver­brei­te­te Annah­me, in isla­misch gepräg­ten Län­dern sei das Risi­ko, einem Anschlag zum Opfer zu fal­len, beson­ders hoch. Tat­säch­lich ereig­nen sich, wie Sta­ti­sti­ken bele­gen, in zahl­rei­chen Län­dern mit einem signi­fi­kan­ten mus­li­mi­schen Bevöl­ke­rungs­an­teil eine gro­ße Zahl von Ter­ror­an­schlä­gen. Irak, Afgha­ni­stan und Paki­stan, gefolgt von Indi­en und Sri Lan­ka, sind die fünf Län­der der Erde, in denen von 1970 bis 2015 die mei­sten Ter­ror­op­fer zu bekla­gen waren. Dies zei­gen die Daten der Glo­bal Ter­ro­rism Data­ba­se. Aber für eine rea­li­sti­sche Ein­schät­zung des Risi­kos, durch einen Anschlag getö­tet zu wer­den, muss die Zahl der Ter­ror­op­fer zur Ein­woh­ner­zahl ins Ver­hält­nis gesetzt wer­den. Von 1970 bis 2015 war die Zahl der Ter­ror­op­fer pro Ein­woh­ner in den zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern Nica­ra­gua und El Sal­va­dor welt­weit am höch­sten, also in Län­dern, die eine mehr­heit­lich christ­li­che Bevöl­ke­rung haben. Danach fol­gen der Irak, der Liba­non und Sri Lan­ka. Beschränkt man die Sta­ti­sti­ken auf die Jah­re 2002 bis 2015, waren Irak, Afgha­ni­stan, Paki­stan, Nige­ria und Indi­en – in die­ser Rei­hen­fol­ge – die Län­der mit den mei­sten Todes­op­fern. Die Sta­ti­stik der Ter­ror­op­fer pro Ein­woh­ner wird eben­falls von Irak und Afgha­ni­stan ange­führt, aber dann fol­gen Soma­lia, Syri­en und die Zen­tral­afri­ka­ni­sche Repu­blik.

„Oft wird in öffent­li­chen Debat­ten so getan, als sei das Risi­ko, durch einen Anschlag getö­tet zu wer­den, umso höher, je grö­ßer der mus­li­mi­sche Bevöl­ke­rungs­an­teil in dem betref­fen­den Land ist. Unse­re sta­ti­sti­schen Unter­su­chun­gen haben jedoch kei­ne Indi­zi­en für die­se Annah­me erge­ben. Im Gegen­teil, sofern sich über­haupt ein Zusam­men­hang zwi­schen Reli­gi­on und Ter­ror per capi­ta erken­nen lässt, ist ein hoher mus­li­mi­scher Bevöl­ke­rungs­an­teil mög­li­cher­wei­se ein Fak­tor, der dem Risi­ko, einem Ter­ror­an­schlag zum Opfer zu fal­len, ent­ge­gen­wirkt“, sagt Sta­del­mann.

In der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur wird teil­wei­se auch die Ansicht ver­tre­ten, die Demo­kra­tie sei eine Staats- und Regie­rungs­form, die den Ter­ro­ris­mus im eige­nen Land begün­sti­ge – zumin­dest wäh­rend der Über­gangs­pha­se von auto­kra­ti­schen zu demo­kra­ti­schen Regie­rungs­for­men. Tat­säch­lich ist die Gesamt­zahl der Ter­ror­an­schlä­ge in Demo­kra­tien ver­gleichs­wei­se hoch. Doch nur wenn die Zahl der Ter­ror­op­fer pro Ein­woh­ner ermit­telt wird, ent­steht ein rea­li­sti­sches Bild von der Bedro­hungs­la­ge. Wie die Stu­die zeigt, gibt es kei­ne empi­ri­sche Basis für die Annah­me, die Bür­ger demo­kra­tisch ver­fass­ter Län­der sei­en gene­rell einem höhe­ren Ter­ror­ri­si­ko aus­ge­setzt. Dies wird beson­ders deut­lich am Bei­spiel von Indi­en, der Demo­kra­tie mit der welt­weit höch­sten Ein­woh­ner­zahl. Es ist zugleich das Land mit der viert­höch­sten Opfer­zahl zwi­schen 1970 und 2015. Doch zieht man die Zahl der Ter­ror­op­fer per capi­ta in Betracht, liegt Indi­en im welt­wei­ten Ver­gleich auf Platz 82.

„In der Poli­tik und der Öffent­lich­keit, aber auch in der Wis­sen­schaft ist die Wahr­neh­mung ter­ro­ri­sti­scher Bedro­hun­gen von der Zahl der Anschlä­ge und der Todes­op­fer geprägt, über die in den Medi­en berich­tet wird. Mit unse­rer Stu­die wol­len wir auch auf­zei­gen, dass dar­aus kei­ne Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für die Poli­tik oder die Öffent­lich­keit abge­lei­tet wer­den soll­ten. Abso­lu­te Zah­len ver­stel­len leicht den Blick auf die Fak­to­ren, die das Ter­ror­ri­si­ko erhö­hen oder ihm ent­ge­gen­wir­ken. Sta­ti­sti­ken, die Aus­kunft über ter­ro­ri­sti­sche Anschlä­ge und Opfer per capi­ta geben, kön­nen Fehl­ein­schät­zun­gen bes­ser auf­lö­sen. Sie tra­gen auf die­se Wei­se auch dazu bei, empi­risch begrün­de­te Erkennt­nis­se über die tat­säch­li­chen Ursa­chen von Ter­ro­ris­mus und über geeig­ne­te Prä­ven­ti­ons­stra­te­gien zu gewin­nen“, so Sta­del­mann.

Ver­öf­fent­li­chung

Micha­el Jet­ter, David Sta­del­mann: Ter­ror per Capi­ta, Sou­thern Eco­no­mic Jour­nal (2019),
DOI: https://​online​li​bra​ry​.wiley​.com/​d​o​i​/​f​u​l​l​/​1​0​.​1​0​0​2​/​s​o​e​j​.​1​2​369