Bamberger Erzbischof Schick: „Lasst uns eine Kirche für alle sein statt heiligem Rest“

Politikberater Flügge: „Die katholische Kirche muss sich neu erfinden“

Der Autor und Politikberater Erik Flügge ruft die katholische Kirche auf, sich als Großorganisation neu zu erfinden und damit bei den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen voranzugehen. Die katholische Kirche als mitgliederstärkste Organisation in Deutschland habe eine besondere Verantwortung dabei, eine solidarischere Gesellschaft zu schaffen, sagte Flügge am Samstag beim Neujahrsempfang des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick in Bad Windsheim. Der Festvortrag hatte den Titel seines gleichnamigen Buches „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“.

Der Vertrauensverlust der Kirche und ihre Probleme, junge Menschen zu erreichen, seien nicht nur ein innerkirchliches Problem, sondern Spiegel einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung: „Das Prinzip der Kooperation und die Idee der Gemeinschaft nehmen ab. Die einzelnen Teile der Gesellschaft streben immer mehr auseinander, und jeder schaut nur noch auf sich“, so Flügge. Die katholische Kirche müsse ihre personelle und finanzielle Kraft nutzen und bei der Neuerfindung von Großorganisationen vorangehen. „Eine Kirche, die sich für ihre Mitglieder interessiert, wartet nicht jammernd darauf, dass jemand kommt, sondern besucht ihre Mitglieder und bietet sich zum Gespräch an, anstatt den verzweifelten Versuch zu unternehmen, die Menschen in ihre kulturell alten Angebote zu locken“, sagte Flügge, der auch Autor des Buches „Jargon der Betroffenheit – Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ ist.

Die moderne Kirche, so der 32-jährige Germanist und Politologe, kommuniziere sich nicht als Institution, sondern als Bewegung. „Sie rückt den Glauben in den Mittelpunkt ihrer Kommunikation und nicht Funktionen und Hierarchien.“ Dies hätte zur Folge, dass sie nicht nur von oben herab belehrend auftreten könne, sondern dass all ihre Kommunikation dialogisch organisiert werden müsse. Als Problem der Kirche von heute nannte Flügge die wachsende Mobilität der Menschen: „Mit jedem Umzug wird es unwahrscheinlicher, dass jemand erneut den Kontakt mit seiner Kirchengemeinde sucht.“ Die Angebote in der Kirche seien nicht niedrigschwellig und einladend genug. Besonders junge und kreative Menschen zögen häufig um, die damit verloren gingen. „Großorganisationen werden so immer konservativer, greisenhafter und machen immer weniger Lust, sich zu beteiligen“, stellte Flügge fest. Die innere Harmonie wachse dadurch, aber es mache das Leben in der Kirche weniger lebenswert.

Erzbischof Schick griff in seiner Ansprache den Titel des Vortrags auf und wünschte sich: „Lasst uns eine Kirche für viele, ja sogar für alle sein und nicht ein heiliger Rest.“ Die Kirche brauche mehr Engagement und mehr Partizipation, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Bereichen, sagte Schick. In seiner Ansprache dankte der Erzbischof allen, die daran mitwirken, das kirchliche Leben im Erzbistum lebendig zu halten, und würdigte ausdrücklich das Wirken der Jugendlichen und Ehrenamtlichen in den Pfarrgemeinden sowie in den Verbänden und der neu gebildeten Frauenkommission: „Wir brauchen mehr Frauenpower in der Kirche.“

Schick ging auch auf die Missbrauchsfälle in der Kirche ein: „Es ist unser fester Wille, alles zu tun, was den Opfern Heilung bringt und Wiedergutmachung leistet und was die Täter bestraft.“ Durch Prävention solle alles getan werden, was solche Taten verhindert. Nötig sei eine moralische Erneuerung sowie eine Änderung der Strukturen, die Missbrauch begünstigen oder verdecken.

An dem Empfang im Kur- und Kongress-Center nahmen rund 600 Gäste aus Kirche, Politik, Kultur und Gesellschaft teil. Der Erste Bürgermeister von Bad Windsheim, Bernhard Kisch, sprach ein Grußwort. Für die musikalische Gestaltung sorgte die Gruppe „Onoldia Brass“.