Uni­ver­si­tät Bay­reuth: “Wer spricht?” – Erzäh­len vom Mit­tel­al­ter bis in die Gegen­wart

Auch ein Team von Bay­reu­ther Ger­ma­ni­stIn­nen nimmt an der der­zei­ti­gen Aus­schrei­bung des Stif­ter­ver­ban­des für die Deut­sche Wis­sen­schaft teil und bewirbt sich um ein „MOOC Pro­duc­tion Fel­low­ship“.

Neben den Rechts­wis­sen­schaft­le­rIn­nen der Uni­ver­si­tät Bay­reuth geht auch ein fünf­köp­fi­ges Team Bay­reu­ther Ger­ma­ni­stIn­nen ins Ren­nen um eine För­de­rung des Deut­schen Stif­ter­ver­ban­des: Dr. Sil­van Wag­ner und Prof. Dr. Ger­hard Wolf aus der Älte­ren Deut­schen Phi­lo­lo­gie, Dr. des. Nata­lia Igl und Prof. Dr. Mar­tin Huber aus der Neue­ren deut­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft sowie Dr. Son­ja Zeman aus der Münch­ner Lin­gu­istik, bewer­ben sich mit einem inno­va­ti­ven Kon­zept für einen „Mas­si­ve Open Online Cour­se“ (MOOC) zum The­ma „Der Erzäh­ler – Mate­ria­li­tät und Vir­tua­li­tät vom Mit­tel­al­ter bis zur Gegen­wart“.

Zu gewin­nen sind 25.000 Euro För­de­rung für die media­le Umset­zung des Online-Semi­nars. Der Bei­trag steht bis zum 22. Mai 2013 in einer öffent­li­chen Abstim­mung. Jeder kann sich dar­an betei­li­gen und sein Inter­es­se an dem Online-Kurs, sei­nen Inhal­ten und sei­nem metho­di­schen Kon­zept bekun­den. Eine Jury wählt schließ­lich auch auf Grund der Popu­la­ri­tät zehn För­der­preis­trä­ger, die ihr Kon­zept anschlie­ßend über die Platt­form iver­si­ty rea­li­sie­ren dür­fen. Infor­ma­tio­nen zum Kurs­kon­zept und die Mög­lich­keit zum Abstim­men fin­den Sie unter

https://​moo​c​fel​low​ship​.org/​s​u​b​m​i​s​s​i​o​n​s​/​d​e​r​-​e​r​z​a​h​l​e​r​-​m​a​t​e​r​i​a​l​i​t​a​t​-​u​n​d​-​v​i​r​t​u​a​l​i​t​a​t​-​v​o​m​-​m​i​t​t​e​l​a​l​t​e​r​-​b​i​s​-​z​u​r​-​g​e​g​e​n​w​art

Ein MOOC, ein „Mas­si­ve Open Online Cour­se“, ist ein öffent­lich und frei zugäng­li­cher Kurs, der voll­stän­dig im Inter­net ange­bo­ten wird. Die Kurs­in­hal­te wer­den auf­wän­dig medi­en­ge­recht in ver­schie­de­nen For­men auf­be­rei­tet.

Hin­ter­grund

Mit dem gewähl­ten Kurs­the­ma „Der Erzäh­ler“ grei­fen die Bewer­be­rIn­nen ein grund­sätz­li­ches Pro­blem der Ger­ma­ni­stik auf. So selbst­ver­ständ­lich es ist, dass eine Erzäh­lung von einem Erzäh­ler erzählt wird, so schwie­rig ist die­ser theo­re­tisch zu grei­fen. Histo­risch betrach­tet: Epi­sche Lite­ra­tur wur­de im Mit­tel­al­ter einem Publi­kum vor­ge­le­sen, vor­ge­tra­gen und vor­ge­sun­gen (auch gan­ze Roma­ne), heu­te dage­gen wird vor­nehm­lich pri­vat und im Stil­len gele­sen. Wo und vor allem wer ist in die­sen denk­bar unter­schied­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tio­nen der Erzäh­ler?

Der geplan­te „Mas­si­ve Open Online Cour­se“ der Bay­reu­ther Ger­ma­ni­stIn­nen mit dem Titel „Der Erzäh­ler – Mate­ria­li­tät und Vir­tua­li­tät vom Mit­tel­al­ter bis zur Gegen­wart“ nimmt ein Phä­no­men in den Blick, das sich sowohl in der All­tags­kom­mu­ni­ka­ti­on wie auch in kom­ple­xen erzähl­ten Wel­ten im Medi­um Lite­ra­tur als rele­vant erweist: Erzäh­len erzeugt nicht nur einen vir­tu­el­len Raum, in dem die erzähl­te Hand­lung oder Geschich­te spielt, son­dern geht immer ein­her mit einer bestimm­ten Per­spek­ti­ve auf das Erzähl­te.

Für die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ist die Fra­ge alles ande­re als ein­fach zu beant­wor­ten, wer eigent­lich bei nar­ra­ti­ven (= erzäh­len­den) Tex­ten spricht. Die neu­zeit­lich aus­ge­rich­te­te Erzähl­for­schung (‚Nar­ra­to­lo­gie‘) ver­steht den ‚Erzäh­ler‘ bzw. abstrak­ter gespro­chen die ‚Erzählin­stanz‘ klar als inner­tex­tu­el­le Enti­tät, die vom Autor als außer­tex­tu­el­ler rea­ler Per­son abzu­gren­zen ist. Der „Erzähl­raum“ wird anders als im 12. und 13. Jahr­hun­dert zur Gän­ze inner­halb des Tex­tes erschaf­fen.

Aber: Eine zu simp­le Unter­schei­dung zwi­schen „vor­mo­der­nem“ und „moder­nem“ Erzäh­len bringt auch Pro­ble­me mit sich. So wür­de man ein Gen­re wie den in jün­ge­rer Zeit enorm erfolg­rei­chen Poe­try-Slam – bei dem in der Regel ent­ge­gen der Bezeich­nung weni­ger Lyrik vor­ge­tra­gen, als viel­mehr erzählt wird – durch­aus als „modern“ ein­ord­nen. Den­noch wei­sen Poe­try-Slam und all­ge­mein die Hip Hop-Kul­tur, aus der das Gen­re des Slams her­vor­ge­gan­gen ist, eine deut­li­che Nähe zu „vor­mo­der­nen“ Vor­trags- und Erzähl­sze­na­ri­en wie dem Min­ne­sang auf.

Sol­chen und ähn­li­chen Aspek­ten histo­ri­scher Viel­falt, sprach­li­cher Kom­ple­xi­tät und anthro­po­lo­gi­scher Kon­stan­ten des Erzäh­lens will der Kurs „Der Erzäh­ler – Mate­ria­li­tät und Vir­tua­li­tät vom Mit­tel­al­ter bis zur Gegen­wart“ nach­ge­hen.

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