Bürgerforscherprojekt „Igel in Bayern“ wird fortgesetzt

Erste Ergebnisse bringen wichtige Erkenntnisse zu Straßen und Gärten –- Teilnehmerzahlen haben Erwartungen weit übertroffen

Im Rahmen des Pilotprojekts „Igel in Bayern“ sind Bürgerforscher in ganz Bayern seit dem Frühlingsbeginn aufgerufen, gesichtete Igel über das Internet oder per App zu melden. Mit einer Beteiligung von über 20.000 Meldungen und über 28.500 Tieren in acht Monaten wurden die Erwartungen der beiden Partner LBV und BR zum Abschluss des ersten Projektjahres weit übertroffen. Eine erste Auswertung aller Meldedaten zeigt, dass zwei Drittel aller erfassten bayerischen Igel lebendig beobachtet wurde. Die Mehrzahl der toten Igel wiederum wird in der Nähe von Siedlungsbereichen überfahren. Beunruhigend ist die falsch verstandene Tierliebe einiger Igelfreunde, die den Igel wie ein Haus- und nicht wie ein Wildtier behandeln.

Wie erwartet starb die Mehrzahl der erfassten toten Tiere durch Straßenverkehr. Dabei ist jedoch auffällig, dass die meisten verkehrstoten Igel in der Nähe von Siedlungsbereichen gemeldet wurden. „So liegt die Vermutung nahe, dass sich der Igel als Kulturfolger tatsächlich weitgehend aus dem Waldrandbereich und der Feldflur zurückgezogen hat und nun hauptsächlich in unseren Gärten wohnt“, erklärt die LBV-Igel-Expertin Martina Gehret. Dieses Ergebnis unterstreicht wiederum die Wichtigkeit des bisher stark unterschätzen Lebensraums Garten, vor allem wenn er naturnah angelegt ist und so dem Igel Nahrung und Unterschlupf bietet.

Während der Projektlaufzeit wurde ebenfalls deutlich, dass der Igel nicht nur unter dem Verlust des Lebensraums, erhöhtem Verkehrsaufkommen und dem Einsatz von Giften leidet. „Durch seine Beliebtheit und seine scheinbare Unbeholfenheit wird der Igel allzu oft Opfer falsch verstandener Tierliebe“, berichtet Martina Gehret. Gerade zur Herbstzeit werden Igel teils massenhaft eingesammelt und müssen in Kellern überwintern. Der LBV befürwortet zwar die Unterstützung und Pflege einzelner hilfsbedürftiger Tiere, lehnt aber das grundlose Überwintern in menschlicher Obhut ab. Als Konsequenz will der Naturschutzverband nun mehr Zeit in die Aufklärungsarbeit investieren. „In vielen Köpfen herrscht nach wie vor die falsche Meinung, dass ein Wohnzimmer ein geeigneter Lebensraum für Igel ist und dass man Igel mit Milch oder Äpfeln füttern kann“, weiß Gehret.

Einen wichtigen Teil der Aufklärungsarbeit leistet bereits jetzt die Homepage www.igel-in-bayern.de. LBV und BR bieten dort einer aktiven Nutzer-Community regelmäßig Wissen über die Tiere und den artgerechten Umgang mit ihnen an. Armin Olbrich, Leiter der Wissenschaftsredaktion im BR-Fernsehen: „Der BR kann so nicht nur viele Menschen aufmerksam machen und informieren, sondern auch dazu motivieren, aktiv im Garten etwas für den Igel zu tun. Letztendlich – und das ist das Wichtigste – können wir damit alle einen wertvollen Beitrag zum Naturschutz leisten.“

Neben der Igel-Erfassung über Webseite und App waren für das Projekt auch 50 sogenannte Berufspendler auf Bayerns Straßen unterwegs. Die Bekannteste unter ihnen ist die Schauspielerin Anna Maria Sturm. Außerdem steht der LBV auch mit dem Wissenschaftler Prof. Josef H. Reichholf in Kontakt, der bereits seit 40 Jahren auf der Strecke München-Bad Füssing systematisch Daten über Igel sammelt. Durch den Vergleich von Jahrzehnten konnte Josef Reichholf bereits einen Rückgang der Igelpopulation um 40 Prozent auf seiner Stammstrecke nachweisen. „Mit der Weiterführung des Projekts werden auch wir zukünftig Daten vergleichen können und dann sehen, wie es dem Igel in Bayern geht. Dabei sind wir aber weiterhin auf die tatkräftige Unterstützung vieler bayerischer Bürgerforscher angewiesen“, so der von Ausblick Martina Gehret.

Auf mehrere Jahre angelegt, will das Projekt herausfinden, wie es dem Igel in Bayern und seinem Lebensraum geht, um so konkrete Schutzmaßnahmen für ihn zu entwickeln. Unter der Fragestellung „Wo werden Igel gefunden?“ werden derzeit alle Meldedaten mit den bayerischen Landnutzungsdaten abgeglichen und in einer Modellierung auf den gesamten Freistaat hochgerechnet. „So werden wir übersichtlich darstellen können, wo in Bayern noch häufiger und wo nur noch selten Igel vorkommen“, erklärt Martina Gehret.

Als erste Schutzmaßnahme möchte der LBV mehr Zeit in die Aufklärungs- und Bildungsarbeit investieren. So wird kurz vor Beginn der nächsten Igelsaison im März 2016 zusammen mit dem Tierheim Nürnberg ein kostenloser Igel-Informationsabend stattfinden. Weiterhin sind verschiedene Bildungsmaterialien für Schüler in Arbeit. Außerdem wird der bekannte Kindermusiker DONIKKL das Projekt 2016 als „Igelbotschafter“ unterstützen und vor allem den jungen Naturschützern alles rund um den Igel durch Erklär-Videos näher bringen.

Obwohl bald alle Igel im Winterschlaf sein werden, können auch den gesamten Winter über mögliche ungewöhnliche Beobachtungen gemeldet werden. Im Frühling 2016 werden der Landesbund für Vogelschutz und der Bayerische Rundfunk in ein zweites Projektjahr starten.

Mehr unter www.igel-in-bayern.de

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