Sonntagsgedanken: Kenn ich Dich?

Symbolbild Religion

“Du brauchst mir gar nichts zu sagen. Ich kenne dich ganz genau und weiß ganz genau Bescheid über dich!“

Liebe Freunde,

solche Aussagen sind uns allen bekannt, und bestimmt haben wir sie auch schon oft gebraucht. „Du brauchst mir gar nichts zu sagen, ich kenne dich doch ganz genau.“ Ja, es wird dann auch meist nichts mehr gesagt, denn bei solchen Killersätzen ist das Gespräch schon zu Ende, bevor es angefangen hat.

Meine Freunde, so oft werden Menschen einfach in eine Schublade gesteckt, weil wir meinen, sie gut zu kennen. So oft fällen wir über Menschen ein Urteil, weil wir meinen, sie so gut zu kennen. So oft werten wir andere ab, weil wir sie angeblich in- und auswendig kennen, und wir lassen nichts Gutes an Ihnen, egal was sie auch tun, ganz zu schweigen davon, dass wir ihnen mal einen Dank sagen oder wenigstens einmal ein Zeichen von Anerkennung zukommen lassen würden, weil derjenige oder diejenige eh nichts zustande bringe, denn: Wir kennen sie oder ihn doch. Aber kennen wir die anderen wirklich?

Ich glaube nicht, dass wir einen Menschen wirklich so gut kennen, dass wir in der Tat nichts Neues mehr durch ihn erfahren oder entdecken könnten. Gut, manchmal mag das ja auch tatsächlich so sein. Es soll ja vorkommen, dass sich Menschen so gut kennen, dass sie eigentlich gar keine Worte mehr brauchen. Bei Ehepaaren, die seit vielen Jahrzehnten verheiratet sind, soll das ja schon einmal vorkommen, dass man sich wortlos versteht, weil man sich tatsächlich so gut kennt. Aber ich denke, das ist dann doch die ganz große Ausnahme.

Genau mit den Menschen, die auf etwas Bestimmtes festgelegt wurden, kann Jesus gut mitfühlen, denn man hat auch ihn festgelegt: Schließlich ist er ja nur der Sohn des Zimmermanns. Man hat ihn festgelegt, weil man ihn genau zu kennen glaubt, denn seine Familie lebt im selben Dorf.
Warum tut man das überhaupt? Ich glaube, es geschieht aus einem ganz einfachen Grund: Es ist bequem, denn ich brauche mich auf niemanden und vor allem auf nichts Neues einzulassen. Ich habe meine Schublade, in der der eine oder die andere drinnen ist und muss mich gar nicht mehr umstellen mit meinem Vorurteil.

Aber mit einem solchen Denken und Handeln wird das Leben an seiner Entfaltung gehindert. Im Evangelium heißt es: Jesus konnte in seiner Heimat keine Wunder wirken. Klar, er hatte gar keine Chance.

Und so wie Jesus an einer solchen Haltung verzweifelte, so sind heute viele Menschen verzweifelt, haben aufgegeben, können und wollen nicht mehr. Das Gefühl, genau zu wissen, wer der andere doch ist, behindert, erschwert Menschen, sich zu verändern und neu zu werden. Wo aber Menschen dabei aufgehalten werden, sich zu entfalten, wo Menschen fest in Rollen einzementiert werden, dort werden sie letztlich daran gehindert, wirklich zu leben.

Denn genau das ist doch Leben! Leben, das ist Entfaltung, ist Bewegung. Leben, das ist Veränderung, das ist auf Wachstum hin angelegt. Deswegen werden Menschen, die wir festlegen, am Leben gehindert. Da stirbt etwas ab.

Deswegen sollten wir aufhören mit unserem Schubladendenken, mit unserem „Nur Ich“ und „Der andere kann eh nichts“, wir sollten den Nächsten als das wahrnehmen, was jeder Menschen ist: ein genialer Gedanke unseres Gottes. Und jeder hat seine guten und weniger guten Seiten. Jeder sollte die Möglichkeit haben, jeden Tag „neu zu werden“!

Freilich ist das alles nicht so einfach, aber es ist meine Möglichkeit, für mich die einzige Möglichkeit, das Leben in seiner Vielfalt zuzulassen.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie nie in Schubladen eingeschlossen werden, dass Sie sich vielmehr frei entfalten können, denn Sie sind ein genialer, wunderbarer und einzigartiger Gedanke Gottes.

Klaus Weigand


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Infos zu Pfarrer Klaus Weigand

  • Geboren 1966 in Erlenbach am Main (Unterfranken)
  • Abitur am Theresianum in Bamberg 1989
  • Studium der Kath. Theologie in Bamberg und Wien
  • Priesterweihe 1998
  • Tätigkeiten:
  • Fürth, Christkönig von 1997 – 2010
  • Buckenhofen als Pfarradministrator 2010 – 2015
  • seit 2015 in Heroldsbach und Hausen

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