Zet­tels Refle­xio­nen: Existenz

Peter Zettel
Peter Zettel

Exi­stenz­phi­lo­so­phie ist die Phi­lo­so­phie der Natur, der Welt. Tie­re, Vögel, Insek­ten, Pflan­zen alles Exi­stie­ren­de hat ja unter­schied­lich­ste Lebens­for­men, die – vor­ran­gig – immer dem Über­le­ben der Spe­zi­es die­nen und sich mit den öko­lo­gi­schen Bedin­gun­gen auch ändern, also nie sta­tisch sind.

Doch es geht dabei nicht nur um das Über­le­ben der Spe­zi­es, son­dern um das Leben an sich, die gan­ze Natur der Welt ist genau dar­auf aus­ge­rich­tet. Die gan­ze Natur ist ein rie­si­ges Öko­sy­stem, was etwa an dem Bei­spiel der Wöl­fe im Yel­low­s­tone Natio­nal­park zu erken­nen ist, ein sym­bio­ti­sches Miteinander.

Oder die Tat­sa­che, dass das „Alpha-Männ­chen“ ein Mythos ist. Jeden­falls bei Wöl­fen. Aber viel­leicht ist das bei Men­schen genau­so? Anders als oft ange­nom­men gibt es bei Wöl­fen kaum Kämp­fe um die Rang­ord­nung. Wolfs­ru­del sind Fami­li­en­ver­bän­de, die domi­nan­ten Tie­re sind die Eltern.

Die fal­sche Vor­stel­lung vom Alpha-Männ­chen stammt von Beob­ach­tun­gen aus der Gefan­gen­schaft. Da wir Men­schen, zwar sehr intel­li­gen­te, letzt­lich jedoch auch von unse­rer Struk­tur her Tie­re sind, schließ­lich stam­men wir ja vom Affen ab, gehe ich davon aus, dass das immer wie­der zu beob­ach­ten­de Alpha-Männ­chen-Ver­hal­ten bei Men­schen ver­gleich­ba­re Grün­de hat.

Aber es geht nicht allein um die schie­re Exi­stenz, son­dern auch um die Exi­stenz des Schö­nen, Guten und der Ästhe­tik. In Japan, des­sen Kul­tur stark von der Phi­lo­so­phie des Tao­is­mus und des Ch’an geprägt ist, gibt es dafür sogar einen Aus­druck, der dem Ver­ständ­nis von Ästhe­tik zugrun­de liegt: Yūgen, die geheim­nis­vol­le Tie­fe der Existenz.

Wenn sich mir in der Schön­heit einer Land­schaft die Tie­fe der Exi­stenz offen­bart, ist das Gefühl über­wäl­ti­gend. Wenn ich mei­nen Fokus ver­än­de­re und mei­ne ego­isti­schen, star­ren Über­zeu­gun­gen zurück­las­se, kann ich die geheim­nis­vol­le Tie­fe der Exi­stenz erken­nen und ein ein­ma­li­ges Gefühl erle­ben, das mir sagt, wor­um es geht.

Komisch, dass ich bei sol­chen Gedan­ken immer auch an mein Motor­rad und die Aus­flü­ge damit den­ken muss, oder die Urlau­be an der See, in der Tos­ca­na wie in Süd­ti­rol und dabei das Grin­sen nicht aus mei­nem Gesicht bekomme.

Schla­ge ich ein Buch über die Gestal­tung einer Woh­nung nach den Ch’an- oder Zen-Prin­zi­pi­en auf, erle­be ich das sel­be Gefühl. In der Natur ist es ein­fach, die­ses Gefühl zu erle­ben, im gesell­schaft­li­chen Leben brau­che ich dazu Brücken wie etwa die Logo­the­ra­pie Vic­tor Fran­kls, um aus dem gesell­schaft­li­chen Flie­gen­glas wie­der her­aus­zu­fin­den. Oder Ch’an, genau­so wie das Wis­sen und Beher­zi­gen der Orga­ni­sa­ti­on des Natürlichen.

Das ist wahr­schein­lich gemeint, jeden­falls ver­ste­he ich das so, wenn Huang-Po von dem wah­ren Wesen spricht, das nie ver­lo­ren geht, selbst nicht in den Augen­blicken der Täu­schung und das daher auch nicht im Augen­blick der Erleuch­tung gewon­nen wer­den kann.

Mein „Wesen“, das Bewusst­sein für die nicht beschreib­ba­re Exi­stenz der Mystik des Seins, das etwa in der Schön­heit erfahr­bar ist und das das Böse, zu dem wir Men­schen fähig sind, nicht besei­ti­gen kann, nur verdecken.


Peter Zet­tel

ist pen­sio­nier­ter Anwalt. Seit ein paar Jah­ren ist er begei­ster­ter Motor­rad­fah­rer – sein per­sön­li­cher Weg der Selbst­er­kennt­nis. Er inter­es­siert sich für das, was die Welt bewegt und schreibt dar­über in sei­nem Blog zet​tel​.biz.

Alle bis­her im Wie­sent­bo­ten erschie­nen „Zet­tels Refle­xio­nen

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