Podi­ums­dis­kus­si­on mit Dr. Sil­ke Lau­nert zum The­ma „Ster­be­hil­fe“

Launert, Kallert, Daum Sammet bei der Podiumsdiskussion. Foto: Sebastian Herrmann
Launert, Kallert, Daum Sammet bei der Podiumsdiskussion. Foto: Sebastian Herrmann

„Ster­be­hil­fe ist ein wich­ti­ges The­ma unse­rer Gesellschaft“

Sein 18-jäh­ri­ger Sohn war ver­schwun­den. Cher­no B. aus Mit­tel­fran­ken und die Freun­de sei­nes Soh­nes mach­ten sich auf die Suche und fan­den den jun­gen Mann erhängt in einer Scheu­ne. „Laut Sta­ti­sti­schem Bun­des­amt war 2020 die am häu­fig­sten gewähl­te Sui­zid­Me­tho­de bei Män­nern und Frau­en die Selbst­tö­tung durch Erhän­gen, Stran­gu­lie­ren oder Ersticken“, erklärt die Betreu­ungs­rich­te­rin und Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Sil­ke Lau­nert und fasst wei­ter zusam­men, dass 2020 in Deutsch­land ins­ge­samt 9 206 Per­so­nen, also 25 Men­schen pro Tag, sich selbst das Leben nah­men. Im Febru­ar 2020 hat­te das Ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he das Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt und dies damit begrün­det, dass das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht auch das Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben beinhal­te. Es schlie­ße die Frei­heit ein, sich das Leben zu neh­men und hier­bei auf die frei­wil­li­ge Hil­fe Drit­ter zurück­zu­grei­fen. „Doch wie soll das gere­gelt sein? Eine Reform der Ster­be­hil­fe ist wich­tig, des­halb habe ich zu einer Podi­ums­dis­kus­si­on ein­ge­la­den“, erklärt Sil­ke Launert.

In ihrer frü­he­ren Tätig­keit als Juri­stin war sie mit Sui­zid­fäl­len kon­fron­tiert wor­den. „Des­halb liegt mir das The­ma auch sehr am Her­zen“, fügt die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te hin­zu. Sie erin­nert sich an Fäl­le aus ihrer Zeit als Betreu­ungs­rich­te­rin. Dort hat­te ein jun­ger Mann aus Lie­bes­kum­mer ver­sucht das Leben zu neh­men. „Das war mehr ein Hil­fe­schrei, denn eigent­lich woll­te er leben. Anders als bei einem schwer­kran­ken, alten Mann in einem Alten­heim, der mich anfleh­te nicht fixiert zu wer­den nach­dem er ver­sucht hat­te sich durch Erhän­gen am Bett­git­ter das Leben zu neh­men“, erzählt Lau­nert. Sie habe aber auch den Fall gehabt, dass der Wil­le einer Oma nicht klar war und ihre Ange­hö­ri­gen viel geerbt hätten.

„Ster­be­hil­fe ist ein schwie­ri­ges The­ma“, fasst sie zusam­men. Des­halb hat­te die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te den Lei­ten­den Ärzt­li­chen Direk­tor der Gesund­heits­ein­rich­tun­gen des Bezirks Ober­fran­ken, Pro­fes­sor Tho­mas Kal­lert, den Arzt und Vor­sit­zen­den des Hospiz­ver­eins Bay­reuth, Ste­fan Sam­met, und den evan­ge­li­schen Pfar­rer in Wei­den­berg, Gün­ter Daum, zu einer Dis­kus­si­on in die Tier­zucht­klau­se Bay­reuth ein­ge­la­den. 60 Besu­cher waren eben­falls gekom­men, um den Gesprä­chen zu folgen.

Viele Besucher waren zur Podiumsdiskussion gekommen - Foto Sebastian Herrmann

Vie­le Besu­cher waren zur Podi­ums­dis­kus­si­on gekom­men – Foto Seba­sti­an Herrmann

„Es gibt mehr Sui­zi­de im Jahr als Ver­kehrs­to­te“, infor­mier­te Tho­mas Kal­lert und trug vor: für Medi­zi­ner sei die Sui­zid­prä­ven­ti­on aus­schlag­ge­bend, denn für sie ste­he der Erhalt des Lebens im Vor­der­grund. Er kön­ne sich eine Rege­lung mit Bera­tung durch­aus vor­stel­len, fra­ge sich aber, wer die­se Bera­tung lei­sten soll. Außer­dem müs­se geklärt sein, wie lan­ge nach einer Bera­tung eine Sui­zid­as­si­stenz erfol­gen soll: „Eine schwe­re psy­chi­sche Erkran­kung ist nicht nach drei Tagen behan­delt.“ Eine Zuhö­re­rin merk­te an, dass sie per­sön­lich erfah­ren habe, dass auch in man­chen Kli­ni­ken Geschäf­te mit alten kran­ken Men­schen gemacht wer­den und sie frag­te, wo all die Psych­ia­ter her­kom­men, die Gut­ach­ten erstel­len sol­len. Kal­lert erklär­te, dass der Umgang mit psy­chisch Erkrank­ten klar gere­gelt sei. Wich­tig sei bei Gut­ach­ten, dass der, der die Ent­schei­dungs­frei­heit über­prüft, nicht der ist, der dann die Bei­hil­fe leistet.

Pfar­rer Gün­ter Daum ist als Not­fall­seel­sor­ger im Raum Bad Berneck unter­wegs: „Ster­ben ist also ein The­ma, das mich fast täg­lich beglei­tet.“ Für ihn ist die Grund­vor­aus­set­zung, dass Gott Leben gibt und es auch nimmt. Ihm feh­le in der Debat­te oft die Demut. Oft wol­len nach sei­ner Ansicht die Men­schen gar nicht ster­ben, son­dern unter den gege­be­nen Umstän­den nicht mehr leben. Des­halb sei­en die Mit­men­schen gefor­dert und soll­ten sich fra­gen, wie sie das Leben die­ser Per­son lebens­wer­ter machen kön­nen. „Es wäre lebens­fremd zu ver­schwei­gen, dass es Fäl­le gibt wo es nicht mehr geht. Aber das ist eine Aus­nah­me­si­tua­ti­on.“ Der im Publi­kum anwe­sen­de Bür­ger­mei­ster aus Ahorn­tal Flo­ri­an Que­stel erzähl­te, dass er als frü­he­rer Fach­kran­ken­pfle­ger einen Mann kann­te, der sich 30 Jah­re lang mit sei­ner Krank­heit aus­ein­an­der­set­zen muss­te und dann ein­fach nicht mehr konn­te. „Auch zum Schutz des Per­so­nals muss man eine Rege­lung fin­den.“ Daum bestä­tig­te das und erklär­te, dass man mit dem Pati­en­ten län­ge­re Zeit Gesprä­che geführt und Hil­fe­stel­lung gelei­stet hat­te. Dann kön­ne man des­sen letz­te Ent­schei­dung auch akzeptieren.

„Die Hospiz­ver­ei­ne haben es sich zur Auf­ga­be gemacht, die­se letz­te Lebens­pha­se zu beglei­ten“, erklär­te Ste­fan Sam­met. Ziel sei es, die Lebens­qua­li­tät so zu ver­bes­sern, dass sie kei­nen Grund haben sich zu töten. Ein Besu­cher mel­de­te sich zu Wort, des­sen Frau Ster­be­hil­fe durch ihre Ärz­tin in Anspruch genom­men hat­te. „Sie war eine der 350 Fäl­le, die das seit dem Urteil in Anspruch genom­men hat. Sie ist zwei Jah­re lang gestor­ben.“ Er erzähl­te, dass sei­ne Frau bewusst ster­ben woll­te. Die Ärz­tin hat­te eine Infu­si­on gelegt, die sie selbst auf­dre­hen konn­te. Und auch die Poli­zei war ver­stän­digt wor­den. „Es ist noch eini­ges zu klä­ren. Aber es ist wich­tig zu wis­sen, dass man die freie Ent­schei­dung hat. Auch ist es in der Brei­te noch nicht ange­kom­men, dass es die­ses Urteil gibt. Es gibt noch viel zu tun“, fasst Sil­ke Lau­nert zusammen.


Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen

  • Mit sei­ner Ent­schei­dung vom 26. Febru­ar 2020 (BVerfG, Urteil des Zwei­ten Senats, – 2 BvR 2347/15 -, Rn. 1–343) hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt das in § 217 StGB nor­mier­te Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen Ster­be­hil­fe gekippt und § 217 StGB für nich­tig erklärt.
  • Das Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen Ster­be­hil­fe war 2015 vom Deut­schen Bun­des­tag beschlos­sen worden.
  • Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG) umfasst ein Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben und schließt die Frei­heit ein, sich das Leben zu neh­men und hier­bei auf die frei­wil­li­ge Hil­fe Drit­ter zurückzugreifen.
  • Der Gesetz­ge­ber darf die Ster­be­hil­fe aber regulieren.
  • Es gibt kei­ne Beschrän­kung auf Schwerst­kran­ke oder über­haupt kran­ke Per­so­nen. Jeder hat einen Anspruch auf Ster­be­hil­fe. Vor­aus­set­zung allein ist, dass die­se Men­schen in der Lage sind, einen frei­en Wil­len bil­den zu kön­nen und auf die­ser Grund­la­ge eine freie Ent­schei­dung tref­fen zu können.
  • Die Ent­schei­dung bedarf kei­ner Recht­fer­ti­gung. Der Staat ist nur befugt, den Wil­len zu über­prü­fen, nicht die Motivation.
  • Zu den Regu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten des Gesetz­ge­bers hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Fol­gen­des aus­ge­führt: „Zum Schutz der Selbst­be­stim­mung über das eige­ne Leben steht dem Gesetz­ge­ber in Bezug auf orga­ni­sier­te Sui­zid­hil­fe ein brei­tes Spek­trum an Mög­lich­kei­ten offen. Sie rei­chen von pro­ze­du­ra­len Siche­rungs­me­cha­nis­men, etwa gesetz­lich fest­ge­schrie­be­ner Auf­klä­rungs- und War­te­pflich­ten, über Erlaub­nis­vor­be­hal­te, die die Zuver­läs­sig­keit von Sui­zid­hil­fe­an­ge­bo­ten sichern, bis zu Ver­bo­ten beson­ders gefahr­träch­ti­ger Erschei­nungs­for­men der Sui­zid­hil­fe. Die­se kön­nen auch im Straf­recht ver­an­kert oder jeden­falls durch straf­recht­li­che Sank­tio­nie­rung von Ver­stö­ßen abge­si­chert wer­den. Das Recht auf Selbst­tö­tung ver­bie­tet es aber, die Zuläs­sig­keit einer Hil­fe zur Selbst­tö­tung mate­ri­el­len Kri­te­ri­en zu unter­wer­fen, sie etwa vom Vor­lie­gen einer unheil­ba­ren Krank­heit abhän­gig zu machen. Den­noch kön­nen je nach Lebens­si­tua­ti­on unter­schied­li­che Anfor­de­run­gen an den Nach­weis der Ernst­haf­tig­keit und Dau­er­haf­tig­keit eines Selbst­tö­tungs­wil­lens gestellt werden.“

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