Zet­tels Refle­xio­nen: Unbe­re­chen­ba­re Menschen

Peter Zettel
Peter Zettel

Das sind nicht die, die sich zu ihrer Ideo­lo­gie beken­nen. Dazu kann man etwas sagen, zumin­dest, sofern sie einem zuhö­ren. Oder man kann kon­kret etwas tun. Nein, die wirk­lich Unbe­re­chen­ba­ren sind die, die sich auf der rich­ti­gen Sei­te wäh­nen, sich aber ihrer Denk­struk­tu­ren nicht bewusst sind.

Wie sag­te doch Mar­shall McLu­han? Die Form defi­niert den Inhalt. Doch was ist hier Form und was der Inhalt? Die Ideo­lo­gie, der ich fol­ge, ist Inhalt. Frü­her folg­te ich bei­spiels­wei­se der Ideo­lo­gie der SPD. Wil­ly Brandt und sein Knie­fall waren für mich der Aus­lö­ser, in die SPD ein­zu­tre­ten und mich poli­tisch zu enga­gie­ren. Schein­bar. Doch ohne mein Gel­tungs­be­dürf­nis, das Bedürf­nis, mich dar­zu­stel­len, mein Macht­ver­ständ­nis, die Über­zeu­gung, etwas „Rich­ti­ges“ bewir­ken zu kön­nen sowie mei­ne Fähig­keit, mich aus­zu­drücken waren die Form, die das über­haupt mög­lich gemacht hat.

War­um aber die SPD und nicht die CSU? Oder die Grü­nen? Ganz ein­fach, weil im rich­ti­gen Moment jemand zu mir sag­te, ich sol­le doch mal mit­ge­hen und mir das anhö­ren. Es war ganz ein­fach die Grup­pe von Men­schen, in der ich sozia­li­siert war, Men­schen, denen ich mich zuge­hö­rig fühl­te, weil sie mir Gemein­schaft boten. Der Mensch ist nun ein­mal ein Gemein­schafts­tier, und in der SPD wur­de ich mit offe­nen Armen auf­ge­nom­men, denn man such­te gera­de einen Vor­tän­zer für die anste­hen­de OB-Wahl.

Den­ken Sie, dass das bei mei­nem Vater 1933 anders war, als er sich den Natio­nal­so­zia­li­sten anschloss? Ein intel­li­gen­ter jun­ger Arzt, der etwas wer­den woll­te und der eine Gemein­schaft such­te, war doch sein Vater 1914 gefal­len, er also ohne Vater auf­ge­wach­sen. Und schon war er in der Maschi­ne­rie drin, war ver­führ­bar gewor­den. Und weil er über den Beruf die „rich­ti­gen“ Leu­te ken­nen­lern­te, näm­lich Lud­wig Zuk­schwer­dt, Heinz Kalk, Paul Rostock, Karl Brandt, Georg Magnus, alle im Natio­nal­so­zia­lis­mus ganz vor­ne mit dabei, enga­gier­te auch er sich ganz offen­sicht­lich für die NS-Ideo­lo­gie und war wie sie bereit, mora­li­sche und ethi­sche Gren­zen zu über­schrei­ten. In letz­ter Kon­se­quenz arbei­te­te er dann mit Brandt und Rostock zusam­men, unter ande­rem bei der Durch­füh­rung von Menschenversuchen.

Was unter­schei­det mei­nen Vater von mir? Ich hat­te ein­fach das Glück, nicht im Natio­nal­so­zia­lis­mus zu leben. Und ich hat­te wei­ter das Glück, dass sich in mei­nem beruf­li­chen Umfeld die „rich­ti­gen“ Men­schen für mich inter­es­sier­ten – war­um auch immer. Darf aber Glück oder Pech das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um für das eige­ne mora­li­sche und ethi­sche Ver­hal­ten sein? Sicher nicht! Nur was ist es dann?

Ethik und Moral sind der Inhalt, aber nicht die Form (des Den­kens), die Struk­tur, die sie her­vor­bringt. Für uns Men­schen ist das unser Welt­bild, wie wir uns die Welt und unse­re Bezie­hung dazu vor­stel­len, sowie dar­auf auf­bau­end unse­re Wer­te, die sich dann in der jewei­li­gen Moral und Ethik aus­drücken. Doch wie sta­bil sind sie? Oder anders aus­ge­drückt, wie leicht sind wir ver­führ­bar – wie eben mein Vater? Oder auch ich selbst? Wie gesagt, ich hat­te ver­damm­tes Glück, in einer ande­ren Zeit zu leben. Aber mein Ver­dienst ist es nicht, dass ich nicht in einer radi­ka­len Ecke gelan­det bin. Denn auch ich war ganz klar ver­führ­bar! Und viel­leicht bin ich es noch? Weiß ich es?

Das Ein­zi­ge, was ich tun kann, das ist mei­ne Denk­struk­tu­ren zu klä­ren und mein Den­ken zu trai­nie­ren. Wo immer mög­lich über Fak­ten zu spre­chen und nicht über Wer­te. Mir stets bewusst zu sein, dass Begrif­fe immer rela­tiv sind. Nie­man­den und nichts aus­zu­gren­zen. Mich in gei­sti­ger Pro­prio­zep­ti­on üben, mir bewusst zu sein, was es wirk­lich bedeu­tet, was ich gera­de den­ke. Mir bewusst zu sein, dass Wirk­lich­keit ein Kon­strukt mei­nes Den­kens ist und nicht real exi­stiert. Genau hin­zu­schau­en, etwa, dass eine Fir­ma nie­mals etwas tut, son­dern nur Men­schen etwas tun kön­nen. Eine Fir­ma ist und bleibt ein recht­li­ches Kon­strukt, mehr nicht. Und dass nie­mand so oder so ist, son­dern sich nur so oder so verhält.

Die Liste ist lang. Aber sie ist ele­men­tar und ich muss mich dar­an hal­ten, will ich nicht ver­führ­bar sein. Denn ich wer­de nicht ver­führt, ich bin ver­führ­bar – oder nicht. Vor allem muss ich auf­hö­ren zu glau­ben, dass mei­ne „guten Absich­ten“ wie mei­ne mir bewuss­ten Ein­stel­lun­gen mich auch im Ernst­fall schüt­zen wür­den. Es ist ein lan­ger Weg vom expli­zi­tem Den­ken zu impli­zi­tem Den­ken. Das habe ich erfreu­li­cher­wei­se durch das Motor­rad­fah­ren „gelernt“. Ich fing erst mit 65 damit an. Da ich ein paar Seme­ster Phy­sik stu­diert hat­te, begriff ich sehr schnell, wie ich idea­ler­wei­se um eine Kur­ve fah­re. Doch es dau­ert eine Ewig­keit, bis ich es auch end­lich konnte.

Was mir fehl­te, war die gei­sti­ge Pro­prio­zep­ti­on, die gei­sti­ge Prä­senz und damit unbe­wuss­te (!!) Anwend­bar­keit mei­nes vor­han­de­nen Wis­sens. Das Schö­ne beim Motor­rad­fah­ren ist, dass ich unmit­tel­bar und sehr direkt mer­ke, wenn ich mein Wis­sen noch nicht ver­in­ner­licht habe. Beim Den­ken ist das schon schwie­ri­ger, da mei­nen wir sehr schnell, wir wür­den immer genau so den­ken, wie wir bewusst den­ken. Nur das stimmt lei­der nicht. Dum­mer­wei­se glau­ben sehr vie­le, dass etwas bewusst zu den­ken auch bedeu­tet, dass man es nicht­be­wusst auch den­ken wür­de. Das ist nicht zwin­gend der Fall, nur wenn wir es ver­in­ner­licht haben. Das aber kön­nen wir bewusst nicht wissen!

Das zeigt sich nur in unse­rem Tun. Doch mei­ne unbe­wuss­ten poli­ti­schen Gedan­ken bekom­me ich sel­ten so klar prä­sen­tiert wie mein unbe­wuss­tes Ver­hal­ten auf dem Motor­rad. Die­ses ande­re Ele­ment, das uns kla­res Feed­back gibt, das haben wir in den aller­sel­ten­sten Fäl­len. Wie gesagt, ich selbst bin mir kein guter Feed­back­ge­ber, denn ich fin­de erst ein­mal alles rich­tig, was ich tue, auch wenn es falsch ist.

Wenn ich jedoch, wie Jon Kabat-Zinn sagt, die Wel­len zwar nicht stop­pen kann, aber ler­nen kann, auf ihnen wie ein Sur­fer zu rei­ten, dann muss ich wohl oder übel wirk­lich rich­tig den­ken – und nicht nur glau­ben, ich wür­de es tun.


Peter Zet­tel

ist pen­sio­nier­ter Anwalt. Seit ein paar Jah­ren ist er begei­ster­ter Motor­rad­fah­rer – sein per­sön­li­cher Weg der Selbst­er­kennt­nis. Er inter­es­siert sich für das, was die Welt bewegt und schreibt dar­über in sei­nem Blog zet​tel​.biz.

Alle bis­her im Wie­sent­bo­ten erschie­nen „Zet­tels Refle­xio­nen

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