Zet­tels Refle­xio­nen: Ver­ste­hen allein genügt nicht

Peter Zettel
Peter Zettel

Man muss es auch begrei­fen. Etwa war­um der Regen zur Erde fällt, wäh­rend die Wol­ken am Him­mel blei­ben? War­um brennt Feu­er? War­um sind Pflan­zen grün und woher kommt der Mensch?

Die Welt ist vol­ler Rät­sel und die Ant­wor­ten der „hei­li­gen Män­ner“ stel­len die wenig­sten zufrie­den; sie spü­ren, dass irgend­et­was die­se Welt regiert. Doch was ist es? Heu­te wis­sen wir, dass die Welt von phy­si­ka­li­schen Geset­zen bestimmt wird und der Mensch beherrscht sie soweit, dass er beein­drucken­de Tech­no­lo­gien ent­wickeln kann.

Dank der Erkennt­nis­se der Quan­ten­phy­si­ker kön­nen wir mitt­ler­wei­le sehr vie­le Ereig­nis­se in der Welt ver­ste­hen, ja sogar der Ant­wort auf die Fra­ge, wie der Koskos ent­stan­den ist, nähern wir uns. Die unbe­ant­wor­te­te Fra­ge ist nur, ob wir Men­schen als Gesell­schaft das über­haupt begrif­fen haben.

Es ist eine Sache, Kom­ple­xi­tät zu ver­ste­hen, eine ganz ande­re ist es jedoch, sie auch tat­säch­lich zu leben; wirk­lich zu leben. Wir schaf­fen es zwar, auf den Mond zu flie­gen oder Quan­ten­com­pu­ter zu bau­en, doch mit der glei­chen Ernst­haf­tig­keit und Selbst­ver­ständ­lich­keit reden wir über Krieg, Aus­beu­tung und Gewalt, so als wäre das das Natür­lich­ste und Selbst­ver­ständ­lich­ste auf der Welt.

Dabei könn­ten wie wis­sen, dass die Welt und der gan­ze Kos­mos das in sich dif­fe­ren­zier­te Eine ist, wie Hans-Peter Dürr es ein­mal genannt hat. Nur wes­halb han­deln wir nicht ent­spre­chend? Ganz ein­fach, weil wir offen­sicht­lich nicht zwi­schen expli­zi­tem und impli­zi­tem Wis­sen unterscheiden.

Ein Bei­spiel: Da ich ein tech­nik­in­ter­es­sier­ter Mensch bin, wuss­te ich im Grun­de, wie man Motor­rad fährt, bevor ich je auf einem geses­sen habe. Das bedeu­te­te jedoch nicht, das ich auch hät­te fah­ren kön­nen. Das habe ich dann gleich zu Anfang gemerkt, Ich fah­re jetzt 6 Jah­re und wür­de noch lan­ge nicht behaup­ten, dass ich wirk­lich Motor­rad fah­ren kann, allen­falls nähe­re ich mich dem an. Es ist nun ein­mal ein Unter­schied zwi­schen Theo­rie und Praxis.

Nicht anders ist es beim Den­ken, das uns natur­ge­mäß ganz selbst­ver­ständ­lich ist. Von klein auf habe ich gelernt, mein Gehirn zu benut­zen und habe das auch recht gut hin­be­kom­men, jeden­falls fin­de ich das. Bis ich mir ein­ge­stand (lan­ge nach­dem ich es bemerk­te), dass in mei­nem Leben irgend­et­was nicht pass­te, nicht stim­mig war.

Wie beim Motor­rad­fah­ren merkt man jedoch sei­ne Defi­zi­te nicht, wenn man nicht an die Gren­ze des (für einen selbst) „eigent­lich“ Mög­li­chen geht, auch ohne die Sicher­heits­gren­zen anzu­grei­fen. Aber wie beim Motor­rad­fah­ren kann man auch im Den­ken einen Flow erle­ben, wenn man es tut und sich an der Gren­ze des einem Mög­li­chen bewegt.

Doch wie beim Motor­rad­fah­ren muss man erst ein­mal die Gesetz­mä­ßig­kei­ten ken­nen. Und da unter­schei­den sich Den­ken und Motor­rad­fah­ren gewal­tig. Beim Motor­rad mer­ke ich mei­ne Gren­zen schnell, aber nicht im Den­ken. Da fühlt sich unstim­mi­ges Den­ken voll­kom­men kor­rekt an. Ich kann defrag­men­tiert den­ken und trotz­dem fühlt sich das voll­kom­men stim­mig an – ist es aber oft nicht. Jeden­falls dann nicht, wenn ich nicht die Struk­tur des Kos­mos, also die Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Kos­mos, in mei­nem Den­ken abbilde.

Solan­ge ich all das nicht akzep­tie­re, dass es so ist, so lan­ge bleibt mir der Weg in die wirk­li­che Selbst­be­stimmt­heit ver­schlos­sen. Man kann das sehr gut an dem Bei­spiel der Phy­sik ver­ste­hen. Ich muss mir nur vor Augen hal­ten, was mir mit dem Wis­sen der klas­si­schen Phy­sik mög­lich war und was jetzt mit dem Wis­sen der Quan­ten­me­cha­nik mög­lich ist.

Wie aber bil­de ich die Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Kos­mos in mei­nem Den­ken ab? Ganz ein­fach, indem ich die phy­si­ka­li­schen Effek­te auch für mich selbst glei­cher­ma­ßen für gege­ben halte.

Der wesent­li­che Unter­schied zwi­schen klas­si­scher Phy­sik und Quan­ten­phy­sik ist, dass sich die Phä­no­me­ne wahr­neh­men las­sen, wenn sie der klas­si­schen Phy­sik fol­gen – aber nicht mehr, wenn es sich um Quan­ten­phä­no­me­ne han­deln. Die kön­nen nicht wahr­ge­nom­men, nur gedacht wer­den. Wohl auch ein Kri­te­ri­um für das Den­ken. Und genau das macht es tückisch, denn das ver­lei­tet schnell zum Mystifizieren.

Da bleibt einem nur die Din­ge kon­se­quent zu unter­su­chen und zu veri­fi­zie­ren. Nur was ich letzt­lich veri­fi­zie­ren kann, kann ich auch als gege­ben anneh­men. Dabei geht es ja auch nicht dar­um, dass ich etwa das Phä­no­men des Dop­pel­spalt­ver­suchs in mei­nen Ner­ven­zel­len fest­zu­stel­len suche, son­dern erst ein­mal die Tat­sa­che zu unter­su­chen – bei sich selbst –, dass der Beob­ach­ter eine Rol­le spielt. Das wird dabei in der Regel über­se­hen, dabei lässt es sich leicht verifizieren.

Geht erstaun­lich ein­fach, man muss sich nur fra­gen, wie das Auto, das man sieht, in den eige­nen Kopf kommt. Dann kann man sich auch fra­gen, wie die Annah­me, jemand sei trau­rig oder sonst was in den eige­nen Kopf kommt. Es ist schon schwer vor­stell­bar, aber wir sehen immer nur die eige­nen Gedan­ken, wenn wir etwas über ande­re denken.

Daher redu­ziert man sich erst ein­mal auf Fak­ten, wobei man klä­ren muss, was Fak­ten über­haupt sind. Dann, aber erst dann, darf man irgend­wel­che Schlüs­se zie­hen – natür­lich immer nur im Ein­klang mit den Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Kos­mos. Die sind sehr ein­fach, im Grun­de sind es zwei wesent­li­che Din­ge: Alles ist Geist und alles ist mit­ein­an­der in Bezie­hung. Alles wei­te­re baut dar­auf auf.


Peter Zet­tel

ist pen­sio­nier­ter Anwalt. Seit ein paar Jah­ren ist er begei­ster­ter Motor­rad­fah­rer – sein per­sön­li­cher Weg der Selbst­er­kennt­nis. Er inter­es­siert sich für das, was die Welt bewegt und schreibt dar­über in sei­nem Blog zet​tel​.biz.

Alle bis­her im Wie­sent­bo­ten erschie­nen „Zet­tels Refle­xio­nen

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