Zet­tels Refle­xio­nen: „Wahr­neh­mung verstehen“

Peter Zettel
Peter Zettel

Was wir wahr­neh­men, leben wir regel­recht. Sagen wir „Ham­mer“, set­zen wir den Begriff kör­per­lich in uns um. Wir stel­len uns einen Ham­mer nicht nur vor – sonst könn­ten wir ja nicht über ihn nach­den­ken oder spre­chen –, son­dern der Begriff beein­flusst auch unse­re wei­te­re Wahrnehmung.

Das Gehirn ana­ly­siert nicht nur den Klang des Wor­tes „Ham­mer“, son­dern auch alle mög­li­chen Vor­stel­lun­gen über den Gebrauch eines Ham­mers – und berei­tet damit das dem ent­spre­chen­de Ver­hal­ten vor. Was mitt­ler­wei­le hin­läng­lich unter­sucht ist. Der für Bewe­gung zustän­di­ge Bereich des Gehirns wird in dem Moment aktiv, wenn wir etwa das Wort „Ham­mer“ hören. Oder „schwer“. Oder „Pro­blem“.

Allei­ne mit dem Hören eines Wor­tes ist der gesam­te Raum der Mög­lich­kei­ten in unse­rem Den­ken exi­stent, was man, um bei dem Bei­spiel zu blei­ben, mit einem Ham­mer alles tun kann. Des­halb beein­flus­sen Frames – nicht nur in der Poli­tik – unser Den­ken und unser Han­deln und nicht nur, wie vie­le noch immer glau­ben, „nur“ unse­re Sprache.

Das gesam­te moto­ri­sche System bis hin zu den Mus­keln wird über die neu­ro­na­len Schalt­krei­se in Akti­ons­be­reit­schaft ver­setzt. Höre ich den Begriff „Angriff“, gehe ich selbst auto­ma­tisch und ohne, dass mir das in der Regel bewusst wäre, in den Ver­tei­gungs- oder Gegen­an­griffs­mo­dus, es sei denn, ich stel­le mich lie­ber gleich tot und sag nichts. Höre ich bei­spiels­wei­se das Wort Asyl­su­chen­der, wird alles, was damit in Zusam­men­hang steht, in mei­nem Gehirn akti­viert – und damit auch in mei­nem Kör­per. Habe ich ein Pro­blem mit Asyl­su­chen­den, wird sich mein Mus­kel­to­nus ver­här­ten, ich wer­de ange­spannt. Sieht man leicht in mei­nem Gesicht.

Ein Asyl­su­chen­der bleibt, muss inte­griert wer­den, kann (meist) erst ein­mal die Spra­che nicht und und und. Eine Men­ge Pro­ble­me. Was ein Asyl­su­chen­der ist, ist jedoch – für mich – gesetz­lich gere­gelt. Ein Wirt­schafts­flücht­ling ist etwas ganz ande­res. Es macht also in mei­nem Den­ken und mei­ner Hand­lungs­be­reit­schaft einen enor­men Unter­schied, wor­um es geht: Asyl­su­chen­der oder Wirt­schafts­flüch­ling. Gebrau­che ich die Begrif­fe nicht kor­rekt, akti­vie­ren ich einen nicht stim­mi­gen Frame und damit einen nicht stim­mi­gen Pro­zess in uns. Ein Asyl­ber­ber ist ja ein Mensch mit ganz ande­ren Inter­es­sen als ein Flücht­ling, ein Migrant oder ein Wirtschaftsflüchtling.

Ein Asyl­be­wer­ber muss inte­griert wer­den, ein Flücht­ling braucht Schutz, bis er wie­der in sein Hei­mat­land zurück kann. Ist es ein Wirt­schafts­flücht­ling, dann stellt sich die Fra­ge wie wir dem Land hel­fen kön­nen, etwa indem wir es nicht aus­beu­ten. Durch die kla­re Dif­fe­ren­zie­rung akti­vie­re ich ganz unter­schied­li­che Frames und damit ganz unter­schied­li­che Denk- und Handlungsmodi.

Genau­so ist es, wenn ich davon spre­che, dass ein Kon­zern etwas tun müss­te. Etwas völ­lig ande­res ist es hin­ge­gen, wenn ich davon rede, dass Men­schen in einer bestimm­ten Posi­ti­on etwas tun müss­ten. Da wer­den völ­lig unter­schied­li­che Frames akti­viert. Ent­schei­dend ist, ob ich mir bewusst bin, dass es Kon­zer­ne in der Rea­li­tät nicht gibt, sie gibt es ja nur als juri­sti­sche Kon­struk­ti­on und sie sind so wirk­lich wie eine „juri­sti­sche Sekun­de“ – näm­lich gar nicht, nur ein Gedan­ken­kon­strukt, das es in der Rea­li­tät jedoch über­haupt nicht gibt.

„Begrif­fen“ habe ich das mit der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Akti­vi­tät mei­nes Vaters im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Es ist näm­lich etwas völ­lig ande­res, ob ich mich mit „den Nazis“ und „dem Natio­nal­so­zia­lis­mus beschäf­ti­ge – oder mit dem Tun einer kon­kre­ten Per­son. Rede ich über den Natio­nal­so­zia­lis­mus, macht mich das nur wütend, rede ich hin­ge­gen über den Men­schen, der etwas getan hat, in die­sem Fall also mein Vater, dann über­le­ge ich, was er gedacht haben muss, das er zu sol­chen Taten fähig war. Das ist die Vor­aus­set­zung um mich fra­gen zu kön­nen, ob ich nicht genau die sel­ben gedank­li­chen Feh­ler mache wie er.

Ver­wen­den wir einen unzu­tref­fen­den Begriff, akti­vie­ren wir einen unzu­tref­fen­den Frame und damit eine unzu­tref­fen­de Hand­lungs­be­reit­schaft. Spre­che ich über einen Kon­zern, akti­vie­re ich wahr­schein­lich den Frame „da wird ja doch nichts gemacht!“, spre­che ich hin­ge­gen über den Men­schen, der etwas tun kann, dann akti­vie­re ich den Frame „wie könn­te ich den errei­chen?“. Oder ich mache wie­der einen ande­ren Frame auf und fra­ge mich, wie ich den kon­kret errei­chen kann.

Es gibt also eine direk­te Ver­bin­dung zwi­schen der Ver­wen­dung von Begrif­fen und dem, was wir tun. Hat die Psy­cho­lo­gin und Lin­gu­istin Shir­ley-Ann Rue­sche­mey­er her­aus­ge­fun­den. Spra­che und Hand­lung darf man also nicht getrennt betrach­ten, son­dern letzt­lich als zwei ver­netz­te und inein­an­der ver­zahn­te Gehirn­be­rei­che – nicht wirk­lich von­ein­an­der zu trennen.

Auch Begrif­fe wie „Begriff“ oder „Begrei­fen“ haben ganz klar einen kör­per­li­chen Bezug. Etwas ver­stan­den zu haben gau­kelt uns vor, wir hät­ten das, wor­über wir spre­chen, erfasst, also begrif­fen. Was aber meist ein fata­ler Irr­tum ist. Theo­re­tisch kann ich viel wis­sen, etwas ande­res ist es, ob ich auch prak­tisch anzu­wen­den weiß. Daher suche ich nicht mit dem Frame zu arbei­ten, dass, habe ich etwas ver­stan­den, ich es auch wirk­lich prak­tisch begrif­fen hät­te. Das ist eben erst ein­mal lei­der nicht der Fall. Wenn ich etwas das erste mal höre, habe ich (hof­fent­lich) nur den Frame für die „Auf­nah­me expli­zi­ten Wis­sens“ aktiviert.

Frames sind frag­los wich­tig, wenn ich han­deln muss. Will ich jedoch nach­den­ken oder mich mit jeman­dem über etwas aus­tau­schen, dann soll­te ich doch lie­ber in den (wirk­li­chen) Dia­log­mo­dus gehen und ohne klar defi­nier­ten Frame zuhö­ren, also offen zuhören.


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