Roman „Sonn­tags­schüs­se II“ von Jonas Phil­ipps: „Trai­nings­auf­takt“

Sonntagsschüsse II

Äch­zend taste­te ich nach dem Han­dy, das nerv­tö­tend auf dem Nacht­tisch vor sich hin vibrier­te. Mein ver­schla­fe­ner Blick streif­te den Radio­wecker. 03.40? Was zum Teufel …

„Ja?“, grum­mel­te ich hei­ser in das Telefon.

Niklas … Na toll. Auch das noch!

„Alter, hast du schon mal auf die Uhr geschaut?“

Bei­na­he fie­len mir die Augen zu. Aber Max’ Grö­len im Hin­ter­grund weck­te mich wie­der auf.

„Ihr Dep­pen seid doch nicht ganz dicht!“

Gäh­nend wälz­te ich mich aus dem Bett und schlüpf­te mit halb­ge­öff­ne­ten Augen in mei­ne Jeans. Was mach’ ich hier eigentlich?

„Mar­co? Ist was pas­siert?“, flü­ster­te Anni­ka mit einem ner­vö­sen Sei­ten­blick zu unse­rem zwi­schen uns schlum­mern­den Sohn Timo.

„Wie man’s nimmt.“

„Was bedeu­tet das?“

„Niklas und Max ste­hen in Grun­zen­bach vor der ver­schlos­se­nen Dis­co und kom­men nicht heim.“

Ihr süßes, schlaf­trun­ke­nes Gesicht starr­te mich ungläu­big an. „Und was machst du jetzt bitte?“

„Na was wohl? Ich hol die bei­den Chao­ten ab!“

Seuf­zend dreh­te sie sich auf die ande­re Sei­te. „Fuß­bal­ler!“

Mit einem wis­sen­den Augen­rol­len streif­te ich mir ein T‑Shirt über und schlich Rich­tung Tür.

„Rich­te Niklas aus, dass ich ihn wie in der sech­sten Klas­se ver­haue, wenn er uns noch­mal mit­ten in der Nacht aus dem Bett klingelt!“

Ungläu­big hielt ich inne. „Du hast Niklas verhauen?“

„Er hat­te es verdient.“

Dar­an heg­te ich kei­nen Zweifel.

In dem Augen­blick, als ich die Tür­klin­ke erreicht hat­te, zer­riss ein herz­zer­rei­ßen­des Schluch­zen die Stille.

Flu­chend drück­te Anni­ka Timo an sich. „Ich kor­ri­gie­re: Rich­te Niklas bit­te aus, dass ich ihn eigen­hän­dig umbringe!“

Als ich eine hal­be Stun­de spä­ter auf dem Park­platz in Grun­zen­bach vor­fuhr, waren die bei­den ver­ein­sam­ten Gestal­ten nicht schwer zu fin­den. Niklas saß mit knall­ro­ten Augen wie ein Häuf­lein Elend auf einer Trep­pe. Max lag zusam­men­ge­kau­ert auf sei­nem Schoß und schnarch­te mit zwei Stra­ßen­pfo­sten im Arm vor sich hin.

„Na end­lich. War­um hast du so lan­ge gebraucht?“, raun­te Niklas schläf­rig. Was für eine freund­li­che Begrüßung …

„Du weißt schon, dass ein Kind neben mir im Bett schläft, wenn du mich mit­ten in der Nacht anrufst, oder?“, fauch­te ich mei­nen Kum­pel an.

Niklas druck­ste unschul­dig her­um, nick­te aber schließ­lich mit dem Kopf.

„Und war­um rufst du dann aus­ge­rech­net einen Fami­li­en­va­ter an?“

„Alle ande­ren haben nicht gehört.“

Na pri­ma! Ich war also wie­der mal der Depp vom Dienst.

„Also, auf geht’s: Einsteigen!“

Erschöpft rap­pel­te sich Niklas auf und schleif­te Max unsanft hin­ter sich her.

„Ich soll dir übri­gens von Anni­ka aus­rich­ten, dass sie dich ent­we­der wie in alten Schul­zei­ten ver­haut oder umbringt.“

Bil­de­te ich mir das nur ein, oder sah Niklas plötz­lich noch ein wenig blas­ser aus?

Nach­dem wir Max mit­samt den bei­den Stra­ßen­pfo­sten, an denen er sich vehe­ment fest­klam­mer­te, auf dem Rück­sitz ange­schnallt hat­ten, konn­te ich end­lich los­fah­ren. Ich stell­te mich auf eine lang­wei­li­ge Fahrt durch die ster­nen­kla­re Nacht ein. Aber Niklas erwies sich selbst im Voll­rausch noch gesprä­chi­ger als mein Radio.

„Euch ist schon klar, dass wir mor­gen um 10 Trai­nings­auf­takt haben, oder?“, erkun­dig­te ich mich vorwurfsvoll.

„Na und?“

„Naja, ich mein ja nur. Neu­er Trai­ner, erster Ein­druck und so …“

„Der Karl wird schon noch ler­nen, dass es in der Kreis­klas­se anders zugeht als in der Lan­des­li­ga“, fand Niklas leichthin.

„Kennst du ihn denn näher?“

„Wer kennt den Karl nicht. Eine ech­te Legen­de in Weiherfelden!“

Ich selbst hat­te unse­ren neu­en Coach Karl Adler noch nie getrof­fen. Aber ich hat­te viel von ihm gehört und war zum Zer­rei­ßen gespannt. Er war erst 33 und ver­gan­ge­ne Sai­son noch als Kapi­tän in der Lan­des­li­ga auf­ge­lau­fen. Kei­ne Fra­ge, der neue Spie­ler­trai­ner war mit Sicher­heit eine gro­ße Ver­stär­kung für unse­re Mannschaft.

„Und die ande­ren Neuzugänge?“

„Der Schorsch ist auch eine Gra­na­te. Und ein oder zwei der Jugend­spie­ler haben schon auch was drauf.“

Konn­ten wir dies­mal also end­lich um den Auf­stieg mit­spie­len? Die erfah­re­nen Ver­stär­kun­gen mach­ten defi­ni­tiv Hoff­nung! Unser ein­ge­spiel­tes Team muss­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kaum Abgän­ge ver­kraf­ten. Natür­lich hat­te sich der eine oder ande­re Spie­ler aus Alters­grün­den in den wohl­ver­dien­ten Ruhe­stand in die Alt­her­ren­mann­schaft ver­ab­schie­det. Allen vor­an der alt­ge­dien­te Libe­ro Klaus Mei­er. Aber anson­sten war es der Ver­eins­füh­rung gelun­gen, den Kern unse­rer Elf zusammenzuhalten.

Ich ließ mei­ne Gedan­ken schwei­fen und blen­de­te Niklas’ immer sinn­lo­ser wer­den­des Geplap­per aus. Ich freu­te mich auf die näch­ste Sai­son beim TSV Wei­her­fel­den. Trotz­dem wäre ich in der Som­mer­pau­se bei­na­he in Ver­su­chung gera­ten. Neben attrak­ti­ven Ange­bo­ten aus der Bezirks­li­ga war Anni­kas Vater mir unab­läs­sig in den Ohren gelegen.

Unser Start war bes­ser gewe­sen, als ich es erwar­tet hat­te. Beim ersten Tref­fen hat­te ich geschlot­tert vor Angst. Ein Wei­her­fel­de­ner Fuß­bal­ler, der bei einem One-Night-Stand die Toch­ter eines ein­ge­fleisch­ten Obst­ho­fe­ners geschwän­gert hat­te, war so ziem­lich der größt­mög­li­che Affront, den man sich in Fran­ken lei­sten konn­te. Aber ver­mut­lich hat­te es ihm doch impo­niert, dass ich mich um das gemein­sa­me Kind küm­mer­te, dass ich sei­ne Toch­ter nicht im Stich ließ. Nach anfäng­li­cher Skep­sis hat­te er mich als Schwie­ger­sohn in spe akzep­tiert. Und es funk­tio­nier­te gar nicht schlecht. Zumin­dest solan­ge kein Fuß­ball­spiel zwi­schen Wei­her­fel­den und Obst­ho­fen auf dem Pro­gramm stand.

Doch das hat­te sich nun erst­mal erle­digt. Wäh­rend wir im siche­ren Mit­tel­feld gelan­det waren, war der SV Obst­ho­fen in der Vor­sai­son ruhm­reich in die Kreis­li­ga auf­ge­stie­gen. Eine pas­sen­de Gele­gen­heit für Anni­kas Vater, mir wie­der mit sei­nem Anlie­gen auf die Ner­ven zu gehen, doch end­lich nach Obst­ho­fen zu wech­seln. Kreis­li­ga … Das hör­te sich schon attrak­tiv an. Raus aus die­ser rusti­ka­len Kreis­klas­se Nord. Einen sau­be­ren, gepfleg­ten Fuß­ball spie­len. Sie hat­ten mir sogar ein monat­li­ches Hand­geld gebo­ten, das ich wäh­rend mei­nem Stu­di­um gewiss gebrau­chen konn­te. Ein klei­nes Kind war teu­er. Anni­ka und ich waren stets knapp bei Kasse.

Aber es war fas­zi­nie­rend, was drei schö­ne Jah­re im Her­zen Ober­fran­kens aus einem Men­schen mach­ten. Ich fühl­te mich wie ein wasch­ech­ter Wei­her­fel­de­ner, ein Ham­bur­ger Jung, der in sei­nem Her­zen schon immer Ober­fran­ke gewe­sen war. Ein Wech­sel zum SV Obst­ho­fen käme einem Hoch­ver­rat gleich. Ich woll­te mei­ne Mann­schaft nicht im Stich las­sen. Und gute Freun­de wie Ste­fan, Niklas und Max nicht vor den Kopf sto­ßen, indem ich zum Erz­feind überlief.

Hun­de­mü­de half ich Niklas, den völ­lig weg­ge­tre­te­nen Max Hölze­lein in sei­ne klei­ne Woh­nung zu schlep­pen. Wir leg­ten ihn für­sorg­lich auf dem Schuh­schränk­chen in der Gar­de­ro­be ab, wo er sich schmat­zend an die bei­den Stra­ßen­pfo­sten klam­mer­te und selig weiterschlief.

End­lich war ich auch Niklas und sei­ne nim­mer­mü­de Klap­pe los und konn­te mich wie­der neben Anni­ka und Timo ins war­me Bett kuscheln. Ein har­ter Tag erwar­te­te mich. Der Wet­ter­be­richt hat­te für den Trai­nings­auf­takt einen glü­hend hei­ßen Sonn­tag­vor­mit­tag vor­her­ge­sagt. Ich brauch­te drin­gend Schlaf! Und den soll­te ich bekom­men. Zumin­dest eine hal­be Stun­de lang. Dann hüpf­te plötz­lich ein quietsch­fi­de­ler klei­ner Mann auf mir her­um und rief: „Papi! Auf­ste­hen! Timo wach.“

Und in Anni­kas scha­den­fro­her Mie­ne erkann­te ich alles, nur kein Mitleid.

Weni­ge Stun­den spä­ter stand ich ver­schla­fen vor dem Wei­her­fel­de­ner Sport­ge­län­de, betrach­te lächelnd den stol­zen Schrift­zug über der Ein­gangs­tür des Sport­heims, in dem wir so vie­le lusti­ge Momen­te erlebt hat­ten. Ja, hier war ich zu Hau­se. Hier woll­te ich spie­len. Mit die­ser Trup­pe muss­te ich den Auf­stieg in die Kreis­li­ga schaffen.

Ich öff­ne­te die Tür. Ein klein­ge­wach­se­ner Mann Mit­te 30 mit einem mäch­ti­gen Brust­korb wie ein Bär trat gera­de aus dem Wirt­schafts­raum und schlen­der­te die Trep­pe hin­ab. Mit einem schel­mi­schen Schmun­zeln muster­te er mich. Plötz­lich stürz­te er. Mir stock­te der Atem. Kopf­über fiel er die Trep­pe her­un­ter. Zwei Stu­fen, drei Stu­fen, vier Stu­fen. Er über­schlug sich. Oh mein Gott!

Als er mit meh­re­ren Pur­zel­bäu­men die kom­plet­te Trep­pe hin­ab­ge­stürzt war, blieb er regungs­los am Boden lie­gen. Krei­de­bleich starr­te ich ihn an. War er tot? Oder schwer ver­letzt? Vol­ler Panik rann­te ich zu ihm. Niklas und Harald lug­ten mit fra­gen­den Blicken aus der Toi­let­te, wo sie ihren „Angst­wiss“ vor dem Trai­nings­auf­takt hin­ter sich gebracht hat­ten. Stirn­run­zelnd schüt­tel­ten sie den Kopf und mach­ten kei­ner­lei Anstal­ten, dem Mann zu hel­fen. Was war nur los mit ihnen? Sie konn­ten ihn doch nicht ein­fach so lie­gen las­sen! Ich wuss­te nicht, was ich tun soll­te. Mein Erste-Hil­fe-Kurs aus dem Zivil­dienst war vor Schreck ver­ges­sen. Auf­ge­regt sprach ich den Mann an: „Hal­lo? Ist alles in Ord­nung? Kön­nen Sie mich hören?“

Das Herz häm­mer­te in mei­ner Brust. Da, er beweg­te sich! Ver­we­gen grin­send blick­te er mich an: „Na klar. Alles in Ordnung.“

Lachend stand er auf, schnapp­te sich sei­ne Sport­ta­sche und eil­te pru­stend in die Umklei­de­ka­bi­ne, um sich dort für das Trai­ning fertigzumachen.

Wie vom Blitz getrof­fen blieb ich zurück. Was war das denn jetzt gewe­sen? Ich kann­te den Mann nicht, hat­te aber von einem zwei­ten renom­mier­ten Neu­zu­gang gehört: Georg Wei­ler. Auch er war ein Eigen­ge­wächs aus der Wei­her­fel­de­ner Jugend, der es bis in die Zwei­te Bun­des­li­ga geschafft hat­te. Zuletzt hat­te er mit unse­rem neu­en Trai­ner Karl Adler in der Lan­des­li­ga gespielt und war sei­nem Ruf gefolgt, gemein­sam zum Hei­mat­ver­ein zurück­zu­keh­ren. End­lich löste ich mich aus mei­ner Schreckens­star­re, griff kopf­schüt­telnd nach mei­ner Sport­ta­sche und folg­te unse­rem durch­ge­knall­ten Neu­zu­gang in die Kabine.

Dort herrsch­te wie immer reges Trei­ben. Die Spie­ler, allen vor­an Niklas Din­ger, plap­per­ten wie die Was­ser­fäl­le. Ein groß­ge­wach­se­ner, schlak­si­ger dun­kel­haa­ri­ger Mann mit einem auf­fäl­li­gen Schnurr­bart stand in ange­spann­ter Erwar­tung in kur­zer Hose und Tri­kot an der Ein­gangs­tür. Das muss­te unser neu­er Trai­ner sein.

Hastig zog ich mich um. Ich konn­te den Trai­nings­auf­takt kaum erwar­ten. War der Jugend­spie­ler Kevin Mai wirk­lich so gut, wie es sei­ne 50 Sai­son­to­re in der A‑Jugend ver­mu­ten lie­ßen? Konn­te ich mit den bei­den neu­en Lan­des­li­ga­spie­lern mit­hal­ten? Wür­de es der eben­falls aus der eige­nen Jugend zu uns gesto­ße­ne Tor­wart Alfred Escher schaf­fen, dem eta­blier­ten Stamm­tor­wart „Rum­pel­stilz­chen“ Andre­as die Höl­le heiß zu machen? Bei so vie­len hoff­nungs­vol­len Neu­zu­gän­gen muss­te sich jeder von uns neu bewei­sen, vor allem bei einem neu­en Trai­ner, bei dem jeder wie­der bei Null begann.

Ich schnür­te mei­ne Fuß­ball­schu­he zu, griff nach einem Ball und eil­te die Trep­pe hin­auf. Die Son­ne brann­te erbar­mungs­los vom Him­mel. Der Platz war in einem guten Zustand. Zufrie­den sog ich die war­me, sanft nach Gras duf­ten­de Luft in mei­ne Nase. Alles war ange­rich­tet für einen groß­ar­ti­gen Trainingsauftakt.

Alle Spie­ler waren bis in die Haar­spit­zen moti­viert. Nach dem obli­ga­to­ri­schen locke­ren Fünf-gegen-Zwei Auf­wärm­spiel, in Fran­ken „Eck­la“ genannt, dreh­ten wir ein paar Run­den um den Platz und dehn­ten uns. Dann ging es los.

Im Trai­nings­spiel war gehö­rig Feu­er! Ein neu­er Trai­ner. Eine neue Sai­son. Das beflü­gel­te. Jeder woll­te sich zei­gen. Ins­be­son­de­re die jün­ge­ren Spie­ler und die nicht in Wei­her­fel­den gebo­re­nen wie Ste­fan Schmidt oder ich, die der neue Coach heu­te zum ersten Mal spie­len sah. Der erste Ein­druck zähl­te. Und wir alle woll­ten Karl Adler zei­gen, was wir drauf hatten.

Es spiel­te die eta­blier­te erste Mann­schaft aus der Vor­sai­son gegen die zwei­te Mann­schaft, in der sich alle Neu­zu­gän­ge wie­der­fan­den. Und das mach­te es zu einem aus­ge­gli­che­nen Duell.

Auch Per­spek­tiv­spie­ler Max Hölze­lein war im Trai­ning für gewöhn­lich auf dem Niveau eines gestan­de­nen Erst­mann­schafts­spie­lers. Sein Pro­blem war, wie bereits vor drei Jah­ren, sein aus­schwei­fen­der Lebens­wan­del am Wochen­en­de. An Sonn­ta­gen war er gene­rell nicht zu gebrau­chen. In die­sem Spiel aber mach­te er uns im defen­si­ven Mit­tel­feld das Leben schwer. Georg Wei­ler ent­pupp­te sich als bis­si­ge Kampf­ma­schi­ne auf dem Flü­gel. Er gewann nahe­zu jeden Zwei­kampf. Mein Freund Niklas hat­te einen har­ten Vor­mit­tag gegen die­sen erfah­re­nen Gegen­spie­ler. Mit unbän­di­ger Kraft, einer beein­drucken­den Schnel­lig­keit für einen Mann Mit­te 30 und einem fei­nen Fuß für Flan­ken und Frei­stö­ße, war Georg ein stän­di­ger Unru­he­herd. Sein mar­tia­li­scher Sturz an der Sport­heim­trep­pe schien ihn in kei­ner Wei­se zu beeinträchtigen.

Und Karl Adler war die erwar­te­te Gra­na­te. Er zog hin­ter den Spit­zen die Fäden, zeig­te sich als spiel­star­ker und tor­ge­fähr­li­cher Anfüh­rer. Ein Spie­ler­trai­ner, wie ihn sich jede Kreis­klas­sen-Mann­schaft wünsch­te. Doch am mei­sten zu schaf­fen mach­te uns der jun­ge Kevin Mai auf dem lin­ken Flü­gel. Der ging dort ab wie eine Rake­te. Sein Antritt war der Wahn­sinn. Und mit sei­nem star­ken lin­ken Fuß feu­er­te er aus allen Rohren.

Aber wir steck­ten nicht auf. Harald Gepard rann­te sich die Pfer­de­lun­ge aus dem Leib. Nie­mand von uns woll­te sich die Blö­ße geben, gegen die zwei­te Mann­schaft den Kür­ze­ren zu zie­hen. Ich selbst warf mich wie ein Ber­ser­ker in jeden Zwei­kampf und stand dem neu­en Coach gif­tig auf den Füßen. Unse­re Bah­nen auf dem Feld kreuz­ten sich nicht sel­ten. Ich woll­te ihn höchst­per­sön­lich spü­ren las­sen, dass es kein Ver­gnü­gen war, gegen mich spie­len zu müs­sen. Domi­nik Prien warf sich todes­mu­tig in Kevins Schüs­se. Micha­el Mei­ster setz­te sich gewohnt kan­tig gegen die über­for­der­te Abwehr unse­rer zwei­ten Mann­schaft durch. Es war ein offe­ner Schlag­ab­tausch. Und die bei­den Tor­hü­ter nah­men sich nichts. Nach­dem Alfred Escher einen ful­mi­nan­ten Schuss von Ste­fan Schmidt ent­schärft hat­te, konn­te Andre­as Stie­ler die­se Her­aus­for­de­rung nicht auf sich sit­zen las­sen. Zum ersten Mal seit Jah­ren schien er einen gleich­wer­ti­gen Kon­kur­ren­ten zu haben. Rum­pel­stilz­chen war in Wei­her­fel­den eine Legen­de. Doch er wuss­te um sei­ne gele­gent­li­chen Aus­set­zer. Ein eben­so reak­ti­ons­star­ker Tor­wart, der sich nicht so vie­le Leicht­sinns­feh­ler lei­ste­te, konn­te eine ern­ste Bedro­hung für ihn dar­stel­len. Andre­as hech­te­te sich nach jedem noch so aus­sichts­lo­sen Ball. Und nach jeder Wahn­sinn­s­pa­ra­de blick­te er mit gefletsch­ten Zäh­nen zu sei­nem Kon­tra­hen­ten Alfred.

Das Spiel ende­te 4–4. Karl Adler war zufrie­den. „Star­ke Lei­stung, Män­ner. Ich habe mich nicht in euch getäuscht. Ihr bringt alles mit, um die­se Sai­son end­lich oben mit­zu­spie­len. Wir wer­den die näch­sten Wochen hart trai­nie­ren. Wenn ihr alle mit­zieht, sind wir am Ende der Vor­be­rei­tung top­fit. Und dann muss uns in die­ser Klas­se erst­mal jemand schlagen!“

Das Ziel war klar. Die Ambi­tio­nen hoch. Ich dach­te an mein aller­er­stes Trai­ning in Wei­her­fel­den zurück, vor exakt drei Jah­ren. Damals hat­te ich auch damit gerech­net, dass wir mit etwas Glück um den Auf­stieg mit­spiel­ten. Am Ende schramm­ten wir nur ein Haar am Abstieg vor­bei. Die Kreis­klas­se Nord hat­te ihre eige­nen Geset­ze. Das hat­te ich inzwi­schen schmerz­lich gelernt. Aber mit die­sen Neu­zu­gän­gen war mehr drin als nur ein Platz im gesi­cher­ten Mit­tel­feld. Ich war eupho­risch. Und an den leuch­ten­den Augen mei­ner Mit­spie­ler erkann­te ich, dass es ihnen genau­so ging.

„Ich hat­te wirk­lich gedacht, dass ich einen Not­arzt rufen muss“, sag­te ich in der Dusche zu Georg Weiler.

„Jaja, bei neu­en Leu­ten funk­tio­niert das immer wieder.“

Ich ver­stand nicht recht, was er mein­te. Offen­sicht­lich hat­te er die vie­len Fra­ge­zei­chen in mei­nem Gesicht gesehen.

„Ich arbei­te als Stunt­man. Und Trep­pen run­ter­pur­zeln, um Leu­te zu erschrecken, die mich noch nicht ken­nen, ist sozu­sa­gen ein Hob­by von mir.“

Am lieb­sten hät­te ich ihn in der Dusche umge­grätscht. Ich hat­te mir ernst­haft Sor­gen um ihn gemacht! Mei­ne Kol­le­gen grin­sten scha­den­froh. Die spin­nen, die Franken!

Nach dem Trai­ning gab es ein Mit­tag­essen für die Mann­schaft. Anschlie­ßend setz­ten wir uns zusam­men und tran­ken noch ein oder zwei Bier. Bis auf Max Hölze­lein schüt­te­te kei­ner einen hal­ben Kasten in sich hin­ein. Schließ­lich woll­te man beim neu­en Trai­ner nicht gleich zu Beginn der Sai­son einen schlech­ten Ein­druck hin­ter­las­sen. Max waren sol­che Über­le­gun­gen wie immer fremd. Er lall­te fröh­lich durch die Gegend und stell­te von Beginn an klar, dass er kei­ne Ambi­tio­nen auf einen Stamm­platz in der ersten Mann­schaft hegte.

Ich selbst seil­te mich rela­tiv früh ab. Es war Sonn­tag, und ich woll­te noch etwas Zeit mit mei­ner Fami­lie ver­brin­gen. Anni­ka und ich wohn­ten nun seit gut zwei Jah­ren zusam­men. Und wir waren sehr glück­lich mit­ein­an­der. Unser Sohn Timo war bei­na­he zwei Jah­re alt. Wie leb­ten über­gangs­wei­se in einer klei­nen Kel­ler­woh­nung im Haus mei­ner Eltern. Es war gar nicht so ein­fach gewe­sen, Anni­ka von einem Umzug nach Wei­her­fel­den zu über­zeu­gen. Doch es war die beste und vor allen Din­gen kosten­gün­stig­ste Vari­an­te. Und ein erster Mei­len­stein in mei­nem Geheim­plan, dass Timo in jedem Fal­le ein Wei­her­fel­de­ner Fuß­ball­tri­kot tra­gen und kein abtrün­ni­ger Obst­ho­fe­ner wer­den sollte.

Ich war fer­tig vom anstren­gen­den Trai­ning, des­sen Inten­si­tät ich nach der Som­mer­pau­se nicht mehr gewohnt war. Aber Kin­der ken­nen kei­ne Gna­de. Zwei vol­le Stun­den muss­te ich noch auf dem Fuß­bo­den her­um­krie­chen und Eisen­bahn spie­len. Aber die Freu­de in Timos Augen war es alle­mal wert. Nach­dem wir zu Abend geges­sen hat­ten, brach­te ich den klei­nen Mann ins Bett. Ich las ihm eine Geschich­te vor, kuschel­te mich an ihn, bis er ein­ge­schla­fen war, und ver­ließ anschlie­ßend mit dem Baby­fon bewaff­net das Zimmer.

Anni­ka war im Bade­zim­mer. Sie hat­te sich ein hei­ßes Ent­span­nungs­bad ein­ge­las­sen. Erwar­tungs­voll spitz­te ich ins Bad. Und ich wur­de nicht ent­täuscht. Anni­ka lag nackt im Bade­was­ser und las ein Buch. Sie hat­te mir vom ersten Tag an den Kopf ver­dreht. Wie sonst soll­te man es sich erklä­ren, dass ich mit einer Frau zusam­men war, die mich bei unse­rem ersten Tref­fen halb­nackt ans Bett gefes­selt hat­te und dann flucht­ar­tig abge­hau­en war. Bei ihrem Anblick wur­de mir ganz heiß. Ich stell­te mich neben die Bade­wan­ne, zog mein T‑Shirt über den Kopf und blick­te sie gie­rig an. Anni­ka lächel­te kopf­schüt­telnd und rück­te ein wenig zur Sei­te, um mir zu signa­li­sie­ren, dass noch Platz für mich war. Das ließ ich mir nicht zwei­mal sagen. Ich streif­te die Hose ab und sprang zu mei­ner Süßen in die Bade­wan­ne. Dort gab ich Anni­ka einen lan­gen, inni­gen Kuss. Gera­de als ich begin­nen woll­te, mit mei­ner Hand ihre Brü­ste zu strei­cheln, zisch­te ein knacken­des Rau­schen durch die elek­tri­sier­te Luft.

„Paaaaa­piiiii!“, rief eine dün­ne Stim­me, die so süß war, dass man ihr selbst in die­sem ungün­sti­gen Moment nicht böse sein konn­te. „Noch­mal kom­men! Wie­der wach!“


Sonn­tags­schüs­se II – Das Bierdeckel-Dilemma

Sonntagsschüsse II – Das Bierdeckel-Dilemma

Sonn­tags­schüs­se II – Das Bierdeckel-Dilemma

Nun beginnt also die zwei­te Rei­se des jun­gen Fuß­bal­lers Mar­co Tan­ner über die zuwei­len holp­ri­gen Fuß­ball­plät­ze der Frän­ki­schen Schweiz. Die Leser erwar­ten uri­ge Hand­wer­ker, ein wahn­wit­zi­ger Hei­rats­an­trag, ein ver­häng­nis­vol­ler Bier­deckel, ein fol­gen­schwe­rer Anruf, legen­dä­re Neu­zu­gän­ge und vie­les mehr. Wird dem TSV Wei­her­fel­den der ersehn­te Auf­stieg gelingen?

Die 332 wit­zi­gen Sei­ten wer­den es beantworten.

Alle Sonn­tags­schüs­se

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Über den Autor

Jonas Phil­ipps lebt mit sei­ner Frau und sei­nen bei­den Söh­nen im Land­kreis Bam­berg. Er schreibt unter­halt­sa­me Roma­ne über Sport und Musik. Aus vie­len Ideen und zahl­rei­chen Gedan­ken zu sei­ner Ver­gan­gen­heit als Ama­teur­kicker und Band­mit­glied ent­ste­hen wit­zi­ge Roma­ne, die Lese­spaß garantieren.

Home­page: www​.jonas​-phil​ipps​.de

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