Lich­ten­fel­ser Mera­ni­er-Gym­na­si­um fin­det mit Pro­jekt-Semi­nar „13 Füh­rer­schei­ne – Drei­zehn jüdi­sche Schick­sa­le“ inter­na­tio­na­le Beachtung

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US-Ame­ri­ka­ni­sches Team doku­men­tiert Recher­chen des Pro­jekt-Semi­nars am Mera­ni­er-Gym­na­si­um Lich­ten­fels – Emmy-Preis­trä­ger Mark Raker macht Film­auf­nah­men im Landkreis

Stellten beim Empfang bei Landrat Christian Meißner (rechts) im Landratsamt Lichtenfels das Filmprojekt zum P-Seminar „13 Führerscheine – Dreizehn jüdische Schicksale“ vor: Prof. Elisabeth Gareis (vorne li), Kameramann Mark Raker (3.v.li.), Regisseur Ryoya Terao (3.v.re.) und Produzent Vinit Parmar (2.v.re.), links hinten Veronika Semchuvka. Michael Schulz (Mitte) vom Stiftungsrat der Koinor-Stiftung sicherte finanzielle Unterstützung zu. Foto: Landratsamt Lichtenfels/Heidi Bauer

Stell­ten beim Emp­fang bei Land­rat Chri­sti­an Meiß­ner (rechts) im Land­rats­amt Lich­ten­fels das Film­pro­jekt zum P‑Seminar „13 Füh­rer­schei­ne – Drei­zehn jüdi­sche Schick­sa­le“ vor: Prof. Eli­sa­beth Gareis (vor­ne li), Kame­ra­mann Mark Raker (3.v.li.), Regis­seur Ryoya Terao (3.v.re.) und Pro­du­zent Vinit Par­mar (2.v.re.), links hin­ten Vero­ni­ka Sem­chuvka. Micha­el Schulz (Mit­te) vom Stif­tungs­rat der Koi­nor-Stif­tung sicher­te finan­zi­el­le Unter­stüt­zung zu. Foto: Land­rats­amt Lichtenfels/​Heidi Bauer

Wir sind enorm stolz auf die­se jun­gen Leu­te aus unse­rem Land­kreis, die mit ihrem P‑Seminar „13 Füh­rer­schei­ne – Drei­zehn jüdi­sche Schick­sa­le“ seit 2018 Unglaub­li­ches bewegt haben. Dass über die­ses mehr­fach aus­ge­zeich­ne­te und inter­na­tio­nal sehr beach­te­te Pro­jekt nun ein Doku­men­tar­film ent­steht, ist eine her­aus­ra­gen­de Wür­di­gung und freut uns ganz beson­ders“, beton­te Land­rat Chri­sti­an Meiß­ner anläss­lich des Emp­fangs des Film­teams aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und der Mit-Initia­to­rin Pro­fes­so­rin Eli­sa­beth Gareis, einer gebür­ti­gen Lich­ten­fel­se­rin, die seit 1994 in New York lebt und dort am Baruch Col­le­ge lehrt, im Landratsamt.

Ihr Ehe­mann, Ryoya Terao, wie­der­um ist Doku­men­tar­fil­me­ma­cher und Asso­cia­te Pro­fes­sor of Video Pro­duc­tion am Depart­ment of Enter­tain­ment Tech­no­lo­gy am New York City Col­le­ge of Tech­no­lo­gy und Regis­seur bei dem Pro­jekt. Die Dreh­ar­bei­ten began­nen im Juni 2021 in New York, vom 30. Juli bis zum 8. August 2021 erfolg­ten sie im Land­kreis Lich­ten­fels. Dazu kam mit Emmy-Preis­trä­ger Mark Raker ein Welt­klas­se-Kame­ra­mann von New York nach Lich­ten­fels, um vor Ort die Auf­nah­men zu machen.

Die Initia­ti­ve zu dem Film ging vom Deut­schen Gene­ral­kon­su­lat in New York aus, unter­stützt von Lisa Sal­ko, selbst eine Nach­fah­rin eines der ein­sti­gen Füh­rer­schein­be­sit­zer, Sig­mund Marx. Auf ihr Enga­ge­ment hin wur­de und wird die Aus­stel­lung „13 Füh­rer­schei­ne“ an vie­len Orten in den USA prä­sen­tiert. Lisa Sal­ko selbst hat dazu in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine Viel­zahl von Vor­trä­gen gehal­ten und gibt wei­ter­hin wel­che. Unter ande­rem war die Aus­stel­lung im Muse­um of Jewish Heri­ta­ge in New York City zu sehen.

Im Rah­men der Dreh­ar­bei­ten in Deutsch­land wur­den die ehe­ma­li­gen Schü­le­rin­nen und Schü­ler, ihr ehe­ma­li­ger Semi­nar­lei­ter, Stu­di­en­di­rek­tor a.D. Man­fred Brö­sam­lie-Lam­brecht, die Alten­kunst­adter Archi­va­rin Inge Goebel (83 Jah­re), und der Lich­ten­fel­ser Zeit­zeu­ge Wal­ter Mais­el (93 Jah­re) inter­viewt. Der Plan ist, einen kür­ze­ren Film bis Ende 2021/​Anfang 2022 fer­tig­zu­stel­len. Eine län­ge­re Ver­si­on soll fol­gen. Wei­te­re Auf­nah­men sind im kom­men­den Jahr ange­dacht. Die Koi­nor-Horst-Mül­ler-Stif­tung wird das Pro­jekt mit einem finan­zi­el­len Bei­trag unter­stüt­zen, wie Micha­el Schulz vom Stif­tungs­rat beim Emp­fang im Land­rats­amt wis­sen ließ: „Mit dem Pro­jekt 13 Füh­rer­schei­ne wur­de etwas initi­iert, was inter­na­tio­nal in den Medi­en Beach­tung fand. Dass dies nun zusätz­lich mit einem Film­pro­jekt erwei­tert wird, freut uns sehr!“ Die Stif­tung hat auch das P‑Seminar und die Aus­stel­lung gefördert.

Der Film doku­men­tiert Ent­ste­hung und Trag­wei­te des P‑Seminars „13 Füh­rer­schei­ne – Drei­zehn jüdi­sche Schick­sa­le“ 2018/19 am Mera­ni­er-Gym­na­si­um Lich­ten­fels (MGL). Es ent­stand auf Initia­ti­ve von Land­rat Chri­sti­an Meiß­ner nach einem Zufalls­fund: Im Früh­jahr 2017 war ein alter brau­ner Umschlag, der bei Auf­räum­ar­bei­ten im Rah­men der Digi­ta­li­sie­rung auf­ge­taucht war, auf dem Schreib­tisch von Land­rat Chri­sti­an Meiß­ner gelan­det. Der Inhalt: 13 Füh­rer­schei­ne, die man drei­zehn jüdi­schen Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­gern des dama­li­gen Bezirks­am­tes Lich­ten­fels 1938 abge­nom­men hat­te – teils bei deren Emi­gra­ti­on, teils im Zusam­men­hang mit den Novemberpogromen.

„Mei­ne Idee war es, dass man die­se Füh­rer­schei­ne nicht ein­fach dem Staats­ar­chiv zurück­gibt, son­dern dass wir jun­ge Leu­te, Abitu­ri­en­ten, bit­ten, im Rah­men eines P‑Seminars zu unter­su­chen: Wer waren denn eigent­lich die­se Men­schen und wel­che Schick­sa­le hat­ten sie?“, erläu­tert Land­rat Chri­sti­an Meiß­ner. Sein Gedan­ke: „Wir müs­sen uns unse­rer Ver­gan­gen­heit stel­len und die Lokal­ge­schich­te aufarbeiten.“

Der Film „13 Füh­rer­schei­ne“ doku­men­tiert die emo­tio­na­le Rei­se der Schü­le­rin­nen und Schü­ler in ein dunk­les Kapi­tel der Ver­gan­gen­heit und was ihre Recher­chen beweg­ten und bewe­gen: „Die Bot­schaft, die das ein­zig­ar­ti­ge Lich­ten­fel­ser Füh­rer­schei­ne-Pro­jekt ver­kör­pert und die der Film ver­brei­ten will, ist die der Hoff­nung und Ver­söh­nung“, beton­ten Pro­fes­sor Eli­sa­beth Gareis und Regis­seur Ryoya Terao beim Emp­fang im Landratsamt.

Bei den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm: (v.li.) der Leiter des P-Seminars „13 Führerscheine - Dreizehn jüdische Schicksale“ am Meranier-Gymnasium Lichtenfels, Studiendirektor a.D. Manfred Brösamle-Lambrecht, Regissseur Ryoya Terao, Kameramann Mark Raker. Foto: Landratsamt Lichtenfels

Bei den Dreh­ar­bei­ten zum Doku­men­tar­film: (v.li.) der Lei­ter des P‑Seminars „13 Füh­rer­schei­ne – Drei­zehn jüdi­sche Schick­sa­le“ am Mera­ni­er-Gym­na­si­um Lich­ten­fels, Stu­di­en­di­rek­tor a.D. Man­fred Brö­sam­le-Lam­brecht, Regiss­seur Ryoya Terao, Kame­ra­mann Mark Raker. Foto: Land­rats­amt Lichtenfels

„Die Inter­views mit den Schü­le­rin­nen und Schü­lern sowie mit Herrn Brö­sam­le-Lam­brecht machen deut­lich, welch enor­me Trag­wei­te die Ent­schei­dung von Land­rat Meiß­ner im Jahr 2017 und sei­ne Unter­stüt­zung des Pro­jekts haben“, so Eli­sa­beth Gareis. Nie­mand habe bis dato in Deutsch­land eine sol­che Recher­che gemacht. Beein­druckend sei für sie gewe­sen, dass die jun­gen Leu­te auch heu­te, zwei Jah­re nach ihrem Abitur durch das Pro­jekt noch immer eng mit­ein­an­der ver­bun­den und enorm enga­giert seien.

Die Pro­fes­so­rin hat „gro­ße Hoff­nung, dass die Fil­me die­se Geschich­te über das Schick­sal jüdi­scher Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger wäh­rend des NS-Regimes in alle Welt ver­brei­ten und ein Bei­spiel set­zen, nicht nur wie man furcht­ba­re Ereig­nis­se in der Geschich­te auf­ar­bei­ten soll­te, son­dern auch wie man durch das Nach­er­le­ben von Ein­zel­schick­sa­len in der Ver­gan­gen­heit zu tie­fe­rer Empa­thie in der Gegen­wart kom­men kann und durch per­sön­li­che Begeg­nun­gen zwi­schen jüdi­schen und nicht-jüdi­schen Nach­fah­ren und Zeit­ge­nos­sen zu einem Erleb­nis der Ver­söh­nung. Die Fil­me sol­len inspi­rie­ren, Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung krea­tiv anzu­ge­hen, Wun­den zu hei­len und wach und ver­ant­wort­lich Gegen­wart und Zukunft zu gestalten.“

Land­rat Chri­sti­an Meiß­ner betont: „Was aus den Recher­chen der Schü­le­rin­nen und Schü­ler des P‑Seminars gewor­den ist, ist ein­fach groß­ar­tig: eine ein­zig­ar­ti­ge Aus­stel­lung, die die­se 13 Leben und ihre zum Teil äußerst tra­gi­schen Wege doku­men­tiert. Die jun­gen Leu­te haben es geschafft, 80 Jah­re spä­ter den Namen der Füh­rer­schein­in­ha­ber jeweils ein Gesicht zurück­ge­ge­ben. Sie fan­den Nach­fah­ren auf ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten und hol­ten die­se nach Lich­ten­fels. Die­se außer­ge­wöhn­li­che Spu­ren­su­che habe den Weg für eine Aus­söh­nung berei­tet und dafür, um Ver­zei­hung für das Gesche­he­ne zu bit­ten. Dass aus den Begeg­nun­gen enge Freund­schaf­ten ent­stan­den sind, ist ein­fach wundervoll!“

Die Aus­stel­lung war am 5. Novem­ber 2018 eröff­net wor­den und deutsch­land- und welt­weit an ver­schie­de­nen Orten zu sehen. Das P‑Seminar fand inter­na­tio­nal gro­ße Beach­tung und wur­de aus­ge­zeich­net mit dem P‑Se­mi­nar-Preis 2019 des Mini­ste­ri­al­be­auf­trag­ten für die Gym­na­si­en Ober­fran­kens und des Baye­ri­schen Mini­ste­ri­ums für Unter­richt und Kul­tus, mit dem BCJ.Bayern-Studienpreis (Ver­ein zur För­de­rung des christ­lich-jüdi­schen Gesprächs in der ELKB (BCJ​.Bay​ern)), 1. Platz in der Kate­go­rie Schulen/​P‑Seminare und war Preis­trä­ger des Wett­be­werbs „Aktiv für Demo­kra­tie und Tole­ranz“ 2019 des BfDT (Bünd­nis für Demo­kra­tie und Tole­ranz, gegen Extre­mis­mus und Gewalt) der Bun­des­zen­tra­le für Poli­ti­sche Bildung.

Hin­ter­grund: Über das Film­pro­jekt „13 Füh­rer­schei­ne“ – Autorin­nen: Prof. Eli­sa­beth Gareis; Lisa Salko

„Als 2017 im Land­rats­amt 13 Füh­rer­schei­ne ent­deckt wur­den, die 1938 von jüdi­schen Füh­rer­schein­hal­tern kon­fis­ziert wur­den, und als dann Land­rat Meiß­ner anreg­te, dass Schü­ler des Gym­na­si­ums unter Lei­tung ihrer Geschichts­leh­rers Herrn Stu­di­en­di­rek­tor Brö­sam­le-Lam­brecht die Schick­sa­le die­ser Füh­rer­schein­hal­ter zu erfor­schen, wuss­te nie­mand, wel­che Krei­se die­se inspi­rier­te Ent­schei­dung zie­hen soll­te. Nicht nur fan­den die Schü­ler nach lan­ger Recher­che die Nach­fah­ren der acht über­le­ben­den Füh­rer­schein­hal­ter, eini­ge der Nach­fah­ren rei­sten 2018 aus Argen­ti­ni­en und den USA nach Lich­ten­fels, um die Füh­rer­schei­ne zurück­zu­er­hal­ten. Mitt­ler­wei­le haben Schü­ler und Nach­fah­ren Freund­schaf­ten geschlos­sen, die Zeug­nis dafür sind, dass man durch Erkun­dung und Refle­xi­on über Ein­zel­schick­sa­le nicht nur einen tie­fen Ein­blick in die Geschich­te bekom­men, son­dern auch das viel­leicht höch­ste Gut errei­chen kann, das nach einer furcht­ba­ren Ver­gan­gen­heit mög­lich ist: Ver­söh­nung. Die Geschich­te der 13 Füh­rer­schei­ne ist eine Geschich­te über ver­ant­wor­tungs­vol­le Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, über die mensch­li­che Ver­bin­dung und über die Hoffnung.

Lisa Sal­ko, die Enke­lin von Sig­mund Marx (der in den 1930er Jah­ren in Lich­ten­fels mit sei­nem Bru­der ein Fell­ge­schäft führ­te) war von ihrem Besuch in Lich­ten­fels und der Begeg­nung mit Land­rat Meiß­ner, Stu­di­en­di­rek­tor Brö­sam­le-Lam­brecht, den Schü­lern und ande­ren Lich­ten­fel­sern so tief bewegt, dass sie zurück in New York ent­schloss, die bemer­kens­wer­te Geschich­te im gro­ßen Rah­men zu erzäh­len. Sie trat mit dem Holo­caust & Human Rights Edu­ca­ti­on Cen­ter in White Plains, NY, in Kon­takt, des­sen Mis­si­on es ist, das Leh­ren zum Holo­caust und das Recht der Men­schen auf wür­de­vol­le und respekt­vol­le Behand­lung zu ver­bes­sern. Sie ist auch stol­zes Mit­glied des Genera­ti­ons-For­ward Pro­gramms, das Kin­der und Enkel von Holo­caust-Über­le­ben­den umfasst. Als „Erin­ne­rungs­wär­ter“ teilt sie jetzt die Geschich­te ihrer Fami­lie, die sie, da ihr Groß­va­ter nichts aus der ver­gan­ge­nen Zeit erzähl­te, erst durch das 13-Füh­rer­schei­ne-Pro­jekt ken­nen­lern­te, und ihre posi­ti­ven Erfah­run­gen in Lich­ten­fels durch Vor­trä­ge in Syn­ago­gen und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen in den USA mit.

So hat­te Lisa auch die gro­ße Ehre, ihren Vor­trag im Febru­ar 2020 im Muse­um of Jewish Heri­ta­ge in New York City zu prä­sen­tie­ren. Das Muse­um ist ein leben­di­ges Denk­mal für die­je­ni­gen, die im Holo­caust umge­kom­men sind. Die Ver­an­stal­tung im Muse­um wur­de vom Deut­schen Gene­ral­kon­su­lat New York gespon­sert. Anwe­send waren Gene­ral­kon­sul David Gill und Kon­sul Hei­ko Schwarz, Lei­ter der Poli­ti­schen Abtei­lung. Nach­dem sie den Vor­trag gehört hat­ten, waren sie sehr bewegt von Lisas Geschich­te und der unglaub­li­chen Arbeit, die in Lich­ten­fels im Namen der Erin­ne­rung gelei­stet wird. Kurz danach wand­ten sich Kon­sul Schwarz, zusam­men mit Kon­sul Chri­sti­an Resing (Pres­se und Public Affairs), an Lisa mit dem Vor­schlag, ein Video zu erstel­len, das über die Web­site des Kon­su­lats und über ihre Social-Media-Platt­for­men in ihr öffent­li­ches Diplo­ma­tie­pro­gramm auf­ge­nom­men wer­den würde.

Die frü­he­ren Schü­ler und ihr Leh­rer, die der Fokus des Vide­os sein soll­ten, sag­ten enthua­sia­stisch zu. Nach­dem Lisa wuss­te, dass die frü­he­ren Schü­ler bereit waren, mit­zu­ma­chen, muss­te sie einen Weg fin­den, die­ses Pro­jekt von Lich­ten­fels aus zu mana­gen. Die Hin­der­nis­se waren zunächst ent­mu­ti­gend: zwei Kon­ti­nen­te, ein Zeit­un­ter­schied von sechs Stun­den, die Pan­de­mie und ein welt­wei­ter Lock­down. Sie brauch­te jemand, der Lich­ten­fels und die Geschich­te gut kann­te und Zugang zur Film­bran­che hatte.

Wie so oft im Leben die­ses Pro­jekts zeich­ne­te sich, wie durch Zufall, eine Lösung ab. Eli­sa­beth Gareis, eine gebür­ti­ge Lich­ten­fel­se­rin, die als Pro­fes­so­rin am Baruch Col­le­ge (City Uni­ver­si­ty of New York) tätig ist und dort inter­kul­tu­rel­le Kom­mu­ni­ka­ti­on unter­rich­tet, hat­te einen von Lisas Vor­trä­gen im Herbst 2019 besucht und sich Lisa vor­ge­stellt. Fas­zi­niert und tief berührt vom The­ma kam sie danach noch auf zwei wei­te­re Vor­trä­ge mit Freun­den und Kol­le­gen. Lisa und Eli­sa­beth wur­den schnell Freunde.

Eli­sa­beth und ihr Mann, Ryoya Terao (ein Doku­men­tar­fil­me­ma­cher und Asso­cia­te Pro­fes­sor of Video Pro­duc­tion am Depart­ment of Enter­tain­ment Tech­no­lo­gy am New York City Col­le­ge of Tech­no­lo­gy) waren seit Juni 2020 in Lich­ten­fels um sich um Eli­sa­beths betag­te Mut­ter zu küm­mern. Die Pan­de­mie erlaub­te es ihnen online zu unter­rich­ten. Auf Eli­sa­beth und ihren Mann zuzu­ge­hen, fühl­te sich für Lisa wie eine per­fek­te Pass­form an. Ohne zu zögern sag­ten bei­de begei­stert zu. Zusam­men mit Lisa began­nen sie mit dem Auf­bau eines Pro­duk­ti­ons­teams. Ryoya wür­de als Regis­seur für das Video die­nen und Eli­sa­beth als Asso­cia­te Pro­du­cer. Dazu kam Vinit Par­mar (ein Film­part­ner von Herrn Terao und Asso­cia­te Pro­fes­sor of Film am Brook­lyn Col­le­ge, der­zeit in Ber­lin ansäs­sig) als Pro­du­zent. Lisa fun­giert als Consultant.

Nach unzäh­li­gen Zoom-Mee­tings unter­ein­an­der und mit den Kon­su­len Schwarz und Resing nahm das Video­pro­jekt Gestalt an und wur­de „zum Leben erweckt“. Das Team ent­wickel­te The­men und Fra­gen, die mit den frü­he­ren Schü­lern und ihrem Leh­rer abge­deckt wer­den soll­ten und berei­te­te sich auf die Dreh­ar­bei­ten vor.

Sechs kur­ze Mona­te spä­ter began­nen die Dreh­ar­bei­ten im Juni 2021 in New York, wo Lisa Sal­ko (Enke­lin von Sig­mund Marx), Inge Stan­ton, 91 (Toch­ter von Sig­munds Bru­der Alfred Marx) und Wer­ner Nass, 89 (Enkel von Man­fred Goldmeier)–allesamt Lich­ten­fel­ser Führerscheininhaber–interviewt wur­den. Inge Stan­ton war im Novem­ber 1938 ein 9‑jähriges Kind und hat die Schrecken der Novem­ber­po­gro­me mit­er­lebt. Wer­ner Nass war 6 Jah­re alt, als er und sei­ne Fami­lie vor den Nazis aus LIch­ten­fels in die USA flo­hen. Die Erin­ne­run­gen und Per­spek­ti­ven von Inge und Wer­ner als Holo­caust-Über­le­ben­de waren für das Doku­men­tar­pro­jekt von unschätz­ba­rem Wert.

In Lich­ten­fels fand die Pro­duk­ti­on vom 30. Juli bis 8. August statt. Für die Dreh­ar­bei­ten kam ein Welt­klas­se Kame­ra­mann, Mark Raker, von New York nach Lich­ten­fels, um die Schü­ler und ihren ehe­ma­li­gen Leh­rer, sowie die Archi­va­rin Frau Goebel, 83, in Alten­kunst­adt und den Lich­ten­fel­ser Zeit­zeu­gen Wal­ter Mais­el, 93, zu inter­view­en. Nach Abschluss der Dreh­ar­bei­ten wird die Post-Pro­duc­tion in New York statt­fin­den. Der Plan ist, das Video bis Ende 2021/​Anfang 2022 fertigzustellen.

Wir leben in einer Welt, in der Anti­se­mi­tis­mus auf dem Vor­marsch ist und Hass­wor­te all­täg­lich und akzep­ta­bel gewor­den sind. Es waren hass­erfüll­te Wor­te, die den Holo­caust entzündeten–ein dunk­les Kapi­tel der Welt­ge­schich­te, das leicht in Erin­ne­rung ver­blasst. Das Video „13 Füh­rer­schei­ne“ soll an den Holo­caust erin­nern und zugleich zei­gen, wie mensch­li­che Ver­bin­dun­gen Leben und Wahr­neh­mun­gen über Kon­ti­nen­te und Zeit hin­weg tief­grei­fend ver­än­dern kön­nen. Die Bot­schaft, die das ein­zig­ar­ti­ge Lich­ten­fel­ser Füh­rer­schei­ne-Pro­jekt ver­kör­pert und die das Video ver­brei­ten will, ist die der Hoff­nung und Versöhnung.

Zita­te zu den Filmarbeiten:

Lisa Sal­ko (Nach­kom­me):

Eng­li­sches Original:

When it comes to the Holo­caust and Remem­bran­ce, we must con­ti­nue to tell the sto­ries. I tell the sto­ry of “13 Dri­vers’ Licen­ses” to honor my fami­ly so that their enor­mous sacri­fices were not in vain. I tell the sto­ry so that we never forget.

Deut­sche Übersetzung:

Wenn es um Holo­caust und Erin­ne­rung geht, dür­fen wir nicht auf­hö­ren, die Geschich­ten zu erzäh­len. Ich erzäh­le die Geschich­te der „13 Füh­rer­schei­ne“, um mei­ne Fami­lie zu ehren, damit ihre enor­men Opfer nicht umsonst waren. Ich erzäh­le die Geschich­te, damit wir sie nie vergessen.

Ryoya Terao (Regis­seur):

Eng­li­sches Original:

Ever sin­ce I heard about the 13 DL Pro­ject three years ago, I have been intrigued: No one knew what the rese­arch pro­ject would lead to. I think the timing was appro­pria­te that 80 years after the Novem­ber Pogrom, Lich­ten­fels and some of the Jewish descen­dants were rea­dy to recon­nect and to face the past. The bridge were young­sters, who were born around 2000. I belie­ve this small Fran­co­ni­an town sets a gre­at examp­le that when the­re are good will and open dia­log, the­re may be posi­ti­ve out­co­mes regard­less of histo­ri­cal­ly tra­gic cri­mes com­mit­ted by pre­de­ces­sors. I’m hono­red to work on the film pro­ject and on this theme.

Deut­sche Übersetzung:

Seit ich vor drei Jah­ren vom 13 DL Pro­ject hör­te, war ich fas­zi­niert: Am Anfang des Pro­jekts wuss­te nie­mand, wohin die For­schung füh­ren wür­de. Die Zeit–80 Jah­re nach dem Novemberpogrom–war reif, dass Lich­ten­fels und eini­ge der jüdi­schen Nach­kom­men bereit waren, in Ver­bin­dung zu tre­ten und sich der Ver­gan­gen­heit zu stel­len. Die Brücke dazu waren jun­ge Men­schen, die um das Jahr 2000 gebo­ren waren. Ich glau­be, die frän­ki­sche Klein­stadt Lich­ten­fels ist ein gutes Bei­spiel dafür, dass mit gutem Wil­len und offe­nem Dia­log auch nach histo­risch tra­gi­schen Ver­bre­chen posi­ti­ve Ergeb­nis­se erzielt wer­den kön­nen. Ich füh­le mich geehrt, an dem Film­pro­jekt und an die­sem The­ma zu arbeiten.

Vinit Par­mar (Pro­du­zent):

Eng­li­sches Original:

It is one thing to make histo­ry. It’s ano­t­her to docu­ment how a tra­gic past can be recon­ci­led by young Lich­ten­fels resi­dents. So this film is an important part of the recon­ci­lia­ti­on pro­cess for Ger­mans and Jews in Ame­ri­ca and around the world.

Deut­sche Übersetzung:

Es ist eines, Geschich­te zu schrei­ben. Es ist ein ande­res, zu doku­men­tie­ren, wie jun­ge Lich­ten­fel­ser eine tra­gi­sche Ver­gan­gen­heit auf­ar­bei­ten kön­nen. Die­ser Film ist ein wich­ti­ger Teil des Ver­söh­nungs­pro­zes­ses für Deut­sche und Juden in Ame­ri­ka und weltweit.

Mark Raker (Cine­ma­to­gra­pher):

Eng­li­sches Original:

In pho­to­gra­phing 13DL I wan­ted the light that falls on the town and the peop­le to not just reflect the con­di­ti­on of natu­re, but to reflect the con­di­ti­on of their souls. To bring out the hope and pro­mi­se and healing that has been so bra­vely displayed.

Deut­sche Übersetzung:

Beim Foto­gra­fie­ren von „13 Füh­rer­schei­ne“ woll­te ich, dass das Licht, das auf die Stadt und die Men­schen fällt, nicht nur den Zustand der Natur wider­spie­gelt, son­dern auch den Zustand ihrer See­len. Um die Hoff­nung her­vor­zu­brin­gen und das Ver­spre­chen und die Hei­lung, die so tap­fer offen­bart wurden.

Eli­sa­beth Gareis (Asso­cia­te Producer):

Deut­sches Original:

Das 13 Füh­rer­schei­ne-Pro­jekt ist ein Para­de­bei­spiel für Geschichts­auf­ar­bei­tung und erfolg­rei­che inter­kul­tu­rel­le Kom­mu­ni­ka­ti­on nach hor­ren­den histo­ri­schen Ereig­nis­sen. Die Freund­schaf­ten, die die Schü­ler mit den Nach­kom­men der über­le­ben­den Füh­rer­schein­hal­ter geschlos­sen haben, zei­gen wie Ver­söh­nung auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne statt­fin­den und wei­te Krei­se zie­hen kann. Das Pro­jekt inspi­riert alle, die davon hören. Es ist des­we­gen unse­re Hoff­nung, die­se Geschich­te durch den Film so weit wie mög­lich zu ver­brei­ten und viel­leicht dadurch auch ande­re zur krea­ti­ven Erin­ne­rungs­ar­beit und Ver­söh­nung anzuregen.“