REGIO­MED Lun­gen­zen­trum in Coburg gegründet

Am 04.05.2021 hat sich das REGIO­MED Lun­gen­zen­trum gegrün­det – Gemein­sa­mes Inter­view zur Gründung

1. Mit wel­chem erklär­ten Ziel tre­ten Sie mit dem REGIO­MED Lun­gen­zen­trum an?

Ste­fa­nie Straub, Kran­ken­haus­di­rek­to­rin am REGIO­MED Kli­ni­kum Coburg: REGIO­MED legt im Rah­men sei­ner Medi­zin­stra­te­gie den Fokus auf Ver­net­zung von Sek­to­ren (z.B. ambu­lant und sta­tio­när), von Kli­nik-Stand­or­ten und medi­zi­ni­schen Fach­rich­tun­gen. Der ein­zel­ne Kli­nik­stand­ort wird dabei Teil eines Kom­pe­tenz-Netz­werks – und unse­re Pati­en­ten wer­den von die­sem struk­tu­rel­len Umbau und von der Bün­de­lung unse­rer Kräf­te und des Know-Hows nach­hal­tig profitieren.

Dr. med. Claus Step­pert, Lei­ter des REGIO­MED Lun­gen­zen­trums und Chef­arzt der Fach­ab­tei­lung für Pneu­mo­lo­gie am REGIO­MED Kli­ni­kum Coburg: Ziel des REGIO­MED Lun­gen­zen­trums ist die ganz­heit­li­che Dia­gno­stik und Behand­lung aller Erkran­kun­gen der Lun­ge und der Atem­we­ge. Wich­tig ist uns dabei vor allem die Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät und die Ver­net­zung mit den wei­ter­be­han­deln­den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten, wie Pneu­mo­lo­gen, Inter­ni­sten oder Hausärzte.

PD. PhD. Dr. med. Univ. Zsolt Szik­la­va­ri, Chef­arzt der Tho­ra­x­chir­ur­gie am REGIO­MED Kli­ni­kum Coburg: Die­ses inno­va­ti­ve Koope­ra­ti­ons­mo­dell soll allen Pati­en­ten aus Ober­fran­ken und Süd­thü­rin­gen mit Lun­gen­krank­hei­ten die Mög­lich­keit bie­ten, wohn­ort­nah nicht nur schnell kom­pe­tent behan­delt, son­dern auch abge­stimmt nach­ver­sorgt zu werden.

C. Step­pert: Zudem ist es uns wich­tig, dass wir mit unse­rer Grün­dung ein Bewusst­sein in der Öffent­lich­keit für Erkran­kun­gen der Lun­ge und der Atem­we­ge in der Bevöl­ke­rung schaf­fen – oder neu­deutsch for­mu­liert: eine Awa­reness geschaf­fen wird.

2. Wel­che Erkran­kun­gen wer­den im REGIO­MED Lun­gen­zen­trum behandelt?

C. Step­pert: Durch die brei­te, inter­dis­zi­pli­nä­re Auf­stel­lung des REGIO­MED Lun­gen­zen­trums kön­nen alle Erkran­kun­gen der Lun­ge und Atem­we­ge dia­gno­sti­ziert und mit Aus­nah­me der Lun­gen­trans­plan­ta­ti­on auch behan­delt werden.

Z. Szik­la­va­ri: Somit kön­nen wir im Lun­gen­zen­trum ein indi­vi­du­ell dif­fe­ren­zier­tes und abge­stuf­tes Behand­lungs­kon­zept von kon­ser­va­ti­ver The­ra­pie über chir­ur­gi­sche Ein­grif­fe bis hin zu kom­ple­xen mul­ti­moda­len The­ra­pie­kon­zep­ten für die umfas­sen­de Behand­lung unse­rer Pati­en­ten anbieten.

S. Straub: Zudem kön­nen wir, falls es wei­ter­hin einen so hohen Bedarf bei der Ver­sor­gung von außer­kli­nisch beatme­ten Pati­en­ten gibt, die Pla­nun­gen für die Errich­tung eine Beatmungs­ein­heit und eines Schlaf­la­bors noch für 2021 am Stand­ort Coburg vorantreiben.

3. War­um ist eine inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit inner­halb des Lun­gen­zen­trums essentiell?

C. Step­pert: Die Lun­ge ist dadurch, dass sie neben dem Her­zen als ein­zi­ges Organ mit dem gesam­ten Blut­vo­lu­men durch­blu­tet ist, eng mit den ande­ren Orga­nen ver­bun­den. So fin­den sich regel­mä­ßig Aus­wir­kun­gen von ande­ren Erkran­kun­gen auf die Lun­ge und umge­kehrt. Wei­ter­hin sind die ope­ra­ti­ons­be­dürf­ti­gen Befun­de meist Aus­druck oder Fol­ge einer Erkran­kung der Lun­ge oder der Atem­we­ge; dem­entspre­chend ist auch wäh­rend einer ope­ra­ti­ven Behand­lung eine gleich­zei­ti­ge Behand­lung der Grund­er­kran­kung not­wen­dig. Durch die Fusi­on von Pneu­mo­lo­gie und Tho­ra­x­chir­ur­gie inner­halb des Lun­gen­zen­trums wird die­sen Umstän­den Rech­nung getragen.

Z. Szik­la­va­ri: Die mei­sten gut­ar­ti­gen Erkran­kun­gen der Lun­ge und Atem­we­ge sind chro­ni­sche Erkran­kun­gen, die auch nach Ent­las­sung kon­se­quent behan­delt wer­den müs­sen. Des­halb ist uns auch die enge Ver­net­zung mit den nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gen so wich­tig. Dane­ben sind Krebs­er­kran­kun­gen soge­nann­te System­er­kran­kun­gen, die oft kom­plex sind und die gemein­sa­me Betreu­ung durch ver­schie­de­ne Fach­dis­zi­pli­nen erfor­dern. Und auch hier­bei wird eine syste­mi­sche The­ra­pie oft im ambu­lan­ten Bereich also nach oder par­al­lel zu einer sta­tio­nä­ren The­ra­pie not­wen­dig sein.

Das Lun­gen­krebs­zen­trum wird Teil des onko­lo­gi­schen Zen­trums von REGIO­MED wer­den und eng mit den dort täti­gen Spe­zia­li­sten zusam­men­ar­bei­ten. Um die hohe Ver­sor­gungs­qua­li­tät gewähr­lei­sten zu kön­nen, nut­zen wir die gebün­del­te Exper­ti­se in allen unse­rem Netz­wer­ken für die best­mög­li­che Behand­lung unse­rer Patienten.

4. Wel­che Vor­tei­le bie­tet das REGIO­MED Lun­gen­zen­trum für die Pati­en­ten der Regi­on? Bie­ten Sie auch Sprech­stun­den an ande­ren Stand­or­ten inner­halb von REGIO­MED an?

C. Step­pert: Die pneu­mo­lo­gi­sche Basis­ver­sor­gung wird wei­ter­hin in den mit­ein­an­der ver­netz­ten REGIO­MED Kli­ni­ken ange­bo­ten; die Spe­zia­li­sten des Lun­gen­zen­trums ste­hen aber auch den Kol­le­gen in den ande­ren Kli­ni­ken mit ihrem Erfah­rungs­schatz zur Sei­te. Der ent­schei­den­de Vor­teil liegt somit dar­in, dass alle Pati­en­ten unab­hän­gig vom Wohn­ort und des jewei­li­gen Kli­nik­stand­or­tes immer von der gesam­ten Exper­ti­se unse­res Netz­werks pro­fi­tie­ren. So kön­nen wir die Bevöl­ke­rung unse­rer Regi­on mit ca. 400.000 Ein­woh­nern auch hei­mat­nah in ihrer Regi­on mit hoch spe­zia­li­sier­ten medi­zi­ni­schen Lei­stun­gen behandeln.

Z. Szik­la­va­ri: Durch die Ver­net­zung mit den nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gen fin­det die ambu­lan­te Ver­sor­gung in erster Linie bei den nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gen selbst statt; bei schwie­ri­gen Behand­lungs­fäl­len kön­nen die­se jedoch in enger Rück­spra­che mit uns auch im teil­sta­tio­nä­ren Set­ting behan­delt wer­den, wie z.B. im Schlaf­la­bor. Grund­sätz­lich soll jedem Lun­gen-Pati­en­ten durch unse­re Zusam­men­ar­beit eine kom­pe­ten­te wohn­ort­na­he Behand­lung ange­bo­ten wer­den, egal, ob Pati­en­ten ambu­lant oder sta­tio­när ver­sorgt werden.

5. Im REGIO­MED Lun­gen­zen­trum sind auch nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te invol­viert. Wie schaf­fen Sie hier einen regel­mä­ßi­gen Aus­tausch und wel­chen Vor­teil bie­tet die­se sek­tor­über­grei­fen­de Ver­zah­nung den Patienten?

C. Step­pert Die mei­sten Erkran­kun­gen der Lun­ge und Atem­we­ge sind chro­ni­sche Erkran­kun­gen, die auch nach Ent­las­sung kon­se­quent behan­delt wer­den müs­sen. Des­halb ist uns auch die enge Ver­net­zung mit den nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gen so wich­tig. Auch in Hin­blick auf schwie­ri­ge Dia­gno­sen wur­de bereits eine wöchent­li­che Lun­gen­kon­fe­renz ein­ge­rich­tet, bei der sowohl die Spe­zia­li­sten des Lun­gen­zen­trums von den nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gen kon­sul­tiert als auch wei­te­re Dia­gno­sti­kund Behand­lungs­schrit­te gemein­sam fest­ge­legt wer­den. Außer­dem bie­ten wir auch für die nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gen Tele­kon­si­le an.

Z. Szik­la­va­ri: Durch die Wei­ter­ent­wick­lung von Ent­wöh­nungs­kon­zep­ten sowie von chro­ni­schen Beatmungs­kon­zep­ten und durch Koope­ra­tio­nen mit nie­der­ge­las­se­nen Pneu­mo­lo­gen, ambu­lan­ten Inten­siv­pfle­ge-Ein­rich­tun­gen, sowie Alten- und Pfle­ge­hei­men kön­nen wei­te­re Syn­er­gie­ef­fek­te in die­sen Berei­chen geho­ben wer­den. Damit könn­ten Erfah­run­gen der sek­to­ren­über­grei­fen­de Ver­sor­gung von Lang­zeit­be­atme­ten hier rasch umge­setzt wer­den, sobald die­se neue Ver­sor­gungs­form vom Gesetz­ge­ber aner­kannt und ein­ge­führt wurde.

Dane­ben ist eine Zer­ti­fi­zie­rung, also die Aner­ken­nung der beson­ders für das Pati­en­ten­wohl opti­mier­ten Ver­sor­gungs­struk­tu­ren in unse­rem Zen­trum durch eine inten­si­ve und unab­hän­gi­ge Über­prü­fung, unser erklär­tes gemein­sa­mes näch­stes Ziel.

6. War­um kommt es zu einer Zunah­me von Lungenkrankheiten?

C. Step­pert Wir atmen am Tag etwa 15.000 ‑20.000 Liter Luft ein- und aus. Durch gas­för­mi­ge Schad­stof­fe oder Aero­so­le kann es dann zu einer erheb­li­chen Bela­stung der Lun­ge kom­men – von der frei­wil­li­gen Zer­stö­rung der Lun­ge im Rah­men des Rau­chens ganz zu schwei­gen! Auch alter­na­ti­ve Inha­la­ti­ons­pro­duk­te wie die E- Ziga­ret­ten schä­di­gen nach­weis­lich die Lun­ge. Von der Natur wur­den wir zum Atmen sau­be­rer Luft geschaffen!

Z. Szik­la­va­ri: Laut der Euro­päi­schen Lun­gen Stif­tung (ELF – Euro­pean Lung Foun­da­ti­on) gehö­ren die Lun­gen­er­kran­kun­gen zu den schwer­wie­gend­sten gesund­heit­li­chen Pro­ble­men welt­weit und sind allein für ein Sech­stel aller Todes­fäl­le ver­ant­wort­lich. Die Aus­wir­kun­gen von Lun­gen­er­kran­kun­gen sind heu­te eben­so dra­ma­tisch wie zur vori­gen Jahr­hun­dert­wen­de. Dar­an wird sich vor­aus­sicht­lich auch in den näch­sten Jahr­zehn­ten nichts ändern.

7. Gehen Sie davon aus, dass Sie künf­tig mehr Pati­en­ten mit Lun­gen­pro­ble­men (Long-Covid) durch das Coro­na-Virus in Ihren Sprech­stun­den sehen werden?

C. Step­pert: Wur­de COVID-19 vor einem Jahr noch weit­ge­hend als (iso­lier­te) Erkran­kung der Lun­ge ange­se­hen, wis­sen wir doch heu­te, dass die Lun­ge zwar die Ein­tritts­pfor­te ist, aber auch ande­re Orga­ne betrof­fen sind. Auch hier ist wie­der die Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät gefragt. Nach­dem die ambu­lan­te Ver­sor­gung bei den nie­der­ge­las­se­nen Part­nern erfolgt, fin­det dort der Erst­kon­takt der Pati­en­ten mit Long-Covid statt, aber wir sehen auch zuneh­mend Pati­en­ten mit die­sen Beschwer­den zur wei­te­ren Abklä­rung in der Klinik.

Z. Szik­la­va­ri: Die ersten Long- oder Post-COVID Pati­en­ten sind schon bei uns zur Behand­lung. Aus chir­ur­gi­scher Sicht wird die Erkran­kung in der Zukunft noch vie­le Pro­ble­me ver­ur­sa­chen. Denn auf Grund der Ver­nar­bung der Lun­ge nach einer COVID-Infek­ti­on ver­schlech­tert sich die Qua­li­tät des spe­zi­el­len Lun­gen­ge­we­bes, das für die Atmung zustän­dig ist, was in der Fol­ge zu behand­lungs­be­dürf­ti­gen Defek­ten an der Lun­gen­ober­flä­che füh­ren kann. Wei­ter­hin ist durch die Erkran­kung mit einer Ver­schlech­te­rung der Lun­gen­funk­ti­on zu rech­nen. Die­se ist aber ins­be­son­de­re auch bei allen Ope­ra­tio­nen, für die eine Beatmung not­wen­dig wird, ent­schei­dend. In der Fol­ge müss­ten, bei beson­ders gra­vie­ren­den Fäl­len, not­we­ni­ge Ope­ra­tio­nen gegen das höhe­re Risi­ko eines wei­te­ren Funk­ti­ons­ver­lusts der Lun­ge abge­wo­gen werden.

8. Aus Ihrer Sicht: Wie wird sich Coro­na lang­fri­stig auf Ihre Arbeit im Lun­gen­zen­trum auswirken?

C. Step­pert: Die­se Fra­ge erfor­dert ein wenig den Blick in die Kri­stall­ku­gel. Über­trägt man die Lang­zeit­fol­gen der ersten SARS Epi­de­mie in den frü­hen 2000er Jah­ren auf SARS-CoV‑2, wer­den schät­zungs­wei­se 30% der COVID-19 Erkrank­ten lang­fri­sti­ge Pro­ble­me mit der Lun­ge haben.

S. Straub: Wir sehen uns mit unse­rer neu­en Struk­tur und ins­be­son­de­re durch die Grün­dung des REGIO­MED Lun­gen­zen­trums gut gerü­stet für die­se, wie auch für alle wei­te­ren Herausforderungen.