Stu­di­en der Uni­ver­si­tät Bay­reuth zei­gen Ein­fluss von Schu­lun­gen auf das Entscheidungsverhalten

Symbolbild Bildung

„Klug ent­schei­den ler­nen und glück­lich werden“

Wer in wich­ti­gen pri­va­ten und beruf­li­chen Fra­gen klu­ge Ent­schei­dun­gen trifft, erhöht die Chan­cen auf grö­ße­re Lebens­zu­frie­den­heit. Die dafür erfor­der­li­chen kogni­ti­ven Fähig­kei­ten las­sen sich durch Schu­lun­gen signi­fi­kant stei­gern. Zu die­sem Ergeb­nis kom­men Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Bay­reuth in aktu­el­len empi­ri­schen Stu­di­en, die im „Euro­pean Jour­nal of Ope­ra­tio­nal Rese­arch“ erschie­nen sind. Mehr­wö­chi­ge Kur­se mit Teilnehmer*innen ver­schie­de­ner Alters- und Berufs­grup­pen stärk­ten nach­weis­lich deren Fähig­keit, in schwie­ri­gen Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen eine gut über­leg­te Wahl zu treffen.

FH-Prof. PD Dr. habil. Johannes Siebert. Foto: privat.

FH-Prof. PD Dr. habil. Johan­nes Sie­bert. Foto: privat.

Sind die kogni­ti­ven Fähig­kei­ten, die ein pro­ak­ti­ves klu­ges Ent­schei­dungs­ver­hal­ten stär­ken, zu schwach aus­ge­prägt, kommt es zu Fehl­ent­schei­dun­gen, genau­er: zur Wahl sub­op­ti­ma­ler Hand­lungs­op­tio­nen. Nicht sel­ten wer­den dadurch die Lebens­qua­li­tät und die Lebens­zu­frie­den­heit dau­er­haft beein­träch­tigt. Schu­lun­gen, die sowohl die Ver­mitt­lung von Grund­la­gen­wis­sen als auch prak­ti­sche Übun­gen ein­schlie­ßen, kön­nen jedoch das Ent­schei­dungs­ver­hal­ten deut­lich ver­bes­sern – und zwar genau dadurch, dass sie kogni­ti­ve Fähig­kei­ten stär­ken. Dazu zäh­len vor allem die Fähig­kei­ten, Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen vor­aus­schau­end und pro­ak­tiv anzu­ge­hen, Klar­heit über eige­ne Zie­le zu gewin­nen, erfolg­ver­spre­chen­de Optio­nen zu iden­ti­fi­zie­ren und durch klu­ges Abwä­gen eine best­mög­li­che Wahl zu tref­fen. Dies hat ein For­schungs­team der Uni­ver­si­tät Bay­reuth in mehr­jäh­ri­gen Unter­su­chun­gen her­aus­ge­fun­den. Dar­an betei­ligt waren PD Dr. Johan­nes Sie­bert, Phil­ipp Rolf sowie der ehe­ma­li­ge Juni­or­pro­fes­sor Dr. Rein­hard Kunz, der jetzt eine Pro­fes­sur an der Uni­ver­si­tät zu Köln innehat.

Schu­lungs­ver­an­stal­tun­gen kön­nen aller­dings nicht die Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten ver­än­dern, die – neben den kogni­ti­ven Fähig­kei­ten – eben­falls einen wesent­li­chen Ein­fluss auf das Ent­schei­dungs­ver­hal­ten haben. „Lang­fri­stig wirk­sa­me Dis­po­si­tio­nen, wie etwa das Stre­ben nach Selb­st­op­ti­mie­rung oder eine initia­tiv­freu­di­ge Ein­stel­lung zum Leben, kön­nen sich offen­sicht­lich nicht inner­halb weni­ger Wochen oder Mona­te auf­grund von Schu­lun­gen her­aus­bil­den“, erklärt Sie­bert, der sich in Bay­reuth habi­li­tiert hat und der­zeit am Manage­ment Cen­ter Inns­bruck forscht und unterrichtet.

In einer Vor­gän­ger­stu­die haben die Bay­reu­ther Wis­sen­schaft­ler nach­wei­sen kön­nen, dass klu­ges pro­ak­ti­ves Ent­schei­dungs­ver­hal­ten die Lebens­zu­frie­den­heit erheb­lich för­dern kann. Ent­schei­dend ist dabei nicht allein die Fähig­keit, vor­ge­ge­be­ne Hand­lungs­op­tio­nen umsich­tig zu bewer­ten und gegen­ein­an­der abzu­wä­gen, son­dern auch die Fähig­keit, selb­stän­dig wei­te­re Optio­nen zu ent­decken oder sogar neu zu schaf­fen. „Unse­re Stu­di­en zei­gen deut­lich: Wie sehr wir mit unse­rem Leben zufrie­den sind, hängt kei­nes­wegs nur von Gege­ben­hei­ten ab, denen wir aus­ge­lie­fert sind, ohne sie beein­flus­sen zu kön­nen. Ein pro­ak­ti­ves Ent­schei­dungs­ver­hal­ten hilft uns dabei, neue und bes­se­re Hand­lungs­op­tio­nen zu erschlie­ßen und dadurch die eige­ne Lebens­qua­li­tät zu stär­ken. Weil wir die dafür nöti­gen Fähig­kei­ten gezielt trai­nie­ren kön­nen, liegt es auch in unse­rer Hand, ob wir uns zu zufrie­de­nen Men­schen ent­wickeln“, sagt Phil­ipp Rolf, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Lehr­stuhl für Pro­duk­ti­ons­wirt­schaft und Indu­strie­be­triebs­leh­re der Uni­ver­si­tät Bayreuth.

Die neu­en Erkennt­nis­se über die Stär­kung der für gute Ent­schei­dun­gen wich­ti­gen kogni­ti­ven Eigen­schaf­ten sind aus der wis­sen­schaft­li­chen Beglei­tung und Aus­wer­tung von drei mehr­wö­chi­gen Ver­an­stal­tun­gen her­vor­ge­gan­gen: Ein Online-Kurs zur Qua­li­tät von Ent­schei­dun­gen wur­de in Zusam­men­ar­beit mit einer renom­mier­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tät durch­ge­führt, eine Vor­le­sung zur Ent­schei­dungs­theo­rie fand an einer Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät in Deutsch­land statt, Lehr­ver­an­stal­tun­gen am Manage­ment Cen­ter Inns­bruck in Öster­reich leg­ten einen Schwer­punkt auf die syste­ma­ti­sche Struk­tu­rie­rung und Lösen von Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen. Die ins­ge­samt mehr als 1.000 Teilnehmer*innen gehör­ten unter­schied­li­chen Alters- und Berufs­grup­pen an und bil­de­ten so ein brei­tes gesell­schaft­li­ches Spek­trum ab. „Alle drei Kur­se haben die Fähig­keit der Teil­neh­men­den, durch pro­ak­ti­ves und klu­ges Über­le­gen zu rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu gelan­gen, nach­weis­lich gestärkt – und zwar unab­hän­gig von ihrer Alters- und Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit oder ihrer beruf­li­chen Tätig­keit“, sagt Siebert.

„KLUG ent­schei­den!“: Ein Schul­pro­jekt in Oberfranken

Die Ergeb­nis­se der bei­den Stu­di­en wer­den auch in das Schul­pro­jekt „KLUG ent­schei­den!“ ein­flie­ßen, das vor drei Jah­ren in Ober­fran­ken und der Ober­pfalz gestar­tet ist. Zahl­rei­che Schüler*innen wur­den in Work­shops bereits mit Erfolg dazu ange­lei­tet, nach dem Schul­ab­schluss eine gut begrün­de­te und weit­sich­ti­ge Ent­schei­dung für eine Aus­bil­dung oder für ein Stu­di­um zu tref­fen. Dar­über hin­aus wer­den Lehr­kräf­te mit Grund­la­gen der Ent­schei­dungs­theo­rie ver­traut gemacht und dar­in aus­ge­bil­det, die im Pro­jekt erar­bei­te­ten Inhal­te in ihren Unter­richt zu inte­grie­ren. Das Pro­jekt befasst sich zugleich mit der Fra­ge, wie Schu­len ein sol­ches Ent­schei­dungs­ver­hal­ten för­dern kön­nen. „Erste Ergeb­nis­se zei­gen, dass auch Schü­le­rin­nen und Schü­ler ihre Ent­schei­dungs­fä­hig­kei­ten trai­nie­ren kön­nen und in der Fol­ge ihre Berufs­wahl­ent­schei­dun­gen selbst­be­wuss­ter ange­hen. Hier­aus erge­ben sich sehr inter­es­san­te neue Ansatz­punk­te für die För­de­rung jun­ger Men­schen“, resü­miert Sie­bert. Das Pro­jekt wird von der Rai­ner Mark­graf Stif­tung, der Adal­bert-Raps-Stif­tung und der Ober­fran­ken­stif­tung finan­zi­ell unter­stützt und bis Ende 2021 in Zusam­men­ar­beit mit der Uni­ver­si­tät Bay­reuth fortgesetzt.

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