Holp­ri­ge Umset­zung des Volks­be­geh­rens Arten­viel­falt

Erste wis­sen­schaft­li­che Aus­wer­tung der Maß­nah­men – Trä­ger­kreis zieht ein Jahr nach Inkraft­tre­ten durch­wach­se­ne Zwi­schen­bi­lanz

Wie steht es um die Umset­zung des Volks­be­geh­rens Arten­viel­falt – „Ret­tet die Bie­nen!“ ein Jahr nach der Annah­me der Geset­zes­än­de­run­gen durch den Baye­ri­schen Land­tag? Um alle Maß­nah­men zur Umset­zung des ver­bes­ser­ten baye­ri­schen Natur­schutz­ge­set­zes, das durch ein Begleit­ge­setz und einen umfang­rei­chen Ver­ord­nungs­ka­ta­log der Staats­re­gie­rung ergänzt wur­de, zu über­prü­fen, hat­te der Trä­ger­kreis ein regel­mä­ßi­ges Moni­to­ring ver­an­lasst. ÖDP, LBV, Bünd­nis 90/​Die Grü­nen und die Gre­gor Loui­so­der Umwelt­stif­tung beauf­trag­ten die Hoch­schu­le für Wirt­schaft und Umwelt Nür­tin­gen-Geislin­gen (HfWU), die Aus­wir­kun­gen der neu­en Geset­ze anhand von fest­ge­leg­ten Indi­ka­to­ren zu prü­fen. Das von der HfWU ent­wickel­te Moni­to­ring-Kon­zept hat aus über 80 beschlos­se­nen Maß­nah­men 32 Indi­ka­to­ren abge­lei­tet. Zum Jah­res­tag der Annah­me des Volks­be­geh­rens am 17. Juli 2019 zie­hen die vier Spre­cher des Trä­ger­krei­ses und Prof. Dr. Roman Lenz eine erste Zwi­schen­bi­lanz der Erhe­bun­gen. „Ein Jahr nach der Annah­me des Volks­be­geh­rens ist die Arten­viel­falt in Bay­ern noch nicht geret­tet. Eini­ge gute erste Schrit­te sind gemacht, eini­ge neue Rege­lun­gen wer­den aber auch noch nicht umge­setzt. Der Trä­ger­kreis zieht des­halb eine durch­wach­se­ne erste Zwi­schen­bi­lanz, wes­halb wir wei­ter ganz genau hin­schau­en und Defi­zi­te auf­zei­gen wer­den“, so Agnes Becker, die Beauf­trag­te des Volks­be­geh­rens.

Laut dem Bericht der Wis­sen­schaft­ler um Prof. Roman Lenz von der HfWU sind der­zeit die unmit­tel­ba­ren Aus­wir­kun­gen des Volks­be­geh­rens in eini­gen Berei­chen bereits ables­bar. Dies zeigt zum Bei­spiel die Ankün­di­gung, vier grö­ße­re staat­li­che Wald­ge­bie­te Bay­erns als Natur­wäl­der zusätz­lich unter Schutz zu stel­len. Auch die Erhö­hung der Streu­obst­för­de­rung im Ver­trags­na­tur­schutz­pro­gramm oder die Ein­stel­lung neu­er Wild­le­bens­raum­be­rater kann in die­sem Zusam­men­hang genannt wer­den. Jedoch feh­len teil­wei­se kon­kre­te Defi­ni­tio­nen wie Anga­ben zur räum­li­chen Ver­tei­lung des grü­nen Netz­werks im Wald oder beim Bio­top­ver­bund.

Für eini­ge der Maß­nah­men sind Ziel­wer­te bis zu einem bestimm­ten Zeit­punkt genannt, so die Ana­ly­se von Lenz. Der öko­lo­gi­sche Land­bau soll bis zum Jahr 2025 min­de­stens 20 Pro­zent der land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen umfas­sen. Hier ist bereits ein guter Trend erkenn­bar. Der Anteil von Grün­land­flä­chen mit spä­tem Mahd­zeit­punkt dage­gen, der bereits 2020 bei einem Flä­chen­an­teil von zehn Pro­zent lie­gen soll­te, wird wohl nicht erreicht wer­den.

Nega­tiv ver­mer­ken die Wis­sen­schaft­ler, dass für einen wesent­li­chen Teil der Indi­ka­to­ren die Aus­gangs­da­ten feh­len: dies betrifft die neu geschütz­ten Grün­land­bio­to­pe, die Anwen­dung von Pesti­zi­den, die geplan­te Bewirt­schaf­tung der Stra­ßen­be­gleit­flä­chen als Mager­grün­land oder das Ver­bot gar­ten- und acker­bau­li­cher Nut­zung im Gewäs­ser­rand­strei­fen. Maß­nah­men aus dem Bereich Bil­dung oder Sied­lung sind nur schwer zu bemes­sen. So sol­len hier, aus Sicht von Lenz, kon­kre­te Stu­di­en hel­fen, bei­spiels­wei­se die Umset­zung der geän­der­ten Lehr­plä­ne zu den Zie­len des Natur­schut­zes oder den Auf­ga­ben der Land­wirt­schaft ein­schät­zen und bewer­ten zu kön­nen. Eine Kon­trol­le der Beleuch­tung öffent­li­cher Anla­gen oder beleuch­te­ter Wer­be­an­la­gen im Außen­be­reich kann nur über Stich­pro­ben erfol­gen.

Prof. Roman Lenz, HfWU: „Es ist eine Her­aus­for­de­rung mit den bis­lang weni­gen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Daten die umfang­rei­chen und viel­sei­ti­gen Maß­nah­men des Volks­be­geh­rens bewer­ten zu kön­nen.“ Lenz sieht zugleich dar­in eine Chan­ce hier anzu­set­zen, um für die näch­sten Jah­re die Daten­grund­la­gen zu ver­bes­sern.

Agnes Becker, Beauf­trag­te des Volks­be­geh­rens und stell­ver­tre­ten­de ÖDP-Lan­des­vor­sit­zen­de: „Für die bis­her gezeig­ten Lei­stun­gen bekommt die Staats­re­gie­rung von uns heu­te, zum ersten Geburts­tag des neu­en Geset­zes, Lob und Tadel. Ein wich­ti­ger Schwer­punkt unse­res Geset­zes ist der Aus­bau des Öko­land­baus. Der Staat hat die Ver­pflich­tung bis 2030 den Anteil auf 30 Pro­zent zu stei­gern. Lei­der hapert es da gewal­tig. Die Kür­zung der KULAP-För­de­rung für Bio­land­wir­te und die äußerst zöger­li­che Bereit­schaft, der eige­nen Ein­kaufs­ver­ant­wor­tung für mehr Bio­pro­duk­te in staat­li­chen Kan­ti­nen nach­zu­kom­men, stößt bei mir auf gro­ßes Unver­ständ­nis. Nicht nur auf Lan­des­ebe­ne, auch in den Kom­mu­nen heben Poli­ti­ker von CSU, FW, SPD und FDP nur sel­ten die Hand, wenn mehr Bio­pro­duk­te in Schu­len und Kran­ken­häu­sern gefor­dert wer­den.“

Nor­bert Schäf­fer, Vor­sit­zen­der des LBV: „Im Wald­na­tur­schutz sind wir mit der Aus­wei­sung von über 5.500 Hekt­ar nut­zungs­freie Wäl­der ein gro­ßes Stück vor­an­ge­kom­men. Die­se Wäl­der in den Donau- und Isarau­en, der Fran­ken­alb und dem Stei­ger­wald sind Hot­spots der Arten­viel­falt, die uns zei­gen, wie Natur sich von selbst ent­wickelt und auf den Kli­ma­wan­del reagiert. Eine gro­ße Lücke im Natur­wald-Netz besteht noch bei den Eichen­wäl­dern im Spes­sart. Beim Bio­top­ver­bund im Offen­land hof­fen wir, dass die neu­en Wild­le­bens­raum­be­rater und Bio­di­ver­si­täts­be­ra­ter bald mit ihrer Arbeit begin­nen und zügig ver­lo­ren gegan­ge­ne Lebens­räu­me in der Kul­tur­land­schaft wie­der geschaf­fen wer­den. Die Arten­viel­falt ist auch für die Sta­bi­li­tät des land­wirt­schaft­li­chen Systems enorm wich­tig und der Bio­top­ver­bund für die Nah­erho­lung der Men­schen in Bay­ern unver­zicht­bar.“

Lud­wig Hart­mann, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der von Bünd­nis 90/​Die Grü­nen im baye­ri­schen Land­tag: „Bei zwei der wich­tig­sten Maß­nah­men zur Bewah­rung von Arten­viel­falt und zum Schutz unse­rer Gewäs­ser sto­chern wir im Nebel, zu des­sen Auf­lö­sung die schwarz­oran­ge Regie­rung wenig bis nichts bei­trägt. Im Gegen­teil: Mit dem will­kür­li­chen Anhe­ben der Min­dest­stamm­hö­he für geschütz­te Streu­obst­be­stän­de han­del­te Regie­rungs­chef Söder bewusst gegen den Geist des Volks­be­geh­rens. Statt die­se Schutz­räu­me der Insek­ten­viel­falt zu bewah­ren, lie­fer­te er gro­ße Tei­le der wert­vol­len Baum­be­stän­de höchst­per­sön­lich an die Säge. Eben­so unbe­frie­di­gend ist das Ver­wirr­spiel um die in allen ande­ren Bun­des­län­dern längst ver­pflich­tend ein­ge­führ­ten Gewäs­ser­rand­strei­fen. Statt kla­rer Vor­ga­ben gibt es eine „Macht-was-ihr-wollt-Poli­tik“, die weder zum Schutz der in sol­che Strei­fen leben­den Pflan­zen und Tie­re bei­trägt, noch unse­re Fließ­ge­wäs­ser vor schäd­li­chen Spritz- und Dün­ge­mit­tel­ein­trä­gen schützt.“

Claus Ober­mei­er, Vor­stand der Gre­gor Loui­so­der Umwelt­stif­tung: „Laut Kabi­netts­be­schluss sind im Nach­trags­haus­halts 2020 für den Arten­schutz ins­ge­samt 71,8 Mio. Euro zusätz­li­che Mit­tel sowie 100 Stel­len vor­ge­se­hen. In der Ver­gan­gen­heit galt in Bay­ern: Geld und Stel­len für den Stra­ßen­bau gibt es fast unbe­grenzt, für den Natur­schutz nur ein paar Brot­kru­men. Die­se Ent­wick­lung konn­te durch das Volks­be­geh­ren Arten­viel­falt umge­kehrt wer­den, ten­den­zi­ell setzt die Staats­re­gie­rung hier ihre Zusa­gen um. Im Ver­gleich zu dem teil­wei­se exor­bi­tan­ten Mit­tel­zu­wäch­sen in ande­ren Berei­chen sind wir aber von der XXL-Vari­an­te noch weit ent­fernt, Umschich­tun­gen vor allem von Stel­len zugun­sten des Natur­schut­zes sind wei­ter erfor­der­lich. Dies gilt beson­ders für den völ­lig unzu­rei­chen­den Voll­zug der bestehen­den Geset­ze auf der Ebe­ne der Unte­ren Natur­schutz­be­hör­den“.

Hin­ter­grund:

Zum jet­zi­gen Zeit­punkt kön­nen nur anfäng­li­che Bemü­hun­gen dar­ge­stellt wer­den. Da das Ziel des Volks­be­geh­rens auf eine lang­fri­sti­ge Umset­zung aus­ge­rich­tet ist, kön­nen bestimm­te Berei­che nach einem Jahr nur schwer beur­teilt wer­den. Der Wert der Indi­ka­to­ren und die Aus­wir­kun­gen der neu­en Geset­ze wer­den erst in den näch­sten Jah­ren deut­li­cher wer­den.

Hin­weis:

Zum Jah­res­tag am Frei­tag, 17.7., lädt der Trä­ger­kreis alle Inter­es­sier­ten zu einem kosten­lo­sen Online-Forum ein. Von 20.00 bis 21.30 Uhr ste­hen unter www​.lbv​.de die vier Spre­cher Agnes Becker, Dr. Nor­bert Schäf­fer, Lud­wig Hart­mann und Claus Ober­mei­er und die Vor­sit­zen­den der Öko­an­bau­ver­bän­de Josef Schmidt (AbL) und Hubert Heigl (LVÖ) für Fra­gen rund um das Volks­be­geh­ren Arten­viel­falt zur Ver­fü­gung.