FAU-Exper­ten­kom­men­tar: “Das Wech­sel­spiel von Wis­sen­schaft und Poli­tik”

Umstrit­te­nes Exper­ten­wis­sen

Vie­le Ent­schei­dungs­pro­zes­se in der Poli­tik basie­ren auf Exper­ten­wis­sen, was sich gera­de in der Coro­na­zeit deut­lich beob­ach­ten ließ und noch immer beob­ach­ten lässt. Und gleich­zei­tig bedient sich die Poli­tik gern wis­sen­schaft­li­cher Ergeb­nis­se, die zur eige­nen Agen­da pas­sen. Über das Wech­sel­spiel von Wis­sen­schaft und Poli­tik spricht Sozio­lo­ge PD Dr. Seba­sti­an Bütt­ner vom Insti­tut für Sozio­lo­gie der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Erlan­gen-Nürn­berg im Inter­view.

Dies ist auch The­ma der vir­tu­el­len Tagung „Umstrit­te­ne Exper­ti­se. Kon­flik­te um den Sta­tus von Exper­ten­wis­sen in der Poli­tik“ am 16. und 17. Juli, die Seba­sti­an Bütt­ner zusam­men mit Juni­or­pro­fes­sor Dr. Tho­mas Laux von der TU Chem­nitz an der FAU orga­ni­siert.
https://www.soziologie.phil.fau.de/2020/07/09/virtuelle-sektionstagung-umstrittene-expertise-konflikte-um-den-status-von-expertenwissen-in-der-politik-am-16–17-juli/

Wir leben in einer Zeit, in der sich die mei­sten Phä­no­me­ne die­ser Welt mit wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen erklä­ren las­sen. Trotz­dem miss­trau­en immer mehr Men­schen den Exper­tin­nen und Exper­ten. Beob­ach­ten wir hier das Auf­kei­men einer neu­en Wis­sen­schafts­feind­lich­keit? Und wenn ja, woher kommt die­se?

Wäh­rend der Coro­na­kri­se wur­de in Umfra­gen fest­ge­stellt, dass das Ver­trau­en in die Wis­sen­schaft so hoch war wie sel­ten zuvor: Im März und April lag das Ver­trau­en bei 82 Pro­zent, im Mai ist es gesun­ken auf 72 oder 73 Pro­zent. Es gibt also prin­zi­pi­ell ein sehr hohes Ver­trau­en. Trotz­dem sind cir­ca 20 bis 25 Pro­zent anschei­nend nicht über­zeugt von Wis­sen­schaft. Ver­mut­lich wir­ken da ver­schie­de­ne Fak­to­ren. Gera­de in der aktu­el­len Dis­kus­si­on um Coro­na merkt man, wie kom­pli­ziert Wis­sen­schaft sein kann – gera­de dann, wenn man Gewiss­heit möch­te. Außer­dem gibt es eine wach­sen­de Skep­sis gegen­über der Neu­tra­li­tät der Wis­sen­schaft – man unter­stellt der Wis­sen­schaft, sich für die Inter­es­sen von Unter­neh­men oder der Poli­tik ver­ein­nah­men zu las­sen. Das hat man im Atom­dis­kurs oder der Kli­ma­de­bat­te gese­hen.

Die Poli­tik setzt bei vie­len Ent­schei­dungs­pro­zes­sen auf Exper­ten­wis­sen. Doch statt Ori­en­tie­rung zu geben, schei­nen Exper­ti­sen und Gegen­ex­per­ti­sen in man­chen Fäl­len Kon­tro­ver­sen zu ver­stär­ken und Unsi­cher­heit zu ver­brei­ten – wie der öffent­li­che Schlag­ab­tausch unter Viro­lo­gen in den ver­gan­ge­nen Wochen und Mona­ten zeig­te. Wie bewer­ten Sie die­ses Phä­no­men?Hier pral­len zwei Logi­ken auf­ein­an­der: Eine ist die Logik der Wis­sen­schaft, wo eigent­lich der orga­ni­sier­te Skep­ti­zis­mus herr­schen soll­te, Ergeb­nis­se kri­tisch hin­ter­fragt wer­den. Auf der ande­ren Sei­te die Poli­tik, die ver­läss­li­che Infor­ma­tio­nen für kol­lek­tiv­ver­bind­li­che Ent­schei­dun­gen braucht. Und dann suchen sich Poli­ti­ker und Poli­ti­ke­rin­nen ger­ne sol­che Erkennt­nis­se, die zu ihrer Agen­da pas­sen. Den­ken Sie an die Heins­berg-Stu­die. Die Stu­die war an sich sehr gut. Der Viro­lo­ge Stre­eck hat sich aller­dings sehr schnell von der Poli­tik in Nord­rhein-West­fa­len ein­span­nen las­sen und vor­schnell Ergeb­nis­se prä­sen­tiert.

Den­noch gilt: Wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se sind eine wich­ti­ge Grund­la­ge für gut infor­mier­te poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen. Doch die­se wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­se hat ihre Gren­zen: dann näm­lich, wenn Wert­ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den müs­sen. Hier­für bedarf es der Poli­tik, bezie­hungs­wei­se die­se The­men kön­nen nicht nur wis­sen­schaft­lich ent­schie­den wer­den, son­dern es muss um sie poli­tisch gerun­gen wer­den.

Las­sen Sie mich dies an einem Bei­spiel erläu­tern: Aus der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis, dass Rau­chen die Gesund­heit gefähr­det, lässt sich nicht unmit­tel­bar die nor­ma­ti­ve For­de­rung ablei­ten „Du sollst nicht rau­chen“. Dies ist eine nor­ma­ti­ve Fra­ge, die auf einer ande­ren Ebe­ne dis­ku­tiert und ent­schie­den wer­den muss. Es kann sein, dass man hier­für wie­der Exper­tin­nen und Exper­ten zu Rate zieht – etwa den Ethik­rat. Aber im Kern geht es hier um poli­ti­sche Fra­gen, in die unter­schied­li­che Wer­te und Erwä­gun­gen mit ein­be­zo­gen wer­den müs­sen. Ähn­lich ist es letzt­lich auch beim Dis­kurs um die Coro­na-Maß­nah­men.

Müs­sen sich Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler – ganz egal in wel­cher Dis­zi­plin – stär­ker dar­auf ein­stel­len, dass ihre For­schungs­er­geb­nis­se poten­zi­ell poli­tisch sind? Das ist wohl die Gret­chen­fra­ge der Wis­sen­schaft, die auch viel­fach von Phi­lo­so­phin­nen und Lite­ra­ten bear­bei­tet wur­de. Ich möch­te in zwei­fa­cher Wei­se ant­wor­ten. Zum einen ja, Wis­sen­schaft­ler und Wis­sen­schaft­le­rin­nen soll­ten sich immer über die nor­ma­ti­ven, gesell­schaft­li­chen und gesell­schafts­po­li­ti­schen Impli­ka­tio­nen ihrer For­schung im Kla­ren sein. Vie­le For­schungs­the­men haben poli­ti­sche Impli­ka­tio­nen, auch wenn For­sche­rin­nen und For­scher die­se mög­li­cher­wei­se selbst nicht im Blick haben.
For­schung ist jedoch noch in einem wei­te­ren Sin­ne poli­tisch bezie­hungs­wei­se poli­tisch geprägt: näm­lich in einem nicht uner­heb­li­chen Maße auch durch die For­schungs­för­de­rung. Das darf man nicht unter­schät­zen. Es gibt immer mehr Bedarf, bestimm­te The­men zu pushen, weil man sie poli­tisch möch­te und dem­entspre­chend ori­en­tie­ren sich dann auch Wis­sen­schaft­ler und Wis­sen­schaft­le­rin­nen an poli­tisch gesetz­ten The­men. Also ja, For­schung ist in vie­ler­lei Hin­sicht poli­tisch, und es gibt auch eine bestimm­te poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung der Wis­sen­schaft.

Umge­kehrt möch­te ich aber beto­nen, dass die Wis­sen­schafts­frei­heit ein hohes Gut ist und auch die Frei­heit der For­schung. Das heißt also, nicht jede For­schung soll­te poli­tisch moti­viert sein und nicht jede For­schung soll­te unmit­tel­bar sozu­sa­gen auch poli­tisch rele­vant sein und einen poli­ti­schen Hin­ter­grund haben. Dies ist ein Wert, den die Ver­ant­wort­li­chen in Wis­sen­schaft und Poli­tik mei­ner Ansicht nach stets im Blick haben soll­ten, gera­de in einer Zeit, in der die Rufe nach der gesell­schaft­li­chen und öffent­li­chen Rele­vanz von Wis­sen­schaft immer lau­ter wer­den.

Das kom­plet­te Inter­view gibt es als Video auf You­tube: