Wirt­schafts­hi­sto­ri­ker der Uni­ver­si­tät Bay­reuth: „Aktu­el­le Kri­se histo­risch ein­zig­ar­tig, sind aber bes­ser vor­be­rei­tet“

Die Coro­na-Pan­de­mie traf Staa­ten, Volks­wirt­schaf­ten und Gesell­schaf­ten mit vol­ler Wucht – auch, weil die aktu­el­le Kri­se gänz­lich ande­re Ursa­chen hat als frü­he­re Kri­sen. Inso­fern ist die Situa­ti­on nach Ansicht von Prof. Dr. Jan-Otmar Hes­se, Inha­ber des Lehr­stuhls für Wirt­schafts- und Sozi­al­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth, „histo­risch ein­zig­ar­tig“. Zwar lie­ßen sich die Fol­gen „der­zeit noch über­haupt nicht abse­hen“, aber Hes­se glaubt auch: „Ins­ge­samt sind wir sehr viel bes­ser vor­be­rei­tet als auf ver­gan­ge­ne Kri­sen.“

Kurz­ar­beit in nie gekann­tem Aus­maß, Kurs­ein­brü­che, gan­ze Bran­chen wur­den vom Staat still­ge­legt – gab es so etwas in der Wirt­schafts­ge­schich­te schon ein­mal?

Wirt­schafts­kri­sen gab es immer wie­der, auch wel­che mit noch grö­ße­ren Fol­gen als der­zeit. Die Welt­wirt­schafts­kri­se von 192931 war bei­spiels­wei­se dra­ma­ti­scher als der Coro­na-Ein­bruch bis­her und auch der Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on für die betrof­fe­nen Regio­nen.

Wo liegt der Unter­schied?

Ursa­che und Art der aktu­el­len Kri­se wür­de ich als histo­risch ein­zig­ar­tig ein­stu­fen. Der Aus­lö­ser ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung und kei­ne öko­no­mi­sche Schief­la­ge. Außer­dem wur­de der Kon­sum ganz maß­geb­lich beschränkt, was histo­risch höch­stens in Kriegs­zei­ten prak­ti­ziert wur­de, dort aber eben nur für bestimm­te Güter, wäh­rend der Ver­brauch ande­rer Güter in Kriegs­zei­ten stark steigt.

Wel­che Hil­fe­stel­lung lei­stet der Ver­gleich mit ver­gan­ge­nen Kri­sen? Die Gesell­schaft sieht doch heu­te ganz anders aus.

Aus histo­ri­schen Pan­de­mien kön­nen wir schon sehr viel ler­nen, schon weil wir auf einen histo­risch ein­ma­lig lan­gen Zeit­raum zurück­blicken, in dem Pan­de­mien letzt­lich kei­ne Rol­le mehr spiel­ten. Die histo­ri­schen Pan­de­mien sind also eigent­lich die ein­zi­gen Erfah­rungs­wer­te die wir haben. Aus dem Aus­bruch der „Spa­ni­schen Grip­pe“ im Okto­ber 1918 kön­nen wir bei­spiels­wei­se ler­nen, dass die Städ­te in den USA, die sehr früh­zei­tig sehr restrik­ti­ve Kon­takt­be­schrän­kun­gen erlas­sen haben, öko­no­misch die gering­sten Ein­bu­ßen erlit­ten haben. Wir kön­nen auch ler­nen, wie Ster­be­ri­si­ken bei­spiels­wei­se mit der Ein­kom­mens­ver­tei­lung zusam­men­hän­gen oder mit dem Aus­bau­stand des Gesund­heits­sy­stems. Die Welt­wirt­schafts­kri­se ist dage­gen ein etwas ande­rer Fall: Hier kön­nen wir vor allem ler­nen, wel­che Fol­gen unter­schied­li­che wirt­schafts­po­li­ti­sche Stra­te­gien hat­ten. Bei der Über­tra­gung auf die Gegen­wart ist natür­lich immer Vor­sicht gebo­ten, weil sich die Gesell­schaft seit­dem ver­än­dert hat. 1929 gab es kein Kurz­ar­bei­ter­geld und nur eine rudi­men­tä­re Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung.

Woher kommt die Sehn­sucht nach der Rück­schau? Suchen wir Trost nach dem Mot­to „Wir haben es damals geschafft, da schaf­fen wir es jetzt auch“?

Eine wirk­li­che Sehn­sucht kann ich nicht erken­nen. Häu­fig ist die Beschäf­ti­gung mit der Geschich­te auch gar nicht trö­stend, son­dern fru­strie­rend, wenn sich her­aus­stellt, dass Feh­ler wie­der­holt wer­den. Nie­mand von uns hat je eine Pan­de­mie erlebt und ich glau­be, das trägt zum Inter­es­se an der Geschich­te bei.

Wel­che histo­ri­schen Ver­glei­che zu Kri­sen­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gien böten sich jetzt an?

Mei­ner Mei­nung nach ist die Welt­wirt­schafts­kri­se schon der beste Ver­gleich, weil die­se Kri­se einen ähn­lich tie­fen Ein­bruch dar­stell­te, auch wenn sie eine ganz ande­re Ursa­che hat­te.

Inwie­fern sind wir in Euro­pa stär­ker oder schwä­cher als 1929?

Die Staats­ver­schul­dung war in vie­len Län­dern damals höher als heu­te, aber ins­ge­samt sind wir sehr viel bes­ser vor­be­rei­tet auf die Kri­se als damals, und die Staa­ten kön­nen für vie­le Fami­li­en die schlimm­sten Not­la­gen ver­hin­dern. Auch die poli­ti­sche Riva­li­tät heu­te hat bis­her die Kri­sen­be­kämp­fung nicht ver­hin­dert. Unse­re Schwä­che heu­te im Ver­gleich von 1929 ist viel­leicht, dass wir uns alle an die staat­li­che Hil­fe und Unter­stüt­zung gewöhnt haben und die Eigen­ver­ant­wor­tung in der Kri­se abhan­den­ge­kom­men zu sein scheint.

Sind die Maß­nah­men ver­gleich­bar?

Weni­ge poli­ti­sche Maß­nah­men waren damals erfolg­reich: Die Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men waren nicht groß genug, Inve­sti­ti­ons­pro­gram­me kamen zu spät, poli­ti­scher Radi­ka­lis­mus wur­de unter­schätzt, Kli­en­te­lis­mus nicht kon­se­quent bekämpft. Das Schul­den­mo­ra­to­ri­um kam zu spät und es pro­fi­tier­ten letzt­lich die Nazis davon. Ich kann also wenig Nach­ah­mens­wer­tes erken­nen.

Was kann man heu­te bes­ser?

Sie mei­nen, ob eine poli­ti­sche Maß­nah­me, die damals nicht funk­tio­niert hat, mit tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten unse­rer Gegen­wart even­tu­ell erfolg­reich sein könn­te? Die bes­se­ren Reak­ti­ons­mög­lich­kei­ten und die schnel­le Imple­men­tie­rung bei­spiels­wei­se von Finanz­hil­fen, die weni­ge Tage spä­ter den Begün­stig­ten zur Ver­fü­gung ste­hen, hal­te ich schon für einen beacht­li­chen Unter­schied – des­sen tat­säch­li­che Wir­kung aber noch erforscht wer­den müss­te.

Erst hieß es, die wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Coro­na-Maß­nah­men sei­en ver­gleich­bar zur Ban­ken­kri­se 2008, dann wur­de mit der Welt­wirt­schafts­kri­se 1929/1930 ver­gli­chen. Nun heißt es, die Fol­gen sei­en schlim­mer als bei bei­den zusam­men. Wie sehen Sie das?

Ich mei­ne vor allem, dass die Fol­gen sich der­zeit noch über­haupt nicht abse­hen las­sen und dann in ver­schie­de­nen Län­dern sehr unter­schied­lich sein wer­den. Die Ban­ken­kri­se 2008 war in Deutsch­land für die aller­mei­sten Haus­hal­te kaum spür­bar, in den USA aber gra­vie­rend. Die Welt­wirt­schafts­kri­se brach­te über meh­re­re Jah­re einen Ein­bruch der Wirt­schafts­lei­stung um bis zu 20% mit sich, die Arbeits­lo­sen­zah­len lagen je nach Sta­ti­stik bei 30–40%, der Welt­han­del brach um zwei Drit­tel ein. Eine so tie­fe Kri­se erwar­te ich eigent­lich nicht.