Frän­ki­sches Frei­land­mu­se­um: Bade­kul­tur und Säf­te­l­eh­re in Spät­mit­tel­al­ter und Frü­her Neuzeit

Schwitz­ba­den, Schröp­fen und Kurieren

Bade­kul­tur und Säf­te­l­eh­re in Spät­mit­tel­al­ter und Frü­her Neu­zeit Als Vor­ge­schmack auf die Son­der­aus­stel­lung „Sau­ber­keit zu jeder Zeit! Hygie­ne auf dem Land“ mit einem Aus­stel­lung­teil zum Baderwe­sen in Fran­ken, die im Jahr 2020 zu sehen ist, stellt das Frän­ki­sche Frei­land­mu­se­um des Bezirks Mit­tel­fran­ken eine klei­ne Geschich­te der Hygie­ne auf dem Land in sechs Sta­tio­nen vor. In die­ser zwei­ten Sta­ti­on beschäf­tigt uns die Fra­ge, was taten die Men­schen in Spät­mit­tel­al­ter und Frü­her Neu­zeit, um Krank­hei­ten und Gesund­heits­schä­den zu ver­hü­ten? Der Blick zurück zeigt, dass der Hygie­ne-Begriff und die Vor­stel­lung von der rich­ti­gen Gesund­heits­vor­sor­ge einem tief­grei­fen­den Wan­del unterlagen.

Im Spät­mit­tel­al­ter gab es ein immer dich­ter wer­den­des Netz von öffent­li­chen Bad­stu­ben, in denen Schwitz- und Wan­nen­bä­der ange­bo­ten wur­den. Nicht nur Rei­che, son­dern auch das Gesin­de regel­mä­ßig die Bad­häu­ser, um sich gesund zu erhal­ten. Wel­che Vor­stel­lung von Gesund­heits­vor­sor­ge stand hin­ter die­ser Pra­xis? Wie lief der Besuch eines Bad­hau­ses ab?

Ein Bader beim Schröpfen

Schröpfszene in einer Badstube, Abbildung aus den Hausbüchern der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung 1612, Stadtbibliothek Nürnberg

Schröpf­sze­ne in einer Bad­stu­be, Abbil­dung aus den Haus­bü­chern der Men­del­schen Zwölf­brü­der­stif­tung 1612, Stadt­bi­blio­thek Nürnberg

In den Haus­bü­chern der Men­del­schen Zwölf­brü­der­stif­tung aus Nürn­berg fin­den sich die gän­gi­gen Hand­wer­ke dar­ge­stellt. Auch eini­ge Bader sind abge­bil­det. So sehen wir den Bader Wolff Gei­gen­feindt mit einem Bade­gast. Bei­de haben ihre Klei­der abge­legt und tra­gen nur die soge­nann­te „Bruch“, eine Art Unter­ho­se. Denn in der Bad­stu­be vor dem mäch­ti­gen Schwitz­o­fen ist es rich­tig heiß, weil es in der Bad­stu­be rich­tig warm ist. Ein blau­es Gewand und ein Hut hän­gen am Haken an der Wand. Zum Schutz ihrer Köp­fe tra­gen Bader und Bade­gast Bade­hü­te aus Stroh. Links sieht man in der rund­bo­gi­gen Öff­nung des Ofens die Badsteine.

Sie wur­den erhitzt und dann zur Dampf­erzeu­gung mit Was­ser über­gos­sen, also ganz ähn­lich wie dies heu­te auch beim Auf­guss in der Sau­na üblich ist. Es war ein ziem­li­cher Auf­wand, den Schwitz­o­fen mit gro­ßen Men­gen Holz zu behei­zen. Die Bad­stu­be auf dem Bild hat ein mit But­zen­schei­ben ver­gla­stes Fen­ster und einen mit Plat­ten aus­ge­leg­ten Fuß­bo­den, war also in einem durch­aus respek­ta­blen Gebäu­de unter­ge­bracht. Der ste­hen­de Bader ist gera­de dabei, den auf einer Bank sit­zen­den Bade­gast zu schröp­fen. Beim blu­ti­gen Schröp­fen ritz­te der Bader die Haut zunächst etwas an. Dann setz­te er den zuvor, wie auch hier zu sehen, über einem Öllämp­chen erwärm­ten Schröpf­kopf auf. Durch den ent­ste­hen­den Unter­druck saug­te sich der Schröpf­kopf fest und ent­zog klei­ne Men­gen Blu­tes aus der Haut. Dies funk­tio­nier­te umso bes­ser, da der Bade­gast gera­de vor dem Ofen schwitz­te und die Gefä­ße sei­ner Haut damit beson­ders gut durch­blu­tet waren.

Das Kon­zept der „Säf­te­l­eh­re“

War­um unter­zog sich der Bade­gast die­ser Pro­ze­dur? Ziel des Schröp­fens wie auch des Schwit­zens war es, schlech­te oder über­flüs­si­ge „Kör­per­säf­te“ los­zu­wer­den. Man nann­te dies auch „die Säf­te rei­ni­gen“. Die Säf­te­l­eh­re als das dahin­ter­ste­hen­de Gesund­heits- und Krank­heits­kon­zept basiert auf den Leh­ren der grie­chisch-römi­schen Medi­zin des Hip­po­kra­tes und Galen – und hielt sich bis ins 18. Jahr­hun­dert. Auf den Hip­po­kar­ti­schen Eid, der Grund­la­gen medi­zi­ni­schen Han­deln for­mu­liert, bezieht sich bis heu­te die Dis­kus­si­on um Ethik in der Medizin.

Die anti­ke Phi­lo­so­phie ord­ne­te den vier Ele­men­ten Feu­er, Was­ser, Erde und Luft bestimm­te Qua­li­tä­ten zu. Die zuge­hö­ri­ge Krank­heits­leh­re über­trug dies auf die „Kör­per­säf­te“: Das Blut galt so wie die Luft als warm und feucht, der Schleim wie das Was­ser als kalt und feucht, die gel­be Gal­le wie das Feu­er als warm und trocken und die schwar­ze Gal­le wie die Erde als kalt und trocken. Krank­heit wur­de gedeu­tet als ein Ungleich­ge­wicht der Kör­per­säf­te, Gesund­heit als Gleich­ge­wicht der Säf­te. Ziel aller Gesund­heits­pfle­ge muss­te es damit sein, das Gleich­ge­wicht der Säf­te zu erhal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len. Dies konn­te durch ver­schie­den­ste aus­lei­ten­de Ver­fah­ren gesche­hen: durch Schwit­zen und Schröp­fen, aber auch durch den Ader­lass oder die Gabe von Abführ­mit­teln. Wie sehr die Säf­te­l­eh­re auch das Ver­ständ­nis der Bäder präg­te, zeigt sich schon bei Hil­de­gard von Bin­gen (1089 – 1179), die über das Schwitz­bad schreibt: „Wer aber fet­tes Fleisch hat, dem ist das Schwitz­bad gut und nütz­lich, weil er die Säf­te, die in ihm über­flüs­sig sind, durch das­sel­be ein­schränkt und ver­rin­gert.“ Der Bad­haus­be­such mit Schwit­zen und Schröp­fen war so Teil einer umfas­sen­den Hygie­ne, zu der noch ande­re Maß­nah­men der Gesund­heits­für­sor­ge wie z.B. eine bestimm­te Ernäh­rung gehörten.

Ablauf eines Badhausbesuches

Das Fränkische Freilandmuseum baut zurzeit das mittelalterliche Badhaus aus Wendelstein wieder auf. Foto Lisa Baluschek

Das Frän­ki­sche Frei­land­mu­se­um baut zur­zeit das mit­tel­al­ter­li­che Bad­haus aus Wen­del­stein wie­der auf. Foto Lisa Baluschek

Der­zeit baut das Frän­ki­sche Frei­land­mu­se­um das 1450 errich­te­te Bad­haus aus Wen­del­stein bei Nürn­berg wie­der auf. Am Gebäu­de kann man nach­ver­fol­gen, wie der Besuch in einem länd­li­chen Bad­haus abge­lau­fen ist. Zuerst ent­klei­de­ten sich die Bade­gä­ste in der mit einem Kachel­ofen beheiz­ten Umklei­de- oder „Abzieh­stu­be“. Dann ging es vor­bei am Schür­raum und der Was­ser­ver­sor­gung in die eigent­li­che Bad­stu­be. Dort wuschen zuerst Bade­mäg­de die neu ankom­men­den Gäste mit Lau­ge ab. Anschlie­ßend setz­ten sich die Bade­gä­ste auf die an der Wand neben dem Ofen stu­fen­wei­se anstei­gen­den Schwitz­bän­ke. Zum Bade­ri­tu­al gehör­ten nun das soge­nann­te „Rei­ben“: Zur Stei­ge­rung der Durch­blu­tung der Haut bear­bei­tet eine Bade­knecht oder der Bade­gast selbst sei­ne Haut mit Büscheln aus Eichen­laub. Der beim Über­gie­ßen der Bad­stei­ne im gro­ßen Ofen immer wie­der neu ent­ste­hen­de Dampf brach­te die Bade­gä­ste so recht ins Schwit­zen. Dazwi­schen erfolg­ten Abgüs­se mit immer käl­ter wer­den­dem Was­ser. Die wohl­ha­ben­de­ren Kun­den des Baders konn­ten als Zusatz­an­ge­bot auch ein Wan­nen­bad neh­men. Im Wen­del­stei­ner Bad­haus war dazu durch eine höl­zer­ne Trenn­wand ver­mut­lich ein eige­ner Wan­nen­bad­be­reich von der übri­gen Bad­stu­be abgeteilt.

Dort stan­den wohl einst höl­zer­ne Bade­bot­ti­che bereit und viel­leicht war dies auch der Ort für Haar­wä­sche sowie Bart- und Haar­schnitt als wei­te­re „Dienst­lei­stun­gen“ des Baders, die oft einen Bad­haus­be­such abrun­de­ten. Der Reiz eines Bad­stu­ben­be­su­ches bestand frei­lich auch im gesel­li­gen Aus­tausch mit den ande­ren Bade­gä­sten auf den Schwitzbänken.

Ab dem 16. Jahr­hun­dert begann ein all­mäh­li­cher Nie­der­gang der Schwitz- und Wan­nen­bä­der in öffent­li­chen Bad­stu­ben. Ver­schie­de­ne Ursa­chen haben zu die­sem Nie­der­gang bei­getra­gen: Das für die mäch­ti­gen Schwitz­öfen in gro­ßen Men­gen benö­tig­te Brenn­holz wur­de auf­grund des all­ge­mei­nen Holz­man­gels immer teu­rer, wäh­rend zugleich die Ein­nah­men für die Bader san­ken, da immer mehr Bür­ger sich eige­ne klei­ne Bad­stüb­chen in ihre Pri­vat­häu­ser ein­bau­en lie­ßen. Der Bad­stu­ben­be­trieb wur­de also zum Leid­we­sen der Bader immer unrentabler.

Zudem hielt die Angst vor Ansteckung vor der gras­sie­ren­den Syphi­lis so man­chen poten­ti­el­len Besu­cher ab. Den Badern blieb aber wei­ter ihre wich­ti­ge Auf­ga­be als nicht­aka­de­mi­sche Hei­ler und Wund­ärz­te, vor allem in den Dör­fern, wo es noch lan­ge kei­ne stu­dier­ten Ärz­te gab.

Der näch­ste Bei­trag die­ser Serie geht Fra­gen der staat­li­chen Kon­trol­le der Hygie­ne nach, wie sie heu­te im Rah­men der Pan­de­mie­be­kämp­fung wie­der eine augen­fäl­li­ge Rol­le spielen.

Denn vor allem mit der Auf­klä­rung wur­den Hygie­ne und Gesund­heits­vor­sor­ge ver­stärkt zum öffent­li­chen Anlie­gen und zu einer zen­tra­len staat­li­chen Auf­ga­be. Der Staat ver­such­te seit dem 19. Jahr­hun­dert bis in den letz­ten Win­kel auch auf dem Land das Leben der Men­schen und die Pro­duk­ti­on der Nah­rungs­mit­tel hygie­nisch zu gestal­ten – ein Aspekt, der auch in der kom­men­den Son­der­aus­stel­lung „Sau­ber­keit zu jeder Zeit! Hygie­ne auf dem Land“ aus­führ­lich behan­delt wird.

Dr. Mar­ga­re­te Meggle-Freund

Die­se Serie stützt sich auf den Kata­log zur gleich­na­mi­gen Aus­stel­lung: „Sau­ber­keit zu jeder Zeit! Hygie­ne auf dem Land.” Peters­berg (Micha­el Imhof Ver­lag) 2019, 256 S. mit zahl­rei­chen far­bi­gen Abbil­dun­gen, ISBN 978–3‑7319–0837‑1, 19,95 €, Bezug über Frän­ki­sches Frei­land­mu­se­um info@​freilandmuseum.​de oder den Buchhandel.