Kuli­na­rik aus dem Frän­ki­schen Frei­land­mu­se­um: “Kal­ter Hund”

Kalter Hund, Foto Margarete Meggle-Freund
Kalter Hund, Foto Margarete Meggle-Freund

Kal­ter Hund – Exo­ti­sche Üppig­keit im Wirtschaftswunder

Das Stahl­haus aus Nerreth reprä­sen­tiert im Frän­ki­schen Frei­land­mu­se­um des Bezirk Mit­tel­fran­ken das 20. Jahr­hun­dert. Es ist in vie­ler Hin­sicht typisch für die Nach­kriegs­zeit. Das 2011 im Frei­land­mu­se­um wie­der­auf­ge­bau­te Stahl­haus wur­de 1949 in Nerreth auf­ge­stellt. In die­ser Zeit ver­such­ten die MAN-Stahl­wer­ke eine Stahl­bau-Fer­tig­haus-Pro­duk­ti­on zu eta­blie­ren. Stahl war der ange­sag­te moder­ne Werk­stoff, und davon gab es noch Reste aus der Rüstungs­pro­duk­ti­on, die zu die­ser Zeit ruh­te. Im zer­bomb­ten Deutsch­land herrsch­te gro­ßer Woh­nungs­man­gel. Durch­setz­ten konn­te sich die Idee des Stahl­bau-Fer­tig­hau­ses den­noch nicht. Aber das Stahl­haus im klei­nen Wei­ler Nerreth bot für Genera­tio­nen ein länd­li­ches Idyll. Es steht für eine moder­ne Lebens­wei­se. Woh­nen und Arbei­ten sind getrenn­te Lebens­be­rei­che; im Stahl­haus wur­de nur gewohnt. Der Gar­ten ist kein rei­ner Nutz­gar­ten, son­dern dient mit sei­nen Blu­men und Zier­sträu­chern eher als Erwei­te­rung des Wohn­be­reichs. Das Wohn­zim­mer hat eine Türe direkt nach drau­ßen auf die Ter­ras­se. Dort such­te die Fami­lie mit­ten im Grü­nen Erholung.

Cha­rak­te­ri­stisch für die Nach­kriegs­zeit, in der das Nerr­e­ther Stahl­haus ent­stand, ist ein sich rasant ent­wickeln­des Bedürf­nis nach reich­hal­ti­gen Spei­sen, das als Reak­ti­on auf die Hun­ger­jah­re der Nach­kriegs­zeit zu erklä­ren ist. Die­ses Phä­no­men der Nach­kriegs­zeit wird auch als „Fress­wel­le“ des Wirt­schafts­wun­ders bezeich­net. Auf die­se Zeit geht das Rezept „Kal­ter Hund“ zurück, das wäh­rend der Wirt­schafts­wun­der­zeit sehr beliebt war. Mit hoher Wahr­schein­lich­keit fand „Kal­ter Hund“ auch zum Kin­der­ge­burts­tag im Gar­ten des Stahl­hau­ses aus Nerreth sei­ne Lieb­ha­ber. „Kal­ter Hund“ ist ein schlich­tes Rezept – ein Kuchen ohne Backen. Kek­se wer­den mit einer Mas­se aus gehär­te­tem Kokos­fett und Scho­ko­la­de zusam­men­ge­hal­ten. Vor­aus­set­zung dafür sind zwei indu­stri­ell her­ge­stell­te Lebens­mit­tel: gehär­te­tes Kokos­fett, das seit 1894 unter der Mar­ke „Pal­min“ im Han­del war, und fer­ti­ge But­ter­kek­se. Das gehär­te­te Fett lässt die Scho­ko­mas­se schnitt­fest wer­den. Die abge­pack­ten Kek­se sind rela­tiv bil­lig und schnell ver­füg­bar. Seit 1903 ver­kauf­te die Fir­ma Bahl­sen Kek­se nicht mehr lose wie bis­her, son­dern in einer Ver­packung, die sie lan­ge halt­bar mach­te. Außer­dem war Bahl­sen die erste Fir­ma, die 1905 in Euro­pa eine Fließ­band­pro­duk­ti­on für Lebens­mit­tel ein­führ­te. Bereits in den 1920er Jah­ren gab sie ein Rezept für einen Scho­ko­la­den-Kuchen auf Basis von Leib­nitz­kek­sen her­aus. Aber erst in der Wirt­schafts­wun­der­zeit wur­den des­sen Zuta­ten für vie­le erschwing­lich und ver­füg­bar. Im Koch­buch­klas­si­ker „Das Baye­ri­sche Koch­buch“ fin­det man den Keks­ku­chen unter dem Namen Lukul­lus. Im DDR-Back­buch­klas­si­ker „Das Back­buch“ aus dem Ver­lag „für die Frau“ in der 27. Auf­la­ge von 1989 ziert der Keks­ku­chen gar das Titel­blatt des Buchs. Weil der „Kal­te Hund“ so ein­fach zuzu­be­rei­ten ist, wird er immer wie­der zum Sel­ber­ma­chen für Kin­der empfohlen.

Den Rezep­ten der Fünf­zi­ger­jah­re und aus der DDR merkt man den Spar­zwang noch an. Sie ver­wen­den rohe Eier, reich­lich Zucker und gesüß­tes Kakao­pul­ver. Manch­mal wird zum Kokos­ge­schmack als wei­te­ren exo­ti­schen Luxus noch lös­li­cher Kaf­fee als Gewürz ver­wen­det – aber kei­ne ech­te Scho­ko­la­de. Heu­te stel­len wir eine moder­ni­sier­te Vari­an­te mit nati­vem Kokos­öl und hoch­pro­zen­ti­ger Zart­bit­ter­ku­ver­tü­re vor. So erhält der „Kal­te Hund“ die Geschmacks­no­te Zart­bit­ter. Wir ser­vie­ren den kal­ten Hund auf einer hell­gel­ben Tisch­decke, eine der in den Fünf­zi­ger­jah­ren so belieb­ten Pastell­far­be. Für das Land­haus darf es ger­ne hand­ge­webt in Lei­nen­op­tik sein. Auf­ge­schnit­ten wird der Kal­te Hund auf einem Kunst­stoff­brett­chen aus Mela­min, das in der der Nach­kriegs­zeit sehr modern war.

Kalter Hund, Foto Margarete Meggle-Freund

Kal­ter Hund, Foto Mar­ga­re­te Meggle-Freund

Für eine 21 cm lan­ge Kasten­form benö­tigt man 400 g dunk­le Kuver­tü­re, 200 g Sah­ne, 50 g Kokos­öl, 2 Ess­löf­fel Kakao­pul­ver, 250 g But­ter­kek­se. Als Gewür­ze wer­den 2 Ess­löf­fel gemah­le­ner Kokos­blü­ten­zucker, 1 Päck­chen Vanil­le­zucker, nach Belie­ben Rum, gemah­le­ner Zimt und Gal­gant verwendet.

Eine Kasten­form wird mit Frisch­hal­te­fo­lie aus­ge­legt, damit man dann spä­ter den gestock­ten Kuchen leich­ter aus der Form heben kann. Das Kokos­öl und die Kuver­tü­re wer­den im Was­ser­bad geschmol­zen. Sah­ne, Kakao­pul­ver, Kokos­blü­ten­zucker, Vanil­le­zucker, Rum und Gewür­ze mit dem Schnee­be­sen lang­sam unter­rüh­ren und die Scho­ko­mas­se schau­mig schla­gen. Zuerst eine Scho­ko­schicht, dann immer abwech­selnd Kek­se und Scho­ko­mas­se in die Form geben; mit einer Scho­ko­schicht abschlie­ßen. Eini­ge Stun­den im Kühl­schrank fest wer­den las­sen. Dann stür­zen und in Schei­ben schnei­den. Wenn der Kuchen ein bis zwei Tage steht, zieht er stär­ker durch und schmeckt noch bes­ser. Wer es süßer mag, kann natür­lich Voll­milch­ku­ver­tü­re ver­wen­den und Puder­zucker nach Belie­ben zuge­ben. In sei­ner Üppig­keit macht sich das Rezept auch gut als Kon­fekt: Dazu ein­fach die Kek­se etwas fla­cher schich­ten, oben auf gerö­ste­te Nüs­se, Kokos­flocken oder Zucker­streu­sel als Dekor streu­en und in klei­ne Wür­fel geschnit­ten servieren.

Dr. Mar­ga­re­te Meggle-Freund

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