Exper­ten der Bay­reu­ther Rechts­wis­sen­schaft zum neu­en Covid-19-Recht

Die Schutz­maß­nah­men gegen die Covid-19-Pan­de­mie brin­gen viel­fäl­ti­ge Rechts­fra­gen mit sich. Die­se betref­fen sowohl deren Aus­ge­stal­tung auf Basis des Infek­ti­ons­schutz­rechts als auch die Fol­gen ins­be­son­de­re für Arbeits­ver­trä­ge und Ver­trä­ge am Markt. Hier­zu lei­sten Bay­reu­ther Rechts­wis­sen­schaft­ler in der neue­sten Aus­ga­be der am mei­sten ver­brei­te­ten deut­schen juri­sti­schen Fach­zeit­schrift ‚Neue Juri­sti­sche Wochen­schrift‘ einen ersten wich­ti­gen Bei­trag.

Die Experten der Bayreuther Rechtswissenschaft zum neuen Covid-19-Recht, v.l. Stephan Rixen, Adam Sagan, Marius Brockfeld, Christina Möllnitz und Martin Schmidt-Kessel.

Die Exper­ten der Bay­reu­ther Rechts­wis­sen­schaft zum neu­en Covid-19-Recht, v.l. Ste­phan Rixen, Adam Sagan, Mari­us Brock­feld, Chri­sti­na Möll­nitz und Mar­tin Schmidt-Kes­sel.

Eine Ana­ly­se zu den Ände­run­gen des Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes vom 27. März 2020 nimmt Prof. Dr. Ste­phan Rixen vor. Das Gesetz brin­ge eine Aus­wei­tung der staat­li­chen Befug­nis­se für die Bekämp­fung von Pan­de­mien im Rah­men der Bekämp­fung von Covid-19 und künf­ti­ger Infek­ti­ons­la­gen. „Ent­schei­dend ist“, so Rixen, „dass die not­wen­dig wei­ten Spiel­räu­me der Behör­den zu einer effek­ti­ven Krank­heits­be­kämp­fung den Anfor­de­run­gen an rechts­staat­li­che Garan­tien und Grund­rech­te genü­gen. Feh­len­de Bestimmt­heit darf dabei nicht zula­sten der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger gehen.“ Auch müss­ten bei der Aus­le­gung der Tat­be­stän­de die für Geset­ze all­ge­mein aner­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den gewahrt blei­ben. Rixen hat an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth den Lehr­stuhl für Öffent­li­ches Recht I – Öffent­li­ches Recht, Sozi­al­wirt­schafts- und Gesund­heits­recht – inne.

„Für Arbeits­ver­hält­nis­se steht der Gesetz­ge­ber vor dem Ziel­kon­flikt aus Infek­ti­ons­schutz und Kon­ti­nui­tät der Arbeits­pro­zes­se“, betont Prof. Dr. Adam Sagan. So müs­se der Arbeit­neh­mer aus­nahms­wei­se eine Erkran­kung am Virus dem Arbeit­ge­ber mit­tei­len, wäh­rend anlass­lo­se Kon­trol­len am Werks­tor unzu­läs­sig sei­en. Beson­ders gefähr­de­ten Arbeit­neh­mern kön­ne ein Arbeits­weg in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln unter Umstän­den nicht mehr zuzu­mu­ten sein. Sagan, MJur (Oxon), ist Lehr­stuhl­in­ha­ber Zivil­recht II an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth.

Co-Autor Mari­us Brock­feld ergänzt zum The­ma Betriebs­schlie­ßun­gen und Ent­gelt­fort­zah­lung „Wird der Betrieb wegen Unter­bre­chung von Lie­fer­ket­ten oder Erkran­kung zu vie­ler Arbeit­neh­mer geschlos­sen, bleibt es in der Regel bei der Ent­gelt­fort­zah­lung.“ Bei Schlie­ßun­gen durch behörd­li­che Anord­nung lie­ge das Risi­ko hin­ge­gen ganz über­wie­gend nicht beim Arbeit­ge­ber, sodass die­ser Löh­ne und Gehäl­ter nicht fort­zah­len müs­se. In die­sem Fall sei der Sozi­al­staat gefragt, mit dem Kurz­ar­bei­ter­geld ein­zu­sprin­gen. Brock­feld ist Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Lehr­stuhl Zivil­recht II.

Die dar­aus fol­gen­den finan­zi­el­len Bela­stun­gen vor allem für Ver­brau­cher aber auch für Kleinst­un­ter­neh­mer haben den Gesetz­ge­ber zum Erlass vor­über­ge­hen­der Son­der­re­geln für wirt­schaft­lich beson­ders gefähr­de­te Schuld­ner geführt. „Ver­brau­cher und Kleinst­un­ter­neh­mer in einer schwe­ren wirt­schaft­li­chen Not­la­ge wegen der Covid-19-Pan­de­mie kön­nen bei beson­ders wich­ti­gen Dau­er­ver­trä­gen Zah­lun­gen vor­über­ge­hend ver­wei­gern, obwohl sie die Lei­stun­gen wei­ter bezie­hen und auch erhal­ten müs­sen“, erläu­tert Dr. Chri­sti­na Möll­nitz. Das gel­te ins­be­son­de­re für Pflicht­ver­si­che­run­gen, Strom, Gas und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on sowie bei Ver­brau­chern auch für Dar­le­hen. Die Zah­lun­gen müss­ten dann spä­ter gelei­stet wer­den, weil das neue Gesetz nur die Kri­sen­mo­na­te über­brücken sol­le. Möll­nitz ist Post­doc und Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Bay­reu­ther Lehr­stuhl Zivil­recht IX.

„Für Mie­ten von Woh­nun­gen und Geschäfts­räu­men“, erläu­tert Co-Autor Prof. Dr. Mar­tin Schmidt-Kes­sel ver­är­gert, „hat es vie­le feh­ler­haf­te Berich­te zum Inhalt der Neu­re­ge­lung gege­ben.“ Ins­be­son­de­re sei es Mie­tern gera­de nicht gestat­tet, Miet­zah­lun­gen aus­zu­set­zen. Ledig­lich eine Kün­di­gung wegen Zah­lungs­rück­stän­den müss­ten sie vor­über­ge­hend nicht fürch­ten. „Die Neu­re­ge­lung ist eine typi­sche gesetz­ge­be­ri­sche Not­maß­nah­me in der Kri­se und die Aus­le­gung daher teil­wei­se noch unsi­cher“, so Schmidt-Kes­sel; aller­dings lie­ßen sich mit der Neu­re­ge­lung ver­nünf­ti­ge Ergeb­nis­se erzie­len. Schmidt-Kes­sel hat an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth den Lehr­stuhl für Deut­sches und Euro­päi­sches Ver­brau­cher­recht und Pri­vat­recht sowie Rechts­ver­glei­chung inne.

Die Bay­reu­ther Rechts­wis­sen­schaft­ler wer­den auch wei­ter­hin mit den Fra­gen der recht­li­chen Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se befasst sein. So befin­det sich ein umfang­rei­che­rer Bei­trag zu den ver­brau­cher­schüt­zen­den Rege­lun­gen bereits im Druck und auch ein Buch zum Coro­na­ver­trags­recht ist in Vor­be­rei­tung. Auch ver­tie­fen­de Bei­trä­ge zum Infek­ti­ons­schutz­recht und zu den Fol­gen der Coro­na-Kri­se für den Ver­fas­sungs­staat wer­den vor­be­rei­tet. Ver­öf­fent­licht sind die vor­ge­nann­ten Bei­trä­ge in der neue­sten Aus­ga­be der am mei­sten ver­brei­te­ten deut­schen juri­sti­schen Fach­zeit­schrift ‚Neue Juri­sti­sche Wochen­schrift‘ (NJW), Heft 16 vom 8. April 2020, S. 1097–1103 (Rixen), S. 1103–1107 (Schmidt-Kes­sel / Möll­nitz) und S. 1112–1117 (Sagan / Brock­feld).