Aus­stel­lung “Tüte um Tüte” im Histo­ri­schen Muse­um Bam­berg

Vor­aus­sicht­lich ab 21.4.–25.10.2020

Die Pla­stik­tü­te gilt als umstrit­te­nes Sym­bol unse­rer Kon­sum­kul­tur und soll in Kür­ze abge­schafft wer­den. Die Aus­stel­lung „Tüte um Tüte“ wid­met sich erst­mals die­sem kul­tur­ge­schicht­li­chen Objekt. Sie zeigt, wie und war­um man begann, im 19. u. 20. Jahr­hun­dert zunächst Papier- und dann Pla­stik­tü­ten zu ver­wen­den, wel­ches Image sie ihren Trä­ge­rin­nen und Trä­gern ver­leiht und mit wel­chen Mit­teln sie als Wer­be­flä­che dient. Auch die gra­vie­ren­den Umwelt­pro­ble­me wie die Ver­schmut­zung der Mee­re und das Ein­ge­hen von Mikro­pla­stik in den Natur­kreis­lauf wer­den the­ma­ti­siert. Die Aus­stel­lung wird sowohl die Viel­falt und Ästhe­tik der Pla­stik- und Papier­tü­ten zei­gen als auch ihre Mas­se pro­ble­ma­ti­sie­ren. Besu­che­rin­nen und Besu­cher wer­den dabei aktiv ein­be­zo­gen und zum Nach­den­ken ange­regt. Dazu arbei­ten die Muse­en der Stadt Bam­berg mit dem Fluss­pa­ra­dies Fran­ken e.V. zusam­men. Ähn­lich wie bei der 2009 umge­setz­ten Aus­stel­lung „Im Fluss der Geschich­te – Bam­bergs Lebens­ader Reg­nitz“ wer­den sich vie­le Akteu­rin­nen und Akteu­re (Umwelt­bil­dungs­ein­rich­tun­gen, Schu­len, Ver­ei­ne, Krea­ti­ve, Behör­den, …) aus Bam­berg und der Regi­on an einem Rah­men-pro­gramm zur Aus­stel­lung betei­li­gen. Denn das The­ma „Pla­stik“ geht uns alle an.

Ein Meer aus Tüten

Die Kunst­stoff­tra­ge­ta­sche ist seit 60 Jah­ren unse­re ste­ti­ge Beglei­te­rin. Sie ist prak­tisch, reiß­fest und was­ser­dicht, dient zum Trans­port von schwe­ren Ein­käu­fen, als Regen­schutz und vor allem als Wer­be­flä­che. Obwohl sie inzwi­schen kosten­pflich­tig ist, lag der Pro-Kopf-Ver­brauch in Deutsch­land im Jahr 2018 immer noch bei 24 Stück, das sind immer noch 2 Mil­li­ar­den Stück. (Dabei sind die dün­nen Obst- und Gemü­se­tü­ten, 39 pro Kopf und Jahr, nicht ein­ge­rech­net). Pla­stik­tü­ten zer­fal­len erst nach Jahr­zehn­ten und gehen als Mikro­pla­stik­be­stand­tei­le ins Was­ser, die Luft und in unse­ren Stoff­wech­sel ein. Doch wie kam es über­haupt dazu, dass die­ses Sym­bol der Kon­sum­kul­tur Teil unse­res All­tags ist?

Sym­bol der Kon­sum­kul­tur

Spitz­tü­ten aus Papier gibt es seit dem Spät­mit­tel­al­ter. Die­se wur­den bis ins 19. Jh. hin­ein von Hand aus alten Buch­sei­ten geklebt. Im Zuge der Indu­stria­li­sie­rung begann man, sie maschi­nell her­zu­stel­len. In Papier­tra­ge­ta­schen mit Kor­del­zug konn­ten mode­be­wuss­te Kun­din­nen und Kun­den in den 1920er Jah­ren ihre Ein­käu­fe aus den neu gegrün­de­ten Waren­häu­sern nach­hau­se trans­por­tie­ren. Moder­ne Kunst­stoff­tü­ten aus poly­me­ri­sier­tem Roh­ben­zin konn­ten tech­nisch erst nach dem zwei­ten Welt­krieg her­ge­stellt wer­den. Ihre Benut­zung ist eng mit den sozia­len, kul­tu­rel­len, wirt­schaft­li­chen und tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen der Nach­kriegs­zeit ver­quickt. Das Auf­kom­men von Selbst­be­die­nungs­lä­den, das Kon­sum­ver­hal­ten der Wirt­schafts­wun­der­jah­re und die Ver­füg­bar­keit von Erd­öl spiel­ten dabei eine maß­geb­li­che Rol­le.

Die ersten Tüten aus Poly­ethy­len mit Tra­ge­hen­kel wur­den in den 1960er Jah­ren in den Lebens­mit­tel­ab­tei­lun­gen von Kauf­häu­sern aus­ge­ge­ben. Als bil­li­ge Wer­be­flä­che began­nen sie ihren Sie­ges­zug. Doch auch die Papier­tra­ge­ta­sche exi­stier­te wei­ter­hin, vor allem als Image­trä­ge­rin für die wohl­ha­ben­de Kli­en­tel kost­spie­li­ger Geschäf­te. In der DDR wie­sen Tüten dage­gen völ­lig ande­re Moti­ve auf als in der BRD und wur­den vor allem anläss­lich poli­ti­scher Ereig­nis­se bedruckt. Trotz stei­gen­der Erd­öl­prei­se in den 1970er Jah­ren wur­den neue For­men wie die Dop­pel­kraft- und die Rei­ter­band­tra­ge­ta­sche ent­wickelt, um die Reiß­fe­stig­keit und das Fas­sungs­ver­mö­gen der Tüte und damit die Ein­kaufs­men­ge zu erhö­hen. Obwohl schon vor über 40 Jah­ren war­nen­de Stim­men „Jute statt Pla­stik“ for­der­ten, blieb die Tüte ein Mas­sen­pro­dukt, das weni­ge Male ver­wen­det und dann weg­ge­wor­fen wur­de.

Viel­falt der Tüten

In der Aus­stel­lung ist anhand zwei­er Pri­vat­samm­lun­gen die Form‑, Farb- und Funk­ti­ons­viel­falt der Tüte zu sehen. Mit ca. 284 Sicht­kon­tak­ten war sie lan­ge die preis­wer­te­ste Wer­be­flä­che über­haupt und wur­de des­we­gen von allen Bran­chen ver­wen­det. Die For­men­spra­che und Gra­fik spie­geln die Moden der Zeit wider. So ist z.B. wenig bekannt, dass das Design der Aldi-Nord-Tüte von dem Künst­ler Gün­ter Fruh­t­runk, einem bekann­ten Ver­tre­ter der Op Art und der Ana­ly­ti­schen Male­rei ent­wor­fen wur­de. Trotz­dem gilt sie als Sym­bol für ein bestimm­tes sozia­les Milieu und damit als Gegen­pol des Kon­sums, im Gegen­satz zur Papier­tü­te etwa von Guc­ci. Tüten fun­gie­ren also auch als sozia­les Unter­schei­dungs­merk­mal und erzäh­len uns etwas über ihre Trä­ge­rin oder ihren Trä­ger. Einen Teil der Aus­stel­lung wer­den auch Tüten von Bam­ber­ger Geschäf­ten ein­neh­men, von denen vie­le nicht mehr exi­stie­ren. Dies zeigt, dass Tra­ge­ta­schen aus Papier und Kunst­stoff auch zeit­hi­sto­ri­sche Quel­len dar­stel­len.

Umwelt­pro­ble­me

Die Mas­se der Tüten ver­deut­licht aber auch, dass es höch­ste Zeit ist, anders mit die­sen Objek­ten umzu­ge­hen. Inzwi­schen haben sich immer mehr Län­der von dem prak­ti­schen All­tags­be­glei­ter ver­ab­schie­det. In man­chen Staa­ten dro­hen hohe Stra­fen, wenn man mit einer Pla­stik­tü­te erwischt wird. Auch in Deutsch­land ist ein Pla­stik­tü­ten­ver­bot geplant, doch ist es damit wirk­lich getan? Die Aus­stel­lung wid­met sich auch den Umwelt­aspek­ten wie dem Recy­cling von Pla­stik und Pla­stik­tü­ten und dem Pro­blem von Mikro­pla­stik. Eben­so wer­den Alter­na­ti­ven wie Baum­woll- und Bio­pla­stik­ta­schen unter die Lupe genom­men. Besu­che­rin­nen und Besu­cher wer­den dabei aktiv ein­be­zo­gen und zum Nach­den­ken ange­regt.

MUSE­EN DER STADT BAM­BERG
Histo­ri­sches Muse­um Bam­berg
Alte Hof­hal­tung, Dom­platz 7, 96049 Bam­berg
Tel. +49 (0)951.87 1140 (Kas­se), +49 (0)951.87 1142 (Ver­wal­tung)
www​.muse​um​.bam​berg​.de
museum@​stadt.​bamberg.​de

Öff­nungs­zei­ten: Di-So u. fei­er­tags 10–17 Uhr

Ein­tritt: Erwach­se­ne 7 € . ermä­ßigt 6 € . Stu­die­ren­de 3 € . Schü­ler 1 € . Fami­li­en 14 € . Schwer­be­hin­der­te GdB 50 3 € (bei Schwer­be­hin­der­ten mit dem Ein­trag „B” hat die Begleit­per­son frei­en Ein­tritt).