Bam­ber­ger Wirt­schafts­in­for­ma­tik: Wie Block­chain die Phar­ma-Lie­fer­ket­te trans­pa­ren­ter macht

Gefälsch­te Medi­ka­men­te und deren töd­li­che Fol­gen ein­däm­men

„Ein gro­ßer Teil der glo­bal ver­trie­be­nen Arz­nei­mit­tel ist gefälscht“, sagt Wirt­schafts­in­for­ma­ti­ker Jens Matt­ke von der Uni­ver­si­tät Bam­berg. „Schäd­li­che oder inak­ti­ve Inhalts­stof­fe in gefälsch­ten Medi­ka­men­ten ver­ur­sa­chen welt­weit schät­zungs­wei­se eine Mil­li­on Todes­fäl­le pro Jahr.“ Die soge­nann­te Block­chain-Tech­no­lo­gie soll ver­hin­dern, dass Fäl­schun­gen bei­spiels­wei­se in Apo­the­ken lan­den. Ob und wie das gelin­gen kann, haben vier Wis­sen­schaft­ler vom Lehr­stuhl für Wirt­schafts­in­for­ma­tik, ins­be­son­de­re Infor­ma­ti­ons­sy­ste­me in Dienst­lei­stungs­be­rei­chen, an der Uni­ver­si­tät Bam­berg unter­sucht. In einer Fall­stu­die erforsch­ten sie das Block­chain-Pro­jekt „Medi­Led­ger“. Ihre Ergeb­nis­se haben sie im Dezem­ber 2019 in der wirt­schafts­in­for­ma­ti­schen Fach­zeit­schrift „MIS Quar­ter­ly Exe­cu­ti­ve“ ver­öf­fent­licht. Haupt­au­tor Jens Matt­ke fasst den Inhalt zusam­men: „Anhand des ‚MediLedger‘-Projekts zei­gen wir, wel­che Her­aus­for­de­run­gen mit der neu­en Block­chain-Tech­no­lo­gie ein­her­ge­hen. Und wir geben den Unter­neh­men, die die­se Tech­no­lo­gie selbst ein­füh­ren möch­ten, Hand­lungs­emp­feh­lun­gen.“

Eine Block­chain ist eine Daten­bank, die auf vie­len Rech­nern ver­teilt ist und digi­ta­le Trans­ak­tio­nen doku­men­tiert. Ursprüng­lich wur­de die Idee der Block­chain für die Kryp­to­wäh­rung Bit­coin ent­wickelt. Alle Zah­lun­gen mit Bit­coin wer­den über die­se öffent­li­che, dezen­tra­le Daten­bank aus­ge­führt, ohne dass eine zen­tra­le Instanz, wie eine Bank, die Kon­trol­le hat. „Unter­neh­men aus fast allen Bran­chen expe­ri­men­tie­ren mit Block­chain-Pro­jek­ten“, schil­dert Dr. Chri­sti­an Mai­er, Mit­au­tor der Stu­die. „Aller­dings schöp­fen nur weni­ge Unter­neh­men die Vor­tei­le die­ser Tech­no­lo­gie kom­plett aus.“ Ein Bei­spiel für ein erfolg­reich ange­lau­fe­nes Pro­jekt sei „Medi­Led­ger“, ent­wickelt im Jahr 2017 von dem Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men Chro­ni­cled. Ziel von „Medi­Led­ger“ ist eine trans­pa­ren­te und ein­heit­li­che Block­chain-Platt­form, die alle Ein­hei­ten – jedes Arz­nei­mit­tel, jeden Impf­stoff – und ihre Trans­port­we­ge anony­mi­siert ver­merkt. Dadurch kann jeder abglei­chen, ob ein Arz­nei­mit­tel von veri­fi­zier­ten Unter­neh­men kommt, sodass Fäl­schun­gen ein­ge­dämmt wer­den.

Wirt­schafts­in­for­ma­ti­ker geben Unter­neh­men Emp­feh­lun­gen

Die Bam­ber­ger For­scher haben das „MediLedger“-Projekt mit einer Fall­stu­die wis­sen­schaft­lich beglei­tet. Zwi­schen 2017 und 2019 inter­view­ten sie Mit­glie­der des „MediLedger“-Projekts, ver­schie­de­ne Phar­ma­un­ter­neh­men und Block­chain-Exper­ten. Durch die­se Stu­die kön­nen sie Unter­neh­men, die selbst ein Block­chain-Pro­jekt pla­nen, Emp­feh­lun­gen geben, wor­auf sie bei der Ein­füh­rung ach­ten soll­ten. Eine Emp­feh­lung betrifft die Pro­jekt­orga­ni­sa­ti­on: „Bis­her ist es üblich, dass alle Block­chain-Teil­neh­mer zusam­men die Platt­form ver­wal­ten“, erklärt Mit­au­tor Axel Hund. „Aus orga­ni­sa­to­ri­schen und recht­li­chen Grün­den ist es aber – je nach Anwen­dungs­sze­na­rio – sinn­vol­ler, dass die Teil­neh­mer eine zen­tra­le Anlauf­stel­le bestim­men.“ In ihrer Ver­öf­fent­li­chung nen­nen die Wis­sen­schaft­ler die­se Per­son einen „wohl­wol­len­den Dik­ta­tor“, der die lau­fen­den Geschäfts­ak­ti­vi­tä­ten in Über­ein­stim­mung mit allen Betei­lig­ten aus­führt.

Eine wei­te­re Erkennt­nis der Wirt­schafts­in­for­ma­ti­ker: Block­chain-Anwen­dun­gen kön­nen ange­passt wer­den, sodass Kon­kur­ren­ten, die nor­ma­ler­wei­se kein gemein­sa­mes IT-System ver­wen­den wür­den, zusam­men Daten in einer Block­chain abspei­chern. „Im Moment befürch­ten vie­le Fir­men, dass Kon­kur­ren­ten in einem gemein­sa­men System Rück­schlüs­se auf ihre Geschäfts­ak­ti­vi­tä­ten zie­hen kön­nen“, so Jens Matt­ke. Das füh­re zu einer Viel­zahl an IT-Syste­men mit unein­heit­li­chen Daten, die es ermög­li­chen, dass gefälsch­te Medi­ka­men­te in Umlauf gera­ten. Um das Ein­drin­gen von gefälsch­ten Medi­ka­men­ten zu ver­hin­dern, sei es jedoch not­wen­dig, dass alle Kon­kur­ren­ten ihre Daten in einem gemein­sa­men IT-System abspei­chern. Das „MediLedger“-Projekt hat einen Algo­rith­mus ent­wickelt, der dafür sorgt, dass nur Trans­ak­tio­nen zwi­schen veri­fi­zier­ten Unter­neh­men geneh­migt wer­den, aber Block­chain-Teil­neh­mer nicht ein­se­hen kön­nen, wel­che Unter­neh­men betei­ligt waren. „Bei­spiels­wei­se kann ein Groß­händ­ler über­prü­fen, ob das von ihm gekauf­te Arz­nei­mit­tel seit der Her­stel­lung nur von veri­fi­zier­ten Unter­neh­men gehan­delt wur­de, ohne her­aus­zu­fin­den, wel­che Zwi­schen­händ­ler betei­ligt waren“, erläu­tert Jens Matt­ke.

Die Stu­di­en­ergeb­nis­se sind laut Chri­sti­an Mai­er nicht nur für die Phar­ma­bran­che hilf­reich: „Unse­re Emp­feh­lun­gen kön­nen auch auf ande­re Bran­chen über­tra­gen wer­den, zum Bei­spiel auf die Finanz- oder Auto­mo­bil­bran­che.“

Publi­ka­ti­on:

Jens Matt­ke, Chri­sti­an Mai­er, Axel Hund und Tim Weit­zel. 2019. How an Enter­pri­se Block­chain App­li­ca­ti­on in the U.S. Phar­maceu­ti­cals Sup­ply Chain is Saving Lives. MIS Quar­ter­ly Exe­cu­ti­ve, dx​.doi​.org/​1​0​.​1​7​7​0​5​/​2​m​s​q​e​.​0​0​019 .

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen unter: www​.uni​-bam​berg​.de/​i​s​d​l​/​f​o​r​s​c​h​u​n​g​/​b​l​o​c​k​c​h​a​i​n​-​t​e​c​h​n​o​l​o​g​i​e​-​u​n​d​-​k​r​y​p​t​o​w​a​e​h​r​ung