Lite­ra­ri­scher Sonn­tag im Kunst­mu­se­um Bay­reuth

Aby Warburg,1912 - (C) Foto Warburg Institute

Aby Warburg,1912 – © Foto War­burg Insti­tu­te

Am kom­men­den Sonn­tag, dem 28.7., fin­det anläss­lich der Aus­stel­lung „Mne­mo­sy­ne und die Moder­ne“ erst­mals ein Lite­ra­ri­scher Sonn­tag im Kunst­mu­se­um Bay­reuth statt.

Zum „Ersten Lite­ra­ri­schen Salon“ (6) um 11 Uhr erwar­ten wir im histo­ri­schen Sit­zungs­saal als Über­ra­schungs­gast Hans Jür­gen Schatz, den bekann­ten Ber­li­ner Schau­spie­ler und Rezi­ta­tor zahl­rei­cher Wer­ke der Welt­li­te­ra­tur, (z. B. Käst­ner, Tho­mas Mann und als Jean Paul). Er wird zusam­men mit dem bewähr­ten Team der Mark­gra­fen­buch­hand­lung Tex­te zum „Mythos Renais­sance“ lesen.

Um 13 Uhr schließt sich dann unter dem Titel „Lebens­la­gen – wie blei­be ich Mensch“ in der Aus­stel­lung eine Lesung von Tex­ten des Expres­sio­nis­mus, der Neu­en Sach­lich­keit und der Post­mo­der­ne mit Dr. Bar­ba­ra Pitt­ner und Dr. Bea­tri­ce Trost an.

Und um 15 Uhr bie­ten die­sel­be Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Kunst­hi­sto­ri­ke­rin in der Rei­he „gemalt und erzählt“ einen Rund­gang durch die Aus­stel­lung mit Bil­dern und Geschich­ten für Sehen­de und Nicht­se­hen­de an.

2.6. – 28.8. (!) 2019
Aus­stel­lun­gen aus den Samm­lun­gen: Teil 2 – Figu­ra­ti­on
Mne­mo­sy­ne und die Moder­ne (Kunst­mu­se­um Bay­reuth)

Aby War­burgs „Bil­der­at­las Mne­mo­sy­ne“ in der Rekon­struk­ti­on der Alber­ti­na, Wien

Anläss­lich des 20. Muse­ums­ge­burts­ta­ges zeigt das Kunst­mu­se­um Bay­reuth in der Aus­stel­lungs­hal­le im Neu­en Rat­haus eine Rekon­struk­ti­on der foto­gra­fisch über­lie­fer­ten und repro­du­zier­ten 63 Tafeln von Aby War­burgs „Bil­der­at­las Mne­mo­sy­ne“.

War­burg wird 1866 in eine jüdi­sche Ban­kiers­fa­mi­lie als älte­ster von sie­ben Kin­dern gebo­ren. Anders als sei­ne Brü­der ent­schei­det er sich jedoch gegen eine Kar­rie­re als Ban­kier und über­lässt sei­nem jün­ge­ren Bru­der sein Erbe als Erst­ge­bo­re­ner. Bereits früh ent­deckt er sein Inter­es­se für Bild­wis­sen­schaf­ten und stu­diert Kunst­ge­schich­te, Geschich­te und Archäo­lo­gie in Bonn, Mün­chen, Straß­burg und Flo­renz. In sei­ner Dis­ser­ta­ti­on 1892 ana­ly­siert War­burg Wer­ke von Bot­ti­cel­li. Dar­über hin­aus möch­te er erfor­schen, wie Anti­ke The­men und Aus­drucks­for­men der Kunst in spä­te­ren Epo­chen, vor allem in der euro­päi­schen Renais­sance, Ein­zug erhiel­ten und wel­chen Ein­fluss sie noch immer haben. Außer­dem fas­zi­niert War­burg die Astro­lo­gie und Mytho­lo­gie. Vor allem die kul­ti­schen Ritua­le nicht euro­päi­scher Natur­völ­ker, wie die der Hopi-India­ner in den USA, die er 1895 besucht und des­sen Schlan­gen­ri­tu­al ihn beein­druckt.

Der Kunst­hi­sto­ri­ker und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler War­burg revo­lu­tio­niert die moder­ne Bild­wis­sen­schaft, indem er neue Metho­den der Iko­no­gra­phie und Iko­no­lo­gie ent­wickelt. Er ana­ly­siert erst­mals Sym­bo­le und Attri­bu­te in einem Bild auf deren Bedeu­tung und Tra­di­ti­on, anstatt wie übli­cher Wei­se nur Tech­nik und Stil zu berück­sich­ti­gen. Die­se von ihm ein­ge­lei­te­te kunst­hi­sto­ri­sche Betrach­tung von Bild­in­hal­ten wird spä­ter vom Kunst­wis­sen­schaft­ler Erwin Pan­of­sky wei­ter­ge­führt.

Um sei­ne For­schun­gen über vor­ge­präg­te anti­ke Aus­drucks­wer­te in der euro­päi­schen Kunst zu visua­li­sie­ren, beginnt War­burg 1924 sein letz­tes gro­ßes Pro­jekt, den „Bil­der­at­las Mne­mo­sy­ne“. Die­ser bleibt zu sei­nem Tod 1929 unvoll­endet. Mit Hil­fe sei­nes Assi­sten­ten Fritz Saxl sam­melt er Mate­ria­li­en, um sie ver­schie­de­nen The­men­grup­pen, soge­nann­ten „Clu­ster“, zuzu­ord­nen. Sei­ne bild­wis­sen­schaft­li­chen For­schun­gen hält War­burg auf 1,70m x 1,40m gro­ßen, mit schwar­zem Stoff bespann­ten Holz­rah­men, fest. Er benutzt hier­für jedoch kei­ne ori­gi­na­len Kunst­wer­ke, son­dern Kopien und ande­re Gegen­stän­de, wie Zei­tungs­ar­ti­kel, Brief­mar­ken oder Wer­be­pla­ka­te. So kann er nach The­men sor­tie­ren, um nach­zu­ver­fol­gen, wie bestimm­te Moti­ve umge­setzt wur­den.

Der Name „Mne­mo­sy­ne“ lei­tet sich von der grie­chi­schen Göt­tin der Erin­ne­rung, der Mut­ter der Musen, ab. War­burg ließ die­sen Schrift­zug auch über dem Ein­gang der von ihm gegrün­de­ten Kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Biblio­thek in Ham­burg anbrin­gen.

Noch immer wer­fen die Bild­ta­feln Rät­sel auf, denn sie wei­sen weder Beschrif­tun­gen noch Tex­te auf. Die Tafeln wur­den nach War­burgs Tod 1929 und der Ver­la­ge­rung sei­ner Biblio­thek nach Lon­don aus Schutz vor den Natio­nal­so­zia­li­sten aus­ein­an­der genom­men. Nur anhand von Pho­to­gra­phien konn­ten sie rekon­stru­iert wer­den. In Form eines Weges als Schlan­gen­li­nie kön­nen die Besu­cher dort den Denk­pro­zess War­burgs erle­ben.

Jana Neu­ge­bau­er