Gewäs­ser­rand­strei­fen: Damit Bay­erns Arten­viel­falt nicht den Bach run­ter geht

Wich­ti­ge Puf­fer gegen Ein­trag von Dün­gern, Pesti­zi­den und Boden­ma­te­ri­al – Volks­be­geh­ren macht fünf Meter zur Pflicht

Gewäs­ser­rand­strei­fen sind in Deutsch­land gesetz­lich gefor­dert – am wei­test­ge­hen­den in Baden-Würt­tem­berg. Nur Bay­ern besteht auf einer Aus­nah­me­re­ge­lung und setzt in der Land­wirt­schaft auf Frei­wil­lig­keit. Mit gerin­gem Erfolg, wie eine Stu­die des LBV (Lan­des­bunds für Vogel­schutz) zeigt. Der Gesetz­ent­wurf des „Volks­be­geh­rens Arten­viel­falt – Ret­tet die Bie­nen!“ for­dert eine fünf Meter brei­te Puf­fer­zo­ne an den Ufern. Sie bil­det im Natur­schutz­kon­zept des Volks­be­geh­rens das Rück­grat eines künf­ti­gen Bio­top­ver­bunds in Bay­ern, stellt einen gün­sti­gen Bei­trag zum Hoch­was­ser­schutz dar und sichert Was­ser­qua­li­tät und Arten­viel­falt. Auch grund­sätz­li­che För­der­per­spek­ti­ven für Land­wir­te blei­ben erhalten.

Der Eis­vo­gel benö­tigt einen Ansitz zur Jagd und kla­res Was­ser, in dem er sei­ne Beu­te aus­macht. Gewäs­ser mit intak­ten Ufer­rand­strei­fen bie­ten dem klei­nen Fischer bei­des. Weil sol­che Lebens­räu­me sel­ten gewor­den sind, ist der Eis­vo­gel in Bay­ern bedroht. Ufer­rand­strei­fen bil­den aber nicht nur ein natür­li­ches Habi­tat für Fisch- und Kaul­quap­pen­jä­ger. Die wich­tig­ste Auf­ga­be der fünf Meter brei­ten Strei­fen ist ihre Puf­fer­funk­ti­on. „Der Rand­strei­fen soll ver­hin­dern, dass schäd­li­che Ein­trä­ge aus der Land­wirt­schaft wie Gül­le und Pesti­zi­de in die Gewäs­ser gelan­gen. Weni­ger Dün­ger und weni­ger ein­ge­schwemm­ter Boden bedeu­tet mehr Lebens­viel­falt – in Seen, Flüs­sen und letzt­lich auch in den Mee­ren“, so Agnes Becker, die Beauf­trag­te des Volks­be­geh­rens und stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der ÖDP Bayern.

Das Geset­zes­vor­ha­ben des Volks­be­geh­rens unter­sagt die acker­bau­li­che oder gar­ten­bau­li­che Nut­zung des Ufer­rand­strei­fens in einer Brei­te von fünf Metern zum Gewäs­ser­rand. Die posi­ti­ve Wir­kung sol­cher Maß­nah­men erkennt auch die baye­ri­sche Staats­re­gie­rung an. Sie för­dert daher mit Steu­er­geld die frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung der Land­wir­te. Bis­lang mit wenig Erfolg. Im Rah­men des LBV-Pro­jek­tes „Leben­di­ge Bäche in Bay­ern” wur­den in ver­schie­de­nen Kom­mu­nen des Frei­staats kom­plett alle Gewäs­ser kar­tiert und dabei auch der Zustand der Gewäs­ser­strei­fen. Laut die­ser LBV-Stu­die aus dem Jahr 2017 zeigt das Prin­zip der Frei­wil­lig­keit für das Anle­gen von Gewäs­ser­rand­strei­fen gerin­ge Wir­kung. Bei einer stich­pro­ben­ar­ti­gen Erfas­sung von 80 Kilo­me­tern im Offen­land kar­tier­ter Bach­strecke, wie­sen nur etwas mehr als 14 Pro­zent einen beid­sei­ti­gen Ufer­rand­strei­fen auf – nur ein Vier­tel davon einen einseitigen.

Dabei sind die finan­zi­el­len Anrei­ze für die Anla­ge von Ufer­rand­strei­fen hoch. Für die Puf­fer­zo­nen erhal­ten Land­wir­te und Anrai­ner einen finan­zi­el­len Aus­gleich aus gleich meh­re­ren Teil­pro­gram­men des Kul­tur­land­schafts­pro­gramms (KULAP). „Trotz­dem stel­len wir fest, dass die Frei­wil­lig­keit nicht zum gewünsch­ten Ziel führt. Da müs­sen wir gesetz­lich nach­ju­stie­ren“, erläu­tert Dr. Nor­bert Schäf­fer, und der LBV-Vor­sit­zen­de setzt fort: „Die bay­ern­wei­te Anla­ge von Gewäs­ser­rand­strei­fen ist öko­lo­gisch zwin­gend gebo­ten, wenn wir die Arten­viel­falt und Was­ser­qua­li­tät in Bay­ern für zukünf­ti­ge Genera­tio­nen erhal­ten wollen.“

Dazu ist Bay­ern im Ver­zug bei wich­ti­gen Maß­ga­ben der EU-Was­ser­rah­men­richt­li­nie. Bis spä­te­stens 2015 waren der Richt­li­nie zufol­ge alle Ober­flä­chen­ge­wäs­ser im Frei­staat in einen „guten öko­lo­gi­schen“ und „guten che­mi­schen Zustand“ zu brin­gen. Ver­schlech­te­run­gen sind seit­her nicht mehr zuge­las­sen. Bay­ern erfüllt die­se Anfor­de­run­gen nicht (Stand 2018). „Der Ein­trag von Nitra­ten, Pesti­zi­den und Schlamm in unse­ren Bächen und Flüs­sen muss gestoppt wer­den. Denn er schä­digt die Arten­viel­falt unter der Was­ser­ober­flä­che und führt auch zu wirt­schaft­li­chen Schä­den bei Fischern“, betont Richard Merg­ner, Vor­sit­zen­der des BUND Natur­schutz in Bayern.

Das Natur­schutz­ge­setz des Volks­be­geh­rens erlaubt auch in Zukunft die Bewei­dung und Mahd von Gewäs­ser­rand­strei­fen. Von dem Gesetz­ent­wurf unbe­trof­fen blei­ben auch Be- und Ent­wäs­se­rungs­grä­ben. Gemein­den kön­nen die Ufer­rand­strei­fen ihrem Öko­kon­to zuschrei­ben und dadurch Bebau­ungs­vor­ha­ben fle­xi­bler gestal­ten. Land­wir­te kön­nen ihre Rand­strei­fen in den vom Volks­be­geh­ren Arten­viel­falt geplan­ten Bio­top-Ver­bund ein­brin­gen und dadurch neue För­der­mög­lich­kei­ten erschlie­ßen. „Für einen erfolg­rei­chen und nach­hal­ti­gen Natur­schutz brau­chen wir unse­re Bäue­rin­nen und Bau­ern. Unser Geset­zes­ent­wurf macht es aus­drück­lich mög­lich, die Land­wirt­schaft als Part­ner beim Erhalt der Arten­viel­falt mit­zu­neh­men“, so Lud­wig Hart­mann, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der Bünd­nis 90/​Die Grü­nen im Baye­ri­schen Landtag.

Die Rand­strei­fen ver­net­zen außer­dem Bio­to­pe und berei­chern das Land­schafts­bild. Mit ihrem stand­ort­ty­pi­schen Bewuchs – etwa Wei­den­grün­land, blü­hen­den Hoch­stau­den, Gehöl­zen oder Röh­rich­ten – sind sie wich­ti­ge Lebens- und Rück­zugs­räu­me für vie­le hei­mi­sche Pflan­zen- und Tier­ar­ten wie eben dem Eis­vo­gel, der Blauflü­gel-Pracht­li­bel­le oder der Bach­mu­schel. Und im Ver­gleich zu Stau­mau­ern, Deich­bau­ten oder Rück­hal­te­becken lei­sten sie auch noch einen kosten­gün­sti­gen Bei­trag zu einem natur­na­hen Hoch­was­ser­schutz, da sie den schnel­len Was­ser­ab­fluss und die Ero­si­on des Bodens verhindern.

Sau­be­res Was­ser ist ein Grund­be­dürf­nis des Men­schen. Die Gewähr­lei­stung der Was­ser­qua­li­tät ist damit ein wich­ti­ges Ele­ment der Daseins­vor­sor­ge. Die EU-Was­ser­rah­men­richt­li­nie schreibt aus die­sem Grund seit dem Jahr 2000 kon­kre­te Umwelt­zie­le für den gesam­ten Raum der Euro­päi­schen Uni­on vor. Die­se wer­den in Deutsch­land bei­na­he flä­chen­deckend ver­fehlt. Wegen der hohen Dring­lich­keit hat Baden-Würt­tem­berg als erstes Bun­des­land jetzt sogar sein Was­ser­ge­setz ange­passt: Es schreibt seit dem 1. Janu­ar 2019 Ufer­rand­strei­fen in der Brei­te vor wie sie auch vom Volks­be­geh­ren Arten­viel­falt – Ret­tet die Bie­nen! für ein neu­es Natur­schutz­ge­setz in Bay­ern gefor­dert werden.

Hin­ter­grund

Über das Volks­be­geh­ren Arten­viel­falt – Ret­tet die Bienen!

Das Volks­be­geh­ren ist ein Mit­tel der direk­ten Demo­kra­tie. Es ermög­licht Bür­ge­rin­nen und Bür­gern die Ein­brin­gung eines Geset­zes­ent­wurfs in den Baye­ri­schen Land­tag. Die erste Hür­de ist über­wun­den: Knapp 100.000 Men­schen haben in der ersten Zulas­sungs­pha­se für das Volks­be­geh­ren unter­schrie­ben, im Okto­ber wur­de es vom Innen­mi­ni­ste­ri­um zuge­las­sen. Jetzt müs­sen sich vom 31. Janu­ar 2019 bis zum 13. Febru­ar 2019 eine Mil­li­on Wahl­be­rech­tig­te per­sön­lich in den Rat­häu­sern in Listen ein­tra­gen, um das Volks­be­geh­ren Arten­viel­falt erfolg­reich zu machen. Online ist dies nicht mög­lich. Zur Ein­tra­gung muss der gül­ti­ge Aus­weis vor­ge­legt wer­den. Zum Trä­ger­kreis des Volks­be­geh­rens Arten­viel­falt – Ret­tet die Bie­nen! gehö­ren die Öko­lo­gisch-Demo­kra­ti­sche Par­tei Bay­ern (ÖDP), der Lan­des­bund für Vogel­schutz in Bay­ern (LBV), das Bünd­nis 90/​Die Grü­nen Bay­ern und der BUND Natur­schutz in Bay­ern. Ein brei­tes gesell­schaft­li­ches Bünd­nis von mehr als 200 Orga­ni­sa­tio­nen, Unter­neh­men, Ver­bän­den und Par­tei­en unter­stüt­zen die­se direkt­de­mo­kra­ti­sche Initia­ti­ve für ein neu­es Natur­schutz­ge­setz in Bayern.

Die Kern­for­de­run­gen des Volks­be­geh­rens Arten­viel­falt – Ret­tet die Bienen!

Ziel des Volks­be­geh­rens ist es, Rege­lun­gen im baye­ri­schen Natur­schutz­ge­setz zu ver­an­kern, die die Arten­viel­falt ret­ten. Die Kern­for­de­run­gen: die bay­ern­wei­te Ver­net­zung von Lebens­räu­men für Tie­re; die Erhal­tung von Hecken, Bäu­men und klei­nen Gewäs­sern in der Land­wirt­schaft; der Erhalt und die Schaf­fung blü­hen­der Rand­strei­fen an allen Bächen und Grä­ben; der mas­si­ve Aus­bau der öko­lo­gi­schen Land­wirt­schaft; die Umwand­lung von zehn Pro­zent aller Wie­sen in Blüh­wie­sen; die pesti­zid­freie Bewirt­schaf­tung aller staat­li­chen Flä­chen; die Auf­nah­me des Natur­schut­zes in die Aus­bil­dung von Land- und Forstwirten.

Die Akti­ons­bünd­nis­se

Bay­ern­weit kämp­fen 80 Akti­ons­bünd­nis­se in den Gemein­den für eine Wen­de im baye­ri­schen Natur­schutz. Alle Inter­es­sier­ten sind auf­ge­for­dert mit­zu­ma­chen. Auf der Web­site des Volks­be­geh­rens Arten­viel­falt www​.volks​be​geh​ren​-arten​viel​falt​.de fin­det man die Mög­lich­keit, Kon­takt aufzunehmen.

Das Arten­ster­ben

Wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en bele­gen, dass in Bay­ern immer mehr Tier- und Pflan­zen­ar­ten vom Aus­ster­ben bedroht oder bereits ver­schwun­den sind. Beson­ders betrof­fen sind die Insek­ten, die unter ande­rem für das Über­le­ben der Mensch­heit als Bestäu­ber von Nah­rungs­pflan­zen exi­sten­zi­ell wich­tig sind. In Deutsch­land sind knapp 50 Pro­zent aller Bie­nen­ar­ten bestands­be­droht oder bereits aus­ge­stor­ben, über 75 Pro­zent aller Flug­in­sek­ten sind nicht mehr da und die Bestän­de an Schmet­ter­lin­gen viel­fach sogar noch stär­ker zurück­ge­gan­gen, in eini­gen Regio­nen Bay­erns teil­wei­se um 70–90 Pro­zent. Unter ande­rem in Fol­ge des Insek­ten­schwun­des leben in Bay­ern nur noch halb so vie­le Vögel wie vor 30 Jah­ren. Die­se dra­ma­ti­sche Ent­wick­lung will das Volks­be­geh­ren Arten­viel­falt stoppen.

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