„Sonn­tags­schüs­se – Fuß­ball­fie­ber in der Kreis­klas­se“, Kapi­tel 5

"Sonntagsschüsse" Buchcover

“Sonn­tags­schüs­se” Buchcover

FC Koh­len­moor – TSV Wei­her­fel­den (Vor­be­rei­tungs­spiel)

„War­um häm­mert Wil­li in mei­nem Kopf?“, mur­mel­te ich ver­wun­dert, als ich am näch­sten Mor­gen mei­ne schmer­zenden Augen öff­ne­te. Dröh­nen­de Kopf­schmer­zen poch­ten rhyth­misch in mei­nem Schä­del. Der Geruch in unse­rem Zim­mer war eine wider­li­che Mischung aus Schnaps­la­den und Ver­we­sung. Aber beson­ders irri­tie­rend war der Umstand, dass jedes Pul­sie­ren in mei­nem Kopf von Wil­lis Stim­me beglei­tet wur­de: „Auf­ste­hen! Ihr Schlafmützen!“

Ein lei­ses, schwa­ches Stöh­nen drang aus der ande­ren Ecke des Zim­mers an mein Ohr. Ste­fan blick­te mit schwe­ren, ver­kleb­ten Augen von der Zim­mer­tür zu sei­nem Wecker.

„Ver­dammt!“, mur­mel­te er und wälz­te sich unge­lenk aus dem Bett.

„Was ist denn los? Wo sind wir?“, stam­mel­te ich.

„Wald­lauf!“, ächz­te Ste­fan, wank­te wie ein Schlaf­wand­ler zu sei­ner Sport­ta­sche und schnür­te in Zeit­lupentempo die Joggingschuhe.

Wäh­rend all mei­ne Kör­per­funk­tio­nen ver­such­ten, mich eines Bes­se­ren zu beleh­ren, erhob ich mich aus dem war­men, kusche­li­gen Bett und folg­te Ste­fans Beispiel.

Mit krei­de­blei­chen Gesich­tern öff­ne­ten wir die Tür und starr­ten auf den unge­dul­dig über den Flur tigern­den Willi.

„Mei­ne Güte, Jungs, ihr lernt wohl nie dazu. Dass die­se Akti­on jedes Jahr aufs Neue funk­tio­niert, wirft wirk­lich ned des beste Licht auf eure Generation!“

Ste­fan und ich waren stolz, dass wir unse­re Lauf­schu­he ohne Hil­fe zubin­den konn­ten. Zu kom­ple­xe­ren Gedanken­gängen fühl­ten wir uns noch nicht in der Lage. Also quit­tier­ten wir Wil­lis ver­wir­ren­de Rüge ein­fach mit einem lee­ren Blick.

„Des is sozu­sa­gen a Tra­di­ti­on bei den Jungs. Die Neu­en wer­den bei den Trink­spie­len gezielt abge­füllt, indem man sie bei jeder Gele­gen­heit als Trinkop­fer benennt. Ihr seid ned die Ersten, denen des passiert.“

„Na toll. Sol­che hin­ter­li­sti­gen Hunde!“

„Sind die ande­ren schon weg?“

„Nein, kei­ne Sor­ge“, knurr­te Wil­li, der an die­sem Mor­gen etwas unaus­ge­gli­chen wirk­te. „Ihr habt noch fünf Minuten.“

„Dan­ke!“, mur­mel­ten wir knapp, wäh­rend wir über die Flu­re des Gast­hau­ses eil­ten. Wenig­stens ein Weiher­feldener Urge­stein hat­te Mit­leid mit uns armen un­schuldigen Neuzugängen.

Vor dem Ein­gang der Unter­kunft war­te­te Trai­ner Andre­as bereits mit zehn wei­te­ren Spie­lern, die es noch vor halb 7 zum Wald­lauf geschafft hat­ten. Unse­re Kol­le­gen sahen eben­falls mit­ge­nom­men aus. Trotz­dem hell­ten sich ihre schlaf­trun­ke­nen Mie­nen bei unse­rem Anblick auf.

„Mein Gott, Ste­fan. Das ist ja fast noch bes­ser als dei­ne nack­te Ein­la­ge in Obst­ho­fen!“, lach­te der erfah­re­ne blon­de Tor­jä­ger Micha­el Mei­ster und blick­te Ste­fan Schmidt kopf­schüt­telnd unter die Gürtellinie.

Erst jetzt fiel mir auf, wie absurd mein Zim­mer­kol­le­ge Ste­fan aus­sah. Über­mü­det und sicher­lich nicht ohne Rest­pro­mil­le war er gei­stes­ge­gen­wär­tig in sei­ne Lauf­schuhe geschlüpft, hat­te aber ver­ges­sen, vor­her eine Trai­ningshose über­zu­strei­fen. Und so stand er nun da, blass wie ein Geist, in T‑Shirt, Jog­ging­schu­hen und einer eng anlie­gen­den geti­ger­ten Unter­ho­se, mit der er selbst den schräg­sten Stri­chern von St. Pau­li ernst­haf­te Kon­kur­renz machte.

„Mar­co, dage­gen machst du ja mal wie­der eine rich­tig gute Figur!“, grin­ste Niklas Din­ger schadenfroh.

„Aber dein Out­fit sieht recht unbe­quem aus“, bemerk­te Rou­ti­nier Klaus Mei­er trocken, als er mein nur halb zuge­knöpf­tes Hemd und vor allen Din­gen die zer­knit­ter­te Jeans­ho­se muster­te. Ich hat­te kei­ne Ahnung, wes­halb ich in Jeans geschla­fen hat­te. Die ein­zi­ge Erklä­rung, war­um ich sie noch nicht in eine Sport­ho­se ein­ge­tauscht hat­te, war die schlaf­trun­ke­ne Hek­tik des grau­sam ver­ka­ter­ten Mor­gens gewesen.

Die fol­gen­den 30 Minu­ten waren ein Höl­len­ritt son­ders glei­chen. Noch nie hat­te ich bei einem kur­zen Wald­lauf bei locke­rem Tem­po der­art gelit­ten. Schon bei der Hälf­te der Strecke waren mei­ne bei­den Innen­schen­kel bereits von der Naht der engen Jeans­ho­se wund gerie­ben. Mei­ne Hoden fühl­ten sich gequetscht an wie zwei Oster­ei­er in einem viel zu klei­nen Nest. Doch das war bei­lei­be nicht mein ein­zi­ges Pro­blem. Mit einem bit­te­ren Galle­geschmack auf der Zun­ge und dem rhyth­mi­schen Häm­mern im Kopf als stän­di­ge Beglei­ter, kämpf­te ich mich ver­bis­sen über den mit fei­nen Kie­sel­stei­nen be­deckten Wald­weg. Ich ver­mag nicht zu beschrei­ben, wie sehr ich mich auf die anschlie­ßen­de Dusche im Hotel­zimmer freu­te, als wir die Tor­tur end­lich hin­ter uns gebracht hat­ten und wie­der in unse­rem Zim­mer standen.

Damit er sich end­lich sei­ner pein­li­chen geti­ger­ten Unter­wä­sche ent­le­di­gen konn­te, ließ ich mei­nem Freund Ste­fan trotz­dem den Vor­tritt. Ich woll­te mich gera­de aufs Bett set­zen und von dem anstren­gen­den Früh­sport erho­len, als Ste­fans ent­setz­te Stim­me aus dem Bade­zimmer ertönte.

„Auch das noch! Mar­co, das soll­test du dir mal ansehen!“

Besorgt tau­mel­te ich ins Bad. Ich hat­te schon so man­che Befürch­tung, was mich in dem Bade­zim­mer er­wartete. Zu mei­ner posi­ti­ven Über­ra­schung waren Wasch­becken, Toi­let­te und Dusche sau­ber und unversehrt.

„Was ist denn los?“, frag­te ich erleichtert.

„Lies selbst“, seufz­te Ste­fan und reich­te mir den klei­nen hand­ge­schrie­be­nen Zettel.

Lie­be Bewoh­ner des Zim­mers 24,

Da ich so eine Schwei­ne­rei nur sel­ten in einem Bade­zimmer vor­ge­fun­den habe, wür­de ich mich über ein ange­messenes Trink­geld sehr freuen.

Es ist mir ein Rät­sel, wie Sie das geschafft haben!

Und glau­ben Sie mir eines: Ich habe schon vie­le Din­ge gesehen!

- Ihre Putz­frau -

Ste­fan und ich hat­ten nicht den blas­se­sten Schim­mer, was wir in der Nacht in unse­rem Bade­zim­mer ange­stellt hat­ten. Ich für mei­nen Teil woll­te auch kei­ne wei­te­ren Details dar­über wis­sen. Mit einem resi­gnier­ten Lachen auf den Lip­pen ver­ein­bar­ten wir, der Putz­frau am näch­sten Mor­gen ein fet­tes Trink­geld zu geben. Sie wird es sich sicher ver­dient haben. Dann mach­ten wir uns fer­tig zum Frühstück.

Es über­rasch­te mich sehr, dass mein Magen wie­der auf­nah­me­fä­hig war. Offen­bar hat­te ich die rei­ni­gen­de Wir­kung der Kom­bi­na­ti­on aus Früh­sport und einer hei­ßen Dusche unter­schätzt. War man ein­mal durch die mor­gendliche Höl­le gegan­gen, konn­te man den Tag trotz einer hef­tig durch­zech­ten Nacht wie­der ohne nennens­werten Kater beginnen.

Ein­zig die krea­ti­ve Wir­kung des Alko­hols blieb bestehen, als ich mir in wil­de­sten Bil­dern aus­mal­te, welch abar­ti­ge Saue­rei Ste­fan oder ich – oder wir Bei­de? – in unse­rem Bade­zim­mer hin­ter­las­sen hat­ten. Wir soll­ten es zum Glück nie erfahren…

10 Minu­ten vor 10 stan­den wir erst­mals auf dem Rasen­platz des FC Koh­len­moor. Und dies­mal tru­gen wir sogar rich­ti­ge Sport­klei­dung. Es herrsch­te all­ge­mei­ne Vor­freu­de auf ein abwechs­lungs­rei­ches Trai­ning mit Ball. Der Tag konn­te nur bes­ser werden.

Aber wir hat­ten uns zu früh gefreut. Als Trai­ner Andre­as 5 Minu­ten vor 10 in den Mit­tel­kreis schlen­der­te, war sein Gesichts­aus­druck alles ande­re als freund­lich. Uns war nicht wohl in unse­rer Haut, als der Coach jeden ein­zel­nen Spie­ler mit ver­är­ger­ter Mie­ne muster­te. Er sag­te lan­ge nichts. Dann end­lich pol­ter­te er los: „Ich hat­te soeben einen net­ten Plausch mit unse­rer Gastwirtin.“

Fra­gend such­te ich Ste­fans Blick. Hat­ten wir etwa noch mehr ange­stellt, als ein ver­dreck­tes Bade­zim­mer zu hinterlassen?

„Und ich hat­te nach dem Früh­stück eine inter­es­san­te Unter­hal­tung mit unse­rem guten alten Willi.“

Wir wuss­ten nicht, wohin das alles führ­te. Aber die gesam­te Mann­schaft hat­te ein ganz mie­ses Gefühl.

„Der Wil­li hat mir a lusti­ge klei­ne Geschich­te erzählt. Er konn­te nachts ned schla­fen und ist auf sei­nem Bal­kon noch eine rau­chen gegan­gen. Als er so fried­lich da saß und die fri­sche Nacht­luft genoss, begann es plötz­lich über ihm zu plät­schern. Kein Regen, Jungs. Kein Regen. Irgend­ei­ne Wild­sau hat nachts vom Bal­kon gepin­kelt und den armen Wil­li von oben bis unten voll­ge­brunzt. Nun möch­ten wir natür­lich wis­sen, wer das war. Will jemand was dazu sagen?“

Betre­te­ne Stil­le, ein­zig unter­bro­chen von ver­ein­zel­tem, erfolg­los unter­drück­tem Kichern.

„Nie­mand? Mir ist es ganz egal, ob sich kei­ner mehr an die­se Schwei­ne­rei erin­nern kann oder erin­nern will! Wenn ich in 5 Minu­ten nicht weiß, wer das war, wer­det ihr heut kei­nen Ball mehr sehen!“

Wir Spie­ler tausch­ten rat­lo­se Blicke aus. Fra­gend zuck­te ich in Ste­fans Rich­tung mit den Schul­tern. Waren das auch wir ge­wesen? Aus­schlie­ßen konn­ten wir es nicht. Ein Blick in die Gesich­ter der ande­ren Mann­schaftskollegen ver­riet mir, dass es ihnen genau­so ging.

„Wer hat denn das Zim­mer über dem Wil­li?“, frag­te Bernd Hagen schließ­lich, der von uns allen am wenig­sten Lust hat­te, wie­der den gan­zen Tag nur Kon­di­ti­on zu bolzen.

„Das ist eine gute Fra­ge, Bernd. Und ich kann sie euch sogar beant­wor­ten“, erwi­der­te Trai­ner Andre­as, des­sen lang­sa­mer, ruhi­ger Ton so gar nicht zu sei­nem zor­nes­ro­ten Kopf pass­te, was ihn noch bedroh­li­cher erschei­nen ließ. „Direkt über unse­rem Spiel­lei­ter Wil­li wohnt ein 70 Jah­re altes Ehe­paar aus Holland.“

„Krass! Und die­se alten Säcke haben tat­säch­lich vom Bal­kon gepin­kelt?“, ent­fuhr es dem wohl immer noch nicht ganz aus­ge­nüch­ter­ten Niklas Din­ger. Sofort ern­te­te er von allen Sei­ten wüten­de Fuß­trit­te. Doch es war bereits zu spät.

Andre­as seufz­te schwer: „Na gut Jungs, ihr habt es nicht anders gewollt. Wir set­zen uns jetzt alle in die Autos und stat­ten unse­rem gelieb­ten Sand­berg einen klei­nen Besuch ab. Das arme alte Ehe­paar hat nachts um 1 Uhr völ­lig auf­ge­löst unse­re Gast­wir­tin aus dem Bett geklin­gelt und einen Ein­bruch gemel­det. Es waren vier voll­trun­ke­ne jun­ge Män­ner auf ihren Bal­kon geklet­tert und haben an ihre Tür geklopft.“

Man konn­te an den Gesich­tern der Mit­spie­ler erken­nen, dass in all unse­ren Köp­fen das Glei­che vor­ging. Jeder Ein­zel­ne stell­te sich die Fra­ge, ob er letz­te Nacht noch in der Lage gewe­sen wäre, von Bal­kon zu Bal­kon zu klet­tern. Ich hät­te mir das Kunst­stück nicht mehr zu­getraut. Im Grun­de war es aber auch egal. Wir saßen alle im sel­ben Boot. Und die­ses Boot fuhr gera­de­wegs in die Hölle.

„Also los, Jungs. Der Sand­berg ruft!“

Nach der durch­zech­ten Nacht sah der ver­häng­nis­vol­le Sand­berg dop­pelt so hoch aus wie am Vor­abend. Und zur Fei­er des Tages durf­ten wir die tol­le Aus­sicht gleich zwei­mal genie­ßen. Erbar­mungs­los stopp­te Trai­ner Andre­as unse­re Zei­ten und trug sie akri­bisch in sei­nen Notiz­block ein. Als die san­di­ge Tor­tur schließ­lich ein Ende nahm, hat­ten wir uns das Mit­tag­essen verdient.

Nach dem Essen war noch zwei Stun­den Zeit bis zur näch­sten Trai­nings­ein­heit. Aus­nahms­wei­se befolg­ten wir einen Rat des Trai­ners und mach­ten uns auf den Weg in das Hal­len­bad unse­rer Unter­kunft. Eine klei­ne Por­ti­on Erho­lung vor dem Zir­kel­trai­ning konn­te nun wirk­lich nicht schaden.

Niklas Din­ger, Domi­nik Prien und Bernd Hagen saßen läs­sig am Becken­rand und lie­ßen ihre Bei­ne im erfrisch­enden Was­ser baumeln.

„Wozu is denn des Tele­fon da eigent­lich?“, frag­te Bernd ver­wun­dert und deu­te­te auf ein neben dem Becken­rand mon­tier­tes Telefon.

„Kei­ne Ahnung“, ant­wor­te­te Domi­nik gelang­weilt. Der knall­har­te Ver­tei­di­ger mit der Schafs­pelz­fri­sur hat­te gene­rell den Ruf, dass er recht emo­ti­ons­los und wenig ent­schei­dungs­freu­dig war. Er mach­te ein­fach immer jeden Unsinn mit, den ihm sei­ne Kol­le­gen vorschlugen.

„Pro­bie­ren wir´s doch mal aus“, mein­te Niklas, der ein­mal mehr die Neu­gier­de in Per­son war. Schon hat­te er sich den Hörer geschnappt und war nicht mehr aufzuhalten.

„Oh ja, das hört sich gut an. Fünf Wei­zen bit­te“, sag­te er schließ­lich grinsend.

Besorgt blick­te ich mich um. Fünf Weiß­bier? Neben Domi­nik, Bernd und Niklas befan­den sich nur Ste­fan und ich in dem klei­nen Hal­len­bad. Oh nein! Ein Weiß­bier am Nach­mit­tag vor dem Zir­kel­trai­ning, und das nach der gest­ri­gen Nacht. Na wunderbar!

„Alter, die hört sich aber süß an!“, mur­mel­te Niklas und ent­le­dig­te sich sei­ner Badehose.

Was hat die­ser ver­rück­te Hund denn jetzt wie­der vor?, frag­te ich mich verwirrt.

Bernd und Domi­nik hin­ge­gen fan­den die Akti­on ganz und gar nicht ungewöhnlich.

„Ich steh zu mei­nem Kör­per“, kün­dig­te Domi­nik Prien an und zog eben­falls sei­ne Bade­ho­se aus.

Auch Bernd Hagen folg­te dem Bei­spiel sei­ner bei­den Kol­le­gen und zwin­ker­te Ste­fan und mir ver­schmitzt zu: „Ich glaub, ihr braucht noch das rich­ti­ge Gespür, wann Nudis­mus ange­bracht ist und wann nicht!“

Wenig spä­ter balan­cier­te eine hüb­sche jun­ge Bedien­ung ein Tablett mit fünf schäu­men­den Weiß­bier­glä­sern in das Hal­len­bad. Unse­re drei split­ter­fa­ser­nack­ten Mann­schaftskollegen saßen am Becken­rand und taten alles, um ihre besten Stücke bloß nicht zu ver­decken. Nach einem ersten geschock­ten Gesichts­aus­druck hat­te sich die schö­ne Bedie­nung schnell wie­der gefan­gen. Mit be­wundernswerter Pro­fes­sio­na­li­tät gelang es ihr, die Weiß­biere am Becken­rand abzu­stel­len, ohne einen zu lan­gen Blick auf das bau­meln­de Gemächt mei­ner Mit­spie­ler wer­fen zu müssen.

„Du kannst aber gut weg­schau­en“, grin­ste Niklas Din­ger in gewohn­ter Drei­stig­keit und ern­te­te ein müh­sam unter­drück­tes Pru­sten sei­ner bei­den nack­ten Kollegen.

Als die ent­zücken­de Bedie­nung mit pein­lich gerö­te­ten Wan­gen ver­schwun­den war, reich­te Niklas Ste­fan und mir ein Glas. „Die Run­de geht auf mich – schließ­lich haben wir euch Bei­den gestern ganz schön übel mitgespielt.“

„Auf das iso­to­nisch­ste aller Sport­ler­ge­trän­ke“, rief Bernd Hagen, und wir stie­ßen fei­er­lich unse­re Glä­ser aneinander.

Ein Weiß­bier am Nach­mit­tag zwi­schen zwei Trai­ningseinheiten war Neu­land für mich. Aber wenn es der inof­fi­zi­el­le Ver­gnü­gungs­wart des TSV Wei­her­fel­den anord­ne­te, half es nichts, sich lan­ge dage­gen zu wehren.

Es war kei­ne gute Idee. Unser gelieb­ter Trai­ner Andre­as hat­te sich wie­der wun­der­ba­re Fol­ter­übun­gen aus­ge­dacht: Ren­nen mit Medi­zin­bäl­len, Hüp­fen über Stan­gen­par­cours, Lie­ge­stüt­zen und Hin­der­nis­läu­fe. Doch mei­ne größ­te Her­aus­for­de­rung war der stän­di­ge Kampf gegen den Würgereiz.

„Mar­co, wie sieht‘s aus? Gehst du noch mit in die Dis­co?“, frag­te Harald, als wir nach einer hei­ßen Dusche beim gemein­sa­men Abend­essen zusammensaßen.

Wer konn­te dazu schon Nein sagen. Es war ein anstren­gen­des Wochen­en­de gewe­sen, und die Abwechs­lung eines unbe­schwer­ten Abends mit den Mannschafts­kollegen war zu verlockend.

„Ja, ich den­ke schon. Ist denn dort etwas geboten?“

„Gebo­ten?“, frag­te Niklas Din­ger. „Auf jeden Fall!“ Sein sar­ka­sti­scher Ton­fall war mir ein­mal mehr entgangen.

„Gibt es da hüb­sche Mädels?“

„Mädels gibt es dort einen gan­zen Hau­fen. Und ich muss sagen, wenn man die Erfah­rung der letz­ten Jah­re in Betracht zieht, stür­zen sie sich sogar auf uns Fuß­bal­ler. Das ist echt eine gute Gelegenheit.“

„Wart ihr wohl schon mal hier im Trainingslager?“

„Nicht hier am Mon­te Kao­li­no. Aber in der Gegend. Und die Dis­co ist bis weit über ihre Gren­zen hin­aus bekannt.“

Ich hat­te ein wenig den Ein­druck, als ver­knif­fen sich mei­ne Kol­le­gen ein Kichern. Zu die­sem Zeit­punkt konn­te ich nicht ver­ste­hen, war­um. Viel­leicht freu­ten sie sich ein­fach auf den bevor­ste­hen­den Abend. Und auf die wil­li­gen Mädels. Nun ja, es war schließ­lich nicht das erste Mal, dass ich durch mei­ne gren­zen­lo­se Nai­vi­tät glänzte.

Rou­ti­nier Klaus Mei­er bot an, uns im Mann­schafts­bus in die Dis­co zu kut­schie­ren. Jeder nahm eine Fla­sche Bier mit in den Bus, und nach einer 15-minü­ti­gen Fahrt kamen wir end­lich in der Dis­ko­thek an. Es war kein Club, wie ich ihn aus Ham­bur­ger Tagen kann­te. Viel­mehr hat­ten wir es mit einer klei­nen Bau­ern­dis­co zu tun. Aber die Mädels vom Lan­de hat­ten ja alles ande­re als einen schlech­ten Ruf. Wir bega­ben uns auf die Jagd.

Am Ein­gang bezahl­ten wir drei Euro Ein­tritt und betra­ten den Tanz­saal. Tanz­saal war nicht wirk­lich das Wort, das ich nor­ma­ler­wei­se in einer Dis­co gebrauch­te, aber in die­sem Fall traf es zu. Denn die Mädels ent­puppten sich als run­ze­li­ge, grau­haa­ri­ge Grei­sin­nen, die von ihren Tanz­part­nern mit dem Bewe­gungs­ra­di­us eines Bernd Hagen in Zeit­lu­pen­tem­po über die Tanz­flä­che gescho­ben wurden.

„Wenn du hier kei­ne abbe­kommst, dann klappt es ver­mut­lich nie“, bemerk­te Niklas Din­ger trocken. Lang­sam aber sicher däm­mer­te es selbst mir, dass an die­sem Abend in Sachen Lie­be nichts zu holen war.

„Lasst uns ein paar Mumi­en rum­schie­ben!“, rief der durch­ge­knall­te Max Hölze­lein und stürz­te sich ins Getümmel.

Wir ver­brach­ten unse­re Zeit den­noch sinn­voll. Die Mann­schaft ver­sam­mel­te sich am Tre­sen und bestell­te ein Weiß­bier nach dem ande­ren. Schließ­lich waren wir im Trai­nings­la­ger, und Weiß­bier war ein iso­to­ni­sches Sport­lergetränk. Natür­lich war die Dis­ko­thek nicht auf die­sen Kon­sum ein­ge­stellt. Als wir mit unse­rer zehn Mann star­ken Trup­pe den gesam­ten Weiß­bier­be­stand des Tanz­saals geleert hat­ten, folg­ten wir Klaus Mei­er schwan­kend hin­aus zum Bus. Eines war klar: Der Wald­lauf am näch­sten Mor­gen wür­de erneut eine Tor­tur wer­den. Aber zumin­dest waren wir kör­per­lich aus­ge­ruht, denn an an­strengende Lie­bes­spie­le mit jun­gen, hüb­schen Mädels war hier nicht zu den­ken. Denn spä­te­stens seit Rocky Bal­boa wis­sen wir ja: Bum­sen macht die Bei­ne schwach. Und das konn­te man in einem Fuß­ball-Trai­nings­la­ger bei Schlei­fer Andre­as Diet­ner wahr­lich nicht gebrauchen.

Nach locke­rem Trai­ning am Sonn­tag­mor­gen spiel­ten wir schließ­lich zum Abschluss unse­res Trai­nings­la­gers gegen den FC Koh­len­moor. Wun­der­din­ge waren an die­sem Tag frei­lich nicht zu erwarten.

Aber Andre­as Diet­ner war sich den erschwer­ten Vor­aussetzungen voll­auf bewusst: „Ich weiß, ihr seid er­schöpft. Ihr habt die­ses Wochen­en­de gut trai­niert! Bewegt euch, kämpft und nehmt das Spiel als zusätz­li­che Trai­ningseinheit mit. Das Ergeb­nis ist heu­te zweitrangig!“

Wir ver­lo­ren das Spiel mit 1–3 und schlu­gen uns dabei deut­lich bes­ser als erwar­tet. Viel­leicht hat­te der Geg­ner aber auch Mit­leid mit uns gehabt und mit ange­zo­ge­ner Hand­brem­se gespielt. Die elf dunk­len Augen­rin­ge konn­ten ihnen schließ­lich kaum ent­gan­gen sein.

Titel: Sonn­tags­schüs­se – Fuß­ball­fie­ber in der Kreisklasse

Ama­teur-Fuß­bal­ler Mar­co Tan­ner muss sich als “Zuge­rei­ster“ in die def­ti­ge frän­ki­sche Lebens­wei­se ein­fin­den, um bei sei­nem skur­ri­len neu­en Fuß­ball­ver­ein Fuß zu fassen.

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