Kli­ni­kum Bay­reuth: “Prü­fen. Rufen. Drücken – Leben retten”

Ihre Geschichte macht Ersthelfern Mut: Frau und Herr W., Thomas Kurrent, Disponent in der Integrierten Leitstelle, Prof. Dr. Jörg Reutershan, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Operative Intensivmedizin der Klinikum Bayreuth GmbH, (von links) und Dr. Stefan Eigl, Anästhesist und Ärztlicher Leiter Rettungsdienst (kniend).

Ihre Geschich­te macht Erst­hel­fern Mut: Frau und Herr W., Tho­mas Kur­rent, Dis­po­nent in der Inte­grier­ten Leit­stel­le, Prof. Dr. Jörg Reu­ters­han, Chef­arzt der Kli­nik für Anäs­the­sie und Ope­ra­ti­ve Inten­siv­me­di­zin der Kli­ni­kum Bay­reuth GmbH, (von links) und Dr. Ste­fan Eigl, Anäs­the­sist und Ärzt­li­cher Lei­ter Ret­tungs­dienst (kniend).

Woche der Wie­der­be­le­bung: Eine Auf­fri­schung für die Erste Hilfe

„Es sind oft die Erst­hel­fer, die Lai­en, die Leben ret­ten“, sagt Dr. Ste­fan Eigl, Anäs­the­sist im Kli­ni­kum Bay­reuth und Ärzt­li­cher Lei­ter Ret­tungs­dienst im Bezirk Bayreuth/​Kulmbach. Die Woche vom 18. bis 24. Sep­tem­ber steht im Zei­chen der Wie­der­be­le­bung. Deutsch­land­weit. Ihr Mot­to: „Ein Leben ret­ten – 100 Pro Reani­ma­ti­on.“ In die­sem Rah­men wol­len Anäs­the­si­sten, Not­fall­me­di­zi­ner und Ret­tungs­dien­ste zei­gen: Jede Hil­fe ist erste Hil­fe. Dass die­se ein Leben ret­ten kann, zei­gen Geschich­ten wie die von Herrn und Frau W..

Bay­reuth. Don­ners­tag, 2. März 2017, kurz vor 9 Uhr. Ihr Mann Peter war nur kurz unter­wegs. Als er rein­kommt in das schmucke Ein­fa­mi­li­en­haus am Bay­reu­ther Stadt­rand ist sein Blick gla­sig. Die Rücken­schmer­zen, die ihn seit ein paar Tagen pla­gen und wegen der er krank­ge­schrie­ben ist, sind wie­der da. Schlim­mer als zuvor. Hei­ke W. will einen Not­arzt rufen. „Nein“, sagt ihr Mann. „Nicht wegen ein paar Rücken­schmer­zen.“ Um 9.04 Uhr wählt sie trotz­dem die 112. In die­sem Moment sackt Peter W. zusam­men. Herz­in­farkt, wird sich spä­ter herausstellen.

„Ich blei­be bei Ihnen. Ich beglei­te Sie, bis der Not­arzt da ist“, sagt der Mann am ande­ren Ende der Lei­tung in der Inte­grier­ten Leit­stel­le. Tho­mas Kur­rent hat den Ernst der Lage schnell erfasst. Seit fünf Jah­ren arbei­tet er als Dis­po­nent in der Inte­grier­ten Leit­stel­le Bayreuth/​Kulmbach. Er kennt sol­che Situa­tio­nen, weiß wie er tele­fo­nisch zu einer Herz­druck­mas­sa­ge anlei­tet und dass die Initia­ti­ve von ihm aus­ge­hen muss. Ein- bis zwei­mal wöchent­lich geht in der Inte­grier­ten Leit­stel­le ein sol­cher Not­ruf ein.

„Ich zäh­le, sie drücken“

Für Hei­ke W. ist es das erste Mal. Sie ist in Panik, sie fleht, sie schreit. Ein Hub­schrau­ber soll kom­men, schnell. Weil doch die Bahn­schran­ke hin­ter der sie woh­nen so unend­lich lan­ge geschlos­sen bleibt, wenn ein Zug kommt, und der Ret­tungs­wa­gen dann nicht durch­kommt. Tho­mas Kur­rent fragt nach, ganz ruhig: „Haben Sie schon mal einen Erste-Hil­fe-Kurs gemacht?“ Ist lan­ge her. „Reagiert Ihr Mann auf Anspra­che? Spü­ren Sie eine Atmung?“ Peter W.s Gesicht läuft blau an. Dann gibt Kur­rent in der Leit­stel­le Anwei­sun­gen: „Machen Sie den Brust­korb Ihres Man­nes frei. Tasten Sie nach der Mit­te des Brust­beins. Ich zäh­le, Sie drücken.“ 100mal in der Minu­te. Herz­druck­mas­sa­ge. Hei­ke W. „funk­tio­niert“, wie sie sagt. Sie muss. Sonst stirbt ihr Mann.
Nicht ein­mal fünf Minu­ten spä­ter sind die Ret­ter da. Hei­ke W. ist am Ende ihrer Kraft. Wie Minu­ten zu Stun­den wer­den, das erlebt sie gera­de haut­nah. Peter W. hat Rie­sen­glück. Das Ret­tungs­team des Roten Kreu­zes war gera­de in der Nähe. Hei­ke W. sieht, wie ange­spannt sich die Sani­tä­ter um ihren Mann küm­mern. Drei‑, vier­mal set­zen sie den Defi­bril­la­tor auf sei­ne Brust, drücken auf den Elek­tro­schocker, damit das Herz wie­der anspringt. Irgend­wann nimmt sie ihren gan­zen Mut zusam­men. „Wie schaut’s aus?“ „Jetzt wie­der bes­ser“, sagt einer der Sanitäter.

Peter und Hei­ke W. sind den Ret­tern und den Ärz­ten dank­bar. Jedem ein­zel­nen – und nicht zuletzt Tho­mas Kur­rent, dem Mann am Tele­fon in der Inte­grier­ten Leit­stel­le. „Ich weiß nicht, was ich ohne ihn getan hät­te“, sagt Hei­ke W. „Und ich muss mich noch ent­schul­di­gen, weil ich ihn so ange­schrien habe.“

Heu­te sit­zen die drei zum ersten Mal neben­ein­an­der, ler­nen sich per­sön­lich ken­nen. „Es ist gutes Gefühl, zu sehen, was die­ses Tele­fo­nat bewirkt hat“, beschreibt Kur­rent. Nicht immer erfährt er nach einem Not­ruf, was aus den Pati­en­ten gewor­den ist. „Es ist schön zu sehen, dass es Herrn W. gut­geht.“ Aus die­sen Grün­den hat er sei­nen Beruf gewählt. Da lässt man sich auch schon mal anschreien.

Jede Hil­fe ist Erste Hilfe

Dr. Ste­fan Eigl ist Not­arzt. Er ist einer derer, die immer wie­der zu sol­chen Ein­sät­zen geru­fen wer­den. Und er ist jedem Lai­en­hel­fer dank­bar, der cou­ra­giert ein­greift. Denn: Bereits nach rund drei bis fünf Minu­ten Herz­still­stand trägt das Gehirn irrepa­ra­ble Schä­den davon. Der Ret­tungs­dienst in Deutsch­land braucht durch­schnitt­lich aber etwa acht Minu­ten zum Ein­satz­ort. „Ohne Lai­en könn­ten wir in vie­len Fäl­len nicht mehr hel­fen.“ Er macht ent­schie­den klar: „Jede Hil­fe ist Erste Hil­fe. Feh­ler gibt es in die­ser Situa­ti­on nicht. Der ein­zi­ge Feh­ler, den man machen kann: Nichts tun. Wer hilft, kann es kei­nes­falls schlim­mer machen – aber unter Umstän­den deut­lich bes­ser. Er kann ein Leben retten.“

Aus die­sem Grund setz­ten sich er und auch Prof. Dr. Jörg Reu­ters­han, Chef­arzt der Kli­nik für Anäs­the­sio­lo­gie und Ope­ra­ti­ve Inten­siv­me­di­zin der Kli­ni­kum Bay­reuth GmbH, dafür ein, die Zahl der Lai­en­hel­fer zu erhö­hen. Wie? „Schu­len, auf­klä­ren, infor­mie­ren, direkt an die Men­schen her­an­ge­hen“, sagt Reutershan.

Eigl, Reu­ters­han und Kur­rent sehen sich dabei in der Ver­ant­wor­tung. Nicht nur dem Pati­en­ten gegen­über. Sie wol­len auch die Lai­en­hel­fer stär­ken. „Wir tun alles, um sie in einer sol­chen Situa­ti­on nicht allein zu las­sen“, sagen sie. In regel­mä­ßi­gen Abstän­den schu­len Eigl und sein Team die Mit­ar­bei­ter der Inte­grier­ten Leit­stel­le. „Das gibt uns Sicher­heit“, sagt Kur­rent. Und Eigl erklärt: „Ihre Initia­ti­ve gibt den Aus­schlag, sie müs­sen den Anstoß für den Erst­hel­fer geben.“ Zu Jah­res­be­ginn habe man die Schu­lun­gen spe­zi­ell für die Reani­ma­ti­on von Säug­lin­gen und Kin­dern noch ein­mal aus­ge­wei­tet. „Und im März die­sen Jah­res die­ses Wis­sen auch schon gebraucht“, erzählt Eigl.

Auch Frau W. hat sich an die Anwei­sun­gen gehal­ten, die sie von Herrn Kur­rent erhal­ten hat – per Tele­fon. Er hat sie nicht allei­ne gelas­sen. Peter W. ver­dankt sein Leben sei­ner Frau und einer opti­mal funk­tio­nie­ren­den Ret­tungs­ket­te. Er kommt direkt ins Kli­ni­kum Bay­reuth. Im Herz­ka­the­ter­la­bor set­zen ihm die Ärz­te einen Stent ein, der dem Blut wie­der Platz schafft, um zu flie­ßen. Inten­siv­sta­ti­on, Pfle­ge­sta­ti­on, dann Reha. Peter W. fühlt sich gut, wäre da nicht die­ser kal­te Schmerz in der Brust. Ein­mal noch soll er zum Arzt, bevor er wie­der auf die Arbeit gehen kann. Die Dia­gno­se: deut­lich erhöh­te Her­z­en­zym­wer­te im Blut. Peter W. ist nur einen Schritt vom näch­sten Herz­in­farkt ent­fernt. Wie­der Kran­ken­haus, dies­mal Bypass­ope­ra­ti­on und wie­der Reha. Angst zeigt Peter W. nicht. Dies­mal ist es anders. Kein kal­ter Schmerz.

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