„Sonn­tags­schüs­se – Fuß­ball­fie­ber in der Kreis­klas­se“, Kapi­tel 4

"Sonntagsschüsse" Buchcover

“Sonn­tags­schüs­se” Buchcover

FC Drei­brücken – TSV Wei­her­fel­den (Pokal­spiel)

Erst am Diens­tag beim Trai­ning erfuhr ich, dass der gute alte Wil­li die gesam­te Trup­pe mit dem Mann­schafts­bus vom Grie­chen ab­geholt hatte.

Nach­dem ich mich laut­stark in unse­re Hof­ein­fahrt über­ge­ben hat­te, begann mein Vater lang­sam zu zwei­feln, ob sein Rat wirk­lich eine gute Idee gewe­sen war, im neu­en Hei­mat­ort Wei­her­fel­den Fuß­ball zu spielen.

„In der Bezirks­li­ga trin­ken sie bestimmt nicht so viel!“, pol­ter­te er.

„Das kann sein. Aber ich muss mich ja in mei­ner neu­en Mann­schaft integrieren.“

Nach dem Gela­ge im Dio­ny­sos war mein Vater natür­lich alles ande­re als begei­stert, dass am kom­men­den Wochen­en­de das Trai­nings­la­ger anstand.

„Ich hof­fe, ihr kommt da auch zum Trai­nie­ren!“, mein­te mein alter Herr skeptisch.

„Der Trai­ner wird sich sicher etwas Gemei­nes ein­fal­len lassen.“

„Wo fahrt ihr noch­mal hin?“

„Mon­te Kao­li­no heißt das, glau­be ich. Kei­ne Ahnung, wo das ist“, ant­wor­te­te ich.

„Ach so, das hört sich gut an.“

Ich wuss­te noch nicht, was genau der Mon­te Kao­li­no war, aber die sicht­li­che Zufrie­den­heit mei­nes Vaters mach­te mich plötz­lich nervös.

Bevor es am Frei­tag­nach­mit­tag ins Trai­nings­la­ger ging, muss­ten wir am Don­ners­tag noch ein Pokal­spiel absol­vie­ren. Wir woll­ten uns aus­wärts für die näch­ste Pokal­run­de qua­li­fi­zie­ren. Der Ein­zug in die Haupt­run­de des DFB-Pokals war für den TSV Wei­her­fel­den natür­lich ein uto­pi­sches Ziel. Den­noch waren die Pokal­spie­le eine gute Sache. Zum einen hat­te man zusätz­li­che Vorbe­reitungsspiele unter Wett­kampf­be­din­gun­gen. Noch inter­essanter als die Spiel­pra­xis aber war die Mög­lich­keit, in den spä­te­ren Pokal­run­den auf renom­mier­te Geg­ner zu tref­fen, die gut und ger­ne vier oder fünf Klas­sen höher spiel­ten. Das waren auf­re­gen­de, wenn auch meist ein­seitige Spie­le, in denen man mehr ler­nen konn­te als bei einem 13–0 gegen eine völ­lig über­for­der­te DJK Dreientor.

Der FC Drei­brücken spiel­te eine Klas­se unter uns. Sie hat­ten einen jun­gen neu­en Trai­ner. Der ehe­ma­li­ge Be­zirksoberligaspieler war erst 29 Jah­re alt. Auf­grund einer schwe­ren Knie­ver­let­zung muss­te er sei­ne Kar­rie­re früh been­den und war als Trai­ner zu sei­nem Hei­mat­ver­ein zurück­ge­kehrt. Neben vie­len tak­ti­schen Ein­flüs­sen aus der Bezirks­ober­li­ga, brach­te er auch eini­ge befremd­li­che eige­ne Ideen mit.

Das Spiel war kei­ne zehn Minu­ten alt, als Trai­ner Andre­as Diet­ner unse­ren Kapi­tän Harald zu sich rief.

„Jungs, merkt ihr denn nicht, dass ihre Abwehr­rei­he total unsi­cher ist? Sag Micha­el und Ste­fan, dass sie immer an der Gren­ze zum Abseits spe­ku­lie­ren sol­len. Ver­sucht, sie aus dem Zen­trum in Sze­ne zu setzen!“

Harald Gepard war auf dem Platz der ver­län­ger­te Arm des Trai­ners. Rasch infor­mier­te er die Mit­spie­ler über die neue Marsch­rou­te. Unser Trai­ner hat­te ein gutes Auge für tak­ti­sche Schwä­chen des Geg­ners. In den ersten Minu­ten war das Spiel ereig­nis­los dahin­ge­plät­schert. Wir hat­ten die Abwehr des FC Drei­brücken noch nicht ernst­haft gefor­dert. Aber Andre­as hat­te die Gast­ge­ber scharf beob­achtet. Ins­be­son­de­re die Ver­tei­di­ger wirk­ten unsi­cher, blick­ten immer wie­der fra­gend zu ihren Neben­män­nern und zur Sei­ten­li­nie. Als ich bewusst dar­auf ach­te­te, fiel auch mir auf, wie krampf­haft sie ver­such­ten, auf einer Linie zu blei­ben. Die bei­den Außen­ver­tei­di­ger schal­te­ten sich kon­se­quent nicht in das Offen­siv­spiel ein, son­dern beharr­ten eisern auf ihren defen­si­ven Posten. Das Defen­sivverhalten des FC Drei­brücken ließ nur einen Schluss zu: Sie agier­ten wie eine Mann­schaft, die gera­de damit begon­nen hat­te, die Vie­rer­ket­te einzuführen.

Wäh­rend wir beim TSV Wei­her­fel­den noch alt­mo­disch mit Libe­ro und Mann­deckung spiel­ten, war die Vierer­kette eine mo­derne Abwehr­for­ma­ti­on, die auf dem Prin­zip der Raum­deckung basier­te und im Pro­fi­fuß­ball gang und gäbe war. Sie war tak­tisch deut­lich fle­xi­bler – wenn man sie beherrschte.

Und genau das tat der FC Drei­brücken noch nicht!

In der Umstel­lungs­pha­se waren Abwehr­rei­hen be­sonders an­fällig. Unsi­che­re Blicke, zöger­li­ches Aus­rich­ten an den Mit­spie­lern, Abstim­mungs­pro­ble­me bei der Über­ga­be der Gegen­spie­ler. Das eröff­ne­te uns Räu­me, die wir durch den Tipp unse­res Trai­ners gezielt aus­nut­zen konnten.

Hart­näckig behaup­te­te ich mich in einem Zwei­kampf gegen den Drei­brückener Mit­tel­feld­re­gis­seur. Kaum war der Ball erobert, ent­deck­te ich eine klaf­fen­de Lücke im Abwehr­zen­trum unse­res Geg­ners. Ein geziel­ter Pass auf mei­nen Freund Ste­fan (unfrei­wil­li­ges Nudi­sten­da­sein schweißt zusam­men), und schon stand es 1–0 für den TSV.

Trai­ner Andre­as klatsch­te begei­stert in die Hän­de und nick­te mir aner­ken­nend zu. Er war ein Mann, der es sehr zu schät­zen wuss­te, wenn sei­ne tak­ti­schen Fines­sen auf dem Spiel­feld umge­setzt wurden.

Der neue Trai­ner des FC Drei­brücken schlen­der­te nach­denk­lich zur Reser­ve­bank, schnapp­te sich sei­nen Notiz­zet­tel und mal­te die Spiel­si­tua­ti­on, die zum frü­hen Rück­stand sei­ner Schütz­lin­ge geführt hat­te, auf ein Blatt Papier. In der B‑Jugend hat­te mein Trai­ner in Ham­burg auch die Vie­rer­ket­te mit uns ein­stu­diert. Ich wuss­te also aus eige­ner Erfah­rung, wie das ablief. Woche um Woche ana­ly­sier­te der Trai­ner gedul­dig die Gegen­to­re an der Tak­tik­ta­fel, um Schwach­stel­le für Schwach­stel­le in der Deckung aus­zu­mer­zen. Bis die Vie­rer­ket­te end­lich die gefor­der­te Sta­bi­li­tät erreicht hatte.

Drei­brücken hat­te zwei­fel­los noch einen lan­gen Weg vor sich. Ich stell­te mir ernst­haft die Fra­ge, ob sie jemals den gewünsch­ten Erfolg haben wür­den. Die Vie­rer­ket­te war kom­plex, erfor­der­te gut aus­ge­bil­de­te Spie­ler mit einem fun­da­men­ta­len tak­ti­schen Gespür für die Raum­deckung. Aber die Ver­tei­di­ger unse­res Geg­ners mach­ten auf mich nicht den Ein­druck, als wären sie die­sen hohen Anfor­de­run­gen gewach­sen. Der neue Coach des FC Drei­brücken mach­te aus mei­ner Sicht den größ­ten Feh­ler, den ambi­tio­nier­te jun­ge Trai­ner machen konn­ten: Er ver­suchte, sei­ne Mann­schaft in ein moder­nes Spiel­sy­stem zu pres­sen, anstatt eine tak­ti­sche For­ma­ti­on aus­zu­tüf­teln, die den Fähig­kei­ten sei­ner Elf ent­sprach. Die Ein­flüs­se aus der Bezirks­ober­li­ga lie­ßen sich eben nicht ein­fach eins zu eins in der A‑Klasse anwenden.

Doch neben die­sen tak­ti­schen Relik­ten aus sei­ner glor­reichen akti­ven Zeit hat­te der Trai­ner unse­res Geg­ners noch ganz ande­re Ideen mit nach Drei­brücken gebracht. Und die waren so außer­ge­wöhn­lich, dass ich mir nicht vor­stel­len konn­te, dass er sie in der Bezirks­ober­li­ga auf­ge­schnappt hat­te. Nein, auf die­sen Blöd­sinn muss er ganz allei­ne gekom­men sein.

Es war knapp eine Stun­de gespielt, und wir führ­ten un­gefährdet mit 4–1. Der FC Drei­brücken hat­te einen Frei­stoß in guter Posi­ti­on, etwa 25 Meter von unse­rem Tor entfernt.

Drei Spie­ler des FC stan­den um den ruhen­den Ball her­um und dis­ku­tier­ten wild gesti­ku­lie­rend. Der neue Trai­ner rieb sich am Spiel­feld­rand auf­ge­regt die Hän­de. Irgend­et­was war im Busch. In gespann­ter Erwar­tung einer sehens­wer­ten ein­stu­dier­ten Frei­stoß­va­ri­an­te berei­te­ten wir uns auf das Schlimm­ste vor. Ein Gegen­tor zum fal­schen Zeit­punkt konn­te das Spiel noch ein­mal span­nend machen. Der Mit­tel­feld­re­gis­seur aus Drei­brücken stell­te sich direkt vor den Ball, unse­rem Tor zuge­wandt. Einen Meter vor ihm hat­te sich ein Flü­gel­spie­ler des FC posi­tioniert. Er stand mit dem Rücken zum Tor. Was soll­te das denn wer­den? Ein schuss­star­ker Ver­tei­di­ger nahm sie­ben Schrit­te Anlauf. Wir waren uns sicher: Er wird den Frei­stoß schie­ßen. Aber was zum Teu­fel plan­ten die ande­ren bei­den Spieler?

Als der Schüt­ze sich in Bewe­gung setz­te, lupf­te der tech­nisch ver­sier­te Mit­tel­feld­re­gis­seur den Ball an. Der gegen­über von ihm posi­tio­nier­te Flü­gel­flit­zer mach­te die Bei­ne breit und klemm­te den halb­ho­hen Ball zwi­schen sei­ne Knie. Der Ver­tei­di­ger presch­te her­an. Sofort war uns klar, dass er ver­such­ten woll­te, den zwi­schen den Bei­nen sei­nes Kol­le­gen fest­ge­klemm­ten Ball in unser Tor zu häm­mern. Aber der Ball flutsch­te dem Flü­gel­spie­ler aus den Bei­nen. In letz­ter Sekun­de brach­te sich der Spie­ler aus der Gefah­ren­zo­ne, denn sein Kol­le­ge hat­te bereits zum Gewalt­schuss ange­setzt, und schlug nun ein spekta­kuläres Luft­loch. Der Ball kul­ler­te im Schnecken­tem­po in mei­ne Rich­tung. Gedan­ken­schnell spiel­te ich einen lan­gen Pass auf Micha­el Mei­ster, der im Zusam­men­spiel mit Ste­fan einen ein­wand­frei­en Kon­ter zum vorent­scheidenden 5–1 abschloss.

Ich woll­te gar nicht dar­über nach­den­ken, wie vie­le Knie, Ober­schen­kel oder Hoden­säcke der FC Drei­brücken für die­se schwach­sin­ni­ge Frei­stoß­va­ri­an­te geop­fert hat­te. Ent­we­der der jun­ge Spie­ler­trai­ner war ein schlaue­rer Fuchs als wir alle ver­mu­te­ten und ver­such­te mit sol­chen Aktio­nen aus­zu­te­sten, wie viel gedan­ken­lo­ses Ver­trau­en ihm sei­ne Spie­ler schenk­ten ohne selbst die absur­de­sten Anwei­sun­gen zu hin­ter­fra­gen. Oder er hat­te als Kind ein­deu­tig zu viel „Tsub­a­sa und die tol­len Fuß­ball­stars“ gese­hen und war nun auf der Suche nach dem ulti­ma­ti­ven Spezial-Torschuss.

Die erste Pokal­run­de war damit überstanden.

„Gute Lei­stung, Jungs. Habt ihr gut umge­setzt!“, lob­te Trai­ner Andre­as Diet­ner nach dem Spiel. „Und nicht ver­ges­sen: mor­gen um 15 Uhr Abfahrt zum Trainings­lager. Um halb 6 gibt´s noch eine Trai­nings­ein­heit am Mon­te Kao­li­no, dann machen wir uns einen gemüt­li­chen Abend!“

Die leuch­ten­den Augen mei­ner Mit­spie­ler lie­ßen ver­mu­ten, was sie unter einem ruhi­gen Abend ver­stan­den. Ich hat­te Angst!

Als wir uns am näch­sten Nach­mit­tag um kurz vor Drei am Park­platz vor dem Sport­heim tra­fen, teil­ten wir uns in den mit Wer­bung zuge­pfla­ster­ten Ver­ein­s­klein­bus und drei Pri­vat­au­tos auf. Wir waren ins­ge­samt 15 Spie­ler, die es am Frei­tag­nach­mit­tag zum Trai­nings­la­ger schaff­ten. Trai­ner Andre­as erwar­te­te fünf wei­te­re Kol­le­gen am Samstagmorgen.

Die Fahrt zum Mon­te Kao­li­no dau­er­te eine gute Stun­de. Orga­ni­sa­tor Wil­li hat­te uns zwölf Zim­mer im Nach­bar­ort besorgt. Es war ein gro­ßer Gast­hof in net­tem Fach­werk­stil. Der hei­mi­sche Fuß­ball­ver­ein FC Kohlen­moor stell­te für das Wochen­en­de zwei Rasen­plät­ze in aus­gezeichnetem Zustand zur Ver­fü­gung. Am Sonntag­nachmittag war zum Abschluss des Trai­nings­la­gers ein Freund­schafts­spiel gegen Koh­len­moor geplant.

Mit ver­ein­ten Kräf­ten hal­fen wir Wil­li beim Aus­la­den des Klein­bus­ses. Die vie­len Trai­nings­ge­rä­te trie­ben uns den Angst­schweiß auf die Stirn. Der Wet­ter­be­richt hat­te ein glü­hend hei­ßes Wochen­en­de gemel­det. Eine Tasche mit Bade­ho­sen wäre uns defi­ni­tiv lie­ber gewe­sen, als ein gan­zer Kof­fer­raum voll Medi­zin­bäl­len, Stan­gen und Hanteln.

Ich teil­te mir ein Zim­mer mit Ste­fan Schmidt. Die Räu­me waren klein und spar­ta­nisch ein­ge­rich­tet, aber abso­lut aus­rei­chend. Wir wür­den ohne­hin die mei­ste Zeit auf dem Fuß­ball­platz schwit­zen. Und dass wir abends viel Zeit in unse­ren Bet­ten ver­brach­ten, wag­te ich zu bezweifeln.

Pünkt­lich um Vier­tel vor 6 tra­fen wir uns vor dem Gast­haus, um gemein­sam zur ersten Trai­nings­ein­heit zu fah­ren, die lei­der nicht auf dem nahe­ge­le­ge­nen Sport­gelände des FC Koh­len­moor statt­fin­den soll­te. Nein, unser Trai­ner hat­te sich etwas Bes­se­res ein­fal­len las­sen. Die­ser hin­ter­li­sti­ge Hund!

Als ich immer vom Mon­te Kao­li­no gehört hat­te, war ich in mei­ner berühmt-berüch­tig­ten Nai­vi­tät davon aus­ge­gan­gen, dass es sich um einen Ort mit einem selt­sa­men Namen han­del­te. Kaum hat­te ich aber den mehr als 100 Meter hohen Sand­berg erblickt, ver­stand ich end­lich die scha­den­fro­he Zufrie­den­heit im Gesichts­ausdruck mei­nes Vaters, nach­dem ich den Ort unse­res Trai­nings­la­gers erwähnt hat­te. Ein Sand­berg. Genau das rich­ti­ge Werk­zeug für einen sadi­sti­schen Trai­ner, der sei­ne armen wehr­lo­sen Spie­ler schwit­zen und stöh­nen sehen wollte.

Resi­gniert starr­te Bernd Hagen auf den ton­nen­schwe­ren Hau­fen Sand. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“, mur­mel­te er fas­sungs­los an Trai­ner Andre­as gewandt.

Die­ser grin­ste nur mit leuch­ten­den Augen zurück und rieb sich vol­ler Vor­freu­de die Hän­de: „Herr­lich! An die­sem Wochen­en­de wer­det ihr euren Waden­um­fang verdoppeln!“

Nie hat­ten wir unse­ren Trai­ner so geliebt wie in jenem Moment.

Schon nach weni­gen Metern brann­ten mei­ne Ober­schenkel wie Feuer.

„Wie ich mich auf die näch­sten bei­den Tage freue!“, raun­te ich schwei­ß­über­strömt dem neben mir äch­zen­den Niklas Din­ger zu, der nur resi­gnie­rend den Kopf schüttelte.

Trai­ner Andre­as Diet­ner schaff­te es indes, sei­ne ohne­hin in den Kel­ler abge­stürz­ten Sym­pa­thie­wer­te wei­ter absacken zu las­sen. Auf­rei­zend fröh­lich wink­te er uns aus der Seil­bahn zu, mit der er sicht­lich ent­spannt zum Gip­fel des Sand­bergs kut­schiert wur­de. Eine Stopp­uhr hing um sei­nen Hals. Als lei­stungs­ori­en­tier­ter Trai­ner woll­te er die Zei­ten eines jeden Spie­lers notieren.

Vie­le Minu­ten spä­ter, wir waren inzwi­schen gefühl­te tau­send Tode gestor­ben, waren wir end­lich auf dem Gip­fel des Sand­ber­ges ange­kom­men. Erwar­tungs­ge­mäß hat­te Pfer­de­lun­ge Harald Gepard den Anstieg als Erster gemei­stert und wur­de vom stol­zen Trai­ner in Emp­fang genommen.

„Elen­der Schlei­fer!“, moser­te Rou­ti­nier Klaus Mei­er mit hoch­ro­tem Kopf.

„Und dann grinst er auch noch!“, jap­ste Niklas Din­ger und bedach­te Andre­as Diet­ner mit einem generv­ten Seitenblick.

Als schließ­lich auch das unter­setz­te Genie Bernd Hagen den Gip­fel erreicht hat­te, begann der Trai­ner sei­ne loben­de Ansprache.

„Gut gekämpft, Jungs. Das gibt Schmackes in den Beinen!“

„Dir wür­de etwas Fit­ness auch nicht scha­den, Trai­ner. Beim näch­sten Mal kannst du ja mit­lau­fen, anstatt es dir in der Seil­bahn bequem zu machen“, schlug der fre­che Niklas grin­send vor.

„Da Niklas ja schon wie­der bei Kräf­ten zu sein scheint, könnt ihr den Berg auch gern noch ein­mal hoch­lau­fen!“, kon­ter­te Andre­as schlag­fer­tig, wor­auf sogar Niklas mucks­mäus­chen­still wurde.

Erschöpft setz­ten wir uns in den war­men Sand und genos­sen den Aus­blick. Vier gro­ße Fla­schen Was­ser wan­der­ten vom einen zum ande­ren. Das hat­ten wir uns red­lich ver­dient. Andre­as Diet­ner nutz­te die schweig­sa­me Pau­se, um das Trai­nings­pro­gramm für den näch­sten Tag anzukündigen.

„Mor­gen früh um halb 7 machen wir nen klei­nen Wald­lauf – zum Auf­wa­chen. Bit­te seid pünkt­lich. Wer von Wil­li oder mir geweckt wer­den muss, darf nen Zeh­ner in die Mann­schafts­kas­se abdrücken. Wenn wir jeman­den gar nicht wach­krie­gen: 2 Kästen Bier. Um 8 Uhr gibt´s dann Früh­stück. Erste Trai­nings­ein­heit um 10. Früh am Mor­gen, wenn ihr noch frisch seid, wer­den wir uns vor allen Din­gen auf tak­ti­sche und tech­ni­sche Ele­men­te kon­zentrieren. Es wird also viel mit Ball trai­niert. Dafür wird die­se Ein­heit aweng län­ger sein als die ande­ren. Mittag­essen gibt´s dann um 1. Die zwei­te Trai­nings­ein­heit beginnt um 16 Uhr. Da wer­den wir einen klei­nen Kraft­ausdauerzirkel machen. Ach ja, einen Coo­per­test möch­te ich bei der Gele­gen­heit auch noch durch­füh­ren. Zum Abend­essen tref­fen wir uns um 7. Das wäre dann unser Pro­gramm für mor­gen. Nutzt die Sau­na und das Hal­len­bad in der Unter­kunft, damit ihr euch zwi­schen den Trai­ningseinheiten rege­ne­rie­ren könnt. Am Sonn­tag machen wir neben dem mor­gend­li­chen Wald­lauf noch ne Kondi­tionseinheit am Vor­mit­tag, bevor wir nach­mit­tags gegen den FC Koh­len­moor spie­len. Noch Fragen?“

Andre­as blick­te in die skep­ti­schen Gesich­ter sei­ner Mann­schaft. Begei­ste­rung hat­te er kei­ne erwar­tet. Es war ein straf­fes, anstren­gen­des Pro­gramm. Aber in der Vor­be­rei­tung wur­de nun mal der Grund­stein für eine erfolg­rei­che Sai­son gelegt.

Nach­dem wir den Sand­berg wie­der hin­ab­ge­klet­tert waren, gönn­te ich mir auf unse­rem Zim­mer eine wohl­tuende Dusche. Ich fühl­te mich wie neu­ge­bo­ren. Zum Abend­essen gab es ein def­ti­ges Wie­ner Schnit­zel mit Kar­tof­fel­sa­lat. Eine Stun­de spä­ter zogen sich Andre­as und Wil­li auf ihre Zim­mer zurück. Ich frag­te mich, ob sie wirk­lich müde waren oder viel­mehr nicht mit anse­hen woll­ten, was sich in den Abend­stun­den im Gemein­schaftsraum des Wirts­hau­ses abspielte.

Wir Spie­ler fühl­ten uns hun­de­mü­de. Es gab also nur einen Weg, wie wir die schwe­ren Augen­li­der offen hal­ten konn­ten: Trinkspiele.

Der vor­lau­te Niklas Din­ger war so etwas wie der inof­fi­zi­el­le Ver­gnü­gungs­wart des TSV Wei­her­fel­den. Schnell hat­te er sei­ne Mit­spie­ler an drei ver­schie­de­ne Tische ein­ge­teilt. Tisch 1 bewaff­ne­te sich umge­hend mit einer Geld­mün­ze und einem Schnaps­glas und begann zu quar­tern. Dabei muss­ten sie ein Geld­stück durch Auf­schlagen auf den Tisch in das Schnaps­glas beför­dern. Es war ein knall­har­tes Trink­spiel, bei dem es vie­le Sonder­regeln und sogar gehei­me Abspra­chen gab, auf wel­che Opfer unter den Teil­neh­mern man sich kon­zen­trier­te, um sie vor­sätz­lich abzu­fül­len. Ste­fan Schmidt befand sich an Tisch 1 und warf mir bereits nach 10 Minu­ten besorg­te Blicke zu. Aber an Tisch 2 hat­te ich es auch nicht bes­ser erwischt. Dort spiel­ten wir ein Spiel namens Mäx­chen, bei dem wir reih­um ver­deckt mit zwei Wür­feln wür­fel­ten. Wich­tig dabei war, dass man immer eine höhe­re Augen­zahl oder einen höhe­ren Pasch haben muss­te als sein Vor­gän­ger. War dies nicht der Fall, so muss­te man eine erlo­ge­ne Augen­zahl nen­nen. Wur­de man beim Lügen ent­tarnt oder bezich­tig­te man einen Mit­spie­ler fälsch­licherweise der Lüge, muss­te man ein klei­nes Glas Bier exen. Der nied­rig­ste Wurf (21) war ein Mäx­chen. Wer die­se Augen­zahl gewor­fen hat­te, durf­te sich ein Trink­opfer aus­su­chen. Tisch 3 ver­gnüg­te sich mit einem Kin­der­spiel namens Loo­ping Lou­ie, bei dem man ver­suchte, die Hüh­ner der ande­ren Mit­spie­ler mit einem Kata­pult vom Dach der Farm zu wer­fen. Natür­lich muss­te auch hier der Ver­lie­rer einen Long­drink austrinken.

Nach­dem wir eine vol­le Stun­de gespielt hat­ten, sag­te mir ein gla­si­ger Blick zu mei­nem Kum­pel Ste­fan, dass hier etwas nicht mit rech­ten Din­gen zuging. Es wur­de immer schwie­ri­ger, sich auf die bei­den Wür­fel zu kon­zentrieren. Zu allem Über­fluss log es sich mit hän­gen­der Zun­ge erstaun­lich schlecht.

Und das war der letz­te kla­re Gedan­ke an jenem Abend, an den ich mich erin­nern kann…

Titel: Sonn­tags­schüs­se – Fuß­ball­fie­ber in der Kreisklasse

Ama­teur-Fuß­bal­ler Mar­co Tan­ner muss sich als “Zuge­rei­ster“ in die def­ti­ge frän­ki­sche Lebens­wei­se ein­fin­den, um bei sei­nem skur­ri­len neu­en Fuß­ball­ver­ein Fuß zu fassen.

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