„Sonn­tags­schüs­se – Fuß­ball­fie­ber in der Kreis­klas­se“, Kapi­tel 3

DJK Drei­en­tor – TSV Weiherfelden

(Vor­be­rei­tungs­spiel)

Am Don­ners­tag nach dem Trai­ning lern­te ich eine der skur­ril­sten Gestal­ten mei­nes Lebens ken­nen. Und bei einem Ham­bur­ger Jung, der schon das eine oder ande­re Mal in St. Pau­li fei­ern gewe­sen war, soll das etwas heißen!

Die Rede war vom „Don“, dem Wirt­schafts­füh­rer des Wei­her­fel­de­ner Sport­heims. Dons wirk­li­chen Namen kann­te ich nicht. Nach eini­gen Jah­ren in Wei­her­fel­den begann ich sogar dar­an zu zwei­feln, dass „Don“ nicht sein voll­stän­di­ger amt­li­cher Name war.

Der Don war angeb­lich Mit­te Fünf­zig. Er sah aus wie ein braun­ge­brann­ter Zuhäl­ter mit Vokuhi­la-Fri­sur. Dunk­le Brust­haa­re sprieß­ten unter zwei prol­li­gen Gold­kett­chen aus sei­nem auf­ge­knöpf­ten Hawaii­hemd. Auf einem Zahn­stocher kau­end stand der Don hin­ter der The­ke und schenk­te dem aus alten Fuß­ball­ve­te­ra­nen bestehen­den Stamm­tisch ein Glas Bier nach dem ande­ren ein. Noch vor eini­gen Jah­ren hat­te er für ein gro­ßes deut­sches Ver­sicherungsunternehmen gear­bei­tet. Sehr erfolg­reich sogar, wie man hör­te. Ein befreun­de­ter Kol­le­ge aus der Per­so­nal­ab­tei­lung, zustän­dig für die Ver­trä­ge der Versich­erungsvertreter, hat­te ihm eines Tages bei einem Glas Bier erzählt, dass man gera­de an einer neu­en Richt­li­nie arbei­te­te. Es ging dar­um, alt­ge­dien­te Ver­tre­ter, die ihren Zenit über­schrit­ten hat­ten und alters­be­dingt immer schlech­te­re Arbeit ablie­fer­ten, in bezahl­ten Vor­ru­he­stand zu schicken. Der Don war ein gewief­ter Lebe­mann. Rasch hat­te er die­ses Insi­der-Wis­sen aus­ge­nutzt. Ein ris­kan­ter Ver­trags­ab­schluss hier, ein ärger­li­cher Feh­ler da – und schon war der Don Früh­rent­ner. Bei vol­ler Bezah­lung, ver­steht sich!

Natür­lich muss­te man die­se Geschich­te mit Vor­sicht genie­ßen. Der Don war in Wei­her­fel­den eine Legen­de, und um Legen­den rank­ten sich so man­che ausge­schmückte Gerüch­te. Aber wenn man dem Don so zusah, wie er mit ver­schmitz­tem Lächeln und stets einem locke­ren Spruch auf den Lip­pen sein Bier aus­schenk­te, dann war dem Wei­her­fel­de­ner Gigo­lo alles zuzutrauen.

An die­sem Abend blieb ich nach dem Trai­ning län­ger sit­zen als sonst. Ich unter­hielt mich bei einem schmack­haften Rad­ler mit mei­nem Nudi­sten-Lei­dens­kol­le­gen Ste­fan. Als die ande­ren Mann­schafts­kol­le­gen in Auf­bruchstimmung waren, kas­sier­te der Don die Gäste ab, tipp­te einem auf sei­nem Stuhl ein­ge­schla­fe­nen Rent­ner auf die Schul­ter, und gesell­te sich schließ­lich zu Ste­fan und mir. Der wan­ken­de Rent­ner, den sie alle „den Regis­seur“ nann­ten, folg­te ihm. Seuf­zend lie­ßen sich die bei­den Urge­stei­ne an unse­rem Tisch nieder.

„Ihr seid also die zwei Hel­den, die nackert durch das Obst­ho­fe­ner Sport­heim ren­nen?“, frag­te der Don grinsend.

Schwei­gend starr­ten Ste­fan und ich ein­an­der an.

„Is scho gut, Jungs. Wir haben hier schon ganz ande­re Sachen erlebt!“

Ich war mir nicht sicher, ob ich das im Detail wis­sen wollte.

„Du bist der Klei­ne aus Ham­burg, oder?“, wand­te sich der Don an mich.

„Ja, genau.“

„Ham­burg… tol­le Stadt. War ich auch schon mal.“

Bei einem Stil­be­ra­ter am Kiez?, schoss es mir rotz­frech in den Kopf. Das wür­de so eini­ges erklä­ren. Ich biss mir auf die Lip­pen und signa­li­sier­te freund­lich nickend mei­ne Zustimmung.

„Der Coach hält ja gro­ße Stücke auf dich, seit du dem Mei­sters Michi beim ersten Trai­ning den Schneid abge­kauft hast!“, lob­te der Don aner­ken­nend und muster­te mich von oben bis unten.

„Habt ihr frü­her auch für den TSV gespielt?“, erkun­dig­te ich mich.

„Lan­ge her“, erwi­der­te der Don nach­denk­lich. „Sehr lan­ge her.“

„Und der Regis­seur? War er euer Spiel­ma­cher?“, frag­te Stefan.

„Spiel­ma­cher? Ne, wie­so? Ach, wegen sei­nem Spitz­namen? Der Regisseur?“

„Ja, genau.“

„Nein, der war kein Spiel­ma­cher. Bein­har­ter Ver­teidiger war der!“, erklär­te der Don.

Der Regis­seur sag­te nichts dazu. Voll­trun­ken blin­zel­te er in sein halb­vol­les Bier­glas und kämpf­te mit sei­nen ton­nen­schwe­ren Augenlidern.

„Wie­so heißt er dann Regis­seur?“, woll­te ich wissen.

„Des is a lan­ge Gschicht“, lach­te der Don und schob sei­nen Zahn­sto­cher vom rech­ten in den lin­ken Mund­winkel. „Vor vie­len Jah­ren wur­de hier in der Gegend mal a Film gedreht.“

„Und er war der Regis­seur?“, plat­ze es ungläu­big aus mir heraus.

Der skep­tisch-mit­lei­di­ge Blick, mit dem der Don mich dar­auf­hin bedach­te, ließ wenig Zwei­fel über sei­ne Gedan­ken zu. Es war wohl eine Mischung aus „Die­se bei­den Ein­falts­pin­sel haben uns gera­de noch gefehlt“ und „Dass sich zwei sol­che Idio­ten in ihr Sport­heim ver­lau­fen haben, muss den Obst­ho­fe­nern vor­ge­kom­men sein wie Ostern und Weih­nach­ten am sel­ben Tag“.

„Sein Vater hat­te eine gro­ße Wie­se, auf der eine Fest­sze­ne im Bier­zelt gedreht wur­de. Als Dank hat­te der Regis­seur des Films sei­nem Vater ver­spro­chen, dass der jun­ge Soh­ne­mann bei der Sze­ne mit­spie­len darf“, erklär­te der Don. „Aber als dann der gro­ße Dreh­tag gekom­men war, hat­te sich unser Freund beim War­ten auf die Haupt­dar­stel­ler bereits so vie­le Krü­ge Bier geneh­migt, dass der Regis­seur ihn nicht mehr gebrau­chen konn­te. Aus Angst sei­nen Vater zu ver­är­gern, mach­te er ihn kur­zer­hand zum Assi­stenz­re­gis­seur. Unser stol­zer Kol­le­ge hier war damit hoch­zu­frie­den. Immer­hin durf­te er dem Regis­seur des Films sei­ne Jacke und sei­nen Blei­stift hinterhertragen.“

„Gor ned wohr!“, pro­te­stier­te der Regis­seur lal­lend und leg­te schläf­rig den Kopf auf sei­nem Bier­glas ab.

Der Don woll­te etwas erwi­dern, als plötz­lich sein Han­dy klin­gel­te. Ste­fan und ich tausch­ten pein­lich berühr­te Blicke aus, als „You can lea­ve your hat on“ von Joe Cocker erklang.

„Was ist denn?“, mel­de­te sich der Don barsch. „Nein, ich kann des Sport­heim noch ned zusper­ren… Weil die Gäste noch ned heimwollen.“

Wäh­rend Ste­fan und ich wild gesti­ku­lier­ten, dass er ruhig schlie­ßen konn­te, zwin­ker­te uns der Don abwin­kend zu und sprach grin­send in sein Mobil­te­le­fon: „Viel­leicht kommt ja noch eine hüb­sche jun­ge Frau im Sport­heim vor­bei, gegen die ich dich end­lich ein­tau­schen kann.“

Kopf­schüt­telnd leg­te der Don auf: „Wei­ber!“

„Ich glau­be, wir gehen dann mal“, stam­mel­te Ste­fan unsi­cher und kram­te in sei­nem Geld­beu­tel, um sei­ne zwei Rad­ler zu bezahlen.

„Ach kommt schon“, sag­te der Don. „Der Regis­seur trinkt bestimmt auch noch eins mit.“

Zumin­dest wider­sprach der mit dem Kopf auf sein Bier­glas gepresst schla­fen­de Regis­seur nicht. Doch die roten Rän­der auf sei­ner Stirn lie­ßen ver­mu­ten, dass die­se Posi­ti­on alles ande­re als bequem war.

„Ich glau­be, dem Regis­seur tut sein Bett lang­sam aber sicher auch ganz gut“, ant­wor­te­te ich und leg­te mei­ne vier Euro neben Ste­fans Münzen.

„Alter Schwe­de, wo sind wir hier nur gelan­det“, lach­te Ste­fan ungläu­big, als wir unse­re Sport­ta­schen in die vor dem Sport­heim gepark­ten Autos einluden.

„Das wird auf jeden Fall eine unter­halt­sa­me Sai­son“, stimm­te ich zu und fuhr kopf­schüt­telnd nach Hause.

Zwei Tage spä­ter stand ich wie­der vor der Ein­gangs­tür des sagen­um­wo­be­nen Wei­her­fel­de­ner Sport­heims. An die­sem Vor­be­rei­tungs­wo­chen­en­de hat­te Spiel­lei­ter Wil­li gleich zwei Spie­le ange­setzt. Beim Heim­spiel gegen Tie­fen­steig erziel­ten wir einen beein­drucken­den Ach­tungserfolg. Immer­hin ran­gen wir dem bären­star­ken Titel­favoriten der Kreis­li­ga ein 1–1 Unent­schie­den ab. Am Sonn­tag waren wir schließ­lich bei der DJK Drei­en­tor zu Gast.

Beim Treff­punkt vor dem Drei­en­to­rer Sport­heim drück­te mir Spiel­lei­ter Wil­li einen Zet­tel in die Hand: „Da, das soll­test du dir mal anschau­en. Könn­te wich­tig sein, gera­de für dich als Zivi.“

Ich hat­te kei­ne Ahnung, was mei­ne bald begin­nen­de Tätig­keit als Zivil­dienst­lei­sten­der mit die­sem Zet­tel zu tun hat­te. Des­halb ris­kier­te ich auf dem Weg in die Umklei­de­ka­bi­ne einen ersten neu­gie­ri­gen Blick.

„Stra­fen­ka­ta­log“, mur­mel­te ich ernüch­tert, und begann den zer­knit­ter­ten Zet­tel genau­er zu stu­die­ren. Einen Stra­fen­ka­ta­log kann­te ich aus mei­ner Jugend­zeit. Dort waren klei­ne­re Geld­stra­fen für undis­zi­pli­nier­tes Ver­hal­ten auf dem Spiel­feld fest­ge­schrie­ben gewe­sen. Da ich mich wäh­rend den Spie­len in der Regel dis­zi­pli­niert ver­hielt, hat­te ich nur sel­ten Geld in die Mann­schafts­kas­se ein­zah­len müssen.

Der Stra­fen­ka­ta­log des TSV Wei­her­fel­den aber erwies sich als sehr ungewöhnlich.

Stra­fen­ka­ta­log TSV Weiherfelden

Gel­be Kar­te wegen Meckern 5 €

Platz­ver­weis wegen Meckern 30 €

Platz­ver­weis wegen Tät­lich­keit 50 €

Unent­schul­dig­tes Feh­len beim Spiel 50 €

Zu spät beim Treff­punkt 1 € pro Minute

Respekt­lo­sig­keit gegen Zuschau­er 10 €

Respekt­lo­sig­keit gegen Trai­ner / Betreu­er 1 Kasten Bier

Fal­scher Ein­wurf 1 Kasten Bier

Extre­me Trun­ken­heit beim Spiel 1 Kasten Bier

Han­dy­be­nut­zung in der Kabi­ne 5 €

Fur­zen in der Kabi­ne 5 €

Rau­chen im Tri­kot 5 €

Rau­chen in der Kabi­ne 1 Kasten Bier

Bier­trin­ken in der Halb­zeit 1 Kasten Bier

Wäh­rend mir der erste Teil des Blat­tes durch­aus sinn­voll vor­kam, wag­te ich doch, den zwei­ten Teil zu hin­ter­fra­gen. Ich mei­ne, wer rauch­te denn in der Umklei­de­ka­bi­ne oder hol­te sich in der Halb­zeit­pau­se ein Bier? Aber am mei­sten staun­te ich dar­über, dass ein Kasten Bier beim TSV Wei­her­fel­den offen­bar als eine Art Wäh­rung aner­kannt war. Schön, wenn ein sport­li­cher Lebens­wan­del von den Offi­zi­el­len for­ciert wurde.

„Was hast du denn da dabei?“, frag­te Tor­wart Andre­as Stie­ler, wäh­rend wir mit unse­ren Sport­ta­schen bewaff­net in die Umklei­de­ka­bi­ne schlenderten.

„Den Stra­fen­ka­ta­log“, erklär­te ich kopf­schüt­telnd. „Wer hat sich denn das alles ein­fal­len lassen?“

„Das basiert alles auf Erfah­rungs­wer­ten der letz­ten paar Jah­re“, rief Kapi­tän Harald Gepard hin­ter mir.

„Wollt ihr mir wirk­lich weis­ma­chen, dass das alles schon vor­ge­kom­men ist?“, frag­te ich verwundert.

„Die Liste wird ste­tig erwei­tert, sobald sich wie­der mal etwas Spek­ta­ku­lä­res ereignet!“

Na wun­der­bar, dach­te ich skep­tisch. In jedem Fal­le wür­de es bei die­sem Ver­ein nie lang­wei­lig werden.

„Beson­ders auf­pas­sen soll­test du auf die unge­schriebenen Gesetz­te, die nicht im Stra­fen­ka­ta­log ste­hen. Die kön­nen so rich­tig ins Geld gehen!“, füg­te Rou­ti­nier Klaus Mei­er mit einem ver­schmitz­ten Grin­sen hinzu.

Ich woll­te gar nicht wis­sen, was sich hin­ter die­sen unge­schrie­be­nen Geset­zen ver­barg. Exhi­bi­tio­nis­mus auf der Aus­wech­sel­bank? Geschlechts­ver­kehr beim Anstoß?

„Du soll­test dar­auf ach­ten, nie­mals zwei Tore in Fol­ge zu schie­ßen“, begann Klaus die essen­ti­el­le Lehrstunde.

„Wie­so denn das?“, lach­te ich, wäh­rend ich mir den Kopf zer­brach, ob sich mei­ne Kol­le­gen gera­de einen Scherz mit ihrem nai­ven neu­en Mit­spie­ler erlaubten.

„Ganz ein­fach: Wenn du zwei Tore in Fol­ge erzielst, ste­hen die Chan­cen bei 90 Pro­zent, dass du einen Kasten Bier bezah­len musst. Ein lupen­rei­ner Hat­trick kostet näm­lich einen Kasten Bier.“

Ich war ver­wirrt. „Aber wenn ich zwei Tore schie­ße, bin ich doch noch fein raus.“

„Bei uns nicht! Sobald du nach zwei Tref­fern eine kla­re Tor­chan­ce ver­siebst, musst du den Kasten Bier trotz­dem bezah­len: wegen Hat­trick-Ver­wei­ge­rung. Als Ver­wei­ge­rung zählt es übri­gens auch, wenn du nach zwei Toren in Fol­ge aus­ge­wech­selt wirst.“

„Und was ist, wenn jemand ande­rer nach mei­nem zwei­ten Tor ein Tor schießt?“

„Dann muss er den Kasten bezah­len. Schließ­lich hat er einen mög­li­chen Hat­trick zerstört.“

Das alles war mir zu kom­pli­ziert. Inner­lich beschloss ich, am besten gar kein Tor für den TSV Wei­her­fel­den zu erzie­len. Defen­siv nichts anbren­nen las­sen und vor­ne Zurück­hal­tung wah­ren. Das soll­te mei­nen lee­ren Zivi­geldbeutel genug scho­nen, um über die Run­den zu kom­men. In der 1. Mann­schaft mei­nes Ham­bur­ger Hei­mat­ver­eins beka­men die Spie­ler Auf­lauf- und Tor­prämien. Hier muss­te man also Bier­kä­sten spen­die­ren, wenn man zu vie­le Tore schoss. Wie motivierend.

„Muss ich sonst noch auf irgend­et­was achten?“

„Ja. Beim 10. Tor in einem Spiel und beim 100. Sai­son­tor gel­ten die glei­chen Regeln.“

„Das heißt, wenn wir mal 99 Sai­son­to­re haben soll­ten, muss jeder, der eine Chan­ce nicht rein macht, einen Kasten Bier zah­len, bis jemand das 100. Tor schießt, für den er natür­lich auch einen Kasten Bier spen­die­ren muss?“, fass­te ich ent­gei­stert zusammen.

„Cle­ve­res Kerl­chen!“, lob­te Klaus augen­zwin­kernd und öff­ne­te die Tür zur Gästekabine.

Die DJK Drei­en­tor hat­te nicht den besten Ruf. Schon früh in mei­ner Fuß­bal­ler­kar­rie­re hat­ten mir alle Trai­ner ein­ge­bläut, jedem Geg­ner mit Respekt ent­ge­gen­zu­tre­ten. Fuß­ball­spie­le wur­den größ­ten­teils im Kopf ent­schie­den. Nur so konn­te man sei­ne beste Lei­stung abru­fen und enge Spie­le gewin­nen. Viel Respekt zoll­ten mei­ne Mann­schaftskollegen der DJK Drei­en­tor aller­dings nicht. Ganz im Gegenteil.

„Ein bes­se­res Tor­schuss­trai­ning!“, mein­te Ver­tei­di­ger Domi­nik Prien und schüt­tel­te sei­ne lan­ge schafs­pelz­ar­ti­ge Mähne.

„Kön­nen wir ned a paar Spie­ler aus unse­rer C‑Jugend mit­neh­men, damit es wenig­sten aweng inter­es­sant wird?“, frag­te Tor­wart Andre­as Stie­ler, der sich sicht­lich Sor­gen mach­te, nicht einen ein­zi­gen Ball­kon­takt abzubekommen.

„Alles unter zwei­stel­lig wäre eine Schan­de“, kom­men­tier­te selbst Wil­li, der es in sei­ner Funk­ti­on als Spiel­lei­ter eigent­lich bes­ser hät­te wis­sen müssen.

Schließ­lich mel­de­te sich auch unser Trai­ner zu Wort: „Jungs, wenn ihr heu­te ein Gegen­tor bekommt, dann seht ihr die gan­ze kom­men­de Woche kei­nen Ball!“

Die Andro­hung eines der­art exzes­si­ven Lauf­trai­nings hät­te vor ande­ren Spie­len aus­ge­reicht, um der gesam­ten Mann­schaft den Angst­schweiß auf die Stirn zu trei­ben. Nicht so gegen Drei­en­tor. Mei­ne Kol­le­gen saßen da und grin­sten sich über­heb­lich an.

„Gegen­tor“, pru­ste­te der jun­ge Abwehr­recke Mar­tin Kru­se, als wäre dies das unwahr­schein­lich­ste Ereig­nis der Welt.

„Und wenn wir zwei­stel­lig gewin­nen, bekom­men wir eine Woche trai­nings­frei?“, han­del­te Flü­gel­flit­zer Niklas Din­ger mit ver­schmitz­ter Miene.

„Trai­nings­frei?“, pol­ter­te unser Trai­ner, dem es lang­sam aber sicher zu bunt wur­de. „Da ihr heu­te so selbst­si­cher seid, möch­te ich eine ein­wand­freie Lei­stung sehen, auch wenn der Geg­ner schwach ist. Wenn nur ein ein­zi­ger Schuss auf unser Tor abge­ge­ben wird, dann machen wir noch eine klei­ne aber fei­ne Trai­nings­ein­heit nach dem Spiel!“

„Na toll“, stöhn­te Bernd Hagen und roll­te genervt die Augen. Er war ein her­aus­ra­gen­der Fuß­bal­ler mit einer Abnei­gung gegen Bewe­gung. „Habt ihr wie­der so lan­ge getrom­melt, bis ihr uns eine zusätz­li­che Lauf­ein­heit beschert habt!“

„Noch hat Drei­en­tor ja nicht aufs Tor geschos­sen. Wir müs­sen uns ganz ein­fach kon­zen­trie­ren, dann darf doch gegen so einen Geg­ner hin­ten nichts anbren­nen“, beschwich­tig­te Libe­ro Klaus Meier.

„Haben die nicht einen neu­en Trai­ner?“, frag­te Kapi­tän Harald Gepard beiläufig.

„Irgend­je­mand aus dem Osten glaub ich“, ant­wor­te­te Micha­el Meister.

„Macht euch kei­nen Kopf! Wenn er einen Trai­ner­job bei Drei­en­tor annimmt, dann kann er ja nicht so stark sein. Sonst hät­te es sicher bes­se­re Ange­bo­te gege­ben“, grin­ste Niklas Din­ger, der dazu ten­dier­te, alles und jeden auf die leich­te Schul­ter zu nehmen.

Fünf Minu­ten nach dem Anpfiff führ­ten wir bereits mit 1–0. Micha­el Mei­ster hat­te einen hane­bü­che­nen Feh­ler der Drei­en­to­rer Ver­tei­di­gung eis­kalt aus­ge­nutzt und den Ball am chan­cen­lo­sen Tor­wart vor­bei­ge­spit­zelt. Nach die­sen fünf sehr ein­sei­ti­gen Spiel­mi­nu­ten waren mir sofort zwei Din­ge klar­ge­wor­den. Erstens war Drei­en­tor noch schlech­ter, als ich es nach den abfäl­li­gen Kom­mentaren mei­ner Kol­le­gen erwar­tet hat­te. Aber zwei­tens war ihr neu­er Spie­ler­trai­ner eine abso­lu­te Gra­na­te. Er flitz­te uner­müdlich über den Platz wie ein klei­ner kahl­köp­fi­ger Duracell­ha­se, spiel­te Libe­ro und Stür­mer zugleich und war über­all auf dem Spiel­feld zu fin­den. Das war auch bit­ter nötig. Denn sei­ne zehn Mann­schafts­kol­le­gen waren an fuß­bal­le­ri­scher Unfä­hig­keit kaum zu über­bie­ten. Als ein­zig Sehen­der unter zehn Blin­den, müh­te sich der arme Spie­ler­trai­ner red­lich, den Spiel­stand in Gren­zen zu hal­ten. Trotz­dem gin­gen wir mit einer kom­for­ta­blen 6–0 Füh­rung in die Pause.

Und was noch wich­ti­ger war: Drei­en­tor war kein ein­zi­ges Mal auch nur in die Nähe unse­res Tores gekom­men. Das ange­droh­te Son­der­straf­trai­ning konn­te also noch abge­wen­det werden.

In der zwei­ten Halb­zeit setz­ten wir unse­ren Ein­bahn­stra­ßen­fuß­ball fort. Drei­en­tor hat­te nicht den Hauch einer Chan­ce. Der ver­zwei­fel­te, emsig rackern­de Spie­ler­trai­ner müh­te sich ver­ge­bens. Es stand 13–0. Und fünf Minu­ten vor dem Schluss­pfiff hat­te sich Drei­en­tor noch immer nicht näher als 30 Meter an Tor­wart Andre­as Stie­ler her­an­ta­sten können.

Dann aber pas­sier­te das Unglaub­li­che. Rou­ti­nier Klaus Mei­er, der tech­nisch ver­sier­te Ruhe­pol in der Abwehr­reihe, hat­te an der Mit­tel­li­nie den Ball. Der erfah­re­ne Klaus ver­füg­te über eine aus­ge­zeich­ne­te Spiel­über­sicht. Sein geschul­tes Auge fand Micha­el Mei­ster, und jeder­mann rech­ne­te mit einem prä­zi­sen lan­gen Pass. Statt­dessen zog Klaus den Ball mit der Fuß­soh­le nach hin­ten, und der hoch­mo­ti­vier­te geg­ne­ri­sche Stür­mer, der unge­stüm her­an­ge­prescht war um das Zuspiel zu unter­bin­den, tau­mel­te ins Lee­re. Geni­al! Klaus leg­te sich den Ball erneut zurecht, aber der Stür­mer ließ nicht locker. Wutent­brannt rann­te er auf unse­ren Libe­ro zu. Klaus fackel­te nicht lan­ge und schob dem unbe­dacht angrei­fen­den Geg­ner läs­sig den Ball durch die Bei­ne. Ris­kant! Aber noch immer hat­te der Drei­en­to­rer Stür­mer nicht genug. Wie eine Dampf­wal­ze steu­er­te er auf unse­ren ele­gan­ten Libe­ro zu, der mir noch selbst­be­wusst zuzwin­ker­te, ehe er mit einem locke­ren Hacken­trick den Ball zu Mar­tin Kru­se wei­ter­spie­len und den geg­ne­ri­schen Stür­mer erneut ins Lee­re tau­meln las­sen woll­te. Überheblich!

Der Ball ver­sprang Klaus auf­grund einer klei­nen Uneben­heit des Rasens. Fas­sungs­los muss­ten mei­ne Mann­schafts­kol­le­gen und ich mit anse­hen, wie der Hacken­trick genau in den Füßen des über­rasch­ten Dreien­torer Stür­mers lan­de­te. Sei­ne Augen fun­kel­ten. Er wit­ter­te die letz­te Chan­ce auf Ergebnisbeschönigung.

Unauf­halt­sam rann­te der geg­ne­ri­sche Angrei­fer auf unser Tor zu. Mar­tin brauch­te stets ein paar Augen­blicke, um sich auf neue Situa­tio­nen ein­zu­stel­len. Wert­vol­le Zeit ver­strich, in der zumin­dest Unglücks­ra­be Klaus die Ver­folgung auf­nahm. Der in die Jah­re gekom­me­ne Filigran­techniker hat­te schon einen leich­ten Bauch­an­satz und war bei­lei­be nicht mehr der Schnell­ste. Es war aus­sichts­los. Zwar hat­ten wir mit Andi Stie­ler einen guten Tor­wart, aber ein Tor­schuss reich­te ja bereits aus, um uns eine zusätz­li­che Straf­trai­nings­ein­heit zu bescheren.

Der Stür­mer war noch 30 Meter von unse­rem Tor ent­fernt. Er hat­te freie Bahn.

„Was zum Teu­fel macht er denn jetzt?“, mur­mel­te ich entgeistert.

30 Meter vor dem Tor setz­te der geg­ne­ri­sche Spie­ler plötz­lich ohne jede Not zum Schuss an.

„Nein! Lauf doch wei­ter!“, rief der bemit­lei­dens­wer­te Spie­ler­trai­ner noch, aber es war bereits zu spät.

Der Stür­mer hol­te mit dem Bein aus, als gäbe es kein Mor­gen mehr. Wir rech­ne­ten mit einem bom­ba­sti­schen Gewalt­schuss, der gewiss unser Tor­netz zerfetzte.

Mit geschätz­ten fünf Stun­den­ki­lo­me­tern kul­ler­te der Ball in die Arme unse­res pru­sten­den Tor­warts Andre­as. Immer­hin hat­te der Drei­en­to­rer Stür­mer den Ball noch gestreift. Dafür hat­te er einen hal­ben Qua­drat­me­ter Gras und Erde aus dem Rasen ge­treten, der in hohem Bogen durch die Luft flog und gefähr­li­cher war als sein Torschuss.

Als der Schieds­rich­ter kurz dar­auf das Spiel abpfiff, kam Trai­ner Andre­as Diet­ner schmun­zelnd auf uns zugelaufen.

„Das war doch kein Tor­schuss, Trai­ner! Der Ball wäre vor der Tor­li­nie ver­hun­gert, wenn Andi ihn nicht gleich auf­ge­ho­ben hät­te!“, pro­te­stier­te Niklas Dinger.

„Der Stür­mer hat geschos­sen, der Tor­wart hat gehal­ten. Das ist für mich die Defi­ni­ti­on eines Tor­schus­ses. Also brin­gen wir es hin­ter uns. Alle in einer Linie auf­stel­len. Steigerungsläufe!“

Und so hat­ten wir das zwei­fel­haf­te Ver­gnü­gen, an einem har­ten Wochen­en­de mit zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Spie­len noch eine vier­tel­stün­di­ge Son­der­ein­heit dran­hängen zu dür­fen. Stei­ge­rungs­läu­fe, Spurt­trai­ning, Hucke­pack-Tra­gen – alles, was das Fuß­bal­ler­herz begehrt.

Hoch­mut kommt eben doch vor dem Fall!

Als ich mich nach dem Duschen abtrock­ne­te, kam Kapi­tän Harald auf mich zu: „Hey Mar­co. Auf dem Rück­weg von Drei­en­tor liegt ein guter Grie­che. Ein paar von uns gehen jetzt noch dort essen. Willst du mitkommen?“

„Klar“, erwi­der­te ich. Eine gute Gele­gen­heit, mehr Anschluss in Wei­her­fel­den zu fin­den. Das grie­chi­sche Restau­rant trug den Namen „Dio­ny­sos“ und hat­te vor­züg­li­ches Essen. Der klei­ne leb­haf­te grie­chi­sche Wirt Yan­nis stol­zier­te lächelnd von Tisch zu Tisch und brach­te mit sei­nem sprit­zi­gen fri­vo­len Charme alle Gäste sofort zum Lachen.

Wie es sich bei einem Grie­chen gehört, ser­vier­te uns Yan­nis als Vor­spei­se eine eis­kal­te Run­de Ouzo. In die­sem Augen­blick bemerk­te ich, dass es sich hier nicht um einen gewöhn­li­chen Grie­chen han­del­te. Denn wäh­rend ich mei­nen Ouzo wie üblich in einem Schnaps­glas erwar­te­te, beka­men wir unse­ren Ouzo in einem klei­nen Fläsch­chen gereicht.

„Hier ticken die Uhren ganz ein­fach anders!“, freu­te sich Domi­nik Prien mit glän­zen­den Augen und stürz­te sei­ne hun­dert Mil­li­li­ter in einem Zug hinunter.

Wie selbst­ver­ständ­lich trank der unter­halt­sa­me Wirt Yan­nis an jedem Tisch ein Fläsch­chen Ouzo mit.

„Man lebt nur ein­mal!“, lach­te er und stol­zier­te zurück in die Küche, um die köst­lich duf­ten­den Plat­ten aufzutragen.

Ich hat­te sel­ten zuvor so gut geges­sen. Mein Bauch war zum Ber­sten gefüllt, als Yan­nis sich mit einer Bouz­ou­ki bewaff­ne­te, geschickt auf unse­ren frisch abge­räumten Tisch hüpf­te und mit gla­si­gen Augen ein altes grie­chi­sches Volks­lied anstimmte.

Vier Ouzo spä­ter – mei­ne Augen waren nun bei­na­he so gla­sig wie die des Wirts – lagen wir uns mit Yan­nis in den Armen und tanz­ten auf dem Tisch einen wil­den Sirtaki.

Als ich am näch­sten Mor­gen erwach­te, war ich heil­froh, dass mein Zivil­dienst noch nicht begon­nen hat­te. An Arbeit wäre an jenem Mon­tag­vor­mit­tag nicht zu den­ken gewe­sen. Ich konn­te mich nicht erin­nern, wie ich von die­sem teuf­li­schen Grie­chen nach Hau­se gekom­men war. Häm­mern­de Kopf­schmer­zen beglei­te­ten mich aus mei­nem Zim­mer. Ein Blick vor die Haus­tü­re beru­hig­te mich. Mein Auto war nir­gend­wo zu sehen. Ich war also ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mehr selbst gefah­ren. Gera­de als ich ein erleich­ter­tes „Das ist ja noch­mal gut gegan­gen“ mur­meln woll­te, ließ ich mir das lecke­re grie­chi­sche Essen vom Vor­tag noch ein­mal laut­stark durch den Kopf gehen.

Titel: Sonn­tags­schüs­se – Fuß­ball­fie­ber in der Kreisklasse

Ama­teur-Fuß­bal­ler Mar­co Tan­ner muss sich als “Zuge­rei­ster“ in die def­ti­ge frän­ki­sche Lebens­wei­se ein­fin­den, um bei sei­nem skur­ri­len neu­en Fuß­ball­ver­ein Fuß zu fassen.

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