Sonn­tags­ge­dan­ken: Die Feucht­wan­ger Zei­ßig­fän­ger – eine Pfingst­ge­schich­te aus Fran­ken

Pfarrer Dr. Christian Fuchs

Pfar­rer Dr. Chri­sti­an Fuchs

Die Bewoh­ner Feucht­wan­gens muss­ten sich einst den Spitz­na­men “Zei­ßig­fän­ger” bie­ten las­sen und das kam so: Der Bür­ger­mei­ster die­ser Stadt besaß einen Zei­ßig. Durch eine Unacht­sam­keit sei­nes Besit­zers ent­kam der klei­ne Kerl jedoch. Da befahl der hohe Herr, alle Stadt­to­re zu schlie­ßen, damit das edle Tier Feucht­wan­gen nicht ver­las­sen kön­ne. Die gan­ze Stadt muss­te den Zei­ßig jagen. Er aber pfiff ihnen was und flat­ter­te über Mau­ern, Tore und Tür­me hin­weg.

Die­se Geschich­te ver­rät uns auch viel über den Hei­li­gen Geist, der 50 Tage nach Ostern die im Jeru­sa­le­mer Tem­pel ver­sam­mel­te Gemein­de plötz­lich in akti­ve, fröh­li­che Zeu­gen des Evan­ge­li­ums ver­wan­del­te, wes­halb Pfing­sten – auf Deutsch: am fünf­zig­sten Tag – auch als Geburts­tag der Kir­che gilt: Wie der elek­tri­sche Strom durch das Kabel so fließt der Hei­li­ge Geist durch die Orga­ni­sa­ti­on Kir­che bis ins Kran­ken­haus, ins Gefäng­nis. Er beglei­tet treu jeden von uns seit dem Tag unse­rer Tau­fe. Wo man sich von der Kir­che trennt, nicht mehr in der Bibel liest, nicht mehr betet, nicht mehr die schö­nen Lie­der der Kir­che singt, wie soll da der Hei­li­ge Geist flie­ßen?

Der Hei­li­ge Geist wirkt im Ver­bor­ge­nen, gewis­ser­ma­ßen mas­kiert, auch außer­halb der Kir­che, über­all wo Men­schen Gutes tun, etwas Groß­ar­ti­ges schaf­fen, etwas Schö­nes erle­ben, in der Sehn­sucht nach Gebor­gen­heit, nach dem letz­ten Sinn, in der Stim­me des Gewis­sens.

Der Hei­li­ge Geist drängt sich uns nicht auf. Sein Sym­bol ist die zar­te Tau­be, nicht der brül­len­de Löwe. Oft über­hö­ren, über­se­hen wir ihn, oft ent­schlüpft er uns wie der Zei­ßig dem Feucht­wan­ger Bür­ger­mei­ster, weil wir unacht­sam sind, ganz mit uns selbst beschäf­tigt. Wir kön­nen ihn aber auch nicht her­bei­zwin­gen, eine schmerz­haf­te Ein­sicht gera­de für uns Men­schen der Moder­ne, die wir so oft an die Mach­bar­keit aller Din­ge glau­ben. Natür­lich sol­len wir mit aller Kraft ver­su­chen, die Kin­der zum Guten, zum Glau­ben zu erzie­hen, sol­len gegen die vie­len klei­nen Gemein­hei­ten der Mit­men­schen ankämp­fen. Doch der Erfolg liegt nicht in unse­rer Hand. Der Hei­li­ge Geist über­fliegt aber auch die Mau­ern von Gleich­gül­tig­keit und Gewalt, kann in athe­isti­schen Fami­li­en, ja in grau­sa­men Dik­ta­tu­ren Men­schen zum Glau­ben an Chri­stus füh­ren. Wir kön­nen uns dem Hei­li­gen Geist öff­nen, uns inner­lich durch Gebet, Bibellesen und Gesang auf ihn vor­be­rei­ten. Wir kön­nen ihn anlocken, wie auch der Feucht­wan­ger Bür­ger­mei­ster sei­nen ent­schlüpf­ten Vogel nur gedul­dig, freund­lich hät­te bit­ten müs­sen.

Wei­te­re Sonn­tags­ge­dan­ken

Pfar­rer Dr. Chri­sti­an Fuchs, www​.neu​stadt​-aisch​-evan​ge​lisch​.de

Infos zu Chri­sti­an Karl Fuchs:

  • geb. 04.01.66 in Neustadt/​Aisch
  • Stu­di­um der evang. Theo­lo­gie 1985 – 1990 in Neu­en­det­tels­au
  • Vika­ri­at in Schorn­weiss­ach-Vesten­bergs­greuth 1993 – 1996
  • Pro­mo­ti­on zum Dr. theol. 1995
  • Ordi­na­ti­on zum ev. Pfar­rer 1996
  • Dienst in Nürnberg/​St. Johan­nis 1996 – 1999
  • seit­her in Neustadt/​Aisch
  • blind

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