Dis­kus­si­on mit MdB Andre­as Schwarz und Anet­te Kram­me: Leih­ar­beit – Chan­cen und Miss­brauch

Die Expertenrunde mit (v.l.) MdB Andreas Schwarz, der Parlamentarischen Staatssekretärin Anette Kramme, Matthias Graßmann (Handwerkskammer Oberfranken), Brigitte Glos (Arbeitsagentur Bamberg-Coburg) und Mathias Eckardt (DGB) diskutierte mit den anwesenden Besuchern über die Auswirkungen des neuen Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes in der Region Bamberg und Forchheim.
Die Expertenrunde mit (v.l.) MdB Andreas Schwarz, der Parlamentarischen Staatssekretärin Anette Kramme, Matthias Graßmann (Handwerkskammer Oberfranken), Brigitte Glos (Arbeitsagentur Bamberg-Coburg) und Mathias Eckardt (DGB) diskutierte mit den anwesenden Besuchern über die Auswirkungen des neuen Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes in der Region Bamberg und Forchheim.

Wie ist die Situa­ti­on in Bam­berg und der Regi­on?

Seit dem 1. April gilt in Deutsch­land das neue Arbeit­neh­mer­über­las­sungs­ge­setz. Zur Dis­kus­si­on dar­über, wel­che Aus­wir­kun­gen dies auf den Arbeits­markt und die Unter­neh­men in der Regi­on hat, luden die bei­den SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Anet­te Kram­me und Andre­as Schwarz ins Bam­ber­ger Bis­tums­haus St. Otto ein.

„Wir haben mit dem neu­en Gesetz eini­ge wich­ti­ge Zie­le erreicht: Leih­ar­bei­ter ver­die­nen nun nach neun Mona­ten den glei­chen Lohn wie die Stamm­be­leg­schaft (Equal Pay). Sie müs­sen auch in den Betrieb über­nom­men wer­den, so sie län­ger als 18 Mona­te dort arbei­ten“, erläu­ter­te die Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tä­rin Anet­te Kram­me zu Beginn der Dis­kus­si­on. „Zudem dür­fen Leih­ar­bei­ter nicht als Streik­bre­cher ein­ge­setzt wer­den. Und es ist nun gesetz­lich klar­ge­stellt, dass Leih­ar­beit­neh­mer bei der Unter­neh­mens­mit­be­stim­mung ein­be­zo­gen wer­den. Das erleich­tert wie­der­um die Arbeit der Betriebs­rä­te.“

Aktu­el­le Zah­len aus dem Gebiet der Arbeits­agen­tur Bam­berg-Coburg wuss­te die Vor­sit­zen­de der Geschäfts­füh­rung, Bri­git­te Glos, zu berich­ten. „Mit einem Anteil von 2,2 % der Beschäf­tig­ten in Zeit­ar­beit ist der Anteil bei uns rela­tiv hoch. 35 % der uns gemel­de­ten Stel­len sind aus dem Bereich der Zeit­ar­beit.“ Bri­git­te Glos sieht die Zeit­ar­beit auch als Brücken­funk­ti­on. „Eine Beschäf­ti­gung in Zeit­ar­beit kann für den ein­zel­nen eine Chan­ce sein. Das Knüp­fen von Kon­tak­ten führt häu­fig zur Wie­der­ein­glie­de­rung.“

Für den Vize­prä­si­dent der Hand­werks­kam­mer Ober­fran­ken, Mat­thi­as Graß­mann, ist die Leih­ar­beit wei­ter­hin ein wich­ti­ges Instru­ment, um auf sai­so­na­le Schwan­kun­gen zu reagie­ren. „Bei den Beschäf­tig­ten im Hand­werk liegt der Anteil der Leih­ar­beit bei 2,5 %. Eine Arbeits­platz­ver­drän­gung ist bei uns kein The­ma. Im Gegen­teil: Für man­che kann die Leih­ar­beit ein Sprung­brett sein, im Hand­werk eine lang­fri­sti­ge Beschäf­ti­gung zu fin­den.“

Einen eher kri­ti­schen Blick auf das The­ma Leih­ar­beit warf DGB-Regi­ons­ge­schäfts­füh­rer Mathi­as Eckardt. Pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se durch Leih­ar­beit hät­ten sich in den letz­ten zehn Jah­ren mehr als ver­dop­pelt. „Im Durch­schnitt ver­die­nen Leih­ar­beit­neh­mer 42 % weni­ger Lohn als fest ange­stell­te Kol­le­gen. Mehr als die Hälf­te der Leih­ar­beit­neh­mer erreicht nur drei Mona­te Beschäf­ti­gungs­dau­er, wes­halb sie auch mit dem neu­en Gesetz nicht in den Genuss der glei­che Bezah­lung kom­men. Die geschätz­te Über­nah­me­quo­te aus Leih­ar­beit in eine feste Anstel­lung liegt bei 5–7 %.“

Die anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on the­ma­ti­sier­te die Pro­ble­ma­tik von Arbeit­ge­bern und Leih­ar­beits­fir­men mit der Über­las­sungs­höchst­dau­er von 18 Mona­ten. „Wir beschäf­ti­gen Leih­ar­bei­ter aus dem Osten Deutsch­lands, weil wir hier kei­ne Fach­kräf­te fin­den. Trotz mehr­ma­li­gem Ange­bot wol­len die Leih­ar­bei­ter von dort aber kein festes Arbeits­ver­hält­nis hier anneh­men. So gese­hen steu­ern wir im Okto­ber 2018 auf ein Pro­blem zu“, so der Geschäfts­füh­rer eines metall­ver­ar­bei­ten­den Unter­neh­mens.

Dem schloss sich die Ver­tre­te­rin einer Leih­ar­beits­fir­ma an: „Equal Pay ist für uns das gering­ste Pro­blem. Wir haben lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­ter, die nicht von uns weg wol­len. Nach 18 Mona­ten muss ich sie dann wirk­lich wie Leih­ar­bei­ter behan­deln.“

„Lei­der gibt es beim The­ma Leih­ar­beit immer noch viel Miss­brauch“, fass­te Andre­as Schwarz abschlie­ßend zusam­men. „Rund eine Mil­li­on Beschäf­tig­te arbei­ten in ca. 11.000 Unter­neh­men in Deutsch­land auf Basis von Leih- und Zeit­ar­beit. Leih­ar­beit darf nicht dazu füh­ren, Beleg­schaf­ten zu spal­ten und Lohn­dum­ping zu betrei­ben. Des­halb bin ich froh, dass wir nun mit dem Arbeit­neh­mer­über­las­sungs­ge­setz ein Gesetz mit dem Kon­sens aller Sozi­al­part­ner vor­lie­gen haben. Nicht alles konn­te so umge­setzt wor­den, wie wir es uns als SPD gewünscht hät­ten. Wir wer­den uns über­le­gen müs­sen, wie wir in Zukunft mit dem Gesetz umge­hen“, so der Bam­berg-Forch­hei­mer Abge­ord­ne­te.

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