Uni­ver­si­tät Bay­reuth: Neue Stu­die zu den Füh­rungs­per­so­nen des IS und sei­nen Anhängern

Dr. Johannes Siebert

Dr. Johan­nes Siebert

Die Zie­le des Isla­mi­schen Staats

Was will der Isla­mi­sche Staat? Dr. Johan­nes Sie­bert an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth und U.S.-amerikanische Wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­ty of Sou­thern Cali­for­nia (USC) haben die Zie­le des IS erst­mals syste­ma­tisch ana­ly­siert. Die Stu­die wur­de kürz­lich im renom­mier­ten INFORMS-Jour­nal „Deci­si­on Ana­ly­sis“ veröffentlicht.

Die ent­schei­dungs­theo­re­ti­sche Metho­dik, die der Stu­die zugrun­de liegt, wur­de ursprüng­lich in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ent­wickelt und ist prin­zi­pi­ell anwend­bar auf jed­we­de Insti­tu­ti­on, Orga­ni­sa­ti­on oder Grup­pe und eben­so auf indi­vi­du­el­le Per­so­nen. Sie arbei­tet ins­be­son­de­re mit wis­sen­schaft­lich bewähr­ten Ver­fah­ren der Unter­su­chung schrift­li­cher Tex­te und münd­li­cher Aus­sa­gen. Die Autoren haben auf die­se Wei­se ver­schie­den­ar­ti­ge Quel­len analysiert:

  • Inter­views mit 59 Exper­ten aus den fol­gen­den Gebie­ten: Isla­mi­sti­scher Ter­ror und Dschi­had-Bewe­gun­gen; Nah­ost­po­li­tik und inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen; Geschich­te, Anthro­po­lo­gie und Sozio­lo­gie sowie Psy­cho­lo­gie des Terrorismus.
  • Öffent­lich zugäng­li­che Infor­ma­ti­ons­quel­len im Inter­net: Tran­skrip­tio­nen von 12 Reden der pro­mi­nen­te­sten IS-Füh­rungs­per­so­nen; Exper­ten­in­ter­views und Arti­kel mit Bezug zum IS, die in US-ame­ri­ka­ni­schen oder in deut­schen Medi­en ver­öf­fent­licht wurden.

Auf die­ser Basis haben Dr. Johan­nes Sie­bert, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth, sowie Prof. Det­lof von Win­ter­feldt und Prof. Richard John an der USC die Zie­le der IS-Füh­rung und die Zie­le der IS-Anhän­ger her­aus­ge­ar­bei­tet und mit­ein­an­der verglichen.

Zie­le der IS-Führung

Die IS-Füh­rung ver­folgt stra­te­gi­sche Zie­le, die einer­seits stär­ker reli­gi­ös, ande­rer­seits stär­ker mili­tä­risch aus­ge­rich­tet sind. In mili­tä­ri­scher Hin­sicht will sie im Irak und an der Levan­te ein Kali­fat errich­ten. Um die­se Absicht zu ver­wirk­li­chen, will sie die bestehen­den Regie­run­gen im Irak und an der Levan­te eli­mi­nie­ren, das eige­ne Ter­ri­to­ri­um unter Kon­trol­le hal­ten und ste­tig aus­wei­ten sowie die Zahl der Kämp­fer und Anhän­ger stei­gern. Ein wei­te­res mili­tä­risch akzen­tu­ier­tes Ziel ist die Kon­trol­le und Regie­rung die­ses Kali­fats, das als Isla­mi­scher Staat funk­tio­nie­ren und Dienst­lei­stun­gen für die eige­nen Bür­ger erbrin­gen soll. Die Ver­sor­gung mit mili­tä­ri­schen und zivi­len Gütern soll gesi­chert, die inne­re Sicher­heit auf­recht­erhal­ten und zumin­dest der Anschein staat­li­cher Ord­nung gewähr­lei­stet werden.

Ein­deu­tig reli­gi­ös akzen­tu­iert ist hin­ge­gen das stra­te­gi­sche Ziel von Mit­glie­dern der IS-Füh­rung, die Stär­ken und den Ruhm des sun­ni­ti­schen Islam wie­der­her­zu­stel­len. In die­ser Absicht wol­len sie im eige­nen Herr­schafts­ge­biet eine rei­ne und stren­ge Ver­si­on des Islam ver­wirk­li­chen, dem Leben der sun­ni­ti­schen Gläu­bi­gen einen Sinn geben, die Sharia mit dem Schwert durch­set­zen und als Füh­rer des Islam aner­kannt wer­den. Hier­an schließt sich auf der stra­te­gi­schen Ebe­ne ein wei­te­res reli­giö­ses Ziel an: die welt­wei­te Aus­brei­tung des Islam und der Sharia-Nor­men. Zu die­sem Zweck soll die Welt von anti-isla­mi­schen Kräf­ten ‚gerei­nigt‘ und ande­re Län­der von innen her ange­grif­fen wer­den. Aus­län­di­sche Mäch­te sol­len dar­an gehin­dert wer­den, sich poli­tisch und mili­tä­risch im Irak und an der Levan­te einzumischen.

Vor allem zwei Mit­tel hält man in der IS-Füh­rung für durch­weg geeig­net, um auf ope­ra­ti­ver Ebe­ne die­se Zie­le durch­zu­set­zen: Ungläu­bi­ge zu töten, ein­zu­schüch­tern und/​oder zu bekeh­ren sowie finan­zi­el­le Mit­tel zu generieren.

Im Span­nungs­feld von Ter­ri­to­ri­al­krieg und Religionsexport

„In den Anfän­gen des IS stan­den eher die mili­tä­risch aus­ge­rich­te­ten Zie­le im Vor­der­grund, die mit der Ein­rich­tung und Kon­trol­le eines Kali­fats zusam­men­hin­gen. Es waren vor allem die frü­he­ren mili­tä­ri­schen Anfüh­rer von Sad­dam Hus­sein, die sich hier­auf kon­zen­trier­ten“, erklärt Dr. Johan­nes Sie­bert. „Weil der IS sehr stark an der eige­nen Staat­lich­keit im Nahen Osten inter­es­siert war, schien es zunächst einen kla­ren Unter­schied zu Al-Qai­da zu geben. Denn zu den Kern­zie­len die­ser Bewe­gung zähl­te schon immer der Angriff auf Men­schen und Insti­tu­tio­nen im Aus­land. Die Atten­ta­te von Paris deu­ten jedoch dar­auf hin, dass reli­gi­ös begrün­de­te Zie­le des IS neu­er­dings mehr Gewicht bekom­men haben – sowohl auf stra­te­gi­scher Ebe­ne als auch bei der Anhän­ger­schaft. Vie­le IS-Kämp­fer aus ara­bi­schen Län­dern sind offen­bar bereit, im Aus­land für die welt­wei­te Aus­brei­tung des Islam und der Sharia zu sterben.“

Die Autoren der Stu­die machen dar­auf auf­merk­sam, dass die von den IS-Füh­rern ver­folg­ten reli­giö­sen und mili­tä­ri­schen Zie­le nicht sel­ten in einem Span­nungs­ver­hält­nis zuein­an­der ste­hen. Der reli­gi­ös moti­vier­te, gewalt­sa­me Kampf für den Export eines ‚rei­nen‘ Islam in ande­re Welt­re­gio­nen könn­te zu einer wach­sen­den Bereit­schaft der ange­grif­fe­nen Staa­ten füh­ren, den IS auf des­sen eige­nem Ter­ri­to­ri­um zu bekämp­fen. Die­ses Ter­ri­to­ri­um besetzt zu hal­ten und zu ver­tei­di­gen, bin­det wie­der­um Res­sour­cen, die der IS ande­rer­seits benö­ti­gen wür­de, um Atten­ta­te im Aus­land zu pla­nen und zu finanzieren.

Die Zie­le der IS-Anhänger

Inner­halb der Anhän­ger­schaft des IS unter­schei­den die Wis­sen­schaft­ler drei stra­te­gi­sche Zie­le: huma­ni­tä­re, reli­giö­se und per­sön­li­che Erfül­lung. Für all­ge­mei­ne huma­ni­tä­re Anlie­gen – und ins­be­son­de­re für die der Sun­ni­ten – zu strei­ten, ist eine stra­te­gi­sche Dimen­si­on, die aus Sicht der Autoren nicht unter­schätzt wer­den soll­te. Zahl­rei­che IS-Anhän­ger han­deln in der Vor­stel­lung, ihr kämp­fe­ri­scher Ein­satz die­ne der (Wieder-)Herstellung und Aus­brei­tung von Lebens­be­din­gun­gen, die von sozia­ler Gerech­tig­keit, Ruhe, Sicher­heit und Abwe­sen­heit von Unter­drückung geprägt sei­en. Ein star­kes Motiv ist eben­so die reli­giö­se Erfül­lung, wel­che die Anhän­ger des IS zu fin­den glau­ben, indem sie sich für eine ‚rei­ne‘ und stren­ge Ver­si­on des Islam ein­set­zen und ‚für Gott kämp­fen‘. Die­se reli­giö­sen und huma­ni­tä­ren Zie­le der Anhän­ger ste­hen weit­ge­hend im Ein­klang mit den stra­te­gi­schen Zie­len des IS-Führungspersonals.

Anders ver­hält es sich mit der per­sön­li­chen Erfül­lung, die sich vie­le Anhän­ger vom Ein­satz für den IS ver­spre­chen. Einer ‚Bru­der­schaft von Kämp­fern‘ anzu­ge­hö­ren, Bür­ger west­li­cher Län­der und Juden anzu­grei­fen, eige­ne Gewalt­tä­tig­keit und Bru­ta­li­tät aus­zu­le­ben – mit die­sen Absich­ten ord­nen sich IS-Anhän­ger gut in die stra­te­gi­schen Zie­le der IS-Füh­rungs­ebe­ne ein. Doch eben­so suchen sie per­sön­li­che Befrie­di­gung durch Macht­ge­winn, eine Ver­bes­se­rung ihrer mate­ri­el­len Situa­ti­on und eine stei­gen­de Selbst­ach­tung. „Die­se Absich­ten blei­ben oft­mals unbe­frie­digt, so dass IS-Anhän­ger nicht immer die ange­streb­te per­sön­li­che Erfül­lung fin­den. Dar­um keh­ren man­che jun­gen Män­ner aus west­li­chen Län­dern, die sich als Kämp­fer dem IS ange­schlos­sen haben, ent­täuscht zurück“, erklärt Dr. Johan­nes Sie­bert. „Wenn sie über die­se Erfah­run­gen wie­der­holt öffent­lich berich­ten, könn­te dies die Illu­sio­nen ande­rer Jugend­li­cher, die sich zum IS hin­ge­zo­gen füh­len, mög­li­cher­wei­se dämpfen.“

Ver­öf­fent­li­chung:

Johan­nes Sie­bert, Det­lof von Win­ter­feldt and Richard S. John,
Iden­ti­fy­ing and Struc­tu­ring the Objec­ti­ves of the Isla­mic Sta­te of Iraq and the Levant (ISIL) and Its Fol­lo­wers, in: Deci­si­on Ana­ly­sis (2015), Published Online: Novem­ber 13, 2015.
DOI: http://​dx​.doi​.org/​1​0​.​1​2​8​7​/​d​e​c​a​.​2​0​1​5​.​0​324

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