Zeit­zeu­gen berich­ten: vor 70 Jah­ren Ver­trei­bung, gelan­det in Kirchehrenbach

Zeitzeugen 70 Jahre nach Krieg, Flucht und Vertreibung: Altbürgermeister Franz Plyer, Anna Grininger, Günther John, Inge Kraus, Referent Albrecht Schläger, Moderatorinnen Gisela Kräck und Rosi Hofmann (stehend)

Zeit­zeu­gen 70 Jah­re nach Krieg, Flucht und Ver­trei­bung: Alt­bür­ger­mei­ster Franz Ply­er, Anna Gri­nin­ger, Gün­ther John, Inge Kraus, Refe­rent Albrecht Schlä­ger, Mode­ra­to­rin­nen Gise­la Kräck und Rosi Hof­mann (ste­hend)

Das Neben­zim­mer des Gast­hau­ses Spon­sel war voll besetzt als Gise­la Kräck, vom Arbeits­kreis Sozia­les der SPD Bür­ger­ge­mein­schaft begrüß­te und ein­stimm­te zum Gespräch mit Kir­cheh­ren­ba­cher Zeit­zeu­gen: 70 Jah­re nach Krieg, Flucht und Ver­trei­bung, Flücht­lin­ge von damals berich­ten über ihre Flucht und den Neu­an­fang. Rosi Hof­mann mode­rier­te und stell­te eine Viel­zahl von Fra­gen, die die zahl­rei­chen Besu­cher inter­es­sier­ten. Die Berich­te der Zeit­zeu­gen waren auf­re­gend, ergrei­fend, und erfreu­ten auch durch lusti­ge Epi­so­den. Alt­bür­ger­mei­ster Franz Ply­er (81), Anna Gri­nin­ger (85), Gün­ther John (77), Inge Kraus (75), Apo­the­ker Jörg Sara­wa­ra (75), Sig­hilt Kunz (78), wuss­ten viel zu erzäh­len von vor 70 Jah­ren und wie sie in Kir­cheh­ren­bach an- und auf­ge­nom­men wurden.

Zur Ein­stim­mung auf die Rede des Vize­prä­si­den­ten des Bun­des der Ver­trie­be­nen und Bun­des­vor­sit­zen­der der Seli­ger Gemein­de Albrecht Schlä­ger, Hohen Berg an der Eger, beglei­te­te Roland Albert auf der Gitar­re das gemein­sam gesun­ge­ne Böh­mer­wald­lied: „Tief drin im Böh­mer­wald, da liegt mein Hei­mat­ort, es ist gar lang schon her, dass ich von dort bin fort.“

Ver­trei­bun­gen sind Unrecht gestern wie heute

Schlä­ger sprach ergrei­fen­de und bewe­gen­de Wor­te über Ver­trei­bung und Flucht mit dem Tenor: „Ver­trei­bun­gen sind Unrecht gestern wie heu­te“. Er erin­ner­te dar­an, dass der 2. Welt­krieg mit der bedin­gungs­lo­sen Kapi­tu­la­ti­on Deutsch­lands ende­te. Die Kriegs­fol­gen waren nicht zuletzt auch in Deutsch­land ver­hee­rend: Die Men­schen leb­ten in Trüm­mern, die Wirt­schaft war rui­niert. Es herrsch­te kom­plet­te Per­spek­tive­lo­sig­keit. Mit dem Ende des Krie­ges began­nen auch die Ver­trei­bun­gen in den öst­li­chen Tei­len Deutsch­lands. Etwa 12 Mil­lio­nen Men­schen muss­ten ihre Hei­mat ver­las­sen. Man­che waren schon vor Kriegs­en­de vor der Roten Armee geflüch­tet. Nicht immer wur­den die Flücht­lin­ge mit aus­ge­brei­te­ten Armen emp­fan­gen. „Die Flücht­lin­ge und die Kar­tof­fel­kä­fer wer­den wir nicht mehr los“ hieß es. Albrecht Schlä­ger: „Wir erle­ben der­zeit die größ­te Flucht­be­we­gung welt­weit seit Ende des 2. Welt­krie­ges. Es sind rund 60 Mil­lio­nen Men­schen, die gegen­wär­tig gezwun­ge­ner­ma­ßen ihre Hei­mat ver­las­sen und sich auf der Suche nach Zuflucht befin­den.“ Sein Fazit: War­um soll­te ein wirt­schaft­lich erfolg­rei­ches und poli­tisch sta­bi­les Deutsch­land nicht fähig sein, in den gegen­wär­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen die Chan­cen von mor­gen zu erken­nen? 18 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge kamen von 1945 bis 1992 nach Deutsch­land und wur­den auf­ge­nom­men, ange­nom­men und haben beim Wie­der­auf­bau mit­ge­hol­fen. Schlä­ger ver­miss­te bei der Aus­sa­ge von Ange­li­ka Mer­kel zu Flücht­lings­pro­ble­ma­tik: „Wir schaf­fen das“, das „Wie“?

Zeit­zeu­gen berichten

Alt­bür­ger­mei­ster Franz Ply­er (81) wur­de 1946 aus­ge­sie­delt. In Pichel­berg in der Nähe von Fal­ken­au kam ein Offi­zier und befahl: „Mor­gen müsst ihr alle fort.“ Er brach auch eine Lan­ze für den dama­li­gen Bür­ger­mei­ster Georg Dorsch: „Der Bür­ger­mei­ster war nicht zu benei­den. Er muss­te teil­wei­se Zim­mer beschlag­nah­men, um die Flücht­lin­ge unter zu brin­gen. Die Flücht­lin­ge wur­den von amts­we­gen zu gewie­sen und muss­ten auf­ge­nom­men wer­den. Dar­über war die Bevöl­ke­rung nicht immer und über­all begei­stert. Und zwi­schen Dorf­kin­dern und Flücht­lings­kin­dern wur­de der Unter­schied spürbar.“

Zeit­zeu­gin Anna Gri­nin­ger (85) notier­te ab dem 22. April 1946, wo sie in der Oster­wo­che ver­trie­ben wur­den, das Zeit­ge­sche­hen. Sie las dar­aus vor. Sie kam am 24.5.1946, ver­la­den in einem Vieh­wa­gen, in Forch­heim am Güter­bahn­hof an und wur­de dann im dama­li­gen Wai­sen­haus ein­quar­tiert. Sie wuss­te aber neben den dra­ma­ti­schen Trans­por­ten auch Gutes zu berich­ten. Sie lern­te ihren Mann Franz in der Jahn­hal­le ken­nen. Vor zwei Jah­ren hat­te sie Dia­man­te­ne Hoch­zeit und besuch­ten ihre Kind­heits­stät­te. In ihrem Hei­mat­dorf ist alles ver­wil­dert. Erfreut stell­te sie heu­te fest: „Kir­cheh­ren­bach ist unse­re Hei­mat gewor­den“ und das begrün­de­te sie zum Gau­di­um der Zuhö­rer: „ und jetzt sind wir da und blei­ben da, bis wir sterben“.

Gün­ther John (77) kam aus Treb­nitz (Schle­si­en) und Inge Kraus (75) kam aus Fal­ken­au. Über­ein­stim­mung: „Es war nicht immer ein­fach. Und man­che zeig­ten uns schon deut­lich, dass Flücht­lin­ge nicht erwünscht sind.“ „Da wir den Fami­li­en zuge­wie­sen wur­den, kam es ver­ständ­li­cher­wei­se zu Span­nun­gen.“ Es gab teil­wei­se gro­ße Beden­ken im Dorf wegen der Flücht­lin­ge. Und dann erzähl­ten bei­de auch lusti­ge Epi­so­den, so vom „Krat­zen“, wo man sich Wurst und Fleisch dort abho­len konn­te, wo geschlach­tet wor­den war.

Gün­ter John erin­nert sich, er war 6 ½ Jah­re alt. Am 25.1.1945 wur­de er aus Treb­nitz (Schle­si­en) ver­trei­ben. Um 22 Uhr kamen Mit­glie­der der Waf­fen SS mit der Auf­for­de­rung: „Frau­en und Kin­der bis 10 Jah­re ver­las­sen sofort die Woh­nung“. „Schlimm war auch die Käl­te, minus 15 Grad. Auf der Flucht wur­den wir immer wie­der von Tief­flie­gern beschos­sen. Fast 1 Jahr waren wir in der Nähe von Karls­bad wie im Schwei­ne­stall unter­ge­bracht. Auf einem Fuhr­werk sind wir nach Bay­ern trans­por­tiert wor­den. Wir wur­den in der Nähe von Hof von Ame­ri­ka­nern auf­ge­grif­fen und nach Bam­berg ins Auf­nah­me­la­ger gebracht. In Forch­heim waren wir in der Mäd­chen­schu­le, heu­ti­ge Mar­tins­schu­le, ein­quar­tiert. Nach Kir­cheh­ren­bach sind wir mit einem Kuh­ge­spann, bis­her kann­te ich nur Pfer­de­ge­spann, gebracht wor­den. Erstes zuge­teil­tes Zim­mer in Kir­cheh­ren­bach war in der Brun­nen­gas­se. Dort kam es zu häu­fi­gen Strei­tig­kei­ten und Span­nun­gen mit bös­ar­ti­gen Bedro­hun­gen: „Geht wie­der zurück, ihr seid alle Ver­bre­cher …“ . Der Bür­ger­mei­ster besorg­te uns ein neu­es Quar­tier bei Fam. Mal­ten­ber­ger, Bahn­hof­stra­ße, 1 Zim­mer für 5 Per­so­nen mit Stock­bet­ten. Als ich Kin­der­läh­mung bekam, war ich als böser Bub ver­schrie­en. An die­se Zeit habe ich bit­ter­ste Erin­ne­run­gen.“ Aber es gab auch schö­ne Erleb­nis­se. Und davon hat­te er eine gan­ze Men­ge zu erzäh­len. 1951 zog er mit Fami­lie nach Forchheim.

Inge Kraus war bei der Ver­trei­bung 5 ½ Jah­re und kann sich kaum mehr an Schlech­tes erin­nern. Den Trans­port im Vieh­wa­gen hat sie noch in der Erin­ne­rung. Bevor sie nach Kir­cheh­ren­bach kam war sie im Wai­sen­haus Forch­heim unter­ge­bracht, wo die Säle mit Stock­bet­ten aus­ge­stat­tet waren. „Die Eiser­ne Pfan­ne, die wir damals ein­ge­packt hat­ten, benut­ze ich heu­te noch und mein Pup­pen­haus hat die Ver­trei­bung auch über­lebt“, freut sie sich.

Mar­ga Far­schon ver­las einen Brief von Sig­hilt Kunz die schil­der­te, wie sie 1946 mit max. 30 kg Gepäck, im Eisen­bahn­wag­gon mit Zwi­schen­sta­tio­nen in Bam­berg, Forch­hei­mer Jahn­hal­le mit Stock­bet­ten aus­ge­stat­tet, nach Kir­cheh­ren­bach im Saal des dama­li­gen Gast­hau­ses zum Stern ein­quar­tiert wur­de und was sie alles an Gutem und Schlech­tem erlebte.

Apo­the­ker Jörg Sara­wa­ra (75) war gera­de mal 4 ½ Jah­re als sie aus Bad Flins­berg, Kur­bad, am Zusam­men­stoß vom Iser­ge­bir­ge zum Rie­se­ge­bir­ge gele­gen, ver­trie­ben wur­den. Mit dem Laza­rett­zug ging es in Rich­tung Bay­ern. Seit 47 Jah­ren lebt er mit sei­ner Fami­lie in Kirchehrenbach.

Flucht und Ver­trei­bung heute

Ire­ne Schnei­der, Flücht­lings­hil­fe Kir­cheh­ren­bach, spann­te einen Bogen von den Zeit­zeu­gen von vor 70 Jah­re auf die momen­ta­ne Flücht­lings­si­tua­ti­on in Kir­cheh­ren­bach: Es sind der­zeit 25 unbe­glei­te­te (ohne Eltern) Jugend­li­che. Sie fal­len auf durch ihre dunk­le Haut­far­be. Sie sind total freund­lich und füh­len sich auf­ge­nom­men und ange­nom­men. Sie wol­len was ler­nen. Man­che „ecken“ sogar als Stre­ber in der Schu­le an. Sie sind in Kir­cheh­ren­bach im „Pony­hof“ unter­ge­bracht. Kei­ne Ein­zel­zim­mer, 12 Jugend­li­che in einer Ebe­ne. Sie wer­den ganz­tä­gig ver­sorgt, betreut und ler­nen in erster Linie deutsch. Eini­ge sind in der Berufs­schu­le und ler­nen dort Deutsch, Sozi­al­kun­de und Mathe. Zwei gehen in die Kir­cheh­ren­ba­cher Grund­schu­le. Sie kom­men aus Syri­en, Afgha­ni­stan, Soma­lia, Alge­ri­en. Sie blei­ben bis zum 18. Lebens­jahr, dann müs­sen sie in die Gemein­schafts­un­ter­kunft in Forchheim.

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