Sonn­tags­ge­dan­ken: Nur ein altes Mär­chen?

Pfarrer Dr. Christian Fuchs

Pfar­rer Dr. Chri­sti­an Fuchs

Ein klei­ner Jun­ge betritt die Stra­ßen­bahn. Er trägt ganz vor­sich­tig in bei­den Hän­den ein Stück Holz. Die mei­sten Leu­te beach­ten ihn nicht. Nur eine älte­re Dame fragt ihn halb neu­gie­rig, halb besorgt: “Was hast Du denn da?” Stolz ant­wor­tet er: “Ich tra­ge mei­ne beste Freun­din, eine Amei­se, spa­zie­ren und zei­ge ihr die Welt!”

Ich spü­re, dass der Bub noch ein Gespür hat für das Wun­der, das Geheim­nis der Schöp­fung, dass er emp­fin­det, was Albert Schweit­zer einst “Ehr­furcht vor dem Leben” nann­te. Uns Erwach­se­nen ist die­se hei­li­ge Scheu, die­se Begei­ste­rungs­fä­hig­keit für die Schön­heit der Welt längst abhan­den gekom­men.

Den Lob­preis der Schöp­fung singt indes auch der soge­nann­te 1. Schöp­fungs­be­richt (1. Buch Mose Kap. 1 – Kap. 2 V. 4). Die Israe­li­ten san­gen einst die­se Zei­len, als sie in der baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft schmach­te­ten. Wir könn­ten die­se Ver­se als unwis­sen­schaft­lich, als Aus­druck längst über­hol­ter reli­giö­ser Vor­stel­lun­gen abtun. Wir haben frei­lich kei­nen nüch­ter­nen Bericht vor uns, son­dern einen auf­wüh­len­den Hym­nus der ver­zwei­fel­ten Men­schen neue Lebens­kraft schen­ken woll­te und das noch heu­te tun kann. Da fällt zunächst die stren­ge Glie­de­rung des Tex­tes, der Schöp­fung auf. Wir mei­nen ja oft, die Welt um uns her, die Welt in uns sei ein gro­ßes Cha­os. Die Sor­gen, die Ner­vo­si­tät des All­tags, die Kon­flik­te in Fami­lie und Büro mischen sich mit den Hiobs­bot­schaf­ten aus aller Welt und schla­gen uns aufs Gemüt. Doch die­se Welt im Gro­ßen wie im Klei­nen hat Gott gut geord­net. Gott sagt Ja zu sei­ner Schöp­fung und damit auch Ja zu jedem ein­zel­nen von uns. Dar­auf dür­fen wir uns ver­las­sen gera­de in den dunk­len Stun­den.

Die Natur lässt uns wohl ahnen, dass es einen gött­li­chen Bau­mei­ster geben könn­te. Doch die­ser Natur­gott bleibt ungreif­bar. Wie sieht er kon­kret aus? Was will er? Mei­ne Ant­wort fin­de ich auf einem nord­deut­schen Altar­bild: Mei­ster Bert­ram, ein Künst­ler des Mit­tel­al­ters, soll­te einst den Wel­ten­schöp­fer bei der Arbeit malen und er gab die­sem König der Welt das Ant­litz Jesu Chri­sti. Erst im Leben, im Wir­ken, im Lei­den und Auf­er­ste­hen Jesu Chri­sti ver­ste­hen wir Gott recht. Der gläu­bi­ge, ganz nach Got­tes Wil­len leben­de Chri­stus schenk­te allen Men­schen die Lie­be Got­tes, auch dem gesell­schaft­li­chen Abschaum, er muss­te ans Kreuz gehen, um unser Bru­der im Lei­den zu wer­den, besieg­te am Oster­mor­gen den gräss­lich­sten Tod.

Wei­te­re Sonn­tags­ge­dan­ken

Pfar­rer Dr. Chri­sti­an Fuchs, www​.neu​stadt​-aisch​-evan​ge​lisch​.de

Infos zu Chri­sti­an Karl Fuchs:

  • geb. 04.01.66 in Neustadt/​Aisch
  • Stu­di­um der evang. Theo­lo­gie 1985 – 1990 in Neu­en­det­tels­au
  • Vika­ri­at in Schorn­weiss­ach-Vesten­bergs­greuth 1993 – 1996
  • Pro­mo­ti­on zum Dr. theol. 1995
  • Ordi­na­ti­on zum ev. Pfar­rer 1996
  • Dienst in Nürnberg/​St. Johan­nis 1996 – 1999
  • seit­her in Neustadt/​Aisch
  • blind

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