Wer wählt wen war­um? Bam­ber­ger Poli­tik­wis­sen­schaft­ler erforscht Wahlverhalten

Symbolbild Bildung

Poli­ti­ker und Umfra­ge­insti­tu­te rich­ten ihr Augen­merk auf den Wäh­ler, sobald der Wahl­kampf in die hei­ße Pha­se geht. Er ist das unbe­kann­te Wesen, das sei­ne Gunst will­kür­lich einem Kan­di­da­ten oder einer Par­tei schenkt. Wel­che Per­sön­lich­keit hin­ter die­ser – nur schein­ba­ren – Will­kür­lich­keit steckt, erforscht der Bam­ber­ger Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Harald Schoen.

Prof. Dr. Harald Schoen lei­tet den Lehr­stuhl für Poli­ti­sche Sozio­lo­gie und wirkt bei der deut­schen Wahl­stu­die 2013 mit. Hier­bei han­delt es sich um eine Rei­he von Befra­gun­gen, mit denen die Ansich­ten der Bür­ger, ihre Mei­nung zu den Kan­di­da­ten, zu aktu­el­len poli­ti­schen The­men und zum Wahl­kampf unter­sucht wer­den (http://​deut​sche​wahl​stu​die​.de). Das Pro­jekt fügt sich in Schoens For­schungs­schwer­punkt der inter­na­tio­nal ver­glei­chen­den poli­ti­schen Ein­stel­lungs- und Ver­hal­tens­for­schung. In ver­schie­de­nen For­schungs­pro­jek­ten ana­ly­siert er den Wahl­kampf sowie wei­te­re Ein­fluss­fak­to­ren auf das Wahl­ver­hal­ten und beant­wor­tet, kurz gesagt, wer wen war­um wählt – oder eben nicht.
Kan­di­da­ten, Sach­fra­gen und Parteien

Bür­ger kön­nen ihre Wahl­ent­schei­dung aus ganz ver­schie­de­nen Grün­den tref­fen. Treue zu einer Par­tei, Attrak­ti­vi­tät eines Kan­di­da­ten, über­zeu­gen­de Sach­po­si­tio­nen oder Ein­flüs­se aus dem Freun­des­kreis sind nur eini­ge weni­ge Bei­spie­le. Man­che tref­fen ihre Ent­schei­dung bereits lan­ge vor dem Wahl­kampf, man­che erst am Wahl­tag selbst. Je nach­dem, aus wel­chen Grün­den und wann sie sich ent­schei­den, las­sen sich aus einem Wahl­er­geb­nis unter­schied­li­che Fol­ge­run­gen ablei­ten. Daher unter­su­chen Bam­ber­ger Poli­tik­wis­sen­schaft­ler das Wahl­ver­hal­ten. Wel­che Rol­le spie­len Kan­di­da­ten und Sach­fra­gen bei der Wahl­ent­schei­dung? Kann der Wahl­kampf vie­le Wahl­be­rech­tig­te mobi­li­sie­ren oder umstim­men? Wel­chen Ein­fluss haben per­sön­li­che Kon­tak­te zu Freun­den und Bekann­ten auf das Wahl­ver­hal­ten? Es zeigt sich unter ande­rem, dass der Anteil der lang­fris­ti­gen Par­tei­an­hän­ger zurück­geht, eben­so der Anteil der­je­ni­gen, die sich schon weit vor dem Wahl­tag fest­le­gen, so Harald Schoen. Aller­dings lässt sich kein lang­fris­ti­ger Trend zu einem stär­ke­ren Ein­fluss von Kan­di­da­ten­be­wer­tun­gen oder Sach­fra­gen auf das Wahl­ver­hal­ten fest­stel­len. Viel­mehr kommt es zu wahl­spe­zi­fi­schen Ver­än­de­run­gen, die mit den Bedin­gun­gen der ein­zel­nen Wah­len zusam­men­hän­gen. Ein wach­sen­der Anteil der Stimm­be­rech­tig­ten ent­schei­det sich erst kurz vor oder am Wahl­tag. Eini­ge die­ser Spät­ent­schei­der schwan­ken zwi­schen ihnen ähn­lich sym­pa­thi­schen Par­tei­en, ande­re sind poli­tisch rela­tiv unbe­darft und kön­nen daher auch von momen­ta­nen Ein­flüs­sen stark beein­flusst werden.
Ein­fluss der Per­sön­lich­keit auf das Wahlverhalten

Neben die­sen exter­nen Ein­flüs­sen auf das Wahl­ver­hal­ten konn­ten die Bam­ber­ger Poli­tik­wis­sen­schaft­ler aber auch einen Ein­fluss der Per­sön­lich­keit auf das Wahl­ver­hal­ten nach­wei­sen. Wel­che Per­sön­lich­keits­ty­pen betei­li­gen sich beson­ders ger­ne poli­tisch? Wer wählt wel­che Par­tei? Die­sen Fra­gen geht ein inter­na­tio­nal ver­glei­chen­des Pro­jekt mit Bam­ber­ger Betei­li­gung nach. In dem Pro­jekt wird genau­er unter­sucht, inwie­weit Per­sön­lich­keits­zü­ge und fun­da­men­ta­le Wert­ori­en­tie­run­gen Grund­hal­tun­gen zu poli­ti­schen The­men und zu tages­po­li­ti­schen Streit­fra­gen bzw. das kon­kre­te poli­ti­sche (Wahl-)Verhalten beein­flus­sen. „Auf den ers­ten Blick unpo­li­ti­sche Eigen­schaf­ten wie etwa Offen­heit für Erfah­rung, Schüch­tern­heit und Gewis­sen­haf­tig­keit prä­gen Wahl­ver­hal­ten vor“, so Harald Schoen. Dabei stützt Schoen sich auf die soge­nann­ten Big Five der Per­sön­lich­keits­psy­cho­lo­gie: Ver­träg­lich­keit, Gewis­sen­haf­tig­keit, Extra­ver­si­on, Emo­tio­na­le Sta­bi­li­tät und Offen­heit. Ver­träg­li­che Per­so­nen sind bei­spiels­wei­se beson­ders ver­trau­ens­voll und warm­her­zig. Men­schen mit stark aus­ge­präg­ter Gewis­sen­haf­tig­keit sind flei­ßig und gut orga­ni­siert, wäh­rend Extro­ver­tier­te aktiv, red­se­lig und eupho­risch sind. Emo­tio­nal sta­bi­le Per­so­nen kön­nen nega­ti­ve Gefüh­le wie Sor­gen, Ent­täu­schung, Wut und Depres­sio­nen bes­ser kon­trol­lie­ren. Schließ­lich sind sehr offe­ne Per­so­nen tole­rant, viel­fäl­tig inter­es­siert und auf­ge­schlos­sen für Neues.

„Ob Men­schen sich für poli­ti­sches Gesche­hen inter­es­sie­ren und wie stark sie sich poli­tisch enga­gie­ren, hängt auch von die­sen Per­sön­lich­keits­di­men­sio­nen ab“, so Harald Schoen. Sol­che Zusam­men­hän­ge ent­ste­hen, sofern poli­ti­sches Enga­ge­ment den mit der Per­sön­lich­keit eines Men­schen zusam­men­hän­gen­den Nei­gun­gen und Bedürf­nis­sen ent­spricht oder die­sen wider­spricht. „Bei­spiels­wei­se sind sehr offe­ne und sehr extro­ver­tier­te Men­schen über­durch­schnitt­lich poli­tisch aktiv.“ Extra­ver­si­on beein­flusst jedoch vor allem die Bereit­schaft zu poli­ti­scher Akti­vi­tät, kaum aber die poli­ti­schen Vor­lie­ben. Bei Gewis­sen­haf­tig­keit ist es ten­den­zi­ell umge­kehrt: „Sehr gewis­sen­haf­te Men­schen sehen im Wahl­recht eine Ver­pflich­tung, tat­säch­lich ihre Stim­me abzu­ge­ben.“ Gewis­sen­haf­tig­keit beein­flusst aber ins­be­son­de­re die poli­ti­schen Vor­lie­ben zuguns­ten der kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en. Außer­dem befür­wor­ten Gewis­sen­haf­te mili­tä­ri­sche Ein­sät­ze und eine markt­freund­li­che Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik mit höhe­rer Wahr­schein­lich­keit. Sehr offe­ne Men­schen ten­die­ren dage­gen eher zu poli­tisch lin­ken Grund­ori­en­tie­run­gen und befür­wor­ten über­durch­schnitt­lich oft libe­ra­le Posi­tio­nen etwa in der Zuwan­de­rungs­po­li­tik, in der Abtrei­bungs­fra­ge und bei der Rege­lung gleich­ge­schlecht­li­cher Lebens­part­ner­schaf­ten. Für die übri­gen Per­sön­lich­keits­ei­gen­schaf­ten lie­gen weni­ger ein­deu­ti­ge Ergeb­nis­se für ihren Ein­fluss auf die poli­ti­schen Prä­fe­ren­zen vor. „Unse­re Befun­de zei­gen aber immer nur Ten­den­zen auf, kei­nes­falls fest­ge­leg­te Bezie­hun­gen“, erklärt Schoen.

Einen Über­blick über die Auf­sät­ze zum The­ma „Per­sön­lich­keit, Wert­ori­en­tie­run­gen und poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen“ fin­den Sie hier: www​.uni​-bam​berg​.de/​p​o​l​s​o​z​/​f​o​r​s​c​h​u​ng/