Leser­brief: “Fahr­rad­hel­me bewei­sen sich als Lebens­ret­ter?”

Sehr geehr­te Damen und Her­ren!

„757 Ver­kehrs­un­fäl­le mit drei getö­te­ten und 455 ver­letz­ten Fahr­rad­fah­rern im ver­gan­ge­nen Jahr in Ober­fran­ken ver­deut­li­chen das Risi­ko die­ser Ver­kehrs­teil­neh­mer im Stra­ßen­ver­kehr“, läßt die Poli­zei über die Medi­en ver­lau­ten. Doch die genann­ten Zah­len ver­deut­li­chen gar nichts.

Aus­sa­ge­kräf­tig wäre erst ein Ver­gleich mit der Zahl aller Ver­kehrs­un­fäl­le, aller Getö­te­ten und aller Ver­letz­ten in Ober­fran­ken in Rela­ti­on zum Anteil der jewei­li­gen Ver­kehrs­mit­tel an der Mobi­li­tät. So trug das Fahr­rad im sel­ben Zeit­raum 7,9 % zum Unfall­ge­sche­hen in der Stadt Bam­berg bei. Sein Ver­kehrs­an­teil liegt nach Anga­ben der Stadt­ver­wal­tung bei fast 23 %. Nicht ein­mal jeder drei­ßig­ste Unfall wur­de durch eine/​n Radfahrer/​in ver­ur­sacht.

„Vie­le von ihnen erlei­den zum Teil schwe­re oder sogar töd­li­che Kopf­ver­let­zun­gen“, fährt die Poli­zei fort und „mahnt des­halb zum Tra­gen von Fahr­rad­hel­men“. Auch hier ver­mei­det sie kon­kre­te Anga­ben, wel­che die­se Aus­sa­ge unter­mau­ern könn­ten. Ins­be­son­de­re der Zusam­men­hang mit dem jewei­li­gen Unfall­her­gang fehlt.

Tat­säch­lich bie­tet der Fahr­rad­helm nur einen sehr beding­ten Schutz. Gegen einen Auf­prall, hin­ter dem das eige­ne Kör­per­ge­wicht liegt, ggf. durch die beim Sturz mit­ge­nom­me­ne Fahr­ge­schwin­dig­keit ver­stärkt, kann er kaum hel­fen. Miß­ach­tung der für den Rad­weg gel­ten­den Vor­fahrt und unacht­sam auf­ge­ris­se­ne Auto­tü­ren, aber auch schad­haf­te Fahr­we­ge sind mög­li­che Ursa­chen sol­cher Stür­ze.

Es gibt Erkennt­nis­se, die eine stren­ge Par­al­le­li­tät bei der Zahl ver­kehrs­un­fall­be­ding­ter Kopf­ver­let­zun­gen rad­fah­ren­der und zu Fuß gehen­der Kin­der auf­zei­gen, unab­hän­gig von der Helm­tra­ge­quo­te. Dies legt die Ver­mu­tung nahe: Nicht Hel­me, son­dern die Ent­wick­lun­gen im Ver­kehrs­ge­sche­hen üben den ent­schei­den­den Ein­fluß aus. Vor weni­gen Jah­ren erst ergab sich: Rad­ver­kehrs­auf­kom­men stieg, Helm­tra­ge­quo­te sank, Kopf­ver­let­zun­gen bei Radler/​inne/​n gin­gen zurück.

Wie vor­ste­hend bereits erwähnt, bie­tet der Helm einen, wenn­gleich gerin­gen, Schutz. Des­halb ist gegen eine ent­spre­chen­de Emp­feh­lung wenig ein­zu­wen­den. Die Poli­zei indes ver­folgt augen­schein­lich ande­re Zie­le:

So soll wohl der Boden für die Ein­füh­rung einer all­ge­mei­nen Fahr­rad­helm­pflicht berei­tet wer­den. Die wie­der­um hät­te gra­vie­ren­de Fol­gen, wie sich ander­orts gezeigt hat: Der Rad­ver­kehr gin­ge deut­lich zurück. Das Risi­ko derer, die wei­ter­hin radel­ten, stie­ge erheb­lich an, da sie nicht mehr zum gewohn­ten Stra­ßen­bild gehör­ten. Die gesund­heit­li­chen Lang­zeit­fol­gen auf Grund zuneh­men­den Bewe­gungs­man­gels sind kaum abzu­schät­zen.

Ursa­chen schwe­rer Unfäl­le lie­gen oft in der Ver­kehrs­ge­stal­tung: man­gel­haf­te Wege­ober­flä­chen, gefähr­li­che Lini­en­füh­rung (man­geln­der Sicht­kon­takt, feh­len­de Sicher­heits­räu­me zu seit­li­chen Hin­der­nis­sen, flie­ßen­dem oder ruhen­dem Kraft­ver­kehr), schwer erkenn­ba­re Hin­der­nis­se. Die Fokus­sie­rung der behörd­li­chen Öffent­lich­keits­ar­beit auf den Fahr­rad­helm soll offen­kun­dig von die­sen Ver­ant­wort­lich­kei­ten ablen­ken.

Nicht nur ten­den­ziö­se Pres­se­mel­dun­gen der Bam­ber­ger wie der ober­frän­ki­schen Poli­zei las­sen durch­blicken, daß die Behör­de dem Ver­kehrs­mit­tel Fahr­rad ableh­nend gegen­über­steht. Ist da der Ver­dacht, sie wol­le tat­säch­lich auf weni­ger Fahr­rad­ver­kehr hin­wir­ken, von der Hand zu wei­sen? Noch ein­mal das Bei­spiel der Stadt Bam­berg: Mit Unter­stüt­zung und auf Betrei­ben der Poli­zei wer­den hoch­ge­fähr­li­che Rad­we­ge als benut­zungs­pflich­tig ange­ord­net. Grund­sätz­lich gilt in der Stadt, daß sich die Dimen­sio­nie­rung der Rad­ver­kehrs­an­la­gen an den nied­rigst­mög­li­chen Wer­ten ori­en­tiert – wenn über­haupt. Den­noch ist der Rad­ver­kehrs­an­teil hoch, die Unfall­quo­te im Ver­hält­nis nied­rig. Glaubt man hin­ge­gen der behörd­li­chen Pres­se­ar­beit, stellt das Fahr­rad den Risi­ko­fak­tor im Ver­kehr über­haupt dar.

Mit freund­li­chen Grü­ßen
Wolf­gang Bönig
Mar­tin-Ott-Stra­ße 8
96049 Bam­berg-Gaustadt