Fort­set­zungs­ro­man: “Mamas rosa Schlüp­fer” von Joa­chim Kort­ner, Teil 54

Das Pferd

Mamas Rosa Schlüpfer

Mamas Rosa Schlüp­fer

Vor dem gedrun­ge­nen Zie­gel­stein­häus­chen der zwei­klas­si­gen Dorf­schu­le lärm­ten gera­de die Kin­der in ihrer Pau­se. Frau Hal­ler und Fräu­lein Grö­ning lehn­ten an der war­men Haus­wand, unter­hiel­ten sich und aßen dabei ihre Bro­te. Mäd­chen waren in ein Hüpf­fach­spie­le ver­tieft, bar­fü­ßi­ge Jun­gen rann­ten und brüll­ten sich die Lun­ge aus dem Hals. Bei dem stin­ki­gen Abort­schup­pen im Hin­ter­hof der Schu­le gab es beson­ders schnel­le Wech­sel der Loch­be­set­zung, denn die stahl­blau und grün­lich schil­lern­den Schmeiß­flie­gen waren jetzt im Hoch­som­mer die wah­ren Eigen­tü­mer die­ser Holz­an­bau­ten.

Von einem Augen­blick zum ande­ren war die gewohn­te Lärm­ku­lis­se ver­stummt. Die weni­gen aus dem Hin­ter­hof eil­ten nach vorn, um zu sehen, ob die Pau­se vor­zei­tig abge­bro­chen wor­den war. Als sie vor das Schul­haus kamen, bemerk­ten sie, dass alle ande­ren Kin­der wie erstarrt am Stra­ßen­rand stan­den und mehr ehr­fürch­tig als neu­gie­rig in die Dorf­stra­ße hin­un­ter­schau­ten.

Spät­an­kom­mern wur­de auf ihr „Was issn da los?“gar kei­ne Ant­wort mehr gege­ben. Ein selt­sa­mes, aber auch beklem­men­des Schau­spiel zeig­te sich den Kin­dern. Müh­sam und lang­sam schlepp­te ein Och­sen­ge­spann etwas Gro­ßes über das Dorf­pfla­ster. Zwei Rus­sen­sol­da­ten gin­gen auf­ge­regt neben­her, schwan­gen Kut­scher­peit­schen über den geäng­stig­ten Tie­ren und schrien auf sie ein. Die Hand am Kum­met, diri­gier­te ein Bau­er die Zug­tie­re. Einer, der im letz­ten Som­mer aus der Schu­le ent­las­sen wor­den war, rief den Acht­kläss­lern ent­ge­gen:

„Dett is der Jaul von dem Gie­sicke! Den hattnse beschlach­nahmt. Der hat eene Kolik nach die ande­re jekriecht. Und nu konn­ta nich mehr uff­stehn. Denn hamm­se ihm jeprü­jelt und nu isser ein­fach var­reckt!“

Die Pro­zes­si­on kam näher. Scheu tra­ten die Kin­der einen Schritt zurück. Im Keu­chen hoben die Och­sen ihre Flan­ken. Mit weit her­vor­tre­ten­den Augen stan­den sie jetzt da. Ihr Geschirr war in einen Zug­bal­ken ein­ge­hakt.

Dem gro­ßen, hell­brau­nen Acker­pferd hat­te man Vor­der-und Hin­ter­hand zu einem Bün­del aus vier Hufen zusam­men­ge­schnürt. Sein Kopf schleif­te mit der lan­gen, schwar­zen Mäh­ne auf der Stra­ße und war weit nach hin­ten gebo­gen. Beiß­ei­sen und Leder­half­ter waren ihm im Ster­ben oder durch das Schlep­pen unter die Zun­ge gerutscht. Das sam­tig graue Maul hat­te einen blu­ti­gen Ein­riss.

Flü­stern lief durch die Rei­hen der Kin­der. Die zwei Sol­da­ten stan­den jetzt etwas unschlüs­sig da, als ob sie auf etwas oder jemand war­te­ten. Da hör­ten alle ein Motor­rad. Nur der Wacht­mei­ster Otto Schrei­ber auf sei­ner 125er DKW konn­te das sein. Als er hin­ter den Zug­och­sen brem­ste, rutsch­te ihm sei­ne Maschi­ne auf dem san­di­gen Geh­strei­fen weg und schlit­ter­te noch einen Meter wei­ter. Dann starb ihm der Motor nach eini­gen Fehl­zün­dun­gen mit blau­er Rauch­fah­ne gnä­dig ab. Am Feh­len der Dienst­müt­ze und an sei­nem wacke­li­gen Stand erkann­ten sogar die Kin­der, dass er von dem rus­si­schen Ein­satz­be­fehl über­rascht wor­den war. Nie­mand spot­te­te, eher schäm­ten sich die Kin­der vor den Rus­sen. Deren Sol­da­ten, die durf­ten schon mal tor­keln. Bei ihrem Schrei­ber, dem deut­schen Wacht­mei­ster, war ihnen das pein­lich.

Mit Hän­den und Füßen konn­te Otto Schrei­ber den bei­den gereiz­ten rus­si­schen Peit­schen­trä­gern erklä­ren, dass die­ses tote Pferd jetzt über den nahen Feld­weg gezo­gen wer­den soll­te. Er führ­te zu einer Grup­pe von sie­ben Baum­rie­sen. Mill und Jank waren dort schon oft in hals­bre­che­ri­sche Höhen geklet­tert. An den unte­ren Ästen hat­ten sie aus­gie­big ihre Schau­kel­kün­ste geübt.

Die Och­sen hat­ten den Befehl zum Wei­ter­zie­hen bekom­men, Bei­de Leh­re­rin­nen rie­fen ihre Klas­sen zum Unter­richt. Mill woll­ten heu­te sei­ne Schön­schrift­zei­len auf der Schie­fer­ta­fel noch weni­ger gelin­gen als sonst. Immer wie­der stieg das Bild vom ver­rutsch­ten Beiß­ei­sen in ihm hoch.

Noch am sel­ben Nach­mit­tag folg­ten die zwei den Schleif­spu­ren bis hin zu ihren Schau­kel­bäu­men. Inmit­ten der gro­ßen Schat­ten­spen­der war eine tie­fe Gru­be geschau­felt wor­den. Der arme Brau­ne hat­te hier sein Grab gefunden.Von dem Tag an konn­ten und woll­ten sie hier nicht mehr her­um­klet­tern. Auch das Schau­keln war ihnen end­gül­tig ver­gan­gen.

Nach ein paar Tagen war­fen gräss­li­che Ver­we­sungs­ga­se die Erd­schicht über dem Pfer­de­grab auf. Flie­gen­schwär­me began­nen, Besitz­an­sprü­che auf die­sen sonst von Bie­nen umsumm­ten Ort zu erhe­ben und fin­gen schon an, in die ent­stan­de­nen Erd­ris­se ein­zu­drin­gen. Der abscheu­li­che Aas­ge­stank ver­wan­del­te ihr wan­kel­mü­ti­ges Mit­leid schon bald in Ekel. So schnell hat­ten sie ihr Pferd ver­ra­ten.

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