Fort­set­zungs­ro­man: “Mamas rosa Schlüp­fer” von Joa­chim Kort­ner, Teil 50

Joa­chim ent­deckt das 17. Jahr­hun­dert

Mamas Rosa Schlüpfer

Mamas Rosa Schlüp­fer

Immer wie­der hat­te er pro­biert, ganz allein in die Dorf­kir­che hin­ein­zu­kom­men. Aber nach­dem der dunk­le Strom der Kirch­gän­ger in schwar­zer Sonn­tags­tracht wie­der in die ein­zel­nen Gehöf­te zurück­ge­zo­gen war, hat­te jemand die Tür unbarm­her­zig abge­sperrt. Doch an einem war­men Sonn­tag­vor­mit­tag gab die hohe Klin­ke der Hand des klei­nen Jun­gen nach. Mit der Schul­ter stemm­te er sich sei­nen Ein­tritts­spalt frei und stand dann im sticki­gen Halb­dun­kel.

In die ver­brauch­te Luft aus dem gera­de been­de­ten Got­tes­dienst hat­ten sich Stall­dunst und Ker­zen­ge­ruch gemischt. Mill ließ die schwe­re Tür wie­der ein­schnap­pen. Er woll­te ganz allein da drin sein. Sein Blick such­te ver­geb­lich nach einem Weih­was­ser­becken. Eigent­lich woll­te er ja hier nur ein­mal ganz unbe­ob­ach­tet eine Knie­beu­ge machen.

***

Sei­ne Mut­ter hat­te ihn frü­her in Oppeln in die lee­re Herz-Jesu-Kir­che mit­ge­nom­men. Ihr Ein­kaufs­netz stell­te sie dann immer in der hin­ter­sten Knie­bank ab. Er wuss­te es noch ganz genau, dass sie mit ihm damals im Mit­tel­gang bis ganz nach vor­ne gegan­gen war.

“Wenn ein rotes Licht von der Decke run­ter­hängt, dann is der lie­be Gott auch hier. Dann muss man eine Knie­beu­ge machn. Kuck­ma so.“

Obwohl die bei­den ganz allein in der Kir­che waren, hat­te sie es ihm ins Ohr geflü­stert, die Knie­beu­ge vor­ge­macht, ihn dabei zugleich neben sich an der Hand auf den krat­zi­gen, roten Läu­fer hin­un­ter­ge­zo­gen.

***

Aber das geheim­nis­vol­le, rote Licht fehl­te hier. Er woll­te nichts falsch machen und knie­te sich vor­sichts­hal­ber nicht hin. Da muss­te er erst ein­mal sei­ne Mut­ter fra­gen. Außer­dem war das hier nicht sei­ne Kir­che. Das war die Kir­che, die den Leu­ten vom Dorf gehör­te.

Die Flücht­lin­ge hat­ten einen ganz ande­ren Got­tes­dienst. Dafür kam alle zwei Wochen der Herr Erz­prie­ster auf einem schwar­zen Damen­fahr­rad mit einem klei­nen Kof­fer auf dem Gepäck­trä­ger. Den hat­te er dar­auf immer mit zwei alten Hosen­gür­teln fest­ge­schnallt.

„Der hat zwei Jah­re im Zucht­haus Bran­den­burg geses­sen.“

Die­sen Satz hat­te er mal auf­schnap­pen kön­nen, als sich eine Flücht­lings­frau nach dem Got­tes­dienst mit sei­ner Mut­ter über den Herrn Erz­prie­ster unter­hielt.

„Mama, hat­ter was geklaut?“
„Der hat nischt gemacht. Der war für sein Glaubm im Gefäng­nis.“

Mill konn­te sich dar­un­ter zwar nichts vor­stel­len, war aber durch den Ton­fall beru­higt.

In der Gast­wirt­schaft Pan­nack hat­te sei­ne Mut­ter dann einen Wirts­haus­tisch abge­schrubbt und mit schnee­wei­ßem Tisch­tuch gedeckt. Der Herr Erz­prie­ster hol­te den Kelch, zwei Ker­zen­leuch­ter, Altar­ker­zen, das Mes­sing­glöck­chen und sein gold­be­stick­tes Mess­ge­wand aus dem Kof­fer. Danach ging er immer in einen Neben­raum und zog sich um. Wenn er her­aus­kam, muss­ten Roland und Hans ihm mini­strie­ren. Die wuss­ten genau, wann sie zu läu­ten, sich hin­zu­knien oder auf­zu­ste­hen hat­ten. Das kann­ten die schon von Oppeln her. Wenn der Prie­ster DOMI­NUS VOBIS­CUM sag­te, da ant­wor­te­ten die Gro­ßen zusam­men ET CUM SPI­RI­TU TUO. Mill konn­te das auch schon spre­chen. Er wuss­te zwar nicht, was das bedeu­te­te, aber es klang gut. Außer­dem spür­te er, dass es sei­ner Mut­ter gefiel, wenn er es ganz deut­lich sprach.

***

In den alten Holz­bän­ken der Kir­che konn­te er auch nicht knien, nur sit­zen oder ste­hen. Den Altar woll­te er sich schon mal näher anschau­en. Der war zwar viel klei­ner, als der Altar in der Herz-Jesu-Kir­che, erin­ner­te ihn aber trotz­dem dar­an, weil ihn auch hier eine Mut­ter Got­tes mit freund­li­chem Gesicht ansah. Um nach vor­ne zu kom­men, ging er in sei­ner Sitz­rei­he bis zur Wand durch. Die Mit­te woll­te er unbe­dingt ver­mei­den. Als er die Stu­fen zum Altar hoch­stieg, sah er sich zur Ein­gangs­tür um. Fast hat­te er ein Gefühl, etwas Ver­bo­te­nes zu tun. Wo er auch stand, die Mut­ter Got­tes aus Holz sah ihn von allen Sei­ten an. Jetzt, als er ihr so nahe war, erlaub­te sie ihm sogar, hin­ter den Altar zu gehen. Nur ein paar wei­ße Holz­ta­feln mit schwar­zen Zah­len lagen auf dem Stein­bo­den ver­streut. Bevor er sich zum Rück­zug ent­schloss, fiel ihm noch ein Holz­schild auf, das hin­ter dem Altar hing. Die Buch­sta­ben, die er von der Schie­fer­ta­fel sei­nes Bru­ders gelernt hat­te, sahen aber ganz anders aus. Ein Wort aber fiel ihm beson­ders auf. Das war falsch geschrie­ben und beim Hin­aus­ge­hen in den wol­ken­lo­sen Tag wie­der­hol­te er es immer wie­der halb­laut. Das woll­te er unbe­dingt sei­ne Mut­ter fra­gen.

„In der Kir­che, da ham­se Jesus falsch geschriebm. Die hamm da geschriebm Jesui­ten.“

Das habe er falsch gele­sen. In sol­chen Kir­chen wür­de nie Jesui­ten stehn.

Sie schüt­tel­te den Kopf, streu­te Mehl auf den Nudel­teig und begann damit, ihn flach aus­zu­wal­zen. Er ließ ihr damit aber kei­ne Ruhe. Auch Adel­heid Lettau, die ja in die­ser Kir­che sogar ihre Kon­fir­ma­ti­on gefei­ert hat­te, wuss­te von die­sem Wort nichts.

Noch am sel­ben Nach­mit­tag zog er sei­ne Mut­ter zur Kir­che. Sie hat­te extra eine Arbeit unter­bro­chen, woll­te dann aber dafür von die­sem Pla­ge­geist end­lich in Ruhe gelas­sen wer­den. Die Kir­chen­tür stand weit offen. Hed­wig trat ein, mach­te ihm mit ihrer Spucke das Kreuz­zei­chen, ver­biss sich die Knie­beu­ge und ließ sich von ihrem Jüng­sten gleich hin­ter den Altar füh­ren.

Sie las die Schrift mit stumm beweg­ten Lip­pen. Dann schüt­tel­te sie ihren Kopf. „Du hast Recht. Komm, wir gehn. Also sowas mech­te man nich fir mee­glich haltn.“
„Und was steh­tn da?“
„Da steht, dass sie die Jesui­ten aus der Kir­che raus­jagn.“
„Und was sind Jesui­ten?“
„Das sind Män­ner, wie der Pater Gond­scho, der dir immer was mit­ge­bracht hat, wenn er bei uns zu Besuch war. Oder wie der Pater Ogiha­ra aus Japan, der so schma­le Augen hat und dem Papa Brie­fe aus Hiro­shi­ma schreibt, in die er immer so schö­ne Blü­ten hin­ein­malt“.

Jetzt konn­te er ver­ste­hen, war­um sei­ne Mut­ter so wütend war.

Schreibe einen Kommentar