„Kon­kre­te Kunst“ in Bam­berg

Max Bill: Systematische und serielle Variationen, 1975, Siebdruck

Max Bill: Syste­ma­ti­sche und seri­el­le Varia­tio­nen, 1975, Sieb­druck

„Kon­kre­te Kunst nen­nen wir jene Kunst­wer­ke, die auf­grund ihrer urei­ge­nen Mit­tel und Gesetz­mä­ßig­kei­ten – ohne äußer­li­che Anleh­nung an Natur­er­schei­nun­gen oder deren Trans­for­mie­rung, also nicht durch Abstrak­ti­on – ent­stan­den sind.“ (Max Bill 1908–1994)

Mit Max Bills klas­si­scher Defi­ni­ti­on vor Augen kön­nen kunst­in­ter­es­sier­te Besu­cher im Juli und August in Bam­berg eine beson­de­re Ent­deckungs­rei­se durch die Aus­stel­lung EURO­PA KON­KRET – INTEL­LI­GI­BEL des Bam­ber­ger Kunst­ver­eins in der Stadt­ga­le­rie Bam­berg – Vil­la Des­sau­er erle­ben und dabei in den mehr als 140 Arbei­ten von über 70 Künst­lern der Fra­ge nach­spü­ren: Was ist kon­kre­te Kunst heu­te?

Ver­tre­ten sind Alt­mei­ster wie Max Bill und Richard Paul Loh­se, deren Wer­ke kon­se­quent ohne Gegen­stands­be­zug, puri­stisch, auf sich selbst bezo­gen, an frü­he Avant­gar­de-Bewe­gun­gen des nie­der­län­di­schen De Sti­jl sowie der rus­si­schen Aus­rich­tung von Supre­ma­tis­mus und Kon­struk­ti­vis­mus anknüp­fen. Vari­an­ten- und Ent­wick­lungs­reich­tum kon­kre­ten Gestal­tens, die Freu­de am Expe­ri­ment zei­gen bis in die Gegen­wart hin­ein die zahl­rei­chen Arbei­ten von Künst­lern u. a. aus Deutsch­land, Polen, Spa­ni­en, Rumä­ni­en, Tsche­chi­en. Sie alle ver­bin­det die Befrei­ung vom Imi­ta­ti­ons­zwang, also dem Nach­bil­den der sicht­ba­ren Wirk­lich­keit und die Beschrän­kung auf zumeist weni­ge, ein­fa­che, geo­me­tri­sche Ele­men­te, modu­lar oder seri­ell geord­net; Struk­tu­ren und Gesetz­mä­ßig­kei­ten sind optisch und logisch zu ent­schlüs­seln, die Bild­lo­gik der aus­ge­klü­gel­ten Syste­me ist trans­pa­rent.

Die den­noch äußerst indi­vi­du­el­len Hand­schrif­ten las­sen Grup­pie­run­gen zu: Farb­in­ten­si­ve Arbei­ten wie etwa von Ingo Glass oder Wal­do Bal­art ste­hen neben sol­chen, die bewusst auf Far­be ver­zich­ten. Reduk­ti­ves defi­niert sich hier durch Zei­chen, Zif­fern, Buch­sta­ben, Zah­len und Wor­te und kon­zen­triert sich so in extre­mer for­ma­ler Rück­nah­me auf gei­sti­ge Aspek­te. Blums „Kon­stel­la­ti­on der zeit­li­chen Ener­gien“ wie auch Arbei­ten von Karl Heinz Adler for­dern den Betrach­ter, in einen eigen­stän­di­gen ener­ge­ti­schen Aus­tausch zu tre­ten, der intel­lek­tu­el­le und intui­ti­ve Momen­te ein­schließt. Kon­kre­te und visu­el­le Poe­sie ist ver­tre­ten mit Wer­ken von Heinz Gapp­mey­er und Eugen Gom­rin­ger, dem ‚Vater’ der kon­kre­ten Poe­sie, der in Rehau bei Hof das Insti­tut für kon­struk­ti­ve Kunst und kon­kre­te Poe­sie lei­tet.

So über­ra­schend viel­fäl­tig wie Wege und Mit­tel, so ver­schie­den sind auch die gei­sti­gen Impul­se, die sich dem Betrach­ter eröff­nen. „Kon­kre­te Kunst als gei­sti­ges Prin­zip“ – mit dem Begriff Intel­li­gi­bel als etwas gei­stig Fass­ba­rem umschreibt der Samm­ler und Kura­tor sein phi­lo­so­phi­sches Ver­ständ­nis von Kunst.

Jür­gen Blum-Kwiat­kow­ski, Künst­ler, Phi­lo­soph, Muse­ums­lei­ter und uner­müd­li­cher Pro­jekt­pla­ner, begrün­de­te 1990 die Stif­tung Muse­um Modern Art im hes­si­schen Hün­feld mit einer her­vor­ra­gen­den Kol­lek­ti­on an Wer­ken, die sich kon­kre­ten, kon­struk­ti­ven und reduk­ti­ven Strö­mun­gen ver­schrie­ben haben. Es gibt kaum einen ande­ren Ort, an dem in sol­cher Inten­si­tät künst­le­ri­sche Pro­jek­te inter­ak­tiv, inter­dis­zi­pli­när und grenz­über­schrei­tend rea­li­siert wor­den sind, bis hin zur visu­el­len Poe­sie in einem „Offe­nen Buch“, das an den Haus­fas­sa­den der Stadt zum Lesen und Nach­den­ken auf­for­dert.

Zahl­rei­che Wer­ke die­ser Samm­lung wer­den ab dem 17. Juli in der Stadt­ga­le­rie Vil­la Des­sau­er prä­sen­tiert und tre­ten dort in einen span­nen­den Dia­log mit dem grün­der­zeit­li­chen Renais­sance-Stil des Hau­ses. Das reprä­sen­ta­ti­ve Anwe­sen wur­de 1885 für den jüdi­schen Hop­fen­händ­ler Carl Ema­nu­el Des­sau­er errich­tet, unter den Natio­nal­so­zia­li­sten beschlag­nahmt und nach dem Krieg von der Stadt Bam­berg erwor­ben. Seit 1987 wird es als städ­ti­sches Aus­stel­lungs­ge­bäu­de genutzt; hier hat auch der Bam­ber­ger Kunst­ver­ein, mit sei­ner Grün­dung 1823 einer der älte­sten Kunst­ver­ei­ne in Deutsch­land, Raum für Wech­sel­aus­stel­lun­gen.

EURO­PA KON­KRET – INTEL­LI­GI­BEL

Slg. Jür­gen Blum │ MUSE­UM MODERN ART Hün­feld

18.Juli 2010 – 29. August 2010

Aus­stel­lungs­er­öff­nung Sa. 17.07. 16.00 Uhr

Stadt­ga­le­rie Bam­berg – Vil­la Des­sau­er │96047 Bam­berg Hain­str. 4a

www​.kunst​ver​ein​-bam​berg​.dewww​.muse​um​-modern​-art​.de

Öff­nungs­zei­ten

Di – Do 10 – 16 Uhr

Fr 12 – 19 Uhr

Sa │ So 12 – 18 Uhr

Ein­tritt 3,50 € │ erm. 2,50 € │ Mit­glie­der der Kunst­ver­ei­ne frei │Schü­ler 1,00 €

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