Der Neue Wiesentbote

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Nationalistische Fahne des Deutschen Reiches unter jubelnden Fußballfans

Datum: Montag, 03. Juli 2006, 13:42

Leserbrief

Hurra Deutschland. Hurra Pegnitz. Die Freude war groß, als die deutsche Fußballnationalmannschaft am Freitag die argentinische Mannschaft besiegt hatte. Kinder und Erwachsene lagen sich in den Armen, tanzten und schwenkten fröhlich, zum über wiegenden Teil, schwarz rot goldene Fahnen. Ein Autokorso zog sich mit viel Gehupe über den Marktplatz, der zur inoffiziellen Fanmeile der Pegnitzer geworden ist.

Es begeistert mich, wenn sich Menschen so spontan und herzlich einem solchen Freudentaumel hingeben. Es begeistert mich ebenso, wenn in Deutschland ein Patriotismus aufkeimt, der nicht von Überheblichkeit, sondern von Teamgeist und Wir-Gefühl, einer gemeinsamen Vision, einem gemeinsamen Ziel und vor allem einer gemeinsamen Freude getragen wird. Da bin ich gerne Patriot, was ich auch schon in so mancher Haushaltsrede im Stadtrat zum Ausdruck gebracht habe, wenn es darum ging, welche Philosophie unserem Land oder unserer Stadt wohl tun möge. Wir alle können Jürgen Klinsmann danken, dem es ihm gelungen ist, durch das Abschneiden alter Zöpfe einen neuen Geist zu beschwören.

Umso bedauerlicher finde ich es jedoch, wenn sich in diesen neuen Geist ein alter Geist, das alte Gespenst des Nationalismus einschleicht. So geschehen am Freitag im Autokorso, als ein 7 er BMW mit schwarz weiß rot beflaggt flanierte. Zur Erinnerung: Die schwarz weiß rote Flagge ist die Flagge des Deutschen Reiches. Von den Kaisern bis zu den Nazis wurde sie als ganz klar antidemokratisches und nationalistisches Symbol eingesetzt. Es diente der Verherrlichung von Kriegen, Militarismus, Nationalismus und gar Nationalsozialismus der damaligen Zeit. Noch heute wird sie sentimental verklärt bei Aufmärschen der Neonazis und Rechtsradikalen eingesetzt. Wie schwach müssen die Menschen eigentlich sein, wenn sie sich an einer solchen vermeintlichen, fehlinterpretierten Stärke laben wollen.

Auf meinem Weg von der Fanmeile auf den Schlossberg zum Sommernachtsfest begegnete mir dann genau dieser Wagen mit genau dieser Fahne auf dem Hof eines Autohändlers am Tor der Innenstadt am Fuße des Schloßberges. Im persönlichen Gespräch machte ich den Autohändler auf die Tradition dieser Fahne aufmerksam und bat ihn, dieselbe zu entfernen, was mir nur verherrlichende Sätze über dieses Symbol und ihre Tradition einbrachte.

Unsere schwarz rot goldene Fahne dagegen steht in der Tradition des demokratischen Deutschland. Ihren Ursprung hat sie bekanntermaßen in den Farben der Studentenverbindungen, die zusammen mit der Arbeiter- und Handwerkerschaft die 1848er Revolution in "Deutschland" anführten. Die Fortsetzung ihrer demokratischen Tradition fand sie in der Weimarer Republik sowie in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Fahne, ein Symbol, das uns vereint und hinter dem wir uns gut vereinen können.

Und hier besteht für mich auch der Unterschied: Nämlich, ob wir uns vereinen unter einer gemeinsamen Philosophie, einem Teamgeist und Wir-Gefühl, um so, stets den Anderen achtend, eigene Ziele zu verfolgen. Oder aber, ob ich mich zusammenrotte, um mich über die Gegnerschaft und Feindschaft zu anderen, bis hin zu deren Vernichtung, zu definieren. Der französische Schriftsteller Romain Gary fasste das einmal so zusammen: Patriotismus ist die Liebe zu den Seinen, Nationalismus ist der Hass auf die anderen.

Deshalb, liebe Fußballfankolleginnen und Kollegen, liebe Fußballfreunde, schauen wir genau hin, hinter welcher Fahne wir gemeinsam feiern und welcher Fahne und deren Trägern (hier mit Tarzanruf) wir die rote Karte geben. Nehmen wir also die Appelle der Mannschaftskapitäne gegen Rassismus ernst und leben sie offensiv. Wenngleich diese Fahne leider nicht verboten, so sollten wir sie ächten.

Außerdem: Ich zumindest werde dort sicher kein Auto kaufen.

Pegnitz, den 02.07.2006
Uwe Raab, Vorsitzender der SPD Fraktion im Stadtrat Pegnitz und Bürgermeisterkandidat