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Buchbesprechung: Literarische Reihe: Das Pilatus-Puzzle, Teil 4

Datum: Dienstag, 13. Juli 2004, 16:32
Rubrik: Literaturecke
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Die Literaturecke des Neuen Wiesentboten präsentiert den vierten und vorläufig letzten Ausschnitt aus dem Buch "Das Pilatus-Puzzle" des Hausener Autors Gerhard Batz, welches sich mit der eigentümlichen "Pilatus-Sage" beschäftigt, nach der Pontius Pilatus ein gebürtiger Forchheimer sein soll. Eine Bestellmöglichkeit findet sich am Ende des Artikels.

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Ein neuer Sagentext

Wie es aussieht, ist die Hausener Version die bisher letzte Pilatussage überhaupt, die in schriftlicher Form veröffentlicht wurde. Ob, wann und vor allem in welcher Form sie davor bereits mündlich existierte, müssen wir zunächst offen lassen, sodass wir uns vorerst nur an die erste schriftliche Form halten können. Diese findet sich erstmals im zweiten Band des heute noch als wichtiges Standardwerk geltenden Buches "Bayerische Sagen und Bräuche. Beiträge zur deutschen Mythologie" von Friedrich Panzer, erschienen im Jahr 1855 (der erste Band erschien bereits im Jahr 1848). Das Sagenbuch ist einem großen und berühmten Märchensammler gewidmet, mit dem Panzer - wie verschiedene Hinweise im Buch zeigen - zusammengearbeitet hat, nämlich "HERRN JACOB GRIMM im gefühle der höchsten achtung". Seine Verbundenheit mit Grimm drückt sich besonders auch durch die konsequente Kleinschreibung des Textes im Buch aus, wie es Grimm empfohlen hat und wie es auch später noch viele weitere "Anhänger" des großen Germanisten taten. Offenbar war dies auch ein Grund, warum Panzers Buch in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen nicht akzeptiert wurde, wird doch in einer Würdigung Panzers aus dem Jahr 1855 geschrieben, dass einige "das Buch nicht anrühren wollen, weil es lateinisch (d.h. nicht in Frakturschrift, d.Verf.) gedruckt und die Hauptwörter nicht mit großen Buchstaben geschmückt sind."

Die Hausener Pilatussage befindet sich unter der Nummer 33 im Kapitel III., das die Überschrift "Christus, Petrus, Pilatus" trägt, als letzter von neun (Sagen-)Berichten zu dieser Thematik aus praktisch allen Bezirken Bayerns. Im Inhaltsverzeichnis wird interessanterweise nicht von einer Pilatussage gesprochen, sondern dort steht "Die flur Pilatus der gemeinde Hausen bei Forchheim in Oberfranken". Fragt sich natürlich sofort, was uns Panzer damit sagen will. Seltsamerweise habe ich in der gesamten Literatur zur Hausener Sage keinen einzigen Aufsatz gefunden, in dem Panzers Originaltext vorgestellt worden wäre. Zitate aus der Sage in der aktuelleren Pilatusliteratur seit den 50er Jahren stammen durchwegs aus einer Neuausgabe des Werkes durch den Göttinger Sagenforscher Will-Erich Peuckert (1895-1969, s. Anh. Text 20g, S. 336) aus den Jahren 1954 und 1956, was - wie wir noch sehen werden - stellenweise problematisch wird. Aufgrund der Bedeutung der ersten schriftlichen Erwähnung wollen wir aber den kompletten Text der Sage aus der Ersterscheinung von Panzers Buch wörtlich und in der Originalschreibweise (inklusive Schreibfehler und Hervorhebungen) wiedergeben - die nicht nur durch die konsequente Kleinschreibung häufig von der heutigen Rechtschreibung abweicht - und auch die Originalseite aus dem Buch abbilden. Der vollständige Text findet sich in der Ausgabe von 1855 auf den Seiten 23 und 24 und lautet folgendermaßen:

"33. Pilatus (Pilotes) heisst ein etwa 100 tagwerk grosser theil der flur der gemeinde Hausen bei Forchheim in Oberfranken. durch die mitte des Pilatus, nun grösstenhteils feld mit einem kleinen wald, zieht der Pilatusweg. am eck dieses wäldchens stand eine alte föhre, Pilatusbaum, oder Galgenföhrling genannt. in Forchheim zeigte man des Pilatus rothe hosen.
Nach allgemeiner sage ist Pilatus in Hausen geboren. einige bezeichnen das haus no. 48, andere das haus no. 73, welches auf der stelle des alten rathhauses steht, als seine geburtsstäte. Pilatus zeigte schon als knabe viele fähigkeiten und wurde in die lehre nach Nürnberg gebracht. von dieser stadt kam er als gesandter nach Jerusalem und erwarb sich so grossen reichthum, dass er bei seinem geburtsorte Hausen eine stadt baute, welcher er seinen namen gab. als er aber das ungerechte urtheil über den weltheiland ausgesprochen hatte, versank seine stadt in den abgrund. wenn sich einst Hausen so vergrössert haben wird, dass ein hahn in den Pilatus gehen kann, so wird dieser die thurmspitse ausscharren und die stadt Pilatus sich wieder erheben.
Einem beckerjungen aus Forchheim, welcher auf das land brod zum verkaufe trug, begegnete "an der Pilotes" ein kleines männlein und kaufte ihm um ein schönes stück geld brod ab. es führte den jungen auch unter die erde in eine schöne stadt mit glänzendem schloss. das geschah öfter. als aber mal der beckermeister den jungen aus neugierde begleitete, war der eingang verschwunden."

Wenn man diesen Originaltext betrachtet, so fällt als Erstes auf, dass er keine in sich geschlossene Sage ist, sondern aus drei thematisch unterschiedlichen Teilen besteht: einer Aufzählung verschiedener Pilatusbezüge aus der Pilodes und Forchheim, einem Mittelteil mit einer gerafften Pilatusbiographie, die in Verbindung zu Hausen steht, und einer eigenständigen Sagenerzählung aus der Pilodes, die eigentlich aus Burk stammt. In den meisten Arbeiten wird jedoch ausschließlich auf den Mittelteil, der im Allgemeinen als die Hausener Sage angesehen wird, eingegangen, wenig aber auf den einleitenden, kaum auf den abschließenden Absatz und schon gar nicht auf einen möglichen Zusammenhang der drei Teile.

In späteren Veröffentlichungen werden zum Mittelteil oft noch drei Kleinigkeiten ergänzt: Pilatus wird als Bauernsohn bezeichnet, die Lehre des Pilatus in Nürnberg als eine Goldschmiedelehre beschrieben, und bevor er als Gesandter nach Jerusalem geht, hält er sich noch am kaiserlichen Hof in Rom auf. Weitere Details findet man erst in diesen späteren Aufsätzen. Der Hausener Heimatforscher Konrad Kupfer hat sich z. B. intensiver mit dem ersten Abschnitt und dem, was dort über das Flurgebiet der Pilodes steht, beschäftigt, und weniger mit der Biographie des Hausener Pilatus im zweiten Abschnitt. Abweichend von der üblichen Erzählung hält er sich daran, dass Pilatus dort "nach der mündlichen Überlieferung des Dorfes nur seine Burg", also keine ganze Stadt, gebaut habe. Dabei erwähnt Kupfer in seinen drei Arbeiten, in denen er die Sage behandelt, den Text Panzers seltsamerweise überhaupt nicht, sondern beruft sich hauptsächlich auf die Schilderung der Sage durch Eduard Fentsch aus dem Jahr 1864, auf die wir später ausführlich eingehen werden. Gelegentlich spricht er auch mündliche Erzählungen an, die er in Hausen gehört haben will. Allerdings kann man ihm da natürlich nur das berichtet haben, was frühestens um das Jahr 1900 herum erzählt wurde, kaum aber die Original-Erzählungen, die aus einer Zeit vor Panzers Veröffentlichung stammen (Kupfer wurde 1883 geboren und sein erster Pilatus-Aufsatz erschien im Jahr 1926). Interessant ist in diesem Zusammenhang noch, dass Kupfer in diesem Aufsatz von 1926 die Hausnummern beider Geburtshäuser des Pilatus nicht erwähnt und in seiner Ortsgeschichte von Hausen aus dem Jahr 1956 nur die Nr. 73 nennt. Erst 1960 in seinem Buch über Forchheim schließt er sich der allgemeinen Version mit den zwei Hausnummern an.

Weitere Einzelheiten berichtet eine Burker Version der Pilatussage (vollständig s. Anh. Text 18 b, S. 331), die Rudolf Richter in seinem Buch mit Sagen aus Burk mitteilt. Dort wird erzählt, dass sich auf der Fläche der heutigen Pilatusäcker eine Stadt befunden habe. Es steht dort aber nicht, dass Pilatus selbst die Stadt habe bauen lassen, sondern dass er dort geboren sei. Im Weiteren wird zudem nicht so sehr von dieser Stadt, als vielmehr von einem versunkenen Nonnenkloster erzählt, das in der Hausener Version überhaupt nicht vorkommt. Interessanterweise bleibt diese Burker Version letztlich aber doch mit Hausen verbunden, denn der Burker Bauer, dem seltsame Dinge in der Pilodes passiert sind, wird erst von einer Frau aus Hausen über die versunkene Pilatusstadt aufgeklärt. Ein gesteigertes Interesse, die Pilatussage mit Burk in Verbindung zu bringen bzw. zum Burker "Eigentum" zu machen, hatten die Burker offenbar nicht. Denn auch der Schluss mit der Geschichte vom Ausgraben der Kirchturmspitze bleibt mit Hausen in Beziehung - nur das Gold der Pilatusstadt, das hätten die Burker schon gern für ihre Schulden:

"Die Kirchturmspitze der versunkenen Pilatusstadt - so wird weiter berichtet - soll ganz flach unter der Erde liegen. Erst, wenn Hausen sich einmal vergrößert haben wird, daß die Flur "Pilatus" wieder Orts- oder Stadtgebiet ist, wird die Kirchturmspitze von einem Hahn ausgescharrt werden. Stadt und Nonnenkloster sollen sich dann wieder erheben. Andere wieder erzählen, daß man die Spitze nur mit einer vergoldeten Pflugschar freilegen könne. Die Turmspitze soll so reich an Gold sein, daß damit jederzeit die Schulden des Ortes Burk bezahlt werden könnten."

Die Ergänzungen, die schließlich Deuerlein vorbringt, beziehen sich durchwegs auf das Wiedererstehen der Pilatusstadt:

"In zahlreichen Varianten wird diese Sage erzählt; bald ist von einer Stadt die Rede, bald von einer Burg, die sich der Landpfleger Pilatus erbaute; nach anderer Fassung der Sage, wird sich die versunkene Stadt dann wieder über den Erdboden erheben, wenn Hausen so groß geworden ist, daß es den Raum der alten Stadt einnimmt; dann wird ein Hahn die Kirchturmspitze ausgraben und der jüngste Tag ist gekommen."

Festzuhalten ist auch, dass das Ausgraben der Kirchturmspitze erstmals von Pfister im Jahre 1927 erwähnt wird und dass in einer Neuausgabe eines Sagenbuches von Schöppner sogar von einer "Pilatuskirche" bei Forchheim geschrieben wird. Allerdings habe ich Hinweise auf eine Pilatuskirche nirgendwo sonst gefunden, sodass anzunehmen ist, dass die Herausgeber der Neuausgabe des Schöppner-Buches die versunkene Kirche der Pilatusstadt aus der Sage meinten.

Mehr Informationen zum Buch finden Sie auf der Homepage des Autors unter

http://home.t-online.de/home/batz.hausen/info.htm

Falls Sie sich für das Buch selbst interessieren, können Sie es zum Preis von 12,90 EURO bestellen beim Arbeitskreis Heimatkunde im Fränkische-Schweiz-Verein

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