Die Literaturecke des Neuen Wiesentboten präsentiert einen weiteren Ausschnitt aus dem Buch "Das Pilatus-Puzzle" des Hausener Autors Gerhard Batz, welches sich mit der eigentümlichen "Pilatus-Sage" beschäftigt, nach der Pontius Pilatus ein gebürtiger Forchheimer sein soll. Wir werden in lockerer Folge weitere Auszüge veröffentlichen - vielleicht bekommt ja der eine oder andere Leser Lust darauf, das Buch zu kaufen. Eine Bestellmöglichkeit findet sich am Ende des Artikels.
Von Gerhard Batz
In den Jahrhunderten, die den beiden Texten der "Chronik" und der "Annales" folgen, tauchen viele weitere Hinweise zur Herkunft des Pilatus aus Forchheim auf, sodass Oetter in seiner Untersuchung zur Forchheimer Pilatustradition schon im Jahr 1752 schreiben konnte: "Daß man das bambergische Forchheim, welches am Fluß Wisent lieget, für den Geburtsort des Pontius Pilatus ausgiebt, das wird jeden (sic!) bekannt sein, der sich in den Reisebeschreibungen und in den geographischen Büchern unsers Vatterlandes nur halb umgesehen hat." Im Unterschied zu den Inhalten der "Annales Augustani" oder der "Petershausener Chronik" erscheinen aber sowohl diese weiteren Dokumente als auch die dort nachzulesenden Feststellungen als recht schillernd. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Reiseberichte von Personen, die durch unsere Gegend kamen und denen dabei in Forchheim die Geschichte der Abstammung des Pilatus zu Ohren kam. Vor allem Heß berichtet in zwei Aufsätzen ausführlich darüber und schreibt: "Diese Pilatussage ist [...] uralt, wurde aber durch Reise- und Gelegenheitsberichte stets wieder von neuem aufgefrischt und in immer weitere Kreise getragen."
Nach Kupfer soll "der berühmte Aeneas Sylvio Piccolomini, der nachmalige Papst Pius II. (1405-1464)" (Papst ab 1458, d. Verf.) um das Jahr 1450 als erster "mit Verwunderung" die alte Überlieferung angesprochen haben. Nebenbei erwähnt er, dass Forchheim durch sein gutes weißes Brot berühmt sei ("niveo pane famosam"). Heß bemerkt dazu: "Als erster, aus dessen Niederschrift ein Besuch in Forchheim erschlossen werden kann, zeigt sich der bekannte Humanist Aeneas Sylvius (de Piccolomini), der nachmalige Papst Pius II., der, als Kardinalsekretär beim Basler Konzil (1431-43) und als Sekretär der Hofkanzlei Kaiser Friedrichs III. (bis 1455) tätig, ausgedehnte Reisen in Deutschland unternommen und deren Früchte in einem eigenen Werk niedergelegt hat." Ungefähr 50 Jahre später zieht – einer Erzählung des Humanisten Johannes Butzbach (1478-1526) zufolge – ein wandernder Scholar von Nürnberg nach Bamberg, kommt dabei durch Forchheim und berichtet Ähnliches wie Piccolomini: "[...] machte er sich [...] mit mir in der Frühe des folgenden Tages fort nach Forchheim, einer durch ihr Weißbrot berühmten Stadt, so zwischen Nürnberg und Bamberg gelegen ist und welche die Inwohner fälschlich für die Heimat des Pilatus ausgeben."
Ein weiterer dieser Reiseberichte stammt aus dem Jahr 1611 und ist von vornherein als sehr exotisch einzustufen, behauptet er doch, Pilatus sei in Forchheim begraben! Die Feststellung findet sich in den Aufzeichnungen des schwedischen Grafen Bengt Bengtson Oxenstierna. Allerdings wird dieser Hinweis ("Forckheim ist keine sonderlich große Stadt, hier sagen die Einwohner, daß Pilatus begraben liegen soll") in den verschiedenen Quellen durchwegs nicht aus dem Originaldokument zitiert, sondern nach einer 1923 erschienenen Ausgabe der Reiseberichte durch den bekannten schwedischen Asienforscher Sven Hedin, sodass nicht ganz klar ist, was im Originalbericht Oxenstiernas tatsächlich steht. Mit Deuerlein, der diesen Reisebericht ebenfalls erwähnt, können wir aber annehmen, dass hier "ohne Zweifel ein Erinnerungsirrtum des Reisenden bei der Niederschrift vorliegen" dürfte, zumal es der einzige Hinweis überhaupt ist, der von Forchheim als Begräbnisort des Pilatus spricht. Er zeigt aber, wie schnell – wie auch im Fall Vienne – Geburts- und Todesort des Pilatus als identisch angesehen werden können.
Genauso exotisch ist eine weitere (und ältere) Reisebeschreibung. Hier berichtet ein Begleiter des russischen Metropoliten Isidor von einer Reise im Jahr 1437 zu einer Kirchenversammlung in Florenz, auf der dieser durch unsere Gegend kam. In den Abhandlungen, die sich mit diesem Dokument beschäftigen, wird aber ebenfalls durchwegs auf eine deutlich jüngere Niederschrift vom Ende des 18. Jahrhunderts Bezug genommen, sodass auch hier unklar ist, was tatsächlich in dem Originaldokument stand. Trotzdem wollen wir den Bericht nicht unberücksichtigt lassen, denn der Reisende schreibt, dass er auf dem Weg von Bamberg nach Nürnberg durch eine Stadt mit dem Namen Pont (der Name Forchheim wird übrigens nicht erwähnt!), gelegen am Fluss Tisk, und daher Pontisk genannt, gekommen sei, die als "Stadt des Pilatus" angesehen werde, wo Pilatus sein "Erbgut" und seinen "Ursprung" und von daher auch seinen Beinamen Pontius habe (s. Anh. Text 17 c, S. 330). Wenn damit Forchheim gemeint sein sollte, wäre der Bericht also die erste nicht bestreitbare Erwähnung einer Forchheimer Pilatustradition überhaupt und sogar ein paar Jahre älter als der erwähnte Bericht des Aeneas Piccolomini. Er kann aber nur schwerlich als Beweisstück für Forchheim als Geburtsort des Pilatus herhalten. Nur wenn mit "Ursprung" nicht nur eine Abstammung aus Forchheim, sondern tatsächlich seine Geburt dort gemeint wäre, könnte man ihn als Beleg heranziehen. Als "Stadt des Pilatus" müsste Forchheim zudem mit der Stadt Pontisk identisch sein. Nur, außer in diesem Dokument gibt es nirgendwo Hinweise darauf, dass Forchheim jemals als Pontisk bezeichnet worden wäre. Auch die von Deuerlein geäußerte Vermutung, Pontisk sei eine russische (oder allgemein slawische) Übersetzung von Forchheim, ist nicht akzeptierbar, leitet doch der Schreiber im Dokument "Pont" eindeutig vom lateinischen Wort "pons" (Brücke) ab. Aber wo steckt im Namen Forchheim das Wort "Brücke"? Durchaus einleuchtend ist die üblicherweise angebotene Erklärung, der Schreiber habe eigentlich den Ort Bruck bei Erlangen im Kopf gehabt und das, was er zu Forchheim gehört hatte, aufgrund mangelhafter Erinnerung mit Bruck in Verbindung gebracht. Dann könnte man aber genauso spekulieren, er habe vielleicht Burk gemeint und nur die Buchstaben vertauscht. Sinnvoller erscheint mir daher eher folgende Erklärung: "in die Gegend von Forchheim gekommen, erfuhr der Russe, hier sei die Wiege des berühmten Landpflegers gestanden; bei Abfassung seines Reiseberichtes konnte er sich des Namens Forchheim nicht mehr entsinnen, weshalb er seine Zuflucht zu der Bezeichnung Pont nahm, die den Sagekundigen kaum irreführen wird." Insgesamt betrachtet, ist dies eine etwas seltsame Quelle für Forchheim als Geburtsort des Pilatus.
Als Nächster berichtet der Chronist Kaiser Karls V., Nicolaus Mameranus, im Jahr 1547 über Forchheim und Pilatus. Er schreibt, Forchheim sei die Heimat ("patria") des Pilatus, genauso wie es ca. 100 Jahre später Matthäus Merian tut, wenn er Forchheim als "deß Pontii Pilati Vaterland" bezeichnet (s. Anh. Text 17e, S. 330). Wie es aussieht, war der "Pilatus von Forchheim" ein häufiges und immer wieder gern aufgegriffenes Thema bis ins 18. Jahrhundert hinein, wo im Jahr 1716 der Archivar Hermann Post (1693-1762) aus Bremen unsere Gegend bereiste und vom Forchheimer Pilatus berichtet: "4 meilen davon (von Bamberg, d. Verf.) liegt Forchheim, eine treffliche und starcke festung, diß soll der orth seyn, wo Pontius Pilatus, wie einige fabulieren, gebohren."
Weitere Reiseberichte erwähnt Heß in einem kurzen Artikel über die Sage aus dem Jahr 1928. Besonders exotisch klingt der Bericht über einen Chinesen mit dem ganz und gar nicht chinesisch klingenden Namen Herophile aus dem Jahr 1733, dem ebenfalls die Geschichte vom Forchheimer Pilatus untergekommen sein soll: "Als ob es indessen der beiden vorstehend erwähnten Ausländer nicht genug sei, taucht als Besucher Forchheims noch ein dritter solcher Fremdling auf und zwar ein Chinese, der im Auftrag des Kaisers von China die westlichen Länder durchstreifte und seinem Herrn über die gewonnenen Eindrücke laufend Bericht erstattete. [...] Er gelangte um das Jahr 1733 nach Forchheim." Nur wenig später kann Heß in einem Nachtrag nachweisen, dass die Geschichte vom Chinesen Herophile wohl eine Erfindung ist und vom Schriftsteller David F. Faßmann (1683-1744) stammt. Heß erwähnt auch, wie in einer ganzen Reihe von geographischen, historischen und heimatkundlichen Werken über Franken oder die Stadt Forchheim bis ins 19. Jahrhundert hinein Hinweise auf Pilatus auftauchen. Alle diese Reisenden und Schreiber haben aber, wie es aussieht, meist korrekt und der Sage entsprechend wiedergegeben, dass Pilatus aus Forchheim stammt, aber nicht unbedingt immer, dass er dort geboren sei. Die Behauptung für die Geburt des Pilatus scheinen die Forchheimer selbst in die Welt gesetzt zu haben, so wie sie "ihren" Stein mit dem Spruch, der immer als der schlagendste Beweis herangezogen wird, in die Festungsmauer eingefügt haben.
Darüber hinaus scheinen im Laufe der Zeit weitere "Pilatusreliquien" produziert worden zu sein. Lassen wir hierzu zunächst Deuerlein zu Wort kommen: "Ehedem besaß Forchheim sogar ein Erinnerungsstück an Pilatus, das dieser seinem Geburtsort Forchheim bei seinem Tode testamentarisch vermacht haben soll: seine Hose! Der älteste Hinweis auf ein Bekleidungsstück des Pilatus in Forchheim betrifft allerdings einen ‚roten Hut’! Beim Einfall in das Bistum Bamberg im Jahre 1553 erklärte nämlich Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach im Hinblick auf den geplanten Angriff auf Forchheim: ‚Dem Pilatus im roten Hut sollte noch recht geschoren werden’". Berichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert gehen dann ausführlicher auf die erwähnte seltsame rote, später offenbar schwarz gewordene Hose des Pilatus ein. Nach Deuerlein soll der erste Hinweis auf die Pilatushose in einer "Obereinnahme-Rechnung von 1673/74" stehen: "Darnach wäre [...] die sog. Pilatushose ein hosenförmiger lederner Floßsack gewesen, der im Forchheimer Zeughaus aufbewahrt wurde." Je nach Autor war die angebliche Hose mal aus Tuch, dann aus Bast und auch mal aus Leder. Bätz schreibt 1915 über sie: "Es war eine aus Bast geflochtene Ritterhose, nach anderer Lesart war sie von Tuch, moderig und staubbedeckt, von Rauch und Ruß geschwärzt." Geht man nach der Aussage von Samuel Wilhelm Oetter, der die Hose um 1750 persönlich anfassen konnte, dann war sie wahrscheinlich aus schwarzem Tuch. Denn Oetter schreibt: "[...] denn ich habe einsmals (sic!) selbst das Vergnügen gehabt, dieses ehrwürdige Alterthum mit meinen Augen zu sehen, und mit meinen Händen zu betasten. Sie bestehen in einem Stück schwarzen Tuch, und du wirst mir, lieber Leser, gern glauben, wenn ich dir sage, daß sie sehr alt aussehen. Vermuthlich hat Pilatus zuvor seine Hosen nach Forchheim geschickt, ehe er sich in der Schweiz in die See gestürzet hat." Noch 1820 will ein Erlanger Student diese Hose gesehen haben. Berichtet wird außerdem von einer roten Weste des Pilatus, womit wir das gesamte "outfit" des Pilatus zusammen hätten. Die Forchheimer scheinen also alles getan zu haben, um ihren Anspruch auf Pilatus mit möglichst handfesten Beweisen zu unterstützen. Interessant ist, dass diese "Reliquien" nicht mehr erwähnt wurden und schließlich verschwanden, als spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts die Beziehung von Forchheim zu Pilatus in der Volksüberlieferung und in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung immer stärker verblasste und Hausen allmählich an die Stelle Forchheims als Geburtsort des Pilatus rückte.
Ein weiterer Ausschnitt zur Hausener Sage in Kürze
Mehr Informationen zum Buch finden Sie auf der Homepage des Autors unter
http://home.t-online.de/home/batz.hausen/info.htm
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