Der Neue Wiesentbote

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Literarische Reihe: Das Pilatus-Puzzle, Teil 2

Datum: Dienstag, 01. Juni 2004, 11:39

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In der Literaturecke des Neuen Wiesentboten finden Sie diesmal einen Ausschnitt aus dem Buch "Das Pilatus-Puzzle" des Hausener Autors Gerhard Batz. Wir werden in lockerer Folge weitere Auszüge veröffentlichen - vielleicht bekommt ja der eine oder andere Leser Lust darauf, das Buch zu kaufen. Eine Bestellmöglichkeit findet sich am Ende des Artikels.

Forchhemii natus

Was zu Forchheim im Zusammenhang mit Pilatus vorliegt, sind keine Sagenerzählungen im eigentlichen Sinn, in denen die Stadt eine bedeutende Rolle spielen würde, sodass wir im Weiteren durchwegs von der Forchheimer Tradition sprechen. Wenn man von einer Forchheimer Sage sprechen will, so ist diese identisch mit der klassischen Pilatuslegende, wie man sie u.a. in der "Münchener Handschrift" vorfindet. Berichtet werden aus Forchheim über die Jahrhunderte hinweg meist nur einzelne Auffälligkeiten und Kuriositäten. Insofern ist es nicht überraschend, dass auch das bekannteste "Pilatus-Dokument" zu Forchheim etwas recht Originelles ist. Fast jede Auseinandersetzung mit der fränkischen Pilatustradition beginnt mit dem folgenden eingängigen Vers, den jeder Kenner der Pilatusproblematik von Forchheim sofort zitieren kann:

Forchhemii natus est Pontius ille Pilatus,
Teutonicae gentis, crucifixor omnipotentis

Zu Forchheim geboren ist jener Pontius Pilatus,
von deutschem Stamm, Kreuziger des Allmächtigen

Der Spruch ist ohne Zweifel das am häufigsten erwähnte Detail der Forchheimer Pilatustradition. Es gibt ihn in mehreren Varianten, z.B. wird Pilatus auch als von bayerischer Abstammung (Bavaricae gentis) bezeichnet, anstelle von Teutonicae gentis (deutscher Abstammung). Angeblich soll diese Version sogar älter und aus dem 15. Jahrhundert sein. Sämtliche Varianten des Spruches, die ich in der Literatur fand, sind unter Text 17b im Anhang (S. 329) nachzulesen. Er war zudem europaweit bekannt und kommt beispielsweise in einer französischen Abhandlung von du Méril zu Ehren, der schreibt: Cette croyance à l’origine germanique a été exprimée dans deux vieux vers léonins; qui donnent une autre patrie à Pilate: Forchhemii natus [...] (Dieser Glaube an eine germanische Abstammung wurde ausgedrückt in zwei alten leoninischen Versen, die dem Pilatus ein anderes Vaterland geben). Nicht glaubhaft erscheint allerdings ein Hinweis bei Wroe, der Forchheimer (!) Pilatusspruch sei bereits im 14. Jahrhundert in einem Gedicht aus Vienne (!) aufgetaucht. Grund dafür ist, dass Wroe einerseits keinen Quellenhinweis gibt, andererseits Belege für ein solches "Gedicht" nirgendwo sonst zu finden sind.

Der Spruch ist der eindeutigste Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Pilatus und Forchheim, und er ist praktisch die einzige Quelle, in der ausdrücklich und unzweifelhaft steht, dass Pilatus in Forchheim geboren wurde, wahrscheinlich aber nur, weil sich natus so schön auf Pilatus reimt. Aber welche Schlussfolgerungen kann man aus diesem Spruch ziehen? Was ist von dem "Dokument" zu halten, von dem der Spruch stammt? Angeblich soll er auf einem Stein der Forchheimer Festungsmauer gestanden haben, aber darüber gehen die verschiedenen Überlieferungen auseinander. Nach dem wohl jüngsten angeblichen Augenzeugenbericht soll noch 1867 das ganze Distichon auf einem Stein der Festungsmauer zu lesen gewesen sein; beim bedauerlichen Abbruch eines großen Teiles der Festungsmauer ging der Stein verloren; wir wissen nicht einmal mehr, an welcher Stelle sich die Inschrift befand.

Was soll man also von einer historischen Quelle bzw. einem "Dokument" halten, das nicht (mehr) existiert, über das die Überlieferungen auseinander gehen, von dem nur angebliche Augenzeugenberichte existieren und keiner so recht weiß, wo diese Inschrift stand? Ein bisschen viele Einwände auf einmal. Und selbst wenn es diese Inschrift tatsächlich gab, ist sie wesentlich jünger als alle anderen Dokumente. Zwar soll der Spruch angeblich erstmals bereits in einer Wiener Handschrift des 15. Jahrhunderts stehen, und Oetter führt ihn auf den Venezianer Sabellicus zurück, der genau zu dieser Zeit lebte. Auf den Stein der Forchheimer Stadtmauer kann er aber frühestens im 16./17. Jahrhundert gekommen sein, als die Forchheimer Festungsmauern gebaut wurden, zu einer Zeit, als – wie wir später zeigen werden – die Inhalte der alten Dokumente, auf die wir noch eingehen werden, schon lange verwischt und uminterpretiert waren, und die Forchheimer sich selbst oder ihren Gästen wahrscheinlich beweisen wollten, dass Pilatus tatsächlich hier geboren ist. Pfister bezweifelt sogar grundsätzlich die Existenz dieses Steines (vielleicht aber nur, weil er die Sage nach Hausen verlegen möchte). Doch selbst wenn er existiert hat, bleibt der Stein ein Beweisstück, das von denen stammt, die auch die Behauptung aufgestellt haben. Er beweist daher nur, dass die Forchheimer selbst behaupteten, Pilatus sei in ihrer Stadt geboren. Und darauf scheinen sie über viele Jahrhunderte hinweg recht stolz gewesen zu sein, schreibt doch Wilhelm Heß noch im Jahre 1928: Wie uns von Forchheimer Geschichtsfreunden versichert wurde, gedenkt man dort immer noch mit einem gewissen Stolze des vermeintlichen Mitbürgers. Aber wurde Pilatus nach irgendwelchen Sagentexten tatsächlich in Forchheim geboren? Was wird in verschiedenen Quellen über die Beziehung von Pilatus zu Forchheim tatsächlich gesagt?


Mehr Informationen zum Buch finden Sie auf der Homepage des Autors unter http://home.t-online.de/home/batz.hausen/info.htm

Das Pilatus-Puzzle. Bestandsaufnahme und Hintergründe einer europäischen Sage in Franken" von Gerhard Batz, Palm & Enke, Erlangen 2003, S. 58-59

Falls Sie sich für das Buch selbst interessieren, können Sie es zum Preis von 12,90 EURO bestellen beim Arbeitskreis Heimatkunde im Fränkische-Schweiz-Verein http://www.fsv-ev.de/Arbeitskreise/Heimatkunde/schriften/bestellung.htm